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Wertschätzung Erfahrungen - Wichtig oder gar Überbewertet ?

Machara
Pflege ein trauriges Thema .

Anstatt miteinander in der Pflege gibt es häufig ein gegeneineinder.
Aber nicht nur.

Als ich vor zwei Jahren meinen Mann begleitet habe war da eine Ärztin
vom ambulanten Palliativdienst.

Für diese Ärztin war es selbstverständlich auch die pflegerische Versorgung
zu übernehmen. Als meine Kraft nicht reichte hat sie sich ans Bett gestellt
und mit der anderen Pflegekraft meinen Mann gewaschen und gebettet.
Für sie selbstverständlich.
Dieser Ärztin bin ich heute noch für die gesamte Begleitung dankbar.
Genauso wie der Heimleitung die ihren Mitarbeiter aufnahm um ihm einen Platz zum sterben zu geben.
Wir wussten schon was sie dadurch auch ihren Mitarbeitern zugemutet hat.

Alle akzeptierten unsere Dreiecksbeziehung, kein dummes Wort, kein Garnichts.
Wertschätzung im Reinformat.

Die Zeit hat mir gezeigt es gibt auch in der Pflege Lichtblicke.

12.06.2019 15:46 • x 7 #31


Lisa1962
Liebe Maya
Tränen laufen mir übers Gesicht! Danke dass Du mir die Geschichte der alten Bäuerin geschenkt hast!
Lisa

12.06.2019 15:58 • x 4 #32


maya60
Liebe Machara, wie dankbar wir für die heute doch schon sehr verbreitete Palliativpflege sein müssen, dafür gibt es fast keine Worte und das ist selten bei mir!
Als ich im Seniorenstift arbeitete, wurde die Palliativmedizin gerade verpflichtender Inhalt im Medizinstudium, aber das wurde dann eben meistens erst die nächste Ärztegeneration!

Wer nicht zum Sterben ins Hospiz geht, sollte dringendst die regionalen ambulanten Palliativteams in Anspruch nehmen, um ein fachlich und menschlich würdiges Sterben zu durchleben.

12.06.2019 16:08 • x 4 #33


maya60
Liebe Lisa, ja, das ging der Pflegekollegin und mir am nächsten Morgen auch so! Wir sind mit einer Tasse Kaffee, ob dafür Zeit war oder nicht, erstmal beisammengesessen und waren so dankbar, diesen Abschied für die alte Bäuerin und uns möglich gemacht zu haben!

Denn damals ohne Palliativmedizin (heute, wie ich hörte teilweise leider immer noch) waren die Hausärzte in Altenheimen oft ziemlich ängstlich und ahnungslos zum tatsächlichen Ablauf des Sterbeprozesses, was zu unnötigen Schmerzen und falschen Behandlungen führte.
So wusste damals z.B. kaum jemand, dass am Ende des Sterbeprozesses starker Durst auf keinen Fall bedeutet, viel Flüssigkeit zuzuführen, denn der sterbende Körper kann diese gar nicht mehr verarbeiten. Allein schon den trockenen Mund, die trockenen Lippen mit einem nassen Q-Tip oder Eiswürfel zu benetzen, löscht den Durst.
Auch trau(t)en sich ahnungslose Ärzte oft nicht, Schmerzmedikamente oder Psychopharmaka oder Narkotika hoch genug zu dosieren, so dass die Sterbenden ihre Panik und Qual verlieren.

Auch allein und einsam sterben ohne Palliativteam kam und kommt vor, was nicht sein darf und muss! Damals war es viel schlimmer damit als heute!
Auch, wenn das Fachpersonal nicht weiß, welche Phasen es beim Sterben gibt, so individuell auch jedes Sterben ist, ist das ein Unding!

Wegen all dieser Dinge war das Sterben der alten Bäuerin so wohltuend für alle Beteiligten, sie sagten, nach dem letzten Blick auf den Kirschbaum konnte die alte Dame lächelnd loslassen.

12.06.2019 16:18 • x 5 #34


Machara
LIebe Maya
danke das du mit uns dein Erleben mit der alten Bäuerin geteilt hast.

