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Sich Freunden & Angehörigen öffnen - eure Erfahrungen

Liebes Forum, vielleicht kommt euch folgende Situation/folgendes Gefühl ja bekannt vor:

Ein enger Freund bot mir an, mich zu melden, wenn es mir schlecht geht.
Ich hatte mich getraut das anzunehmen.
In depressiven Episoden öffnete ich mich also zum ersten Mal.
Ich fühlte mich akzeptiert und aufgehoben. Auch wenn es nach außen nicht sehr sichtbar war, besserten sich meine Episoden, sie wurden weniger intensiv, Suizidalität war kein Thema mehr.

Dann, vor ein paar Wochen: ein enger Freund eröffnet mir, dass ihn alles nur noch ankotzt mit mir, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe, verrückt bin und ihn nur ausnutze und dass er mich nur noch hasst.
All die Monate, in denen ich mich ihm anvertraute, hat er nie gesagt, dass es ihm zu viel ist oder sonst etwas.
Ich hatte ihn immer darum gebeten, mir ehrlich seine Meinung zu sagen und er sagte nie einen Ton.
Und jetzt steh ich da, als Egoist von ihm beschimpft.

Ich habe das Gefühl, mich niemandem mehr öffnen zu wollen.
Mein ehemaliger Freund hat im Bekanntenkreis Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, weshalb ich mich sicher fühlte. Ich dachte, er würde mir ehrlich sagen, wenn ich ihm zur Last fiele.
Und nun stehe ich da, mit dem Gefühl, mich jedem für immer verschließen zu wollen.

Ich habe es pappsatt, in eine Ecke gestellt zu werden, wenn ich nicht so funktioniere, wie die Gesellschaft es sich von mir wünscht. Und ich fühle mich von ihm, meinem engsten Vertrauten, belogen.

04.07.2019 17:23 • x 4 #1


Frederick1
hallo liebe MkDiddel

erst einmal ein herzliches Willkommen hier im Forum. Oh das tut mir jetzt echt leid mit deinen so neagativen Erfahrungen, da vertraust du einem Menschen, vertraust ihm dein ganzes Inneres Wesen an, und dann enttäuscht der dich.

Du bist ent.täuscht, du bist einer Täuschung erlegen. Leider gehört das aber auch zu unserem Leben dazu. Auch ich habe Menschen schon enttäuscht, obwohl ich das nie wollte. Eigentlich sollte man sich immer gerade als Freunde die Wahrheit sagen. Und wir sollten das was wir denken auch sagen. Und das was ich sage, verspreche, sollte ich eigentlich auch tun.
Und ich sollte das was ich tue auch sein.

"Ehrlich währt am längsten" sagt ein Sprichwort. Die Menschen, die mich seither in meinem Leben am meisten beeindruckt haben, waren Menschen, die das lebten was sie sagen, ungeschminkt, gradlinig, echt. Leute mit Rückgrat, wo es mehr Sein als Schein gibt.

Das ich trotz meiner Depression so integer wie möglich bin. Auch mit meinen Gefühlen, das ich nicht künstlich wirke, sondern so echt wie nur möglich. So einen Chef hätte ich mir früher gewünscht.

Aber frage doch mal ganz offen bei deinem Freund nach. Vielleicht ist er gerade selbst so angespannt, hat im Moment nicht so die Kraft, nicht so die Zeit. Gebe bitte nicht so schnell auf, vielleicht könnt ihr euch neu vertragen, neu versöhnen, verstehen.

Vielleicht kannst du auch versuchen, dich mit dir und deinem ganzen Leben, was nicht so gut lief, zu versöhnen.

Schaue der Wahrheit deines Lebens ins Auge, verstecke nichts, versuche weiterhin offen und ehrlich mit dir und deiner Depression umzugehen.


viele liebe Grüße an dich,

Frederick

04.07.2019 17:51 • x 4 #2


Hallo Frederick1, danke für deine Antwort.

