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Ich schaffe es nicht mein Leben zu ändern

hallo,

stelle mich dann bei vorstellung kürzer vor und schreibe nun hier meine ganze geschichte:

ich bin weiblich, um die 40 jahre alt und in den letzten vier jahren hatte ich bereits zwei längere krankschreibungen und
aufenthalte in tageskliniken (den letzten aufenthalt brach in nach 3 wochen ab) und nahm auch niederig dosiert antidepressiva = trevilor.
zudem bin ich nun seit fast einem jahr in einer "analytischen?" therapie.

Da ich nach erneutem, diesmal über neun monatigen arbeitsausfall und einer missglückten verfrühten wiedereingliederung nach 3 monaten
noch immer keine gravierende änderung in meinem befinden feststellen konnte, nahm ich all meine kraft zusammen und wagte die erneute
wiedereingliederung und bin nun seit ca. 4 monaten wieder voll arbeitsfähig.

ich wollte meinen job und den anschluss nicht verlieren und habe es mir so zurecht gelegt, dass sich ja eh nichts ändert
und ich eben den rest meines lebens "durchhalten" muss und keine andere wahl habe, als schwermütig durchs leben zu gehen. meine alte
arbeitseinstellung (ablenken bis zum umkippen) bekam ich nie wieder hin. sie hatte mirja sehr lange geholfen. aber nach so einem langen ausfall
ist man einfach nicht mehr die alte, auch nicht im betrieb.

ich hatte auch den eindruck diese bereitschaft zeigen zu müssen, da ich mich in die ecke gedrängt fühlte, weil sich schon so lange
keine besserung einstellte. auch könnte ich mir eine frührente einfach nicht leisten. ab da begann wieder schaupielerei vor
familie und kollegen und eine art verstecken meines eigentlichen unwillens zu arbeiten und weiter zu machen vor meiner therapeutin.

die trevilor habe ich inzwischen abgesetzt. ich habe die chemie nur genommen, weil ich dachte "naja vielleicht ist dies ja dann doch
ein ausweg". ich lehnte medikamente bis vor drei jahren immer ab. kann auch keine große veränderung mit/ohne feststellen, außer dass ich
wesentlich öfter weine nun ohne die trevilor.

eigentlich würde ich die krankheit, die mich befallen hat, auch gar nicht depression nennen, sondern innere einsamkeit. ich weiß, dass man nicht
all sein glück mit/bei einem partner findet. und doch fehlt mir einfach liebe im leben bzw. das gefühl, angenommen zu sein. Ob überhaupt ein
partner mir das geben könnte, was mir so fehlt innerlich, weiß ich nicht.
Tue mich aber auf der anderen seite sehr schwer einen partner zu finden, da meine ansprüche hoch sind und ich sehr schnell verletzt bin und
auch allgemein sehr dünnhäutig.

ich habe auch das gefühl, das leben gibt mir einfach keine chancen mehr, als hätte ich all diese schon in der ersten lebenshälfte alle auf
einmal bekommen auf der sonnenseite des lebens, um nun die letzten 7 jahre immer wieder vom pech verfolgt zu sein.
Ich komme plötzlich nicht mehr an, werde ignoriert oder komisch behandelt, jedenfalls war einfach kein potentieller partner dabei.
obwohl ich allgemein als "sehr attraktiv" bezeichnet werde und auch selber denke, im vergleich vielleicht nicht allzu schlecht abzuschneiden,
verläuft mein leben so, dass mir trotz vieler unternehmungen am woe einfach niemand begegnen will, wo die anziehung auf gegenseitigkeit beruht.

