Moin, komme hier mit einem späten Nachschubfässchen

rein und wünsche euch allen

ein schönes WE !
Und wo ihr hier gerade beim Thema Ausbildung und wenig Geld verdienen seid: Ich bin ja mittlerweile im Ruhestand, aber studiert habe ich Deutsch und Pädagogik für die gymnasiale Oberstufe, das gab es damals in den 80ern als Einzelstudiengang, dessen 1. Staatsexamen schon für sich alleine als akademischer Abschluss galt wie ein Diplom, womit ich promovieren konnte, in der Wissenschaft die Professur anstreben konnte, als Lektorin arbeiten konnte, als Redakteurin, was ich ja später auch eine Zeitlang gemacht habe, als Deutschlehrerin bei Inlingua. Ich hatte erst Grundschullehramt begonnen, dann mich gelangweilt, denn ich wollte doch immer mit fast Gleichaltrigen zu tun haben als Lehrende und ich wollte einen wissenschaftlichen Lehrberuf erlernen.
Als ich mit dem Studium fertig war, wollte ich demnach folglich schon nicht mehr in die Schule, sondern mit StudentInnen zu tun haben und in der Wissenschaft bleiben und nahm eine lächerliche Halbtagsstelle als "Wissenschatliche Hilfskraft" an, in der man als Akademikerin den Titel "Hilfskraft" hatte, ganztags voll in der Forschung oder Lehre je nach Gutdünken des Profs arbeitete oder Kaffee kochte und kopierte für 1200 DM im Monat

und O-Ton mein Prof: "Ihr könnt euch aussuchen, ob ihr das versteuert. Macht das bloß nicht, mit 30 Jahren verdient ihr eh genug Geld."
Tja, das mag zwar bei ihm der Fall gewesen sein, als man noch generell aus reichem Elternhaus kam und mit dem ersten Uniabschluss gleich seinen Doktortitel hatte mit Anfang Zwanzig und eine Assistentenstelle mit gutem Gehalt und dann mitunter selbst ohne Habilitation auf eine Professur rutschte, aber bei uns Babyboomern war ein glattes Einser-Examen wie meins aufgrund der schieren Menge an AbsolventInnen nicht mal eine Sicherheit für eine Stelle als Wissenschaftliche MitarbeiterIn mit anständigem Gehalt.
Und unser Weg zur Professur im Bereich akademischer Lehramtsausbildung war:
1. Staatsexamen, 2. Staatsexamen, Berufserfahrung an einer Schule, Promotion, Habilitation, dann Professur irgendwann zwischen 40 und 50 Jahren und wenn dann keine ergattert, dann weiter Taxifahrer.
Der Begriff "Postadoleszenz" entstand für unsre Spezies der mittelalten Darbenden im wissenschaftlichen Mittelstand, die sich trotzdem noch keine Familie leisten konnten und wie ergrauende StudentInnen wirkten.
Die gibt es heute noch en masse, obwohl es heute mit dem Bachelor, Master und der Jungprofessur ohne Promotion doch wieder weit reeller zugeht.
So darbten wir Wissenschaftlichen Hilfskräfte auf Schleudersitzstellen und sobald es ans Promovieren ging ,setzte ja ein ganz neuer Umgangston an, nämlich der, den die ZEIT mal das "Aufstiegsbedingte Mobbing" nannte. Dazu gehörte, dass du immer noch auf einem Schleudersitzjob saßest, wo der Vertrag alles halbes Jahr verlängert wurde.
Ich arbeitete daher noch nebenbei als Deutschlehrerin bei Inlingua, aber da machte mein Prof und seine Assistentin, die gleichzeitig seine Affäre war, gleich eine Mobbingperspektive auf: So schaffst du deine Promotion nie! In Wirklichkeit hieß das: Du meinst doch wohl nicht, dass du deine Halbtagsstelle an der Uni nur halbtags machen kannst und dann noch mehr woanders Geld verdienen kannst?
Geld ist doch nicht der Motor für Wissenschaft! Sondern die Ehre, dort (umsonst) arbeiten zu dürfen! Wenn du nicht willst, die Warteschlangen sind lang genug!
Nun war es ja so, dass ich mit meinem ADHS mit 1000 Tricks und Selbstregulationen eh arbeitete, um vorwärts zu kommen. Auch wenn ich sehr schnell war, hatte ich aber viele dicke fette Überreizungsqualen und Konzentrationsausfälle und Panikanfälle, alles galt es zu kaschieren.
Leben und arbeiten in der Scientific Community war aufregend und mit viel kreativem Chaos und Arbeiten bis in die Nächte und bis in die Weihnachtsfeiertage hinein - und es war herrlich und ich in meinem Element wie nie zuvor und es war gesundheitlich qualvoll und ungesund und wirtschaftlich eine Ausbeutung. Und alles mit dem Versprechen des Ruhms und des auf immer spannenden Arbeitslebens.
Fortsetzung folgt . . .
