29

Ich bin bipolar - suche Gleichgesinnte und Austausch

Hallo zusammen,

ich habe hier im Forum kaum Beiträge über Bipolare gefunden und beschlossen, ein neues Thema aufzumachen. Ich bin bipolar, genauer gesagt Bipolar II. Ich würde mich freuen, wenn andere Betroffene sich mit mir austauschen würden z.B. über hilfreiche Medikamente, Therapien, Erfahrungen, Umgang mit dem Umfeld usw. Welche Probleme am größten sind, wie das Umfeld reagiert
Ich freue mich auf Euch
Liebe Grüße

09.10.2019 09:27 • x 3 #1


Um es Euch leichter zu machen, hierzu Beiträge zu schreiben, erzähle ich vielleicht ein bisschen von mir. Ich habe die Krankheit seit 20 Jahren. Sie begann mit Depressionen und erst mit den Jahren kam die Diagnose "bipolar". Der Schwerpunkt liegt allerdings auf den Depressionen, die extrem stark sind. Die Manien waren meist direkt nach einer Depression (sog. Hypomanie) oder eher leicht ausgeprägt. Mein Leben wurde sehr stark von dieser Krankheit beeinflusst wobei ich sehr dankbar bin, dass ich trotzdem ein normales Leben in stabilen Phasen leben kann und auch noch arbeite.
Mein Fehler in der Vergangenheit war, immer wieder die Medikamente abzusetzen. Dies hatte verheerende Folgen. Nun bin ich auf Lithium eingestellt und hoffe, damit wirklich langfristig stabil zu sein aber wissen tut man das ja nie. Außerdem nehme ich aktuell noch Venlafaxin und Lamotrigin.
wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht?

09.10.2019 13:17 • x 2 #2


maya60
Hallo Bella, ein Verwandter von mir ist bipolar, aber ich habe keinen Kontakt mit ihm. Seine Erkrankung "begann" mit einer stark manischen Phase. Im Nachhinein nehme ich an, dass zuvor für ihn angeblich "typische" Verhaltensweisen auch schon manische und depressive Phasen gewesen sein könnten.

In seiner ersten von allen wahrgenommenen manischen Episode war er irgendwie völlig hyperaktiv und unverantwortlich, was Termine, Rücksichtsnahme, Alltagsstruktur, Lebensplanung und -ziele als Erwachsener, Selbstverantwortlichkeit, finanzielle Selbständigkeit (ewiger Student) und Einkaufverhalten (online-Bestellungen plötzlich von teurem sinnlosen Zeugs) anging. Er wurde zuvor schon sowieso so von seiner Familie kritisiert und nun war das aber so extrem, dass alle merkten, da stimmt was nicht. Seine langjährige Freundin hielt es mit ihm nicht mehr aus und sagte wohl auch, das war nicht das erste Mal.

Ich verstand es im Nachhinein überhaupt nicht, dass seine Familie nicht schon viel eher merkte, dass da etwas mit seiner psychischen Gesundheit nicht stimmte.

Ich erinnere mich noch, ehrlich gesagt mit Horror, da war unser Sohn erst 3 Jahre alt, also vor 16 Jahren, und Sohni war ja mit seinen eigenen Baustellen ein echtes Turbokind und ich nur fertig mit meinen Kräften, da war dieser Verwandte bei uns zu Besuch mitten in dieser ersten manischen Phase. Mein Mann musste weg auf Geschäftsreise und dieser junge Mann verschwand erstmal eine ganze Nacht zum Feiern in München, obwohl er schon in einem Alter war, wo er damit mal allmählich aufhören musste und berufstätig werden sollte.
Ich bekam schon Panik, dass er seinen Flieger heim am nächsten Mittag verpasst, er wohnt nicht in D, und war stinksauer und überfordert . Als er dann übernächtigt, aber fröhlich auftauchte und sich erstmal Schlafen legen wollte, habe ich ihn so "autoritär" zusammengefaltet, dass er packt und alles zusammensucht. Dann fand er sein Flugticket nicht und meine Freundin kam noch von Nebenan, um mit zu suchen.
Danach habe ich ihn unter ständiger Einschüchterung mit Sohni auch noch im Schlepptau selber zum Flughafen begleitet, um auch sicher zu sein, dass er da nicht verloren ging.

