Mein Mann ist schwer depressiv - ich brauche Hilfe

Hallo,

leider sind in den letzten Jahren die Freunde auf der Strecke geblieben und ich habe nicht wirklich jemanden, mit dem ich meine Sorgen teilen und bereden kann. Daher versuche ich es auf diesem Wege. Ich habe vielleicht das eine oder andere vergessen zu erzählen, aber ich glaube im großen und ganzen doch zu verstehen.

Ich habe nun fast alle Beiträge hier durchgelesen und musste jedesmal mit den Tränen kämpfen, denn die Beiträge haben mich alle tief berührt und ich kann eure Gefühle nachempfinden.

Ich selber bin 47 Jahre alt und auch ich lebe mit einem depressiven Mann zusammen. Wir sind nun seit 13 Jahren ein Paar, davon 5 Jahre verheiratet. Als ich ihn kennengelernt habe konnte ich von Depressionen nichts spüren, aber kurz nach unserem kennen lernen erzählte er mir seinen Lebensweg. Schwere Kindheit mit gewalttätigem Vater ….. Kinderheim ….. Abstieg in Alk. und Dro., Schlägereien…… Kann man kaum glauben, wenn man ihn heute so sieht.

Unser Zusammenleben war von Anfang an nicht leicht, der ganze Weg bis zum heutigem Tag war nur voller Steine……. Möchte das hier aber nicht alles auflisten, sonst schreibe ich hier noch Stunden.

Mein Mann war immer ein Workaholic, immer nur ein paar Stunden Schlaf, dann war er zufrieden. 1995 hatte er dann ein Burn Out und war für ein halbes Jahr in der Psychosomatischen Klinik. Er hatte wieder zu sich gefunden, jedoch nie zu 100 %, litt weiter unter leichten wiederkommenden Depressionen.

2005 hatte er 3 leichte Schlaganfälle aufgrund psychischen Stresses mit dem Finanzamt (wir waren mal selbstständig). Wir sind dann in die Insolvenz gegangen und kurze Zeit später kam der Dauerschwindel. Der Schwindel wurde immer schlimmer und 2007 hatte er dann einen versteckten Herzinfarkt …. Er fühlte sich zu nichts mehr tauglich, kann seitdem keiner Arbeit mehr nachgehen, kein Geld verdienen. Ein Workaholic im Stillstand – geht gar nicht. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht für so einen Mann……

Nach der Selbstständigkeit Arbeit für mich zu finden war nicht einfach, zu alt, zu lange aus dem Beruf raus, also Knochenarbeit in einer Baumschule, verdiene nicht all zu gut, aber es hält uns über Wasser. Er hat versucht Rente einzureichen, wurde abgelehnt, vom Staat bekommt er keinen Zuschuss, weil ich „zu gut“ verdiene, sprich über dem Existenzminimum liege. Hier nagt das Gewissen an ihm das ich mit der schweren Arbeit den Lebensunterhalt verdiene und er mit nichts beitragen kann.

Letztes Jahr im Oktober kam bei ihm ein Lagerungsschwindel hinzu, er ist fast abgedreht und ich hatte richtige Angst um ihn. Sie haben den Lagerungsschwindel nicht wirklich wegbekommen und Anfang diesen Jahres kam der Lagerungsschwindel dann nochmal und zwar ganz arg. Der HNO-Arzt konnte ihm helfen, aber mein Mann steckte inzwischen so tief in der Depression aufgrund des ewigen Dauerschwindels und dem psychischen Stress mit unserem Umfeld, dass er die Anweisung vom Arzt bekommen hatte nicht alleine zu sein, also habe ich meinen ganzen alten Urlaub und die Überstunden genommen um bei ihm zu sein. Es war ja auch schon wegen seiner schweren Depression ein Termin für die Psychosomatische Akutklinik vorhanden. Bis dahin mussten wir irgendwie durchhalten. Es war eine der schwersten Zeiten in meinem Leben, ich konnte nur hilflos daneben stehen und nicht im entferntestem helfen. Es tat so weh ihn so leiden zu sehen.

Er war dann 9 Wochen in der Akutklinik und hatte dort wohl auch kleine Fortschritte gemacht. Ich hatte in diesen Wochen wieder Zeit für mich bzw. konnte mein Akku wieder aufladen, denn ich hatte kaum noch Kraft, ich war total leer und ausgebrannt. Wir haben täglich telefoniert und es tat gut wieder mit ihm reden zu können, denn das konnten wir vorher schon so gut wie überhaupt nicht mehr. Ich war letztendlich total überfordert mit seiner Depression und bin selber in depressive Phasen/Verstimmungen gerutscht, die dann auch in Agressionen übergetreten sind und so hatten wir uns zuletzt häufiger gestritten als unterhalten. Ich habe hier leider auch meinen Beitrag zugetan um ihn weiter in die Depression zu stürzen :) Ich habe ihn und seine Gefühle einfach nicht verstehen können.

Nach seiner Rückkehr war er total verändert. Er war nur noch mit seiner Gruppe auf dem Handy am chatten (alles Frauen) von morgens bis abends. Ich selber stand außen vor, fühlte mich total ausgeschlossen aus seinem Leben was die Eifersucht in mir entfacht hat und letztendlich auch die Angst ihn zu verlieren, denn wenn ich eines in diesen Wochen gemerkt habe, dann das wie sehr ich diesen Mann liebe und in meinem Leben brauche. Das hat sich aber inzwischen geregelt und er erzählt mir auch viel von diesen Frauen und ihren Geschichten, es ist so eine Art Selbsthilfegruppe für ihn.

