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Morgentief bei Depressionen - was dagegen tun?

Octavian
Hallo zusammen,

zunächst mal vielen lieben Dank für die freundliche Aufnahme

Kurz zu meiner Geschichte: Ich leide seit ca 5 Jahren an Depressionen, mit einigen Hochs und Tiefs, momentan wieder ein deutliches Tief.
In den letzten 5 Jahren wurde mein Leben komplett auf Links gedreht: Erste depressive Episode, berufliche Auszeit, ambulante Therapie, Wiedereingliederung, gesundheitl. Besserung, Ehefrau trennt sich, Umzug, Verlust des Arbeitsplatzes, Tod der Mutter, neuer Job, zweite depressive Episode, berufliche Überlastung, Arbeitsunfähigkeit, Kündigung durch AG, Rechtsstreit, stationäre Behandlung in Klinik, vorübergehende Besserung.

Aufgrund meiner positiven Lebenseinstellung konnte ich mich immer wieder selbst motivieren, die Flinte nicht ins Korn zu werfen und die positiven Dinge zu sehen, auch wenn sich so vieles für mich verändert hatte und es einige schwierige Phasen gab.

Jetzt allerdings scheint keine Energie bzw keine Perspektive mehr vorhanden zu sein, ich habe seit etwa 2-3 Wochen extreme Probleme damit morgens aufzustehen (bin nach wie vor arbeitsunfähig). An den meisten Tagen komme ich vor 11/12 Uhr nicht raus, an anderen klappt es etwas früher. Ich habe aber jedes mal extreme Scham- bzw. Schuldgefühle deswegen, auch weil ich sehr leistungsbezogen geprägt bin.

Was kann ich dagegen tun ?
Habe schon verschiedenes versucht (Wecker ausserhalb des Schlafzimmers aufstellen z.B.), aber ohne wirklichen Erfolg. Selbst wenn ich kurz auf bin lande ich doch über kurz oder lang wieder im Bett.

Ich bin für jeden Hinweis / Tipp dankbar!
VIELEN DANK VORAB !

(Zur Medikation: Ich nehme seit Okt.2018 30mg Mirtazapin am frühen Abend / hatte vor einiger Zeit mit Schlafstörungen zu tun)

08.03.2019 23:14 • x 3 #1


CeHaEn
Moin Octavian,

wie gut kommst du allgemein aus dem Bett, wenn du Termine hast? Falls dies kein Problem für dich darstellt: Könntest du dir dann auch selbst Verbindlichkeiten schaffen?

Ich kann auch sehr gut nach 10 Uhr noch im Bett liegen, den Wecker abstellen und mich wieder umdrehen. Doch selbst während schwerer Episoden habe ich mich nur ganz selten mal verspätet. Normalerweise bin ich überpünktlich, wenn es eben diese Verbindlichkeiten gibt.

Wäre das ein Ansatz für dich? Du kannst dir natürlich keine "offiziellen" Termine aus den Fingern saugen. Möglicherweise reicht bereits eine feste Routine (deine Routine), die du gern einhalten möchtest.

08.03.2019 23:27 • x 4 #2


Octavian
Hallo CeHaEn,

danke für deine Antwort.

Bis vor etwa 3 Wochen hatte ich keine Probleme damit, Termine einzuhalten.
Allerdings gilt das nur für "offizielle" Termine, mit eigenen Verbindlichkeiten hat es eher selten funktioniert.

Nun ist es leider so, dass auch die "offiziellen" Termine unter dem Morgentief leiden, und das möchte ich natürlich sobald wie möglich wieder in den Griff kriegen. Kenne diese extreme Antriebslosigkeit auch nicht von mir, bin ansonsten auch an schwierigen Tagen immer irgendwie hoch gekommen.

Aber jetzt leidet auch mein Alltag und alltägliche Dinge wie zB Ernährung (habe kaum noch Appetit) darunter.
Bin sehr verzweifelt und weiss nicht wirklich weiter.

Viele Grüße, Octavian

09.03.2019 13:55 • #3


Juju
Hallo. . . vielleicht, weil Du momentan keinen Grund und keinen Sinn mehr siehst?
Also bei mir ist das ab und an so.

Ich zwinge mich dann aber so lange, bis es wieder ein besseres Gefühl morgens gibt.

Liebe Grüße

09.03.2019 14:11 • x 1 #4


Octavian
Hallo Juju,

ja, könnte sein dass es auch daran liegt.
Ich hatte trotz allem in den letzten Jahren immer Ziele bzw Perspektiven, diese sehe ich jetzt nicht (mehr).