LG Machara

12.06.2019 16:24 • x 4 #35


maya60
Liebe Machara, danke, dass du die Beispiele für die menschlich und fachlich gute Palliativmedizin bei deinem Mann und für die menschliche Pflege, die ihren Mitarbeiter für´s Sterben aufnahm, mit uns teilst. Ehrliche Wertschätzung handelt nämlich auch anders!

Liebe Grüße! maya

12.06.2019 16:30 • x 3 #36


Lisa1962
Liebe Machara
Wie wunderbar, dass es noch solche Ärzte gibt, wie die Ärztin Deines Mannes! Wie gut tun mir diese wunderschönen Erfahrungen, wie Menschen menschlich handeln! Ich danke Dir dafür! In meinem Herzen gehen so viele schöne Türen auf zu Erinnerungen an Menschlichkeit dadurch - und das tut mir so gut! Wie mutig, dass Du Deinen Mann gepflegt hast - wie mutig! Ich weiss nicht, ob ich dazu die Kraft hätte! Es bedeutet, dem Leiden des liebsten Menschen ins Gesicht zu sehen - es war mir schon bei meinen Eltern so schwer gefallen! Manchmal war ich der Ohnmacht nahe.
Liebe Grüsse
Lisa

12.06.2019 17:10 • x 5 #37


Lisa1962
Nun kommen mir noch so viele Beispiele in den Sinn, wo ich erleben durfte, dass Wertschätzung uns allen das Leben leicht und schön und sinnvoll macht - auch dort oder gerade dort wo grosses Leid herrscht. Diese Erinnerungen - wie konnte ich sie vergessen - vergessen, wie gut sie mir tun!
Heute blühen sie in mir auf wie ein ganzer Garten voller Blumen!
Ich arbeitete auf einer Palliativstation und dort lebte über Monate ein Mann, der Parkinson und Kehlkopfkrebs hatte und nur noch über ein Silberröhrchen im Hals atmen konnte. Er musste - musste! - mit allen am Tisch essen, obwohl er es gar nicht wollte! Er musste nämlich oft Schleim abhusten über das Röhrchen und er konnte das Wind ablassen nicht kontrollieren, weil durch den Parkinson die Muskulatur einem nicht mehr oder nur teilweise gehorcht - wie schrecklich peinlich das dem gebildeten Mann war, der eine Firma geführt hatte! Und vom Heimleiter wurde er noch vor allen dafür gerügt! Es war mangelndes Fachwissen gewiss - doch einfach hätte der Heimleiter sich sagen sollen, einen erwachsenen Menschen rügt man nicht vor allen Menschen, das hätte er zumindest wissen und einhalten müssen - Ich hatte damals nur den Wunsch, nie mehr an diesem Tisch essen zu müssen und diese Demütigungen mitanhören zu müssen. Doch da bekam der Mann die Gelegenheit zu Ergotherapie und dort schuf er Seidenmalereien, wunderschön! Die Ergotherapeutin bestand darauf, ihn selber abzuholen und zurückzubegleiten von der Station. Als er nach ein paar Sitzungen ein wunderschönes Foulard um den Hals trug, das so dezent zu seinem eleganten Anzug passte, wurden alle - Besucher, Bewohner und Personal - darauf aufmerksam und aus seinen Augen leuchtete ein Stolz und eine Freude, dieser Moment hat mir so unglaublich gut getan, ihm war seine Würde zurückgegeben dadurch, dass seine Einzigartigkeit, sein Schaffen sichtbar gemacht worden war - und von da an hatte er auch schon mal einen scharfen Blick übrig für die Heimleitung oder stand einfach auf vom Tisch und ging. Er hatte seinen Stolz wiedergefunden durch dass er seine Einzigartigkeit leben durfte in seinen Werken in der Seidenmalerei - und die Therapeutin hatte ihn auch auf der Station da hindurch begleitet und allen dadurch gezeigt, das ist Herr X und er ist einzigartig und wertvoll! Ich habe diese Frau sehr bewundert, nein mehr einfach geliebt dafür, dass sie die Menschlichkeit zurückgebracht hatte auf die Station durch ihre Anwesenheit - das hat mir damals unendlich gut getan.