So und schlimmer ging es dann seiner Familie noch weiter. Anschließend wurde er schrecklich depressiv und bekam dann die Diagnose bipolar. Beide Phasen waren grauenhaft für ihn und sein ganzes Umfeld. In der manischen Phase war es für ihn wohl nicht so grauenhaft, weil er sich als King fühlte, aber im Nachhinein sah er ja alles, was in der Zeit zu Bruch gegangen war in seinem Leben.

Bei ihm war es darum auch lebenswichtig, dass er immer Medikamente nahm. Das tat er auch und heute ist er längst berufstätig, verheiratet und zufrieden, soweit ich das aus der Entfernung mitbekomme.

Er konnte sich an seine manischen Phasen im Nachhinein gar nicht mehr erinnern. Wie ist das bei dir?

Ich weiß nicht, ob hier im Forum mehr bipolare Leute sind, nehme es aber an, oder?

Liebe Grüße! maya

10.10.2019 16:29 • x 1 #3


Was ist denn mal blöd gefragt, der Unterschied zwischen bipolar1 und 2? Seh da kein Unterschied.

10.10.2019 16:51 • x 1 #4


maya60
Hab gerade mal bei Mr. Google geschaut und gefunden, wie Bella schon ihre Erkrankung beschreibt, dass bei bipolar 2 die manischen Phasen sehr abgeschwächt sind und deshalb auch Hypomanie genannt werden, während bipolar 1 starke Manie im Wechsel mit Depression kennzeichnet.

10.10.2019 16:59 • #5


Zitat von maya60:
Hab gerade mal bei Mr. Google geschaut und gefunden, wie Bella schon ihre Erkrankung beschreibt, dass bei bipolar 2 die manischen Phasen sehr abgeschwächt sind und deshalb auch Hypomanie genannt werden, während bipolar 1 starke Manie im Wechsel mit Depression kennzeichnet.


Nur wegen der manischen und hypomanisch Phasen werden 1 und 2 benannt? Was ist mit der Phase wo manisch und depressive Phase zusammen passieren? Also wo die kurven zur gleich Zeit nach oben steigt und runter fällt. Was ist das für bipolar störung?

10.10.2019 17:18 • x 1 #6


Hallo zusammen,
vielen lieben Dank für Euer Interesse und die Erfahrungen, die Ihr mit der Krankheit gemacht habt. Ich denke, in diesem Forum sind eher weniger Bipolare.
@ Maya: Dein Verwandter hat offenbar eine ziemlich starke und länger anhaltende Manie gehabt. Sein Verhalten spricht sehr dafür und das ist für das Umfeld extrem anstrengend. Du hast toll reagiert und ihm damit sicherlich sehr geholfen. Ich freue mich für ihn, dass er stabil geworden ist´. Ohne Medikamente geht das bei der Erkrankung leider nicht. Bzw. Gott sei Dank gibt es diese Medikamente. Ich hatte nie wirklich ausgeprägte Manien. Zwar schon einige Symptome wie Schlaflosigkeit, Unruhe, ein tolles Hochgefühl, kaum Hunger, viel Alk. und Zig. aber ich habe mich Gott sei Dank nie großartig verschuldet oder alles hergeschenkt oder bin richtig aggressiv geworden. Trotzdem waren diese Phasen für mein Umfeld auch unangenehm. Ich habe ein gutes Buch zu diesem Thema gelesen "Die Unwiderstehlichen". Da bekommt man einen guten Einblick in die Welt der Maniker. Kann ich nur empfehlen, ist auch unterhaltsam. Oder auch "Die Welt im Rücken" , sehr gut uns anspruchsvoll . Falls Ihr Interesse habt.
Das mit Bipolar 1 und 2 hast Du gut erkannt!
@bones
ja im Grunde geht es bei der Unterscheidung um die Ausprägung der Manien. Die Phasen wo beides gleichzeitig auftritt, nennt man Mischphasen. Oder auch Rapid Cycling, wenn sich die Phasen sehr schnell abwechseln. Das ist besonders schwer zu behandeln und für den Betroffenen und die Angehörigen extrem schwierig, da man ja nie weiß, in welcher Stimmung sich der Betroffene gerade befindet. Auch von dem Medikamenten her schwer einzustellen, kann man sich ja vorstellen. Diese Menschen haben es extrem schwer im Leben und werden oft ausgegrenzt.
Die Selbstmordrate ist bei Bipolaren bei 25-30% also mehr als bei Depressionen, schon heftig oder?
Ich freue mich auf weitere Beiträge und wünsche Euch ein schönes Wochenende
Bella