Als ich letztens gegenüber meiner therapeutin äußerte, wieder gedanken in die richtung zu haben, nicht mehr weiter machen zu wollen/zu können, da ich
so eine art "schachmattgefühl" habe, was mein leben betrifft und es nun schon seit so vielen vielen jahren nur noch einem hamsterrad gleicht,
war sie natürlich nicht begeistert. mir tut die wöchentliche therapie ganz gut, aber ich bekomme trotzdem aufgrund vieler ereignisse und rückschläge
kein bein mehr auf die erde.

tja, so sieht es aus. und ich weiß auch nicht weiter. nochmal in einer tagesklinik körbe flechten und autogenes training machen wird mir nicht helfen,
da die positive energie, die da beim ersten mal bei rumkam, beim zweiten mal schon gar nicht mehr auftauchte, im gegenteil, da ich es öfter mal nicht pünktlich schaffte zu erscheinen wurde mir das ganze ausmaß auch selber nochmals sehr bewusst und es gab deswegen auch ärger in der klinik.

ich hatte einfach quasi aufgegeben, und entschied mich, es WENN alleine schaffen zu müssen. 4 monate später war ich dann ja auch in der wiedereingleiderung.

so alles sehr viel, ich denke was euch näher interessiert fragt ihr einfach am besten.

lg, magena

31.07.2011 19:18 • #1


Hallo Milena,

ein paar Dinge fallen mir in Deinem posting auf:
Zitat von Milena:
meine alte
arbeitseinstellung (ablenken bis zum umkippen) bekam ich nie wieder hin
Wäre es denn erstrebenswert für Dich, das wieder so hinzubekommen? Erfahrungsgemäß trägt eine solche Arbeitseinstellung dazu bei, an Depressionen o. ä. zu erkranken. Raushelfen würde es Dir mit Sicherheit nicht!
Zitat von Milena:
kann auch keine große veränderung mit/ohne feststellen
Das solltest Du mit Deinem Arzt besprechen, da muß evtl. eine Veränderung vorgenommen werden. Das häufige Weinen ist nämlich kein so gutes Zeichen. Bei mir fing es auch so an und dann bin ich vollständig abgestürzt.
Zitat von Milena:
Tue mich aber auf der anderen seite sehr schwer einen partner zu finden, da meine ansprüche hoch sind und ich sehr schnell verletzt bin und
auch allgemein sehr dünnhäutig.
Auch da kann eine gute Therapie helfen.
Zitat von Milena:
dass mir trotz vieler unternehmungen am woe einfach niemand begegnen will, wo die anziehung auf gegenseitigkeit beruht
Ich glaube, wenn man sucht (zumindest unbewußt) funktioniert das am wenigsten. Den richtigen Partner triff man morgens im Supermarkt, Lockenwickler auf dem Kopp und Kippe im Mundwinkel Du weißt wie ich das meine.
Zitat von Milena:
nochmal in einer tagesklinik körbe flechten und autogenes training machen wird mir nicht helfen
Das allein wird sicher nicht helfen, wobei ich glaube, dass nicht ganz so war, hm? So weit ich weiß, gibt es gute und weniger gute Kliniken - diese Unterscheide gibt es bei Therapeuten auch. Du könntest Dich auf die Suche nach einem anderen Thera oder einer anderen Klinik machen. So wie Du Dich und Deinen Zustand beschreibst, kann da bestimmt noch einiges bewirkt werden.

01.08.2011 09:35 • #2


hallo, erst einmal lieben dank für dein feedback .. ;)

ja das "suchen" meine ich mir ja auch schon längst "abgewöhnt" zu haben, aber anhand meiner enttäuschung zu silvester zum beipiel, wenn schon wieder ein jahr rum ist bemerke ich, ich hatte ja doch viel hoffnung und habe unbewusst wohl doch gesucht/gehofft.

Tabletten möchte ich erst einmal nicht mehr nehmen. Diese Nebenwirkungen tue ich mir nur noch einmal an, wenn ich gleichzeitig krank geschrieben bin, und das möchte ich ja einerseits unbedingt vermeiden, während die andere Seite beinahe jeden Tag drüber nachdenkt, ob sie es schon wieder tun soll. Der Kopf sagt aber eindeutig: nein! Das kannst du dir nicht mehr leisten in den nächsten 5 Jahren.

