@Pilsum und @MarieLund
Ich hoffe, es ist ok, das Thema hier nochmal aufzurollen. Ich habe mir all eure Beiträge in Ruhe durchgelesen und darüber nachgedacht. Dein Beispiel, MarieLund, meine ich sehr gut verstehen zu können. Denn ich kenne es aus meiner eigenen Vergangenheit.
Ich musste eine Weile darüber nachdenken, wo das Gefühl der Abwertung in deinem Beispiel, MarieLund, eigentlich herrührt. Du schreibst, der Prozess, in dem ein Mensch einen anderen Menschen runtermache, um sich selbst größer zu fühlen, sage viel über den Sender und wenig bis gar nichts über den Empfänger aus. Das sehe ich nicht so! Natürlich sagt er viel über den Sender aus. Aber auch der Empfänger ist eben dafür
empfänglich und lässt den Prozess in gewisser Weise zu; sei es aus geringem Selbstwert heraus, als Schutz- oder Kompensationsmechanismus, aus einer verletzten Seele. Denn andere Menschen würden unter Umständen ganz anders reagieren. Ein anderer Mensch würde vielleicht schrecklich wütend werden und all die Beschimpfungen zurückwerfen, ein wieder anderer bliebe vielleicht vollkommen unberührt davon, vielleicht müsste er sogar lachen, bei all dem Unsinn, den der Sender verzapft. Wo kommt also das Gefühl der Abwertung her? Ich denke, Menschen, die besonders empfänglich für Abwertungen sind, sind Menschen, denen es besonders wichtig ist, eben
nicht abgewertet zu werden. Sprich Menschen, die von anderen Menschen anerkannt, gelobt und geschätzt werden möchten. Und auch diese Wünsche haben ihre Gründe! Für solch einen Menschen sind seine Wünsche, gar Erwartungen, nach Anerkennung also nicht stimmig mit dem Ereignis der Herabwürdigung. Er fühlt sich abgewertet und traurig. Dieses Gefühl ist echt. Es bildet ab, was sich in der Person abspielt. Aber...
Was ich spannend finde: Wie du schreibst, MarieLund,
man muss es erst mal schnallen. Denn problematisch wird es da, wo eine Person so sehr in die Opferrolle hineinrutscht und die Worte des Senders so sehr glaubt und verinnerlicht, dass diese Person nicht mehr zwischen Ich und Du differenzieren kann. Sie steht nicht mehr für sich selbst ein, interpretiert (unbewusst) fremde Meinungen als eigen und richtig. Doch hier liegen die Möglichkeiten eines jeden Menschen! Denn jeder Mensch kann versuchen seine Gedankenmuster zu hinterfragen, er kann in die Selbstreflexion gehen und sich die Frage stellen:
Was ist in mir? Was kommt von außen? Erkennt dieser Mensch, dass sein Denken verschieden zu den Gedanken des Senders ist, wird sich auch seine Erwartungshaltung ändern. Er strebt diesem Menschen gegenüber nicht mehr nach Anerkennung; fühlt sich folglich nicht mehr traurig und abgewertet, wo er früher sein Streben nach Anerkennung so schmerzlich gefährdet sah. Denn es kann ihm egal sein. Er weiß um sich selbst und steht für sich selbst ein. Ich sehe das übrigens als Beispiel auf deine Frage, Pilsum, ob ein Mensch seine zugrundliegenden Wünsche und Erwartungen beeinflussen kann. Ja, das kann er! Alles, was ich hier niederschreibe, habe ich in meiner Vergangenheit selbst erlebt: Das Streben nach Anerkennung, das Gefühl der Abwertung, das Nicht-mehr-differenzieren-Können zwischen eigenen und fremden Meinungen, der Glaube, ich wäre falsch. Heute ist dieser Glaube zwar nicht gänzlich verschwunden, aber er hat so viel weniger Macht. All die damit verbundenen negativen Gefühle sind so viel weniger stark ausgeprägt. Durch Hineinspüren, Hineinfragen, Reflektieren. Warum macht mich das traurig? Kann ich dem Stimulus aus dem Weg gehen? Wie kann ich dem Gefühl etwas von seiner Macht nehmen? Kann ich mich anders ausrichten? Möchte ich das? Wie könnte ich kompensieren? Kann ich versuchen, flexibler zu sein? Weniger schwarz-weiß zu denken? Auch: Was geschieht in dem anderen Menschen? Warum handelt er so? Warum verletzt er mich? Richtet er sich gegen mich? Oder wehrt er sich gegen seine eigenen, inneren Widrigkeiten?
Zitat von MarieLund: Doch, es geht um richtig und falsch.
Ich denke, und vielleicht war das das Missverständnis, Gefühle sind nicht richtig oder falsch. Gefühle
sind. Sie bilden ab, was sich innerlich (und unter Umständen unbewusst) abspielt. Zurück zum Beispiel: Auch
das Gefühl der Abwertung ist nicht falsch. Es entspricht in diesem Moment der inneren Wirklichkeit dieses Menschen, dem, was dieser Mensch zu denken glaubt. Was jedoch falsch ist, ist der
Prozess der Abwertung. Wie traurig ist es, dass dieser Mensch leidet, negativ empfindet, wo er eigentlich nicht leiden
müsste. Er leidet, weil er ausbadet, weil er dies nicht erkennt. Die Tatsache, dass er diese Gefühle empfindet, möge man als
falsch bezeichnen. Nicht jedoch das Gefühl selbst. Das Gefühl
ist.
@Pilsum, ich denke nicht, dass die Wahrnehmung abzeichnet, was ist. Natürlich, wir hören die Regentropfen, wenn es regnet und spüren die Sonnenstrahlen, wenn die Sonne scheint. Aber wir nehmen nur durch die Brille unserer Sinne wahr. Und die ist äußerst beschränkt! Die Töne, die wir hören, die Farben, die wir sehen; sie sind nur Bruchteile, kleine Ausschnitte. Hunde können so viel besser riechen als wir, Vögel können Magnetfelder wahrnehmen, Fledermäuse können hören, was uns verborgen bleibt. Unsere Wahrnehmung ist so sehr begrenzt. Es gibt so viel darüber, darunter, daneben. Und wahrscheinlich noch viel mehr, von dem wir überhaupt keine Ahnung haben. Wir sind zu klein. Wie könnten wir durch unseren Tunnelblick begreifen, was Wirklichkeit meint? Vielleicht können wir uns immer mehr unserer eigenen, inneren Wirklichkeit annähern, aber die Welt um uns herum... ?