11.10.2019 10:04 • x 3 #7


maya60
Hallo Bella, ja, "die Unwiderstehlichen", das kann ich mir vorstellen. Mein Verwandter betörte auf den ersten Blick auch durch seine Leichtlebigkeit, seine strahlende Laune und seine Selbstsicherheit, aber bei genauerem Hinsehen waren eben, wie du das auch schon beschreibst, auch Alk. und Dro. und Zig. viel im Spiel und allgemein eine Grenzenlosigkeit und Hemmungslosigkeit, die unverantwortlich und zerstörerisch und selbstzerstörerisch war.
In Künstlerkreisen wurde Manie auch wohl häufiger mit Genie verwechselt oder es traf tatsächlich gleichzeitig zu.

Kannst du dich denn noch an alles aus deinen hypomanischen Phasen erinnern? Mein Verwandter, der ja lange und viel und stark manisch war, konnte sich im Nachhinein kaum noch an alles erinnern, was er angestellt hat während der manischen Phase. Vor allem konnte er sich in tiefster Depression gar nicht mehr einfühlen.

Dieser Wechsel von Kontrollverlust bei ausgeprägten manischer Phase und tiefster Niedergeschlagenheit muss ja auch für´s Selbstbild unglaublich verunsichernd und unverständlich sein, stelle ich mir vor.

Du scheinst deine Erkrankung aber gut im Griff zu haben, oder? Die Gefahr besteht ja wohl, dass viele während ihrer manischen Phasen keine Medikamente mehr einnehmen, oder?

Dir auch ein schönes WE und liebe Grüße! maya

11.10.2019 10:29 • #8


Hallo Maya,

ja ganz viele Künstler wie Virginia Woolf, Hemingway, Dáli, van Gogh usw. waren bipolar. Ich behaupte, dass ein "normaler Mensch" gar nicht zu solchen Leistungen fähig ist. Wahn und Genie liegen sehr nah beisammen. Somit ist die Erkrankung Fluch und Segen zugleich.
Ich kann mich noch an fast alles erinnern. Meine Ratio scheint sehr stark ausgeprägt zu sein . Und ich habe auch keine genialen Dinge vollbracht.
Du sagst es, dieser Wechsel ist brutal. In der Depression wird einem erst so richtig bewusst, was man alles angestellt hat und das wiederum verstärkt die Depression. Ganz abgesehen von finanziellen und sozialen Verlusten. Und ja, viele setzen in den guten Phasen die Medikation ab. Ein Teufelskreis.
Ich denke, die Krankheit mittlerweile ganz gut im Griff zu haben. Dennoch werde ich Zeit meines Lebens damit leben müssen. Was kommt, weiß ich nicht. Meine Ärztin sagt, sie hat Patienten, die bis zu 30 Jahren mit Lithium stabil bleiben. Das wäre natürlich ein Traum. Ich habe einen Sohn mit 7 Jahren den ich über alles liebe. Allein für ihn möchte ich stabil bleiben. Und mein Mann hat unglaublich viel mitgemacht. Ich hatte vor und nach der Geburt einen extrem starke Depression und er stand allein mit dem Säugling da. Und dann 2016 eine gaaaanz schlimme Zeit. Es ist ein Wunder, dass er zu mir gehalten hat.
Allerdings ist man unter Lithium irgendwie gefühllos, gleichgültig, gedämpft. Wenn man die intensiven Gefühle der Manie kennt, ist es nicht so leicht, sich mit dieser "Mittelmäßigkeit" abzufinden. Auch aus diesem Grund wird es oft abgesetzt. Welche Diagnose hast Du eigentlich?

11.10.2019 11:10 • x 1 #9


maya60
Hallo Bella, ich habe die Diagnosen ADHS mit ausgeprägter Hyperaktivität und Reizoffenheit und die Zweitdiagnose chronische Erschöpfungsdepression und dann gibt es da noch ein vererbtes Kriegstrauma meiner Mutter, das mir von Zeit zu Zeit andersartige depressive Episoden beschert.