12.06.2019 17:32 • x 5 #38


Alexandra2
Meine Mutter verweigerte nach einer OP in der Klinik die Nahrungsaufnahme. Etwas, das eintreten würde, auf das ich den Arzt vorab hinwies, falls er eine große Operation beabsichtigte.
Mutter beschloss, ich will nicht mehr, sie verweigerte jeden Bissen und jeden Schluck. Und versank in sich.
Ich kämpfte um Ihre Verlegung, was gelang. Dort öffnete sie ein letztes Mal die Augen, ich holte den Arzt dazu, und letzte Wünsche wurden erfragt und notiert.
Einstellen der Nahrung, Getränke, Medikamente bis auf Morphium in engen zeitlichen Abständen. Mein Vater, mein Bruder und ich entschieden uns zur Sterbebegleitung, ich zeigte, wie eine angenehme Mundpflege gemacht wird. Noch Rosenduft und klassische Musik, wenn ich da war, brachte sie zum tiefen Seufzen in der Bewußtlosigkeit, was mich immer wieder erschütterte.
Mein Bruder erlebte die entspannten Gesichtszüge bei ihr, wenn ich da war.
Wir haben unsere letzte Kraft als disfunktionale Familie aufgeboten, um ihr die letzte Zeit in Würde zu ermöglichen, obwohl sie selbst es uns gegenüber nie konnte.
Sie starb in meinem Beisein im Koma, wo sie mich doch so gehasst hat.
Daß Pflegepersonal zeigte sich äußerst respektvoll, so eine Begleitung hätten sie noch nie erlebt. Ich hingegen kenne es genauso und es Aufgabe der Pflegenden, genau das mit den Angehörigen zu besprechen.
Mein Vater sollte nun endlich Zeit für sich haben, aber er starb allein kurze Zeit später. Das war entsetzlich

12.06.2019 17:47 • x 6 #39


maya60
Liebe Lisa, danke für dieses wunderbare Beispiel für Menschlichkeit!

Palliativmedizin und Palliativpflege ist heutzutage übrigens ein Beispiel dafür, wo Dinge wirklich besser geworden sind und zwar breitflächig. Macharas Beispiel ist nicht eines von den letzten eines ethischen Arztbeispiels, sondern ein zum Glück verbreitetes, denn Palliativmedizin ist verpflichtender Fachinhalt im Studium und es gibt viele regionale ambulante palliative Teams wie auch Palliativstationen in Kliniken und die Palliativmedizin in Hospizen.

Bei deinem Beispiel fällt mir noch eins ein aus der Ergotherapie mit einem gepflegten Herrn mit Demenz. Er war noch im immer subjektiv belastendsten Stadium seiner Demenz, nämlich dem, in dem ihm seine deutlichen Gedächtnisverluste noch voll bewusst waren. So konnte er z.B. nicht mehr seinen Beruf ausüben als maßstabsgerechter Maler, heute wird das sicherlich eh alles am PC gemacht.
Also dieser Mann stand für absolute Exaktheit und selbst seine Gabe der verkleinerten maßstabsgerechten Darstellung gelang ihm nicht mehr.
Er war depressiv und voller Angst, was ja jeder wäre. Alles verschwamm immer mehr und jeglicher innerer Halt wankte.

Als Maler, also Künstler, ging ihm aber noch mehr verloren: Der Selbstausdruck in Farben!
Und da ich immer mit dem innersten Selbstausdruck arbeitete, der auch bei Dementen bis zum Schluss nicht verloren geht, höchstens sich verändert, wollte ich, dass er malte und dabei Farben ineinander verlaufen ließ, dass er also eher impressionistisch oder gar nicht mehr gegenständlich malte.
Er wollte natürlich gar nichts mehr vom Malen wissen, weil nur seine Form des Malens seins war.