Da die Wirkung der Klinik nicht lange angehalten und die Depression sich inzwischen wieder verstärkt hat, verschlinge ich seit Tagen alles über Depressionen, damit ich ihn endlich verstehen und dementsprechend unterstützen kann. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und es ist nicht immer leicht für mich meinen Mund zu halten, aber ich bin dabei zu lernen. Mein Mann liebt mich und das weiß er auch, auch wenn er es nicht immer fühlt ……. Ich versuche viel mit ihm zu reden und sage ihm auch immer wieder das ich ihn liebe und immer an seiner Seite sein werde, immer für ihn da bin und er sich auf mich verlassen kann.

Laut seiner Therapeutin soll ich mich einer Selbsthilfegruppe anschließen, damit ich lerne mit seiner Depression umzugehen, denn er ist laut Auskunft mehrerer Therapeuten nicht mehr therapiefähig, weil er zu viele Therapien in seinem Leben hatte und sich daher selber bis zu einem gewissen Maß unter Kontrolle halten kann, aber diese Depression nicht wieder loswerden wird. Eine Selbsthilfegruppe gibt es hier in unserer Stadt und Umgebung leider nicht, so habe ich mich im Internet umgesehen und bin auf dieses Forum gestoßen…….

Ich hoffe, dass mir Eure Erfahrungen und der Austausch hier helfen wird mit der Depression meines Mannes umzugehen und danke Euch für das durchlesen.

Liebe Grüße

PS, Ich vergass zu erwähnen das er auch unter vielen und schweren Panikattacken leidet ......

23.06.2013 22:42 • #1


Albarracin
Hallo fiasko,

was beim Lesen Deines Beitrages sofort ins Auge sticht, ist, daß Du fast nichts über Dich schreibst. Weder, was du tust (bist Du berufstätig) noch wie sich die Depression Deines Mannes für Dich anfühlt und auf dich wirkt. Einzige Ausnahme ist Deine Frage nach der Selbsthilfegruppe.

Oberste Priorität allerdings bei Angehörigen von psychisch kranken Menschen ist allerdings der Selbstschutz - ggfs. mit professioneller Hilfe. Da kann Dir die Therapeutin Deines Mannes auch letztendlich nicht weiterhelfen, denn sie ist im Zweifelsfall Partei - zugunsten Deines Mannes. Allein schon die Erschöpfung bzw. Müdigkeit, die aus so mancher Deiner Formulierungen durchschimmert, ist Grund genug, sich selbst um ärztliche Hilfe zu kümmern. Das Allermindeste wäre ein Gespräch mit Deinem Hausarzt/Hausärztin über Deine Lebensumstände und evtl. Unterstützungsmöglichkeiten für Dich selbst und die Aufgabe, die Du Dir da aufbürdest. Das kann vielleicht eine Selbsthilfegruppe sein, aber auch eine eigene ambulante Therapie oder vielleicht eine Reha.

Nur wenn Du für Dich selbst sorgst und dabei auch kritisch überprüfst, ob Du Dich vielleicht nicht zuviel um Deinen Mann kümmerst, kannst Du ihn wirkungsvoll und dauerhaft unterstützen und begleiten. Was Du hier nämlich nicht bekommen wirst, sind Tipps zur evtl. "Co-Therapie" oder aber zum Überbetütteln. Vergesse nicht, daß Dein Mann nach wie vor durchaus trotz Krankheit eine Eigenverantwortung hat und diese auch von Dir eingefordert werden muß. Dazu muß man über klare Regeln für den Umgang miteinander reden können und Vereinbarungen treffen - zB zur Übernahme von Aufgaben im Haushalt, um Dich zu entlasten.

Wenn Du nicht nach Dir selbst schaust und Dir nicht eigene Freiräume, ein eigenes Leben bewahrst, wirst Du Deinem Mann auf Dauer nicht helfen, weil Du irgendwann genauso krank wirst und dann mit ihm das Krankenlager teilst.

24.06.2013 11:46 • #2


David Spritz
Hallo fiasko!

Erstmal Kompliment, dass Du trotz allem zu Deinem Mann stehst! Während körperliche Erkrankungen Menschen häufig enger zusammenrücken lassen, haben psychische Krankheiten die furchtbare Eigenschaft, Menschen zu entzweien. Es heißt zwar so schön "in guten wie in schlechten Zeiten", aber damit hat es zum Beispiel meine Frau dann plötzlich nicht mehr so wörtlich genommen, nachdem ich depressiv geworden war. Also: Respekt!

Zitat von fiasko:
Ein Workaholic im Stillstand – geht gar nicht. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht für so einen Mann……

Ich denke, dass das Workaholic-Sein ihn überhaupt erst in die Depression geführt hat. Er hat sich selbst überfordert und hat damit Schiffbruch erlitten. Von dieser "Leistungsschiene" wird er sich für immer verabschieden müssen, so bitter das auch für ihn sein mag. Aber die Signale, die er von seiner Psyche bekommt, sprechen da für mich eine ganz, ganz klare Sprache.

Dass man mit anderen Betroffenen besser über seine Depressionen sprechen kann als mit seinen nicht-betroffenen Angehörigen, ist zwar traurig, aber ganz normal. Darüber würde ich mir keinen Kopf machen! Es ist im Gegenteil sogar ein guter Weg der Selbsthilfe für ihn, eine Möglichkeit zur positiven Einflussnahme auf sein Wohlbefinden. Du solltest ihn also sogar dazu ermutigen statt ihn daran zu hindern, auch wenn dann bei Dir die Eifersucht kommt. Aber das ist dann *Deine* Baustelle, denn wenn er Dich wirklich liebt, dann gibt es für Eifersucht doch gar keinen Grund!