Habe auch zunehmend den Eindruck, ich drehe mich bei all meinen Bemühungen nur noch im Kreis und komme nicht wirklich weiter.

Das verstärkt dann noch die Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Isolation, die mir ohnehin schon zu schaffen machen.
Ist schon eine schwierige Situation.

09.03.2019 14:46 • #5


Juju
Ja, kann ich sehr gut verstehen.
Auch wenn es mir lange nicht so schlecht wie Dir geht, so kenne ich dieses Gefühl sehr gut.
Nicht zu wissen wo man hingehört, was man tun soll und warum überhaupt.
Ich denke, man muss gewisse Dinge zulassen.
Versuche vielleicht mal Deinen derzeitigen Zustand anzunehmen. ohne daptadpwzu urteilen. Ich denke Deine Seele braucht gerade viel Ruhe und vielleicht keine Termine und Verpflichtungen momentan.

09.03.2019 14:57 • x 2 #6


Juju
Wenn Du nichts gegen Medikamente für ein Psyche hast, dann frag doch vielleicht mal einen Arzt, der Dir etwas zur besseren Stimmung aufschreibt.
Ich selbst bin ja vollkommen gegen Medikation.
Aber nicht generell, wenn es bei jemandem gar nicht mehr geht.

09.03.2019 15:00 • x 1 #7


Alexandra2
Moin,
Mein Kaffee & ich, damit gehts'. Der Wecker klingelt, ich mache mir 1 Kanne Kaffee, nehme sie mit ins Bett. 1 Becher minimum genieße ich dort, nach 1 Stunde stehe ich auf.
Nach kurzer Zeit brauche ich Pausen, zähneknirschend gewöhnte ich mich daran. Viele Tage hatten mehr Pausen als Aktivitäten. Schrecklich, ich wollte auch etwas leisten.
Inzwischen weiß ich, daß zunehmende Antriebslosigkeit ein Tief ankündigt. Also noch mehr Pausen, Stress vermeiden, und viel Struktur.
Aber der Kaffee ist durch alle Phasen mitgenommen und immer ein Grund zur Freude.
Die von Dir beschriebene Stagnation kenne ich auch. Mir hilft immer wieder 'nicht nachdenken', handeln. Im Sinne von ablenken.
Liebe Grüße
Alexandra

09.03.2019 15:32 • x 3 #8


Octavian
Hallo Juju!
Hallo Alexandra2!

Danke für eure Beiträge, ja ich glaube ich werde jetzt einfach für eine gewisse Zeit den Zustand so akzeptieren, wie er ist und nicht darüber urteilen bzw mich nicht selbst verurteilen.

Es fällt mir nur so unglaublich schwer weil ich Angst habe, nach einiger Zeit alleine und ohne Hilfe (wenn sich ein Verhaltensmuster entwickelt hat) nicht mehr selbständig den Zustand ändern zu können. Und natürlich auch deshalb, weil ich nach wie vor Opfer meiner kindlichen Prägungen bin (du bist nur gut und wirst geliebt und anerkannt wenn du etwas geleistet hast, Arbeit hat noch niemandem geschadet, etc etc).

Dennoch werde ich den Tipp mit dem Kaffee mal ausprobieren (Danke dir Alexandra2) bin auch ein passionierter Kaffeetrinker wenn man das so sagen kann

Struktur und aktives Handeln ist sehr wichtig, da stimme ich dir absolut zu, leider fehlt mir genau das momentan am stärksten: Wenig Struktur in meinem Tagesablauf und Aktivität ohne ein Ziel zu haben macht es eben nicht einfacher.

Wie kriegt ihr das mit der Struktur und Aktivitäten hin ?
Habt ihr Erfahrungen mit ehrenamtlichen Tätigkeiten gemacht?

Viele liebe Grüße, Octavian

09.03.2019 22:54 • #9


CeHaEn
Zitat von Octavian:
.und nicht darüber urteilen bzw mich nicht selbst verurteilen.

Das kanst du dir hoffentlich ganz grundsätzlich aneignen.
Zitat von Octavian:
.weil ich nach wie vor Opfer meiner kindlichen Prägungen bin (du bist nur gut und wirst geliebt und anerkannt wenn du etwas geleistet hast.

Diese Prägung habe ich auch noch inne.
Bestimmt hast du vergessen, was du bereits geleistet hast; oder du siehst deine Leistungen als selbstverständlich an. Stimmt's? Und einem Klon von dir in selber Situation würdest du auch sagen, was er alles kann und geschafft hat. Kannst du es dir selbst auch sagen?

Wenn du fürchtest, dich ohne Hilfe festzusetzen: Was wäre denn eine gute Maßnahme dagegen?