Dann habe ich ihm gesagt, dass die Gabe, zu Malen, nicht verloren wird, nur die Einschränkung auf eine Form des Malens. Und ich sagte ihm, wir bräuchten das auch gar nicht Malen zu nennen, sondern Farbspiel, denn es ginge mir einzig um dieses, weil die Demenz nicht die Fähigkeit zum Spiel und zur Grundlage seiner Gabe nehme und die umfasse mehr als Exaktheit.
Ich sah die Sehnsucht in seinen Augen und irgendwann ließ er sich breitklopfen und malte nach meiner Vorgabe, Farben seiner Wahl mit Wasserfarbe erstmal nur nass ineinander verlaufen zu lassen, einfach mal zu gucken, was die völlige Grenzauflösung schuf.
Das machte ihn sehr glücklich und er sah selber, dass man seinen Werken den Maler ansah. Er war stolz auf seine Werke, dass er auch sowas konnte und zwar wunderschön, weil er ein Farbengenie war, im Mischen schon mit einfacher Wasserfarbe. Vor allem, dass da noch etwas Neues kam und nicht nur das absolute Nichts, das beruhigte ihn ungemein.

Er redete dann gar nicht mehr, sondern malte stundenlang mit gelöstem Gesichtsausdruck.
Meiner natürlich nur ganz persönlichen Beobachtung nach erlaubte die Demenz oft sehr verkopften und strengen Persönlichkeiten im Leben, wieder in Kontakt zu kommen mit kindlichem Spiel und Genuss. Solange man ihnen Sicherheit und Halt bot, im Umgang und medikamentös. Es war längst nicht nur reiner Abbau.

12.06.2019 17:57 • x 3 #40


maya60
Danke, Alexandra, für dein so persönliches und privates Beispiel und mich berührt so, wie du über deine Mutter in der Pflege hinausgewachsen bist, auch wenn es dir darum gar nicht ging!
Ich habe meinem Mann auch schonmal gesagt, dass ich gerne ganz an ihrem Lebensende meiner Mutter nochmal ungestraft meine Liebe zeigen würde, vorausgesetzt aber, dass sie nicht mehr spricht.

Liebe Grüße! maya

12.06.2019 18:09 • x 3 #41


Lisa1962
Zitat von maya60:
Meiner natürlich nur ganz persönlichen Beobachtung nach erlaubte die Demenz oft sehr verkopften und strengen Persönlichkeiten im Leben, wieder in Kontakt zu kommen mit kindlichem Spiel und Genuss. Solange man ihnen Sicherheit und Halt bot, im Umgang und medikamentös. Es war längst nicht nur reiner Abbau.