Sich mit anderen Angehörigen auszutauschen halte ich auch für eine sehr, sehr gute Idee. Hier im Forum kannst Du das zwar in Ansätzen auch tun, aber bei regelmäßigen persönlichen Treffen kann man glaub ich wesentlich besser in die Tiefe gehen. Überhaupt solltest Du Dich mehr mit Dir und weniger mit ihm beschäftigen, das würde Euch sicher beiden helfen! Klar würdest Du sein Leid gerne auf Deinen Schultern mittragen, damit es ihm wieder ein wenig besser geht! Aber so funktioniert es nunmal nicht. Es hilft ihm wesentlich mehr, wenn es Dir gelingt, innerlich eine gewisse Distanz zu seinem Leid aufzubauen und ein wenig nüchterner und objektiver zu werden. Auch wenn das vielleicht irgendwie lieblos klingt, aber wenn seine Depression Eure Liebe nicht vernichten soll, musst Du wahrscheinlich, zumindest in den ganz schwierigen Phasen, ein wenig kürzer treten, was emotionale Nähe betrifft.

Auf Aussagen von Therapeuten und/oder Psychiatern, dass jemand nicht therapierbar sei oder für immer depressiv bleiben werde, würde ich nicht allzu viel geben!

24.06.2013 11:54 • #3


Erstmal vielen Dank Euch Zweien für Eure Meinungen. Ich habe einfach erst mal nur meine Gedanken aufgeschrieben die mir zuerst in den Sinn kamen. Das ich nichts von mir geschrieben habe, ist mir später auch aufgefallen, war aber schon zu müde um darauf noch einzugehen......

Wie ich oben schon erwähnt habe, arbeite ich in einer Baumschule. Ist zwar nicht gut für meine Knochen (bin leider Athrose vorgeschädigt), aber es ist einfach nicht leicht eine Arbeit zu finden, die halbwegs anständig bezahlt wird.

Ja, in den letzten Jahren haben sich viele von uns zurückgezogen, weil nie abzuschätzen war wie sich mein Mann gerade fühlte. Sie hatten wohl Angst zu stören oder einfach zum falschen Zeitpunkt zu kommen. Meine Freundin habe ich schon vor langer Zeit durch einen Umzug verloren. Mein einziger Ansprechpartner wäre meine Mutter, aber die wäre viel zu sehr emotional eingebunden und damit sie sich keine Sorgen um mich machen muss und auch schon 79 ist, möchte ich sie nicht weiter beunruhigen und versuche halt meine Maske aufrecht zu halten sowie ich es auch in meiner Firma tue. Meine Mutter weiß um den Zustand von meinem Mann, aber nicht den wirklichen Umfang. Wie gesagt haben wir in den letzten Jahren die paar Freunde einbüßen müssen und da das Geld knapp ist auch nicht weiter ausgehen können, sitzt man irgendwie zu Hause fest. Das wiederrum ist für meinen Mann nicht gut, weil er ständig Panikattacken bekommt und dann raus muss. So habe ich zur Zeit nur den Kontakt zu meinen Kolleginnen und zu einigen Nachbarn, aber nicht weiter freundschaftlich it Ihnen verbunden. Für neue Freunde oder andere Freizeitgestaltung bin ich einfach zu müde wenn ich nach Hause komme. Bin nach wie vor total erschöpft.

Wie fühle ich mich mit der Depression meines Mannes ….. Die Jahre habe mich ausgepowert, ich musste mich ständig bewegen, war irgendwie rastlos geworden. Habe unseren Garten umgestaltet und bin zur peniblen Gartenbesitzerin geworden. Aber ganz arg war für mich das letzte halbe Jahr mit ihm als der Schwindel überhand genommen hatte und somit auch die Depression.Ich war ständig überfordert . Aber so richtig schlimm ist es für mach nach der Rückkehr meines Mannes geworden. Seine Veränderung hat mich irgendwie umgehauen und natürlich beschäftigt, die bis dato nicht gekannte Eifersucht nagt nun öfters an mir. Eine Zeitlang war es sogar so schlimm das ich Angst vor der Zukunft hatte, selbst der große Garten hat mir auf einmal Angst gemacht das ich ihn nicht mehr geregelt bekomme wie auch der Haushalt, war wie gelähmt, habe dann selber gemerkt das ich in die falsche Richtung laufe und mich selbst kurz vor einer schlimmeren Erkrankung befinde und irgendwie die Notbremse ziehen muss, wenn ich nicht selber in eine Depression stürzen will. Dann ist bei mir auch das Licht aufgegangen das ich vieles falsch gemacht und ihn vorher einfach nicht richtig verstanden habe. Ich lebe nun mit dem ständigen Selbstvorwurf das ich eine dumme Ziege bin, weil ich ihn all die Jahre mit unnötigen Streitereien in die Enge getrieben habe. Nun versuche ich wieder mal alles zu unterdrücken oder zu verdrängen, was mir in den letzten Jahren ja irgendwie gelungen war, jetzt funktioniert es aber nicht mehr. Mein Selbstwertgefühl ist den Bach runter, fühle mich nicht mehr gut genug für ihn, mache mich schlechter als ich bin. Fühle mich zu dick, zu hässlich und die anderen Frauen sind doch alle eh besser und intelligenter als ich. Ich mache und tue und bekomme irgendwie nichts zurück oder kaum etwas. Meine Nähe ist mal erwünscht, mal weniger. S. läuft es trotzdem gut muss ich dazu sagen. Er sagt mir auch immer wieder das er nicht an anderen Frauen interessiert ist.

In einem anderem Beitrag habe ich die Empfehlung gelesen das Buch "Wenn der Mensch den man liebt depressiv ist" zu lesen. Ich habe es mir nun im Internet besorgt und warte auf die Ankunft.

Aufgrund seines Schwindels hat er kaum Möglichkeiten mir im Haushalt zu helfen. Ich packe die Wäsche in die Maschine und er stellt sie dann mal an oder er räumt mal den Geschirrspüler aus, aber sonst kann er nicht viel helfen, hat vielleicht auch keine Ambitionen dazu. Vieles vergisst er auch einfach, wenn ich ihm morgens etwas auftrage. Inzwischen mache ich kleine Notizzettel und hänge sie an seinen PC. Im Garten kann er mir überhaupt nicht helfen, da stehe ich dann auch alleine mit den 3000 qm, aber irgendwie schaffe ich es wieder ihn gut aussehen zu lassen.