Meine Therapeutin ist ganz gut, also ich komme gut mit ihr klar, nur so richtig voran kommen wir irgendwie nicht ...? Spreche immer Alltagserlebnisse an, die mich belasten, und vielleicht kommt man deshalb nicht zum "Eingemachten". Als ich ihr gegenüber diese Überlegung aber mal äußerte, also Alltag mal beiseite zu lassen, (weil mein Leben eben generell eine einzige Pechsträhne ist), um mal so "richtige" Therapiearbeit zu machen, sagte sie, das täten wir bereits. Öhm. Naja ich lasse sie mal machen. Ich hab mir da eben was anderes drunter vorgestellt.

Was sie allerdings schon erreicht hat, also die Therapie ist, dass ich mich am WOE quasi ZWINGE etwas mit Leuten zu unternehmen, obwohl alles in mir nach Rückzug drängt. Ich finde auch, ich kann mich mit dieser Stimmung auch gar nicht leuten zumuten, bin schnell verletzt, beleidigt und fühle mich vollkommen überflüssig. Aber noch versuche ich eisern, meinem Drang, einfach überhaupt niemanden mehr zu sehen oder zu sprechen außerhalb der Arbeit, nicht nachzugehen. Wenn ich das nämlich tue, ist spätestens Sonntag morgen ein Riesentief da und ich heule wo ich gehe und stehe und bemitleide mich den ganzen Tag selbst, was ich für ne arme Wurst bin.

lg, Milena

01.08.2011 16:35 • #3


Hallo Milena,

du schreibst, dass das "körbe flechten und autogenes training machen" in einer Tagesklinik nicht mehr helfen wird. Hast du schon einmal darüber nachgedacht es mit einem stationären Aufenthalt zu versuchen? Ich war selber in einer stationären Reha, hatte aber auch jemanden, der die Reha in Form einer Tagesklink machte, in meiner Gruppe. Ich hatte das Gefühl, dass jeden morgen, wenn er kam, er etwas "zurückgeworfen" war. Ich bin kein Psychologe und dieses Gefühl ist natürlich rein subjektiv.

Mir hatten in der stationären Reha vor allem die Gespräche in der Freizeit mit den Mitpatienten gut getan. Einfach zu hören, dass ich nicht der einzige bin der unter Depressionen leidet und auch die gemeinsamen Unternehmungen, wo ich einfach ich sein konnte, ohne jemanden etwas vorspielen zu müssen. An diesen selbst organisierten Freizeitaktivitäten nahm der Tagesklinik-Patient nicht teil. Ich denke, ihm ist da einiges an Gesprächen, die mir sehr gut getan haben, entgangen.

Zum Thema Partner, ich habe in der Reha jemanden kennen gelernt, auch wenn das von der Klinikleitung nicht gerne gesehen wurde. Ich bin nicht dem Willen in die Reha gefahren, dort eine Partnerin zu finden, ganz im Gegenteil. Als in der Begrüßungsrunde das Thema Pärchen zur Sprache kam, dachte ich nur bei mir "Blos nicht!". Wir war nicht das einzige Pärchen, aber mittlerweile sind alle anderen Pärchen, die ich kenne und die sich dort gefunden hatten, auseinander gegangen. Meine Beziehung ist zwar (noch?) nicht beendet, aber sehr, sehr schwierig.

Ich war vor dieser Beziehung auch lange Jahre ohne Partnerin und sehnte mich insgeheim danach (wollte es am ende mir selber nicht mehr eingestehen). Was ich in meiner Beziehung gelernt habe, die Probleme, die ich bewältigen muss, sind nicht weniger geworden, nur anders und nicht unbedingt einfacher. Klar, es gibt Zeiten, da kann ich aus der Beziehung Kraft schöpfen, es gibt aber auch Zeiten, wo ich aufpassen muss, dass mich die Beziehung nicht runter reißt und sie mich zusätzliche Kraft kostet. Ich lernte, bzw. lerne immer noch, dass eine Beziehung nicht unbedingt ein Heilmittel ist.

Das Tho

04.08.2011 07:08 • #4


Hallo Tho,

am woe antworte ich dir, wollte nur kurz eben ein danke für antwort schreiben ...