Ein Ehrenamt könnte dir gut tun, denn du hättest tatsächlich wieder eine Aufgabe und würdest bestenfalls auch Resultate sehen. Das sind zwei ziemlich schöne Erfahrungen, finde ich.

09.03.2019 23:15 • x 2 #10


Alexandra2
Lieber Oktavian,
Ich handle völlig chaotisch, bin nie bei der Sache. Mein Geist plappert ständig vor sich hin. Deshalb musste ich lernen, kleine Dinge zu Ende zu machen. Wenn der Kaffee läuft, räume ich die Arbeitsplatte auf (alles Überflüssige wegräumen) und reinige sie. Dieses strukturierte Arbeiten tut mir gut. Das ist eine tägliche im Ablauf ebenso strukturierte Handlung.
Dann habe ich jeden Tag eine Haushaltsaufgabe (z.B. Bad putzen), festgelegt im Wochenplan, sonntags frei.
Uns dann gibt es größere Projekte, die jeden Tag kurze Zeit in Anspruch nehmen, z.B. Fotos digitalisieren, und bis zum Ende erledigt werden.
Ich fände Ehrenamt noch zu früh. Du solltest über lange Zeit stabil sein, Tiefs rechtzeitig erkennen und Strategien haben, wie Du gut mit der Depression leben kannst. Du bist am Wichtigsten.
Liebe Grüße

09.03.2019 23:18 • x 3 #11


Juju
Ich kenne es auch, nur dann gut zu sein, wenn man etwas geleistet hat. Dann erst hat man einen Wert, eine Daseins-Berechtigung.
Ich suche die ganze Zeit nach etwas, was mich erfüllt. Und diese vehemente Suche macht auch mürbe. Zu erkennen, dass es momentan einfach nichts gibt, was mich erfüllt oder glücklich und zufrieden macht.
Dennoch denke ich, ich sehe vielleicht auch die kleinen Dinge nicht und die rufe ich mir ins Gedächtnis.
Ich versuche meine momentane Situation irgendwie zu meistern.

Ehrenamtlich ist alles gut und schön. Wenn es wirklich aus dem Herzen kommt. Nur um "etwas" zu leisten, wird es Dich nicht weiterbringen.
Du wirst Deinen Wert daraus fälschlich ziehen, dann.

Wenn Du aber so gestrickt bist, Du das machen möchtest, dann empfehle ich es Dir.

10.03.2019 08:44 • x 3 #12


CeHaEn
Natürlich sollte man sich mit einem Ehrenamt identifizieren können. Das ist wie mit einem Beruf, der nicht bloß "jetzt erstmal einfach nur Brot auf den Tisch" bringen soll. Andernfalls kann sich die Frage aufdrängen, "was mache ich hier eigentlich?" Es kommt sicherlicherlich individuell darauf an, welche Rolle die Arbeit für die eigene Zufriedenheit spielen soll.

Zitat von Juju:
Ich suche die ganze Zeit nach etwas, was mich erfüllt. Und diese vehemente Suche macht auch mürbe.

Das ist auch eine Art von Leistungsdruck. Viele Menschen haben (oder empfinden einen äußeren) Anspruch, beruflich möglichst erfolgreich zu sein - und leiden darunter.
Daneben scheint es wiederum eine Art Gegenkultur zu geben, nach dem Motto "du musst rundum glücklich im Leben werden". Das geht weit darüber hinaus, dass man jemandem quasi ein Recht auf die Suche nach Zufriedenheit zuspricht. Dabei wird lediglich das möglichst hohe Karriereziel durch ein möglichst hohes "Glück" ausgetauscht. Der Anspruch bleibt unverändert hoch. In diese Falle sollte man nicht tappen.

10.03.2019 10:54 • x 3 #13


maya60
Hallo @octavian,

ich kenne von mir selber dieses Morgentief, wie du es beschreibst, auch die Appetitlosigkeit (oder das Gegenteil: Fressanfälle) sowie Gedanken voller Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit nur, wenn ich akute Depressionen habe.

Dann sind das Krankheitssymptome, die weg sind oder gelindert, wenn die Krankheit sich bessert.

Fachärztliche Betreuung und Antidepressivum, begleitende Psychotherapie, gut zu dir selber sein!

Gute Besserung! maya

10.03.2019 15:52 • x 2 #14


Juju
Dir Abends vielleicht ein lachendes Gesicht malen, es neben Dein Bett legen und morgen früh drauf schauen.
Dir etwas vornehmen. Frühstück.?

10.03.2019 16:03 • x 1 #15




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