Was wir jetzt aber wieder können ist uns jetzt auch in Ruhe zu unterhalten und doch wühlt es mich mehr auf als das es mich beruhigt. Ich selber hatte jetzt bereits 3 x Panikattacken mitten in der Nacht. Der Blutdruck schoss in die Höhe, ich war total unruhig, musste raus aus dem Bett und bin spazieren gegangen, einmal sogar Auto gefahren und als es einfach nicht besser wurde, hat sich mein Mann zu mir gelegt (wir haben aufgrund seines Schnarchens getrennte Schlafzimmer seit einem Jahr) und sein Herzschlag hat mich dann ruhiger werden und irgendwann einschlafen lassen.

Ich weiß, dass ich mich mehr auf mich konzentrieren muss, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich komme einfach nicht aus meinem Teufelskreis heraus :( Da es keine Selbsthilfegruppe in unserer Nähe gibt, wäre dann wohl nur noch der Weg zu einem eigenen Therapeuten, obwohl ich mich nicht wohl bei diesem Gedanken fühle.


Und David ...... wenn ich einen Menschen wirklich und aufrichtig liebe, dann teile ich doch auch die schlechten Zeiten mit ihm und bei meinem Mann hatte ich eigentlich mehr schlechten Zeiten als gute ........ er ist einfach der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Liebe Grüße

24.06.2013 19:38 • #4


David Spritz
Zitat von fiasko:
Ja, in den letzten Jahren haben sich viele von uns zurückgezogen, weil nie abzuschätzen war wie sich mein Mann gerade fühlte. Sie hatten wohl Angst zu stören oder einfach zum falschen Zeitpunkt zu kommen.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es Leute gibt, die plötzlich nichts mehr mit einem zu tun haben wollen, wenn man sagt: "Ich bin depressiv." Das trägt natürlich nicht gerade zur Anhebung des eh schon angeknacksten Selbstwertgefühls bei! Aber andererseits trennt es auch die Spreu vom Weizen. Auf Menschen, die einen plötzlich nicht mehr mögen, weil man depressiv ist, kann man auch verzichten.

Zitat von fiasko:
Meine Freundin habe ich schon vor langer Zeit durch einen Umzug verloren. Mein einziger Ansprechpartner wäre meine Mutter, aber die wäre viel zu sehr emotional eingebunden und damit sie sich keine Sorgen um mich machen muss und auch schon 79 ist, möchte ich sie nicht weiter beunruhigen und versuche halt meine Maske aufrecht zu halten sowie ich es auch in meiner Firma tue.

Gar keine Ansprechpartner zu haben, ist natürlich kritisch. Ein Grund mehr, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Vielleicht lernst Du dort jemanden kennen, der/die auf Deiner Wellenlänge ist! Gibt es wirklich keine in Deiner Nähe? Vielleicht musst Du einfach ein bisschen weiter fahren!?

Zitat von fiasko:
Ich lebe nun mit dem ständigen Selbstvorwurf das ich eine dumme Ziege bin, weil ich ihn all die Jahre mit unnötigen Streitereien in die Enge getrieben habe.

Ich finde nicht, dass Du eine dumme Ziege bist. Wenn ich mal diagnostizieren darf: Deine Gartenarbeit war eine Art Flucht vor Deinen Ängsten, aber Du musstest Dir selbst immer mehr aufhalsen, damit es noch wirkt. Das ist das beste Rezept, um einen Burn-Out zu kriegen, mir selbst genau so passiert. Im Gegensatz zu Deinem Mann und mir hast Du es allerdings vorher gemerkt und die Notbremse gezogen. Du scheinst über eine gute Resilienz zu verfügen, Du darfst Dir selbst also ruhig mehr zutrauen. Und Du hast es immer so gut gemacht, wie Du es zum jeweiligen Zeitpunkt konntest. Dass Dir "erst jetzt" klar geworden ist, dass bestimmte Teile Deines Verhaltens seine Depression noch gefördert haben, kann man Dir nicht vorwerfen. Ich würde sogar im Gegenteil behaupten, dass man es Dir zugute halten kann, dass Du es *überhaupt* gemerkt hast. Dafür darfst Du Dich mal loben. Und überhaupt, wenn Du selber eine bessere Meinung von Dir hättest, hättest Du auch keinen Grund mehr zur Eifersucht, weil ja dann die anderen Frauen in Deinen Augen nicht mehr attraktiver wären als Du. Und in *seinen* Augen scheinen sie es ohnehin nicht zu sein!

Wieder ein Grund mehr für die Selbsthilfegruppe: Hier kannst Du noch mehr darüber lernen, wie die Dynamik zwischen Depressiven und Angehörigen ist und welche Faktoren es möglicherweise noch geben kann, mit denen Du als Angehörigen den Zustand Deines Mannes ungewollt noch verschlimmerst. In Deinem Buch wird zu diesem Thema sicher auch Einiges stehen! Ich kenne es aber nicht, denn ich bin ja wie gesagt Betroffener und kein Angehöriger. Oder besser: ehemals Betroffener, bin seit über 1 Jahr so gut wie beschwerdefrei.

Zitat von fiasko:
Aufgrund seines Schwindels hat er kaum Möglichkeiten mir im Haushalt zu helfen. Ich packe die Wäsche in die Maschine und er stellt sie dann mal an oder er räumt mal den Geschirrspüler aus, aber sonst kann er nicht viel helfen, hat vielleicht auch keine Ambitionen dazu. Vieles vergisst er auch einfach, wenn ich ihm morgens etwas auftrage. Inzwischen mache ich kleine Notizzettel und hänge sie an seinen PC.