04.08.2011 21:28 • #5


Birke
Hallo Milena!
Dein Beitrag interessiert mich. Vielleicht, weil wir ein ähnliches Alter haben und ich mich in ähnlicher Situation befinde. Du hast nicht so genau beschrieben, was passiert ist. Ist es die Einsamkeit, weil Du keine Partnerschaft findest oder hast Du eine schwere Enttäuschung erlitten? Und seit wann fühlst Du Dich depressiv?
Ich kann Deine Angst vor Tabletten und einer stationären Behandlung nachempfinden. Für mich ist das, als würde man eine Schwelle überschreiten und wer weiß, wo es hinführt. Als ob man die Selbstkontrolle verliert.
Was Tho schreibt, daß man aber Menschen treffen kann, denen es genauso geht, ist allerdings sehr hilfreich.
Ich denke mittlerweile, daß eine eigentliche Heilung nur erfolgen kann, wenn man den Abstand zum eigenen Leiden erreicht. Das Fehlen, den Mangel wahrnimmt, aber sich nicht von der gefühlsmäßigen Bewertung "auffressen" läßt.
Es ist super, daß Du die Kontakte am Wochenende hast. Da kannst Du wirklich stolz sein und ich weiß, wieviel Kraft das verlangt. Liebe Grüße! Birke

06.08.2011 08:23 • #6


Hallo ihr,

ich weiß wie gut es tut, mit leidensgenossen zu reden, deshalb bin ich auch hier :) hier bemerke ich immer wieder, wie wertvoll andere menschen sind, die sich selbst für überflüssig halten. anhand von ein paar zeilen erkennt man, andere machen das gleiche durch und haben auch die kraft, weiter zu machen und zusätzlich noch dazu, andere aufzubauen.

ich weiß nicht, ob es gut ist sich rauszuzwingen. ich habe bei neuen bekanntschaften schon den ruf "schwierig" zu sein und mehr als eine lockere facebook-bekanntschaft kommt eh nicht zu stande. und wenn ich doch einmal richtig interesse haben sollte klappt es eh nicht.

vielleicht verbaut man sich auch mehr chancen, wenn man "so" unter die leute geht? oder sie passen sowieso charakterlich nicht zu einem, das kann natürlich auch sein. jedenfalls bin ich nicht die freundlichste unter der sonne, bin schnell dabei zu bewerten und zu urteilen, genauso unbarmherzig wie mit mir gehe ich auch mit den fehlern anderer um. sympathisch komme ich da sicher nicht rüber? aber verstecken mag ich mich auch nicht und nach jahrzehnten freundlichkeit, bis hin zur naivität & gutgläubigkeit bin ich jetzt eben mal längere zeit durchweg ziemlich schnell "angepisst", sobald ich zurückweisung erfahre. (sorry für die wortwahl).

der zynismus ist mein ständiger begleiter und auch wenn mein trockener humor so manche zum lachen bringt, viele verschreckt er auch. ich gehe auch wohl deshalb nicht in eine klinik, weil ich so sehr die nase voll habe vom "freundlichen bemühen, beflissenen befolgen und fröhlichen mitmachen" ... ich kann mich einfach fast gar nicht mehr verstellen außerhalb meiner arbeit. nur dort bin ich noch ein abklatsch meines alten selbst.

wenn ich nicht gerade rumheule, mache ich dr. house sozusagen alle ehre.

tja. ich weiß ja eben auch nicht.

lg ... und noch einen erträglichen restsonntag für euch ...

@ birke: wurde ohne begründung verlassen vor jahren, war meine große liebe. weiß bis heute nicht den grund und kam sehr plötzlich. habe ihn lange zeit idealisiert. seitdem auch nicht vergleichbares mehr erlebt. vielleicht stehe ich mir mit dem wunsch, wieder dort anknüpfen zu können, wo ich vor 7 jahren aufhörte (glücklich sein) auch selber dauerhaft im weg.