Der Freund blockt alle Kontaktversuche ab.
Komplett und kompromisslos.
Zumindest in Frieden auseinander gehen hätte ich schön gefunden.

Ich bin meinen Weg immer geradlinig & offen gegangen und habe in meinem Leben seit jeher das Gefühl, so, wie ich bin, nicht OK zu sein. Weil ich anders bin.
Ich wünschte ich hätte mehr Leute getroffen, die Offenheit und Direktheit schätzen.

Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Zeilen. Allein schon verstanden zu werden hilft.

04.07.2019 19:50 • x 4 #3


Frederick1
liebeMKDiddel,

vielen Dank für deine ehrlichen Zeilen. Du mir tut es auch gut, wenn ich in meiner Depression verstanden werde, oder manche Menschen sich zumindest Mühe geben, sich in uns einzufühlen.

Früher habe ich das irgendwie immer wieder von Menschen erwartet, heute auch nach manchen Enttäuschungen nicht mehr so. Ganz offen und ungeschützt über meine Depressionen mit einem anderen Menschen reden können, mich anvertrauen, Verständnis finden, das wäre zu schön.

Heute weiß ich, Offenheit kann ich nicht einfordern. Jeder Mensch hat das Recht nur das zu sagen, was er möchte. Es gibt leider auch die Gefahren, wenn ich zu offen bin. Du kannst leider auch manipuliert werden.

Wie aber kann echte Offenheit, Liebe und Annahme entstehen. Das frage ich mich gerade auch. Vielleicht wenn ich selbst anfange, offen zu sein. Wenn ich es doch mal wieder riskiere, etwas von meinem Innersten sehen zu lassen. Wenn ich auch wieder meine Gefühle zeigen kann, wenn ich es sagen kann, wie es mir wirklich geht.

Dann kann eine Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens entstehen. Dann fällt es uns leichter uns zu öffnen, zu sagen was mir gerade Sorgen macht, was mich bedrängt usw.

Doch für diesen ersten Schritt hin zur Offenheit, braucht es Mut. Gerade wenn du von einer Enttäuschung gerade herkommst. Leben heißt leider auch, ich muss damit rechnen, enttäuscht zu werden.

Denn wenn ich mich öffne, baue ich meine Schutzmauern, die ich normalerweise um mich herum gebaut habe, ab.

Ich werde wieder verletzlich.Andere können mich an meinen ungeschützten, persönlichen Stellen treffen. Das tut brutalst weh. Auf der anderen Seite wird mein Mut zur Offenheit vielleicht auch wieder belohnt. Ich finde Verständnis, nur wenn die anderen sehen wie mir zumute ist, können sie mich verstehen.

Das es endlich einmal auch nur um mich geht. Sonst musst du ja immer etwas bieten oder leisten.

Offenheit ist mehr als der Austausch von Informationen, es bezieht meine Gefühle mit ein. Ich lasse andere in mein Innerstes schauen. Nicht nur was ich erlebt habe, sondern auch, wie ich etwas erlebt habe, und was das Erlebte in mir ausgelöst hat. Dasselbe Ereignis kann in einem anderen Menschen etwas ganz anderes auslösen als bei mir.

Nur darf man dieses Vertrauen niemals missbrauchen.

Offenheit ist eine sehr verletzliche und empfindliche Pflanze. Und wenn ich offen bin, aber mein Gegenüber hört mir gar nicht zu, ist das fast auch schon Missbrauch meines Vertrauens.

Offenheit kann auch zerstört werden durch schnelle Urteile, oder zu schnelle Rat-Schläge.

Zuhören, auch einmal mir selbst zuhören, in mich hinein hören, was möchte ich, was möchte ich nicht.

Was ist mein Sinn im Leben, was möchte ich erreichen, und was nicht. Hören wird heute immer schwerer, wir sind heute schnell abgelenkt, alles wird lauter.