Liebe Maya
das ist auch meine Beobachtung und ich möchte sie gerne ergänzen (wurde mir bewusst durch ein Erlebnis, das ich selber hatte):
Der Seele geht nie! irgendetwas verloren: sie ersetzt es einfach! Nur das irdische Sein verändert sich und wir denken es ist Behinderung/Verlust - aber die Seele selbst bleibt immer ganz und sucht sich ihren Ausdruck einfach an einem anderen Ansatzpunkt im irdischen Dasein. Also diesem Weg der Seele muss man einfach die Türen öffnen wie eben durch dieses Malen in einer anderen Art. Ich finde dies ein wunderbares Beispiel. Ich würde es gerne durch ein Beispiel ergänzen: Mein Vater war durch einen Unfall fast jeglichen Möglichkeiten der Aktion beraubt: fast blind, spastisch allüberall, Luftröhrenschnittatmung, Ernährung über Bauchsonde, kaum Atem zum Reden. Ich sitze da neben ihm und bin unendlich traurig: Mein Vater: Warum bist Du denn traurig? Wir haben ja einander noch und das ist doch das Wichtigste! Da wurde mir bewusst, dass mein Vater seine Situation nicht in der Anzahl der Verluste definierte sondern eben in dem was WAR: er war da und lebte als ganzer Mensch, für ihn war Das wichtig, nicht das was fehlte sondern das was Da war! Damals begriff ich, dass unsere Sicht auf die Defizite falsch, ganz falsch ist: Ein Mensch macht seine Ganzheit aus, sein Dasein, nicht die einzelnen Fähigkeiten, und nur der Mensch selber darf über seine Lebensqualität befinden - und mein Vater befand diese als o.k. in dieser Situation. Er sagte auch meinem Onkel ins Gesicht, als dieser neben ihm darüber sprach, dass die Situation ganz schlimm sein, sagte mein Vater laut und deutlich Nein, schlimm ist das nicht, Peter! Und dies in ärgerlichem Ton. Er beharrte also auf Seiner Sicht der Dinge, die Sicht seiner Seele. Als wir einmal so in der Sonne sassen an einem wunderschönen Herbstabend, ich hätte eigentlich mit meinem Vater schon lange auf der Station zurück sein müssen, bewegte ich seinen Rollstuhl immer etwas der Sonne nach, so dass sein Gesicht in die Sonne gerichtet war (er konnte den Kopf ja selber nicht bewegen) da sagte er bei einem weiteren Bewegen des Rollstuhls mit einer so gelassenen glücklichen Stimme zu mir: Ach Lisa, dieses Sünneli ist das nicht herrlich! Ich brach fast zusammen vor Freude, denn ich kannte ja meinen Vater sehr gut und seine Stimme klang so glücklich und leicht und gelassen wie vor dem Unfall - für ihn war die Welt in dem Moment total in Ordnung! Nur die Aussenstehenden und in dieser Situation also ich sah "nur" die Behinderungen - für ihn waren diese aber in dem Moment völlig unrelevant. Dann sagte er noch, aber nicht wahr, wir gehen noch lange nicht heim, ich war so glücklich! Wir blieben bis zum letzten Sonnenstrahl und es ist einer meiner schönsten Momente in meinem Leben geblieben, diese Stunden in der Herbstsonne - ein Zeichen Gottes oder des Lebens, das Leben als das zu sehen was es war: ein Geschenk.
Seither bin ich sehr zurückhaltend, was Beurteilung von Lebensqualität angeht. Ein alter Mensch, der "nur" noch so da sitzt, erlebt vielleicht in dem Moment die schönsten Erfahrungen seines Lebens in seiner Seele, Wir sollten immer zuerst den Betroffenen fragen - meine Meinung.
Meinen Vater liess man drei Monate später verhungern/verdursten - die Lebensqualität sei nicht mehr gegeben - ich hatte all meine Erlebnisse erzählt in der Sitzung mit den Ärzten und meinen Brüdern, man glaubte mir nicht - es war das Schwerste, was ich in meinem Leben mitgemacht habe: diesen Entscheid mittragen zu müssen.
Lisa

12.06.2019 18:35 • x 5 #42


maya60
Boah, Lisa, welch erschütternde Fehlentscheidung am Lebensende deines Vaters! Wurde er denn gar nicht selber gefragt, ob er noch gerne lebt? Oder konnte er sich gar nicht mal äußern dann, nicht mal mit einem Augenblinzeln oder Lächeln?

Aber wie wunderbar deine Stunden mit deinem Vater! Unendlich kostbar und lehrreich!

Darum ist es wohl auch ganz gut, dass Sterbehilfe in D verboten ist, wegen der Missbrauchsgefahr durch unachtsame Angehörige! Andererseits ist es auch die Entscheidung eines jeden selber. Aber dieses Fass mache ich jetzt nicht auf, hat aber auch mit Wertschätzung zu tun.

Aber was Lebensqualität dem Einzelnen bedeutet, das wird sowieso oft ignoriert, da hast du recht! Und auch, dass eine Behinderung oder Beschränkung sich dann andere Ausdrucksformen sucht, kann ich nur zustimmen! Läuft ja doch nur auf Nützlichkeitsdenken hinaus, dieses abzusprechen oder auf Unmenschlichkeit wie im Nationalsozialismus mit "unwertem Leben".