07.08.2011 16:56 • #7


Hallo Milena.

ich kann ein Stück weit verstehen, dass du dich gegen eine staionäre Behandlung sträubst. Mir ging es genau so, ich hatte vor meinem Zusammenbruch beruflich oft in Massenunterkünften leben müssen und auf eine weiter "Massenunterkunft" hatte ich keine Lust. Ich war deswegen heilfroh, in eine Klinik mit Einzelzimmern zu kommen, und ich hatte während meines ganzen Aufenthalts nicht das Gefühl in einer Massenunterkunft zu sein. Meine Befürchtungen waren also grundlos. Ich hatte genug Rückzugsmöglichkeiten.

Zu Anfang hatte jeder Patient in der Klinik seine "Maske" auf, ich auch, sogar doppelt. Ich dachte, ich spiele nur den freundlichen, bin aber eher ein Eigenbrrödler. Mein Ziel war es, mich nach Möglichkeit von anderen Menschen so gut es ging fern zu halten. Das habe ich beim ersten Mittagessen auch so durchgezogen, ich aß alleine. Beim Abendessen hatte ich dann schon eine kleine Gruppe um mich herum, ohne dass es "erzwungen" worden war. Ich kann nicht einmal beschreiben, wie sich diese Gruppe genau gebildet hat, aber sie hat funktioniert. Ich merkte auch recht schnell ich kann meine Masken ablegen. Zum einen die, keinen nah an mich ran lassen zu wollen, zum anderen aber auch die, nicht zu zeigen wann es mir schlecht ging. Ich war einfach ich. Und ich wurde so akzeptiert von den anderen. Das hatte ich bis dahin nicht glauben wollen.

Meine Freundin hatte auch den Ruf schwierig zu sein, es hat bei ihr länger gedauert bis sie sich geöffnet hatte, aber auch sie hat sich geöffnet, zwar später, aber damit hatte niemand Probleme. Letztendlich konnte sie sich sogar so weit öffnen und Vertrauen finden (und ich auch), dass wir eine Beziehung gewagt haben (mit allen Schwierigkeiten halt). Etwas woran ich zu Anfang des Aufenthalts nicht gewagt habe dran zu denken, bzw. ich war davor schon so weit mir einzureden, ich finde eh niemanden mehr als Partnerin.

Unsere Beziehung ist, nett ausgedrückt, schwierig und ich empfinde für diese Person Gefühle die ich so vorher noch nicht kannte, Auch ich habe die Befürchtung, wenn die Beziehung zerbrechen sollte, werde ich mich nie wieder neu verlieben können, zumindest nicht so stark. Mein Verstand weiß, dass das Quatsch ist, aber das Gefühl halt. Das ist eine Sache, an der ich noch arbeiten muss.

Wie ich es bei einer anderen Mitpatientin sehen konnte, deren "große Liebe" aus der Reha sehr schnell zerbrach (und die galten unter den Mitpatienten als Vorzeigepärchen) kann man sich neu verlieben, zwar war es bei ihr nicht ganz so krass wie Martina es beschrieben hat: "Den richtigen Partner triff man morgens im Supermarkt, Lockenwickler auf dem Kopp und Kippe im Mundwinkel", aber die Richtung passt schon.

Solange du aber alle und alles mit deiner alten Beziehung vergleichst wird das nicht funktionieren. Loslassen können. Ich weiß es schreibt sich leicht, ist aber schwer. Ich arbeite auch noch daran.

Das Tho

07.08.2011 18:33 • #8


Hallo,
ich vergleiche weder körperlich noch charakterlich neue Männer mit meinem alten Freund. Vielleicht würde er mir auch gar nicht mehr so gefallen, wenn ich ihm heute begegnete.

ABER ich hätte gerne mein inneres Empfinden von damals zurück, Vertrauen in die Zukunft, das Gefühl eines Hafens ... da ich erkannt habe (erkennen musste) dass all dies eine Illusion ist, bin ich doch meist sehr traurig darüber, nur mit der schnöden "Realität" leben zu müssen. Soviel nur kurz zu meinem Ex, es ist sehr lange her und ich denke nicht mehr an ihn. Sehr wohl kann ich mich aber noch an das Glück erinnern :(

Gute Nacht

08.08.2011 23:02 • #9


Birke
Liebe Milena!