Das bringt so glaub ich nichts. Auch wenn er Dir vielleicht hilflos vorkommt, er ist aber kein kleines Kind und muss selbst Verantwortung übernehmen. Er braucht einen eigenen, abgeschlossenen Bereich von Aufgaben, die er eigenverantwortlich bewältigt und bei denen er auch selbst davon überzeugt ist, das bewältigen zu können. Da ist *sein* Urteilsvermögen gefragt, nicht Deins. Auch wenn seins momentan wahrscheinlich ziemlich getrübt ist, aber es hilft ja nichts, das Leben muss ja weitergehen!

Zitat von fiasko:
Und David ...... wenn ich einen Menschen wirklich und aufrichtig liebe, dann teile ich doch auch die schlechten Zeiten mit ihm und bei meinem Mann hatte ich eigentlich mehr schlechten Zeiten als gute ........ er ist einfach der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Wie gesagt, das sieht nicht jeder so. Wenn ich eine Partnerin hätte und sie plötzlich schwer krank würde, würde ich auch überlegen, ob ich mir das überhaupt zumuten möchte, "nur" weil ich es mal irgendwann im Liebesrausch versprochen habe. Wahrscheinlich würde ich mich aber so wie Du *dafür* entscheiden.

25.06.2013 08:22 • #5


Danke für Deine Meinung. Da er nicht mit mir darüber redet, also über seine Gefühle etc., kann ich nur reagieren und nicht agieren. Wir hatten jetzt einen schlimmen Streit am Freitag, der eigentlich absolut unnütz war, nur weil ich ihm eine Frage gestellt habe, die er für sich als negativ empfunden hat. Seine Wut oder seinen Ärger hat er dann einer Internet-Bekanntschaft mitgeteilt statt mir, der er es eigentlich hätte mitteilen müssen. Der Abend war für mich die totale Folter, weil er nicht mehr mit mir reden wollte. Er hat die Tür hinter sich zugemacht und mich somit ausgesperrt :( Ich hatte null Zugang mehr zu ihm. Das war eine neue Erfahrung für mich und sie hat mich unendlich traurig gemacht um nicht zu sagen das ich verzweifelt war und die ganze Nacht geweint habe :(

Wir reden zwar wieder miteinander, aber es läuft nicht rund und ich fühle mich mehr als schlecht, denn ich weiß das wir in die falsche Richtung laufen. Er unternimmt absolut nichts um eine Therapeutin aufzusuchen, was ja die Empfehlung der Klinik war. Er will erst in die Klinik, wenn ich Urlaub habe, weil er meinen Urlaub nicht mit mir teilen möchte, weil er Angst davor hat :(

Nun habe ich mich heute hingesetzt und in die gelben Seiten geschaut und eine (nach der Auskunft) sehr gute Therapeutin für ihn gefunden, die Tiefenpsychologie und Traumatik "behandelt" und ihn gebeten dort einen Ternin zu machen. Er wollte sich drum bemühen, aber ob er es macht .... keine Ahnung. Er simst den ganzen Tag mit über sein Handy, ich selber bin im Moment wohl nicht angesagt :( und damit zeigt er mir mal wieder das ich für ihn und seine Gesundung nicht wichtig bin, im Gegenteil wohl eher störend. Für mich selber habe ich jetzt auch einen Psychotherapeuten rausgesucht, der sich unter anderem auf Depressionen und Selbstwertgefühl spezialisiert hat. Ich denke, er kann mir evtl. weiterhelfen. Er macht auch Paartherapie und wenn sich mein Mann dagegen nicht mehr sträubt, könnte man ihn evtl. da mit hineinziehen oder auch nicht. Vielleicht müsste man sich dann jemand anderen dafür suchen.

Ich weiß jetzt auf jedenfall nicht weiter, bin total down und überlebe warum ich überhaupt noch lebe :( Es ist so demütigend jeden Tag angemault und als Partnerin immer wieder zurückgewiesen zu werden. Ich fühle mich einsam und unverstanden, ungeliebt und als Frau nicht mehr anziehend. Muß immer wieder gegen die Tränen ankämpfen, weil ich einfach nicht mehr kann. Irgendwie fühle ich mich auch nur noch benutzt von ihm. Hauptsache seine Wäsche ist sauber und das Essen steht auf dem Tisch

Das Buch ist im übrigen schon hilfreich, aber das darin geschriebene sofort umzusetzen ist leider nicht möglich, vor allem nicht wenn der Partner nicht mit zur einer Paartherapie gehen möchte um wieder das kommunzieren zu lernen bzw. es zu überarbeiten ohne das es gleich zum Streit führt.

07.07.2013 14:39 • #6


Steffi
Hallo fiasko,

Dein Username passt tatsächlich gut zu Deiner Situation. Es lässt mich nicht unberührt, was ich da von Dir lese.
Über eine Äußerung von Dir bin ich eben gestolpert :
Zitat:
dann teile ich doch auch die schlechten Zeiten mit ihm und bei meinem Mann hatte ich eigentlich mehr schlechten Zeiten als gute ........ er ist einfach der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Was genau macht ihn für Dich zum wichtigsten Menschen in Deinem Leben ?