Ich möchte dir aber von Herzen wünschen, das du wieder vertrauen lernen darfst. Auch Vertrauen zu dir selbst, Selbstvertrauen. Das du innerlich spürst und weißt, du bist eine volle Person, du darfst dich von Herzen selbst lieb haben und annehmen, so wie DU gerade bist.


in guten Gedanken für dich,

ganz viele liebe Grüße an dich,


Frederick

05.07.2019 16:56 • x 2 #4


Alexandra2
Liebe MKDidddl,
Darf ich fragen, ob Du in Behandlung bist?
Laien und Kranke überschätzen manchmal Ihre Fähigkeiten, bei Depressionen helfen zu können bzw daß die Hilfe die Richtige ist. Das ist sie nicht. Ich hatte Freunde, die sich urplötzlich abgewandt haben und nie mehr meldeten. Ich war verwirrt, verletzt und wütend. Klar habe ich an mir gezweifelt, daß ich unzumutbar bin. Nein, das ist es nicht. Die Depression braucht dringend versierte Behandlung und Laien sind überfordert. Aber Dir das jetzt vorzuwerfen ist nicht OK.
Und natürlich bist Du OK, Du bist krank und brauchst gute Behandlung, also rappel Dich auf, klopf den Staub ab und richte Deine eigene Krone. Und dann stellst Du Deine Behandlung zusammen.
Liebe Grüße Alexandra

05.07.2019 18:57 • x 2 #5


Eis
Ich gehe relativ offen mit meiner Depression um und habe überwiegend positive Erfahrungen gesammelt. Allerdings ging das in der ersten Zeit noch nicht, solange ich mir die Krankheit selbst noch nicht eingestanden hatte. Als ich mich dann langsam öffnen wollte hab ich noch aus Rücksicht auf meinen Mann geschwiegen. Wir wohnen in einem kleinen Dorf und gerade bei älteren Leuten ist das ein Tabuthema. Er hatte da Probleme, wenn sich das rumspricht. Im Lauf der Zeit aber, als er auch gemerkt hat, dass es mir guttut, darüber zu sprechen und es für mich einfach leichter war heimzugehen, wenn es mir nicht gut ging, hat er es akzeptiert.

Es gab Leute, die haben sich nicht mehr gemeldet, genauso gab es aber auch Leute, von denen ich ehrliches Interesse bekam, was ich nicht erwartet hatte.

Schwierig war vor allem die Offenheit meinen Geschwistern gegenüber. Ich war in der Familie diejenige, die immer stark war, die alles geschafft hat, was sie sich vorgenommen hat, die ein starkes Selbstbewusstsein hat. Sie haben es einfach nicht verstanden, aber im Lauf der Zeit müssten sie ja meine Defizite kennenlernen und langsam haben sie es verstanden. Also nur das alte Problem, dass man es nicht gleich sieht und wenn man mit dem Thema noch nichts zu tun hatte kann man es sich halt nicht vorstellen.

Auch in der Arbeit bin ich offen mit der Problematik umgegangen und konnte nur Positives erfahren. Ich wurde unterstützt und bekam Zeit mich wieder langsam einzuarbeiten. Ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten über SEINEN Anteil an meinem "Burnout" hat auch zu einer Änderung seines Verhaltens geführt. Er fällt zwar schon gern mal in alte Muster zurück, geht aber mir auch so. Ich erinnere ihn dann halt wieder.

LG Eis

08.07.2019 18:14 • x 4 #6


Ich muss leider ganz offen zugeben, dass ich mit diversen Therapien keine positiven Erfahrungen sammeln konnte.
Auch im privaten Umfeld war eher das Unverständnis vorherrschend.
Ich freue mich über jede Sorte von Akzeptanz, wenn ich einfach ich sein darf, obwohl ich so bin, wie ich bin.

08.07.2019 22:46 • x 2 #7


MelodieSyren
Meine Freunde kommen klasse mit meiner Depression klar. Als ich mich ihnen geöffnet habe, hat niemand von ihnen irgendwie sch. reagiert. Alle haben mich verstanden und stehen mir bei und schätzen mich. Dafür bin ich sehr dankbar.

Meine Mutter hingegen, scheint die ganze Sache überhaupt nicht verstehen zu wollen.

