Zitat von maya60:Meiner natürlich nur ganz persönlichen Beobachtung nach erlaubte die Demenz oft sehr verkopften und strengen Persönlichkeiten im Leben, wieder in Kontakt zu kommen mit kindlichem Spiel und Genuss. Solange man ihnen Sicherheit und Halt bot, im Umgang und medikamentös. Es war längst nicht nur reiner Abbau.
Liebe Maya
das ist auch meine Beobachtung und ich möchte sie gerne ergänzen (wurde mir bewusst durch ein Erlebnis, das ich selber hatte):
Der Seele geht nie! irgendetwas verloren: sie ersetzt es einfach! Nur das irdische Sein verändert sich und wir denken es ist Behinderung/Verlust - aber die Seele selbst bleibt immer ganz und sucht sich ihren Ausdruck einfach an einem anderen Ansatzpunkt im irdischen Dasein. Also diesem Weg der Seele muss man einfach die Türen öffnen wie eben durch dieses Malen in einer anderen Art. Ich finde dies ein wunderbares Beispiel. Ich würde es gerne durch ein Beispiel ergänzen: Mein Vater war durch einen Unfall fast jeglichen Möglichkeiten der Aktion beraubt: fast blind, spastisch allüberall, Luftröhrenschnittatmung, Ernährung über Bauchsonde, kaum Atem zum Reden. Ich sitze da neben ihm und bin unendlich traurig: Mein Vater: Warum bist Du denn traurig? Wir haben ja einander noch und das ist doch das Wichtigste! Da wurde mir bewusst, dass mein Vater seine Situation nicht in der Anzahl der Verluste definierte sondern eben in dem was WAR: er war da und lebte als ganzer Mensch, für ihn war Das wichtig, nicht das was fehlte sondern das was Da war! Damals begriff ich, dass unsere Sicht auf die Defizite falsch, ganz falsch ist: Ein Mensch macht seine Ganzheit aus, sein Dasein, nicht die einzelnen Fähigkeiten, und nur der Mensch selber darf über seine Lebensqualität befinden - und mein Vater befand diese als o.k. in dieser Situation. Er sagte auch meinem Onkel ins Gesicht, als dieser neben ihm darüber sprach, dass die Situation ganz schlimm sein, sagte mein Vater laut und deutlich Nein, schlimm ist das nicht, Peter! Und dies in ärgerlichem Ton. Er beharrte also auf Seiner Sicht der Dinge, die Sicht seiner Seele. Als wir einmal so in der Sonne sassen an einem wunderschönen Herbstabend, ich hätte eigentlich mit meinem Vater schon lange auf der Station zurück sein müssen, bewegte ich seinen Rollstuhl immer etwas der Sonne nach, so dass sein Gesicht in die Sonne gerichtet war (er konnte den Kopf ja selber nicht bewegen) da sagte er bei einem weiteren Bewegen des Rollstuhls mit einer so gelassenen glücklichen Stimme zu mir: Ach Lisa, dieses Sünneli ist das nicht herrlich! Ich brach fast zusammen vor Freude, denn ich kannte ja meinen Vater sehr gut und seine Stimme klang so glücklich und leicht und gelassen wie vor dem Unfall - für ihn war die Welt in dem Moment total in Ordnung! Nur die Aussenstehenden und in dieser Situation also ich sah "nur" die Behinderungen - für ihn waren diese aber in dem Moment völlig unrelevant. Dann sagte er noch, aber nicht wahr, wir gehen noch lange nicht heim, ich war so glücklich! Wir blieben bis zum letzten Sonnenstrahl und es ist einer meiner schönsten Momente in meinem Leben geblieben, diese Stunden in der Herbstsonne - ein Zeichen Gottes oder des Lebens, das Leben als das zu sehen was es war: ein Geschenk.
Seither bin ich sehr zurückhaltend, was Beurteilung von Lebensqualität angeht. Ein alter Mensch, der "nur" noch so da sitzt, erlebt vielleicht in dem Moment die schönsten Erfahrungen seines Lebens in seiner Seele, Wir sollten immer zuerst den Betroffenen fragen - meine Meinung.
Meinen Vater liess man drei Monate später verhungern/verdursten - die Lebensqualität sei nicht mehr gegeben - ich hatte all meine Erlebnisse erzählt in der Sitzung mit den Ärzten und meinen Brüdern, man glaubte mir nicht - es war das Schwerste, was ich in meinem Leben mitgemacht habe: diesen Entscheid mittragen zu müssen.
Lisa