07.07.2013 16:41 • #7


Liebe Steffi,

als ich ihn kennengelernt habe war er einfach der beste Mensch den ich in meinem Leben getroffen habe. Er war lieb, aufmerksam und war einfach für mich da, er gab mir Sicherheit und Geborgenheit. Er hat ein gutes Herz und ist sehr sozial eingestellt, selbst jetzt noch mit seiner Depression versucht er anderen mit Depressionen oder sonstigen Schwierigkeiten zu helfen. Es würde ihm auch bei seiner Situation helfen sagt er. Aber in den letzten Jahren hatte er sich immer mehr in sich zurückgezogen, war bis vor kurzem 4 Jahre bei einer Ärztin in Therapie, die keine Facharztausbildung zur Psychologin hat und das hat alles noch veschlimmert. Als ich ihm das gesagt habe, meinte er nur das ich doch gar keine Ahnung davon habe. Als sie ihm dann Anfang diesen Jahres mitgeteilt hat, dass sie ihn wohl in den Jahren falsch "behandelt" hätte, ist für ihn eine Welt zusammengebrochen, denn man baut ja eine Vetrauensbasis auf. Das hatte ihm den Rest gegeben und deshalb auch die Akutklinik.

Auch wenn es jetzt sehr, sehr schwer für mich ist, ich weiß ja was er eigentlich für ein Mensch ist und meine Gefühle für ihn sind noch genauso wie vor vielen Jahren. Ich liebe ihn einfach, er ist mein Zuhause, auch jetzt. Aber trotz alledem bin ich inzwischen so verzweifelt, weil ich ständig zurückgewiesen werde und das jetzige Wochenende das Gefühl habe er geht mir aus dem Weg, nicht die Zeit mit mir verbringen zu müssen :( Es bringt mich fast um dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins und das er anderen seine Gefühle mitteilt und mich im Regen stehen lässt. Ich hoffe, dass ich mir einen guten Therapeuten rausgesucht habe, der schnellstens Zeit für mich hat und mir auch helfen kann mich aus meiner Situation zu befreien. Ich weiß ja das wir uns so immer nur weiter voneinander entfernen und das zerreißt mir das Herz.

07.07.2013 19:18 • #8


Knoten
Hallo fiasko,

es ist schwer dir etwas zu raten.
Vielleicht liege ich auch völlig daneben mit meiner Einschätzung.

Ich frage mich bei allem was du schreibst, ob du vielleicht ein wenig zu viel Druck auf deinen Mann ausübst...
Vielleicht muss das alles bei deinen Mann erst einmal sacken.

Ich kann natürlich verstehen, dass du alles versuchen möchtest, deinem Mann zu helfen. Doch manchmal ist weniger mehr.
Es gibt Zeiten, da braucht man eine Auszeit von Therapie und ständigem Auseinandersetzen mit sich selber. Es tritt eine Art Erschöpfung ein. Ein ausgebrannt sein, wie man es nach einer aus seelischem Schmerz durch weinten Nacht empfindet. Es sind einfach keine Tränen mehr da, aber der Schmerz bleibt.

Gerade bei einer Traumatherapie, in der man traumatische Zeiten erneut in der Seele durchlebt. Die Bilder sich wieder im Kopf formen, die Hilflosigkeit und der Schmerz, den man selber dabei empfindet.

Eine andere Psychotherapie muss nicht zwangsläufig eine falsche Therapie sein. Doch damit konfrontiert zu werden, dass diese Jahre "für die Katz" waren, empfinde ich schon als heftig.

Mir wurde auch letztes Jahr in einem Entlassungsbericht eine Traumatherapie angeraten, doch ich fühle mich einfach noch nicht bereit dazu.

Liebe fiasko, frage deinen Mann, ob er sich bedrängt und oder überfordert von deiner Aktivität fühlt. Ganz sanft, ohne tiefer zu bohren. Nur diese einfache Frage.

Ich hoffe du bist mir nicht böse, dass ich versuche deinen verfahrene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Doch es gibt Momente, wo man ein Schritt zurück gehen muss, um vorwärts zu kommen. Oder wie bei einer Sackgasse, wenden und einen anderen Weg suchen.

Das was ich dir hier schreibe, sehe ich aus meinem Blickwinkel, der durch meine Erfahrung geprägt ist.
Es kann natürlich auch alles anders sein. Aus der Ferne sieht vieles anders aus.

Grüßle,
Bettina

08.07.2013 07:42 • #9


Hallo Bettina,

lieben Dank für Deine Antwort.

Seine letzte Therapie war in der Akutklinik im Februar/März diesen Jahres, seither war er bei keinem Psychologen/-therapeuten. Er hatte vor 3 Wochen ein Erstgespräch mit einer von seinem Arzt empfohlenen Psychologin, aber selbst die meint das er keine Therapie mehr braucht bzw. keine mehr bei ihm hilft, weil er zu therapieerfahren ist.

Ich bin ja nicht ganz unschuldig daran das es ihm jetzt wieder so schlecht geht. Ich hatte keine Erfahrung mit Depressiven und die ständigen Auseinandersetzungen mit mir haben ihm stark zugesetzt, aber ich bin so ein emotionaler Mensch und kann mich manchmal einfach nicht im Zaum halten. Klar will ich ihm helfen, sehe aber auch mich und meine Bedürfnisse und diese zurückhalten kosten mich viel Kraft und ich breche öfters in Tränen aus was ich nicht will, weil er sich dann dadurch wieder schuldig fühlt. Ich kann es aber einfach nicht ändern, ich fühle mich nun einmal verloren und aus seinem Leben ausgeschlossen, ich habe Angst um unsere Liebe. Bisher hatten wir immer noch Kuschelstunden, aber die gibt es jetzt auch nicht mehr. Er hat sich komplett von mir zurückgezogen und fühlt sich auch bedrängt, ich habe ihn gerade gefragt. Ich würde ihn immer so bombardieren mit meinen ganzen Fragen. Ich weiß einfach nicht wie ich mit meinen Gefühlen umgehen soll :( Ich kann sie doch nicht mal eben so abstellen, als würde ich einen Schalter umlegen. Die Nachrage bei einer Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen hat leider kein Erfolg gebracht. Es gab mal eine vor einem halben Jahr, jetzt aber nicht mehr und mein Mann hat mir heute mitgeteilt das ich mir eine weibliche Therapeutin suchen soll und keinen männlichen......Also muss ich mich gleich wieder im Internet nach einer geeigneten umschauen um ihm da entgegen zu kommen.