Ich habe ihr schon so oft gesagt, ich bin depressiv, ich brauche (deine) Hilfe. Aber sie blockt es jedes Mal ab. Stattdessen macht sie mir Vorwürfe, ich müsse eben weiter durchhalten, ich solle mich nicht so anstellen, wir haben es doch alle schwer. Einmal meinte sie auch zu mir: "Wenn es dir so schlecht geht, dann geh halt in ne Klinik".
Die Aussage fand ich sehr nett.mittlerweile rede ich mit ihr nicht mehr über das Thema. Da sie es eh nicht versteht - oder verstehen will. Aber es tut weh,dass gerade sie, mir null beisteht in der Sache.

08.07.2019 23:04 • x 3 #8


Genau in diesem Tonfall hat mein familiäres Umfeld reagiert, inklusive jüngerem Bruder. Jeder ist gewohnt, dass ich immer nur durchhalte und Leistung bringe. Das alles hat eben seinen Preis.
In meinem Fall ging es stark zu Lasten meiner geistigen Gesundheit.

08.07.2019 23:10 • x 3 #9


Eis
Jetzt oute ich mich mal als jemand, der vor der Erkrankung und ohne jede Kenntnis über Depressionen ähnlich gedacht hat wie es viele von euch auch beschriebenen Menschen tun. Ich dachte, die müssen sich doch bloß zusammenreißen, sie sollen sich nicht so gehen lassen, das ist doch alles eine Ausrede für die eigene Faulheit. Hart, nicht wahr? Da ich selber so gedacht habe fällt es mir etwas leichter, die Menschen zu verstehen, die genau so reagieren. Ich entschuldige mich innerlich bei jedem Depressiven, über den ich so gedacht habe, das tut mir heute sehr leid. Gerade aus dieser Erfahrung heraus gehe ich das Thema sehr offensiv an, erzähle meinen Mitmenschen, wie sich so eine Depression anfühlt. Ich möchte erreichen, dass mehr Menschen etwas über Depressionen wissen und dann eben anders auf Betroffene zugehen. Also denkt immer daran, wenn ihr solche Reaktionen erlebt, sie wissen es nicht besser. Ich bin mit meinem Mann nach der Diagnose zu einer Infoveranstaltung gegangen, das hat ihm die Augen geöffnet, besser als ich es ihm jemals vermitteln hätte können.

LG Eis

08.07.2019 23:24 • x 6 #10


MelodieSyren
Ich denke denke z.B. auch meine Mutter sollte sich mal ehrlich dafür interessieren und informieren.

Ich weiß nämlich dass sie nicht an sowas wie Depressionen glaubt. Für sie sind das nur Hirngespinste. Man schauspielert ja nur.

Sie hat das nie verstanden, ich aber gebe ihr heute ganz klar eine Mitschuld an meiner psychischen Verfassung.

Aber ich kann sie nicht dazu bringen sie mal mit dem Thema zu befassen - mir glaubt sie ja nicht. Das macht mich unglaublich wütend.

08.07.2019 23:35 • x 1 #11


Eis
Vielleicht schaust du mal, ob es eine Infoveranstaltung in deiner Nähe gubt und geh mit deiner Mutter hin. Bei uns war das vom Landratsamt in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt organisiert. Oft bieten auch Kliniken soche VA's an.

09.07.2019 07:44 • x 3 #12


ZeroOne
Hi @MKDiddelDrölf13 !

Was den guten Freund aus deinem Eingangspost betrifft, so kam mir ganz spontan die Idee, dass der vielleicht mehr "Ambitionen" hatte, als nur zu helfen und die fiese Reaktion kam, weil sich seine Erwartungen nicht erfüllten? Aber ich bin sicher auf dem Holzweg - kenne die Situation ja auch nicht näher.

Was das generelle Öffnen gegenüber dem näheren Umfeld betrifft, so sind meine Erfahrungen eher negativ und ich persönlich lege keinen großen Wert mehr auf "Outing".