Da es die Diagnose "ADHS bei Erwachsenen" in D erst gab, als ich 49 Jahre alt war, rannte ich mein Leben lang unbehandelt leidvoll herum und meine Hyperaktivität mit ihrem Hyperfokus, wenn mich etwas begeistert, hat schon einige Anklänge in ihrer Impulsivität, die mich manische Episoden und auch das "Unwiderstehliche" daran nachvollziehen lassen.

Auch hyperaktive Impulsivität hat was von Zügellosigkeit und Gefahren der Zerstörung und Selbstzerstörung und Selbsterschöpfung und braucht viel Selbstregulation und mitunter wie bei mir eben auch Medikamente, um nicht komplett auszubrennen und in Dauererschöpfung zu versinken.


Liebe Grüße! maya

11.10.2019 11:29 • #10


Puh, das hört sich auch seeehr anstrengend an. Welche Medikamente nimmst Du? Helfen sie Dir? Dann sind Dir manische Zustände auch nicht fremd. Oft ist es ja eine Vermischung verschiedener Krankheitsbilder. Das Schubladendenken ist eh zweifelhaft. Aber die Ärzte müssen natürlich wissen, in welche Richtung sie ungefähr behandeln sollen. Auch verständlich.
Bist Du aktuell stabil`? Was hilft Dir?

11.10.2019 11:33 • x 1 #11


maya60
Hallo Bella, und wie anstrengend das war! Tierisch! Bis ich 49 Jahre alt war, war ich quasi Jahrzehntelang dauerüberreizt und dauererschöpft und zunehmend vor lauter Erschöpfung dauerdepressiv. Und dadurch immer weniger belastbar. Mein ganzes Leben war von Kleinauf unbewusste Selbstregulation, Selbstmedikation und ab 46 Jahren brauchte ich Antidepressiva.

Für mich galt die "normale" Wahrnehmung schon als Kind nicht mehr, weil mich alles überreizte, ich musste meine ganz eigenen Wege finden, um zu entspannen und runterzukommen mit meiner Reizoffenheit. Rückzug, Tricks über Tricks und auch Experimente mit ungesunden Wegen der Betäubung in meiner Jugend.

in den populärwissenschaftlichen Büchern zur Hochsensibilität fand ich mich wieder, nur half mir der Ansatz der Hochsensibilität als normalem Persönlichkeitsmerkmal eben kein bisschen weiter, weil ich mir sicher war, dass meine Reizoffenheit und Überreizung von der Fliege an der Wand krank sein mussten. Aber außer "extrem stressanfällig" stand nicht im Angebot und nichts half von Seiten der Medizin. Bis ich 49 Jahre alt war.

Zum Glück gelang mir trotzdem ein Leben mit Beruf, Familiengründung und Lebendigkeit, aber meine Gefühlswelt war grauenhaft zwischen Überreizung und Depri, schrecklich.

Was mir von Kleinauf halt, war der Rückzug täglich stundenlang mit Lesen, Schreiben und als Kind und jetzt wieder "im Alter" mit Spiritualität. Da kann sich meine innere Hypie, meine Hyperaktivität, unschädlich geistig und geistlich austoben und das erdet mich sehr.
Ich nehme eine niedrige Dosis Medikinet erwachsen mit demselben Wirkstoff wie Ritalin täglich und das rettet mich täglich vor Erschöpfung und zur Dämpfung meiner Reizoffenheit und zur Stabilisierung meiner völlig zerriebenen Emotionen nehme ich Venlafaxin, also ein Antidepressivum, täglich, das brauche ich recht hoch dosiert.

Seit 10 Jahren bin ich also nun immer stabiler und konnte damit dann auch mein inneres tief verstecktes vererbtes Kriegstrauma mitsamt seiner Trigger entdecken und bearbeiten. Deshalb hatte ich im Sommer nochmal eine 4 monatige depressive Episode, was schwer war und zum Glück selten. Einfach ausgelöst durch wochenlanges dunkles Regenwetter. Ebenso wie ich immer einen Winterblues in dunklen Jahreszeiten bekam und das, weil mein lange unentdecktes Kriegstrauma, im Bombenkeller im Dunklen verschüttet zu sein, getriggert wurde.