12.06.2019 19:18 • x 3 #43


Alexandra2
Ich bin entsetzt. Die Entscheidung trifft nur jeder selbst und nur wenn der Sterbeprozess eingesetzt hat

12.06.2019 19:44 • x 3 #44


Lisa1962
Liebe Maya, liebe Alexandra
leider sah die Wirklichkeit plötzlich so ganz anders aus als alles was ich je gelernt und erfahren hatte -
Ich habe die Wirklichkeit erlebt - die Begrenztheit der Wirklichkeit. Ich musste mich einer Wirklichkeit beugen, die ich so mir nie vorgestellt hätte. Es war, wie wenn mein Vater zum zweiten Mal von einem Lastwagen überfahren wurde - ich konnte daran nichts ändern und musste es akzeptieren als das was es war: eine Lebenswirklichkeit - von Menschen bestimmt und doch irgendwie Schicksal, das ich nicht beeinflussen konnte und akzeptieren musste. Heute kann ich es akzeptieren - es ist passiert. In mir ist seither das Bewusstsein da, dass eben auch menschliche Entscheide so sind wie Blitzeinschläge - man kann sie nicht in jedem Fall rational erklären - manchmal muss ich sie einfach aushalten.
Allein es hier Euch erzählen zu dürfen - Eure Worte dazu lesen zu dürfen - Ihr könnt nicht ermessen, was dies mir Gutes tut! Ich hätte damals meinen Vater fragen wollen - aber es war alles schon abgemacht, man hatte mich erst zwei Tage vor der Sitzung informiert - es war zu spät - und in der Sitzung sagte mein älterer Bruder mir ins Gesicht, ich würde lügen, mein Vater rede gar nicht mehr, ich würde dies erfinden, ebenfalls die Pflege sagte dies. Sie hörten ja nicht hin, wenn mein Vater sprach. Für sie war mein Vater ein Restkörper. Ich hatte Angst, wenn ich meinen Vater frage, kommt er erst auf die Idee und hat Todesangst. Darum fragte ich ihn nicht, weil ich ja keine Macht hatte, den Entscheid zu ändern.
Ja, Wertschätzung sieht eben anders aus. Auch die anderen haben damals darunter gelitten, dass sie meinten, sich entscheiden zu müssen. Man hätte einfach den Dingen seinen Lauf lassen sollen - es wäre für alle einfacher gewesen - aber man meinte, Gott spielen zu müssen. Das wäre nicht nötig gewesen. Es ist unsere Gesellschaft, die nichts akzeptieren will, was abläuft sondern alles im Griff haben will. Eben auch das Sterben. So entstehen dann solche Situationen, die unmenschlich sind für alle. Auch die anderen haben damals gelitten, das weiss ich heute. Die Pflege und meine Brüder. Es ist vorbei. Es tut mir nur unendlich gut, dass es Menschen gibt wie Euch, die verstehen und eine solche Situation aushalten würden. Das gibt mir meine Würde zurück. Und gibt mir Kraft. Damals dachte ich, ich sei geisteskrank, weil alle anderen anders empfanden als ich, das war das Schwerste. Heute weiss ich, dass ich einfach die Spannung besser ausgehalten habe als sie, ich, die so oft weinte, hatte mehr Kraft zum Hinschauen und Aushalten. Das weiss ich heute. Ja, Alexandra, das dachte ich damals eben auch und es erschien mir unglaublich willkürlich - noch heute kann ich es mir nicht erklären, welche Motivation die Menschen damals zu diesem Entscheid brachte. Ich weiss es schlicht nicht. Mein Vater hoffe ich hat es nicht gemerkt. Das ist das Einzige was ich immer noch darum bete. Es muss fürchterlich sein, sich zum Tode verurteilt zu wissen und nichts sagen zu können, ich war in diesen Monaten von dieser Angst besetzt, dass mein Vater etwas merkt. Es war fürchterlich. Aber - es ist vorbei. Vielleicht sage ich mir, hat es ja meinen Vater vor etwas Schlimmem bewahrt, wer weiss denn genau, wie er noch hätte leiden müssen. Darum: es war Schicksal - und ich darf es nicht bewerten - ich muss es annehmen. Aber dass es hier Euch gibt, wo ich es sagen darf und Antwort erhalte - für mich ist das eine unbeschreibliche Wohltat.

12.06.2019 20:25 • x 3 #45




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