Mein langjähriger, sehr enger Freundeskreis - dem ich sowas als letztes zugetraut hätte - hat sich aus dem Staub gemacht, als ich meine Erkrankung ins Gespräch brachte. Das war u.a. nötig geworden, da ich irgendwann erklären musste, warum ich an bestimmten Aktivitäten nicht mehr wie früher teilnehmen konnte.
Zu dieser Zeit war ich in Therapie und die Therapeutin hatte die glorreiche Idee, dass sich meine Freunde verlegen fühlen könnten und das alles fremd für sie sei. Ich solle ein direktes Gespräch mit ihnen suchen und ihnen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen. Das würde Wissen und Aufklärung bringen, die Scham nehmen und die Freundschaft wieder öffnen. Pustekuchen! Das Gegenteil war der Fall: bis dahin hatte ich wenigstens noch gelegentlichen Kontakt - ab diesem Gespräch folgte totale Funkstille - trotz mehrfacher Bemühungen meinerseits.

Eine zweite Clique (eher entfernter, aus einem Hobby heraus) hat den Kontakt zu mir abgebrochen, weil ich auf einer bedeutenderen Hochzeit nicht erscheinen konnte. Ich hatte es versucht, aber selbst mit Benzos konnte ich mich nicht in einen Zustand "beamen", dass ich diese Menschenmengen ertragen hätte. Trotz meiner Erklärungsversuche erntete ich nur Missbilligung und Beleidigungen. Hätte ich mir ein Bein gebrochen, mit Grippe und 40 Fieber im Bett gelegen, eine OP gehabt, oder ähnliches, dann wäre das alles zu entschuldigen gewesen. Aber wegen einer psychischen Erkrankung? Niemals!

Den letzten Versuch hatte ich erst im letzten Dezember unternommen - Jahre nach den o.g. Erlebnissen: da war ich zu Besuch bei meiner Verwandtschaft und habe mich nach Jahren dazu durchgerungen, mit ihnen endlich über meine Erkrankung zu sprechen. Auch darauf hatte ich mich vorbereitet, auf den passenden Moment gewartet (den es wahrscheinlich gar nicht gibt), ruhig erklärt, teils mit Späßchen unterlegt, die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, etc. Gleiches Resultat: ebenfalls Endstation!
Peinlich nur, dass ich dort noch meinen restlichen Urlaub verbringen musste und nicht früher abreisen konnte. Auf jeden Fall wurde ich dann aber noch nie so schnell von jemandem verabschiedet, wie dort! Trotzdem traurig: seit diesem Zeitpunkt auch keinen Ton mehr von der eigenen Verwandtschaft gehört.

Mein Fazit aus allem: ich tausche mich gerne mit Mitpatienten und Gleichgesinnten aus und bin der Meinung, dass ich in diesem Rahmen gut versorgt bin. Wenn´s zu extrem wird, dann muss halt Therapeut/in herhalten - die werden zudem fürstlich dafür entlohnt, sich meinen seelischen *beep* anzuhören.
Aber ansonsten erfährt kein Mensch in meinem direkten Umfeld (egal, ob privat, geschäftlich, oder wie auch immer) mehr etwas von meinem Seelenleben. Und wenn ich mal wieder irgendwo wegen meiner Psyche nicht teilnehmen kann, dann schieb ich eine Grippe, oder sonst was, vor - da bekommt man wenigstens Genesungswünsche und es wird nachgefragt, wie man sich erholt.

LG
ZeroOne

09.07.2019 15:38 • x 3 #13


Eis
Hallo ZeroOne

Das ist wirklich schade, was du erleben musstest. Da kann ich deine Reaktion auch verstehen und ich würde es nicht anders machen. Ich hab sogar von meiner Therapeutin den Tipp bekommen, dass ich mich nicht erklären muss, wenn ich das nicht will, dann hab ich halt Kopfschmerzen oder sonstiges. Aber ich bin eine ehrliche Haut, ich würde damit nicht klarkommen.