In diesem Jahr bin ich ein gutes Stück weiter in der Erkenntnis und Bearbeitung gekommen. Und meine hyperaktive Impulsivität ist durch Selbstregulation, ständige psychologische Begleitung und Medikamente zur Spontanität geworden, die ich in meiner geistigen und spirituellen Kreativität auslebe, was meine Lebensqualität vergrößert statt schädigt wie früher.

Aber meine Kräfte sind futsch. Ich bin zwar innerlich recht ausgeglichen, aber muss dafür auch einiges tun und bin echt ausgebrannt durch die Jahrzehnte ohne Bremse!

Ohne diese emotionalen Qualen früher war mein Leben schon in Ordnung, aber dieses "ohne" gab es eben selten. Heute schon, aber ein normales Leben lebe ich nicht, trotzdem ein zufriedenes, aber schon sehr eigenbrötlerisch mit eigenbrötlerischem Mann und eigenbrötlerischem Sohn zusammen. Die sind beide auch neurodivers, mein Mann hochbegabt und unser Adoptivsohn autistisch. Das passt gut.

Liebe Grüße! maya

11.10.2019 11:55 • #12


Erstmal danke für Deine Offenheit und Hut ab vor dem, was Du trotz Deiner Handicaps geschafft hast .
Das hört sich nach einem Achterbahn-Leben an.
Dieses vererbte Trauma, wie muss ich mir das vorstellen? Und wie bist Du drauf gekommen, dass es das ist? Winterdepressionen treten ja auch so auf. Ein Mangel an Licht und ´Vitamin D. Also biochemisch erklärbar.
Ich beschäftige mich auch mit Spiritualität aber meine Ratio ist immer dabei. Ich denke auf jeden Fall, dass wir ein sehr komplexes Konstrukt aus körperlichem und seelischem Anteil sind und uns beides beeinflusst. Die Forschung ist ja gerade dran, die Genetik und auch die Biologie, also z.B. was an biologischen Prozessen abläuft und eventuell psychische Erkrankungen hervorruft, zu ermitteln. Die stehen im Grunde am Anfang. Immerhin gibt es Medikamente, die unser Leiden mildern können.
Ich nehme auch an Studien teil, weil ich die Forschung voranbringen möchte.
Du hast ein autistisches Kind, das ist eine SEHR große Herausforderung. Wie alt ist er? Wie schaffst Du das alles? Ich ziehe erneut den Hut vor Dir.
Ich habe mal gehört. dass jeder nur soviel auferlegt bekommt, wie er tragen kann. Also kannst Du enorm viel tragen.

Ganz liebe Grüße

11.10.2019 12:15 • x 1 #13


maya60
Liebe Bella, ich musste ja mein ganzes Leben lang durch Selbstbeobachtung meine Selbstregulation hinkriegen und als jetzt nach 50 Jahren endlich Raum frei wurde, wo ich nicht dauererschöpft und dauerdepressiv war, da kam ich nach und nach drauf, dass ich verbunden mit meiner Mutter Panikanfälle und schwer depressive Stimmungen bekam. Und dass ich auf Dunkelheit im Haus überreagierte.

Meine Mutter war psychisch auch sehr instabil und wir hatten Angst vor ihr als Kinder und bis heute versucht sie immer noch, brutale Streits vom Zaun zu brechen. Ich habe mich davon abgewandt.

Aber ich fragte mich mehr und mehr, wieso Panik, wieso reagiere ich so massiv?

Dann, je besser es mir psychisch ansonsten ging und je tiefer wieder meine mich tragende Spiritualität wurde, desto mehr traute ich mich immer tiefer in meine Ängste, die ich immer rausschrieb.

Und so kam ich irgendwann dahinter, dass ich riesige Angst davor hatte, lebendig begraben zu sein. Und meine Mutter ist als Kind im Bombenkeller verschüttet worden und hat Flashbacks deswegen, gibt das aber nie zu.