Das eigentliche Problem ist aber einfach das wir uns nicht mehr unterhalten können. Alles was ich sage ist falsch bzw. würde ich versuchen ihn zu manipulieren wenn ich ihm meine Meinung zu einem Thema darlege, eine normale Unterhaltung ist einfach nicht mehr möglich. Wenn er dann mit seinen Mädels aus seiner ehemaligen Klinikzeit telefoniert oder chattet ist er unwahrscheinlich freundlich, lieb und rücksichtsvoll und schmunzelt vor sich hin. Dadurch fühle ich mich so verletzt dass ich wieder in die agressive Phase überwechsel. Ich habe das Gefühl wenn ich nichts tue und mich gar nicht mehr um ihn kümmere, wir uns noch weiter voneinander entfernen und ich ihn verlieren werde

Ich brauche Hilfe, dass merke ich selber. Ich würde ihn gern bedinungslos unterstützen, aber ich schaffe es einfach nicht die emotionale Seite an mir abzustellen. Ich weiß auch nicht, ob eine Therapeutin mich dahinbekommen würde.

Bin aber hier für jede Art von Ratschlägen sehr dankbar.

08.07.2013 17:21 • #10


David Spritz
Ob Du Dir von einem Therapeuten oder einer Therapeutin helfen lässt, ist doch nicht *seine* Entscheidung. Er schafft es ja nicht mal selbst, sich jemanden zu suchen, also wieso sollte er bei Dir Ansprüche erheben dürfen! Das Suchen eines Therapeuten für ihn solltest Du übrigens ihm allein überlassen und ihm keine Adressen oder Telefonnummern raussuchen. Das ist ein wichtiger Schritt für einen Depressiven, den er aus eigenem Antrieb gehen muss. Sonst bleibt es immer "der Therapeut, den mir meine Frau ausgesucht hat".

Ansonsten sitzt Ihr grad echt in einer Zwickmühle. Von seiner Seite wird er dagegen aufgrund seiner Depression momentan nicht viel machen können, da wahrscheinlich grad viel mehr auf ihn einprasselt als er verarbeiten kann. Du kannst also nur bei Dir selbst ansetzen und bei Deinen Ängsten. Bitte sei mir nicht böse, ich kenne Dich ja nicht und stecke nicht drin, aber viele Deiner Ängste kommen mir irrational oder zumindest übertrieben vor. Das Dumme an solchen Ängsten ist nur, wenn man sie zu lange hat, dann führt das oft erst dazu, dass genau das eintritt, wovor man Angst hat. In Wirklichkeit aber gibt es für Dich keinen Grund, Angst zu haben. Nur kannst Du das (noch) nicht erkennen. Wende Dich ein wenig von ihm ab und ein wenig mehr Dir selbst zu, zum Beispiel im Rahmen einer Therapie, dann wird es Euch beiden besser gehen. Und wenn Du mit ihm sprichst, dann sprich auch mehr über Dich und weniger über ihn, das nimmt den Druck raus. Sonst steht er immer im Zentrum der Aufmerksamkeit, und das kann man als Depressiver überhaupt nicht gebrauchen. Du musst auch Deine Gefühle nicht abschalten, sondern versuch doch mal, mit ihm über Deine Gefühle zu reden, aber ohne ihm das Gefühl zu geben, er sei für Deine Gefühle verantwortlich. Denn das ist er nicht, sondern jeder ist selbst für seine Gefühle verantwortlich. Aber wenn er Deine Gefühle kennt, dann wird es ihm vielleicht auch irgendwann wieder möglich, mit Dir über seine zu sprechen.

Ein großes Problem, an das ich mich aus meiner depressiven Zeit erinnere, ist auch, dass man als Depressiver ziemlich viele "unpopuläre" Gefühle hat, also Gefühle, die nicht so alltäglich und gängig sind und bei denen man fürchten muss, verurteilt zu werden, wenn man darüber spricht. Und für den Depressiven selbst sind diese Gefühle ja ebenfalls nicht "normal" und sie machen ihm Angst oder er schämt sich dafür, was es umso wichtiger macht, darüber reden zu können, ohne verurteilt zu werden. Da Depressionen oft mit Ängsten gekoppelt sind, fällt es nochmal schwerer, das Vertrauen aufzubringen, mit seinem Partner darüber zu reden. Für den Partner ist es aber auch schwer, sich diese Gefühle anzuhören, weil sich solche unglaublich düsteren Abgründe auftun, deren Anblick man als Nicht-Betroffener offenbar kaum aushalten kann. Ich zum Beispiel habe damals meiner Frau gesagt, dass ich momentan nicht mehr in der Lage sei, Gefühle zu empfinden, außer Angst. Auch keine Liebe, weder für sie noch für unsere Kinder. Wie würdest Du reagieren, so etwas zu hören? Würdest Du das wirklich hören wollen? Willst Du wirklich an der Welt eines Depressiven teilhaben? Es ist sehr finster, kalt und lebensfeindlich dort. Kein Ort, an dem man sich freiwillig aufhalten möchte!

Ich bin kein Fachmann, aber ich würde Euch zu mehr Abstand raten, bevor Ihr Euch wieder näher kommen könnt. Ob das nur emotionaler oder womöglich sogar räumlicher Abstand sein muss, wage ich nicht zu beurteilen. Aber ich habe so das Gefühl, Ihr sitzt Euch zu dicht auf der Pelle und Du leidest mit ihm mit, was aber weder Dir noch ihm hilft. Ihr habt es beide momentan schwer, jeder auf seine Art, aber keiner von Euch ist in der Lage, dem Anderen sein Leid abzunehmen. Jeder muss für sich damit fertig werden, und Eure Berührungspunkte scheinen mir momentan noch zu zahlreich dafür. Aber praktische Tipps zur Umsetzung kann ich Dir auch nicht geben, das ist eine echt schwierige Situation!