Aber auch ich hatte mal eine bizarre Situation mit "guten" Freunden erlebt. Wir haben uns etwa ein dreiviertel Jahr nach meiner Erkrankung- auf Bitten meines Mannes, ich soll nicht so unversöhnlich sein, auch wenn sich die Freundin bisher kein einziges Mal gemeldet hatte- in einem Lokal zum Essen getroffen. Ich musste meine Ohrstöpsel rein tun, damit ich es überhaupt ausgehalten habe. Ich wurde nicht gefragt, wie es mir geht, und die beiden Freunde haben ohne Punkt und Komma geredet, ich bin gar nicht dazu gekommen, etwas zu sagen, es gab keine Lücke dafür. Erst als wir uns verabschiedet haben fiel in einem Nebensatz, sie hätte gehört, dass ich wieder anfange zu arbeiten in WE und ob es jetzt wohl besser ist. Da hatte ich aber keine Lust mehr zu reden. Von meinem Mann habe ich dann erfahren, dass sie gesagt haben, man merkt noch sehr stark, dass ich noch krank bin. Danach wieder Funkstille. Ein paar Monate später rief die Freundin doch tatsächlich an und da habe ich direkt gefragt, ob sie ein Problem mit meiner Depression hat, weil sie sich bisher nicht gemeldet hat. Als Antwort kam Stress, keine Zeit, sie kommt zu gar nichts. Man könnte auch Desinteresse dazu sagen. Mittlerweile haben wir sporadischen Kontakt, aber es bleibt ein fader Beigeschmack.

LG Eis

09.07.2019 16:28 • x 4 #14


Dakota
Meiner Erfahrung nach haben viele Mitmenschen generell ein Problem oder eine Hemmung, über schwerwiegendere Krankheiten zu reden. Viele können damit nicht umgehen, es scheint ein Tabu-Thema ähnlich wie das Thema Tod eines Angehörigen.
Psychische Erkrankungen sind zumindest hier in Deutschland keine Rarität (mehr) und die Bekanntheit von Depressionen, Angst-Erkrankungen etc. ist in den letzten Jahren stark gestiegen.
Wenn man chronisch krank ist, stellt sich irgendwann die Frage, mit wem rede ich darüber, wem erzähle ich das. Ich habe bei meiner letzten Stelle, als ich in die Klinik musste, gesagt, dass es wegen Depression ist. Kurzfassung: Reaktion war positiv.
Die wichtigsten Freunde wissen es, denn irgendwann war der Punkt, wo es besser war, es ihnen zu sagen. Familie weiss es. Ich bin aktuell Single, aber wenn ich jemanden kennen lernen würde, würde ich es relativ schnell erzählen. Ich bin halt chronisch krank und wenn ich was anderes hätte, das sich auch in der Partnerschaft bemerkbar machen könnte (wie MS, Endometriose, Diabetes, Lungen-Erkrankungen, Epilepsie, .), würde ich es ja auch erzählen.
Vielleicht ist es auch wichtig, möglichst konkret den Freunden zu sagen, welche Auswirkung das bei einem haben kann. Manche vertragen nicht so lange eine Party, gehen dann halt früh. Manche gucken vielleicht traurig wenn sie eingeladen irgendwo sitzen, aber es ist besser traurig irgendwo teilzunehmen als gar nicht hinzugehen mitunter und das muss der Gastgeber vielleicht einfach wissen.
Ich habe mich mal einem Freund erklärt, der meinte dann nur, das würde ihn überraschen, käme gar nicht so rüber. Habe ihm dann detailiert erklärt, wie es ist jeden Morgen mit dieser Krankheit aufzuwachen. Er wurde dann immer schweigsamer. Da scheint dann doch was bei ihm angekommen zu sein.
Ich denke wie gesagt man sollte die Reaktionen nicht zu persönlich nehmen, denn Viele können generell nicht mit Krankheit umgehen. Erzählt man jemanden, dass man MS hat, wird die Person damit vielleicht auch erstmal nicht klarkommen.

09.07.2019 17:04 • x 5 #15




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