Dann fiel mir nach und nach auf, dass ich getriggert bin und angespannt und depressiv wurde, sobald es dunkler wurde am Tag oder vom Wetter, das war psychische Anspannung und Anstrengung, ganz abgesehen von meiner Klaustrophobie. So kam ich immer mehr dahinter und konnte mit szenischem Schreiben diese Ängste in mir zum Sprechen bringen und so sind diese Trigger schon deutlich zurückgegangen. Sie wollten ja nur gesehen werden. Sie banden auch viel psychische Kraft.

Spirituell kann ich nicht mit meiner Ratio sein, sondern nur mit meiner Intuition, damit konnte ich auch die autistische Welt meines Sohnes verstehen. Die ersten 11 Jahre mit ihm waren hart, auch da half mir mein Glaube, und heute ist er erwachsen und es ist viel leichter geworden. Meine Ration sieht aber die hohe Wirksamkeit meiner Spiritualität und hat zusammen mit meiner Hypie den Forschungsfokus Bibelforschung am Wickel.
Ich habe mit unserem Sohn und auch in einigen anderen Bereichen in der Kombination von Intuition und Ratio trotz aller Einschränkungen sehr hohe Leistungen erbringen können, danach bin ich aber regelmäßig zusammengebrochen.

Mein ADHS-Experte meinte nach meiner Diagnose-Phase lapidar: "Wenn Sie nicht so intelligent wären, wären sie garantiert in der Gosse gelandet." Ja, danke auch.

Da ich mich immer nur auf mich und meine Grenzen und meine Wahrnehmung stützen konnte und auf meinen Glauben bin ich mental ziemlich stark gewesen, wenn es sein musste und meine Hyperaktivität ließ mich immer über alle Schmerzgrenzen gehen. Ich war sowieso dauernd erschöpft.

Toll war das alles nicht, aber der menschliche Organismus ist schon ein erstaunliches Wunderwerk der Anpassung.

Wie gelang dir dein Leben so einigermaßen?

Liebe Grüße! maya

11.10.2019 13:36 • #14


Liebe Maya,

Du hast auch ein gewaltiges Päckchen zu tragen. Hut ab und großen Respekt vor Deiner Energie und Deinem Durchhaltevermögen
Der Glaube kann ja bekanntlich Berge versetzen und das ist Dir mehr als gelungen. Irgendwo habe ich gehört, dass jeder nur soviel auferlegt bekommt, wie er tragen kann und belastbare Menschen eben mehr bekommen. Vielleicht ist es tatsächlich so.

Wie stark ist der Autismus bei Deinem Sohn ausgeprägt? Das stelle ich mir unglaublich schwer vor, damit umzugehen. Ich habe einen 7 Jährigen Sohn und da ich vor und nach der Geburt schwerste Depressionen hatte und Medikamente nehmen musste, hatten wir große Angst, mit ihm könnte etwas nicht in Ordnung sein, was Gott sei Dank nicht so ist. Er ist mein kleiner Engel, der alles für mich ist.

Bei mir begann das Ganze mit 27 Jahren, ich kam gerade aus langen Beziehung, deren Trennung überaus schmerzhaft für mich war, hatte einen neuen Job angenommen und wohnte zum ersten Mal alleine. Da brach die erste Depression aus. Ihr folgten leider noch viele und irgendwann auch leichte Manien.
Wie kam ich klar, gute Frage. Ich würde sagen, dass ich eine Kämpferin bin und auch immer tolle Menschen an meiner Seite hatte und habe, die mich unterstützen. Und gute Ärzte, Therapeuten. Aber im Grunde muss man selbst schaffen. In der Depression bin ich leider zu nichts in der Lage und leide unglaublich. Doch sobald ich wieder kann, fange ich an zu kämpfen.
So habe ich es geschafft, im Berufsleben zu bleiben, eine gute Ehe zu haben, mein wundervolles Kind und einen großen Freundeskreis. Leider bin ich mittlerweile gehbehindert, was meine frühere Sportlichkeit sehr einschränkt. Aber gut, so ist es eben. Meine Behinderung könnte viel schlimmer sein, das muss ich mir jeden Tag sagen. Und vielleicht geschieht doch ein Wunder und ich laufe irgendwann wieder normal, wer weiß!

Wie kamst Du drauf, dass Deine Ängste mit dem Erlebnis Deiner Mutter zusammenhängen? Das musst Du mir näher erklären wenn Du magst
Liebe Grüße
Bella

14.10.2019 09:53 • x 1 #15