11.07.2013 22:23 • #11


Lieber David,

ich danke Dir unendlich für Deine Antwort. Du glaubst gar nicht wie Du mir damit geholfen hast Du kannst als ehemaliger Depressiver mir das Thema wirklich näherbringen als mein Mann. Er hatte es ja schon öfters versucht, aber irgendwie habe ich es nicht wirkich verstanden. Er sagt auch immer das er allen helfen kann nur mir nicht, weil er mit emotional zu nah steht.

Ich soll mir eine weibliche Therapeutin suchen, weil er sagt das Frauen einfühlsamer und verständnisvoller sind als Männer. Meine auserkorene ist ab dem 15.7. wieder zu erreichen und ist eine Dame Ende 60. Die sollte mich dann endgültig auf die richtige Bahn bringen, hoffe ich.

Ich werde ab jetzt versuchen Deine Ratschläge umzusetzen, habe meinen Mann auch kurz drauf angesprochen und er findet es gut.

Nochmals lieben Dank an Dich.

LG

12.07.2013 12:26 • #12


David Spritz
Hab ich gern gemacht. Wenn ich Euch damit helfen konnte, gibt mir das das Gefühl, meine Krankheit war zu etwas gut. Ich habe meinen eigenen Beitrag auch gerade nochmal durchgelesen und den Eindruck gewonnen, dass ich es wirklich nicht treffender hätte ausdrücken können. Ich unterstreiche also hiermit nochmal ganz fett, was ich da geschrieben habe.

Wenn Du noch mehr Fragen an einen Ex-Betroffenen hast, einfach hier im Thread posten! Ich schaue ab und zu mal rein.

14.07.2013 11:25 • #13


Das werde ich gerne machen. Dank Deines Beitrags sind die letzten 2 Tage relativ gut verlaufen, dass heißt ohne Streit Jetzt fällt mir auch auf wie unruhig er ist bzw. irgendwie chaotisch bzw. unsortiert. Kann ich gar nicht richtig beschreiben, fast wie ein verwirrter Professor und er wird immer vergesslicher ist mir aufgefallen. Ich hoffe, wenn ich das so durchhalte (es ist nicht einfach auf Nähe und Liebe zu verzichten) das es ihn dann ein wenig entspannt und somit auch unsere Beziehung und es dann auch wieder zu mehr Nähe kommt. Ausserdem setze ich einiges auf meine eigene Therapie, wenn die Therapeutin der Meinung ist das ich eine brauche. Auf jedenfall hast Du mir wirklich weitergeholfen.

Darf ich Dich fragen wie lange die Depression bei Dir angehalten hat?

14.07.2013 18:51 • #14


David Spritz
Ist schwer zu sagen. Das schleicht sich so nach und nach aus. Arbeitsfähig (mit Medikamenten) war ich beide Male nach ca. 8 Monaten wieder, aber wirklich gesund eigentlich zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich. Ich bin 40 Jahre alt, und mit zunehmendem Alter braucht man mehr Zeit zur Genesung, teilweise bis über 12 Monate. Außer man ist ein chronischer Fall, dann kann es natürlich länger dauern.

Ich erinnere mich, dass eines meiner Symptome damals auch war, dass ich sehr vergesslich wurde und mir nichts mehr merken konnte. Das Gehirn ist einfach dauerüberlastet und kann bestimmte Funktionen nicht mehr normal ausfüllen. Nach der Depression ist man aber normalerweise wieder völlig frei von diesen Symptomen, da das Gehirn nur minimal dauerhaften Schaden nimmt.

Ich habe interessehalber gerade mal in meinem Notizbüchlein von damals geblättert, in dem ich mir jede Woche meine Symptome notiert hatte. Es war gut zu sehen, wie sie Woche für Woche immer weniger wurden. Ich hatte:
- Zittern
- Gefühlsleere
- Rückbildung des Zahnfleisches
- Schlaflosigkeit
- Appetitlosigkeit
- unfähig zu entspannen (mit Hochschrecken)
- konnte nur noch leise sprechen
- hatte eine hängende Haltung
- Gedächtnisprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- eingeschränkte Realitätswahrnehmung
- flacher Atem
- Gedankenkreisen
- alles erscheint hoffnungslos, sinnlos, marode
- Stechen im Herz / Herzrasen
- Angst, besonders morgens
- innere Unruhe
- frühes Erwachen
- ungeduldig / genervt / emotional eiskalt
- die Pferde gehen mit mir durch, alles geht mir zu langsam, keine Geduld, will alles schnell hinter mich bringen, bin aber nie voll bei der Sache
- Kloß im Hals
- Gewichtsverlust
- überfordert mit Verantwortung
- geringes Selbstwertgefühl
- das zwanghafte Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen
- Selbstvorwürfe / Schuldgefühle
- Entscheidungsschwierigkeiten
- Müdigkeit / Erschöpfung
- Kopfschmerzen
- Brustschmerzen
- kann keine Schwäche oder Resignieren zulassen
- gefühlsmäßig neben der Spur, habe meine Mitte verloren
- Durchfall
- Kreislaufprobleme / niedriger Blutdruck
- abendliche Konsumgeilheit (Filme, Süßigkeiten etc.)
- gelegentliche Panikattacken
- Endzeitfantasien (Weltuntergang etc.)

Krass lange Liste! Bin aber heute wie gesagt all diese Probleme los, abgesehen von einem gelegentlichen Ziehen in der Brust. Es gibt also Hoffnung! Aber man braucht sehr, sehr viel Geduld. Erzwingen bringt nichts.

14.07.2013 22:55 • #15