Das tut mir sehr leid, was Dir passiert ist.

Das Schlimmste ist vielleicht sogar diese Desillusion. Vielleicht ist es in den letzten Jahren einfach Pech gewesen, daß es nicht klappte. Du machst auf mich einen gesunden Eindruck und kannst klar benennen, wie und warum es Dir so geht. Daß man nach so einem Schock und nachfolgend fehlenden guten Erfahrungen Frust und Trauer schiebt, finde ich nachvollziehbar.

Dein Dr.House ist mir ganz sympathisch. Vielleicht muß er ein bißchen ausgleichen, was Du früher zu lieb warst. Und da sich Dein Ex einer Auseinandersetzung entzogen hatte, stehst Du ja auch irgendwie allein da mit Deinen Gefühlen. Ich glaube, es ist sehr schwer dann abzuschließen. Aus meinem Bekanntenkreis liefen ähnliche Sachen nur so ab, daß irgendwann ein neuer Partner da war, so daß die alten Erfahrungen überdeckt wurden. Aber die Verletzung war natürlich nicht weg.

Was Du schreibst klingt danach, daß Du zwar den Ex loslassen kannst, aber nicht dieses Gefühl. Und auch das kann natürlich den Blick auf potentielle Partner einengen. Eine Portion Neugierde ohne Erwartung wäre gut.

Ich denke, Du mußt Dich jetzt irgendwie neu finden, herausfinden wer Du bist. Die frühere liebe, nette Frau scheint ja nicht mehr zu stimmen. Das ist jetzt bestimmt ne ganze Weile chaotisch und verunsichernd. Weißt Du, Desillusion kann auch positiv bedeuten, daß man nicht trauert um etwas was man sich erträumt. Dafür aber wertschätzen lernt was da ist. Das ganz Reale.

Ansonsten wollte ich Dir noch sagen, wegen dem "Rauszwang". Das ist echt ne knifflige Kiste. Sich zurückziehen ist verlockend. Ich habs gemacht und mich lange Zeit wie in einem geborgenen Nest gefühlt, da ich eh niemandem vertrauen konnte. Aber es ist zu geborgen geworden. wenn ich jetzt wieder raus will, weiß ich gar nicht mehr richtig wie und bin unsicher im Umgang mit anderen Menschen. Allerdings sich richtig zwingen müssen, ist auch blöd. Wichtig finde ich es zu spüren, wann es einem gut oder besser geht.

Ich wünsch Dir eine gute Woche!
Birke

09.08.2011 07:48 • #10


hallo birke,

endlich komme ich dazu zu antworten.

ich denke, du solltest dich ruhig öfter mal trauen, raus zu gehen unter leute, aber genauso auch dein "castle" weiterhin wertschätzen als rückzugsort.

mir ist durch das viele "durchhalten/aufraffen" in letzter zeit aufgefallen, dass unter 10 neuen bekannten eine/r ist, die einen richtig gut leiden kann und sich auch für einen interessiert. für die man auch selber eine kleine bereicherung im leben ist. das habe ich lange nicht gesagt bekommen und fast hätte ich diese menschen auch gar nicht kennen gelernt, weil ich mich lieber auf der couch eingemuckelt hätte.

bei mir persönlich fangen dann auch ganz andere probleme an, WENN mich dann mal jemand gut leiden kann, egal ob männlich oder weiblich. denn nun gilt es mehr nähe zuzulassen. manchmal denke ich, ich will offensichtlich gar nichts anderes, als alleine sein und bleiben, zumindest verhalte ich mich so widersprüchlich. jammer rum, wenn es nicht so ist und nehm die beine in die hand, wenn freundschaften entstehen und gepflegt werden wollen.

aber vielleicht ist das bei dir anders und du kannst gut damit umgehen und dich somit über neue menschen im leben richtig freuen, denn die kommen offensichtlich auch MIT komischer laune.

meine "selbstfindung" dauert ja nun schon 7 jahre (spiegel zerbrochen?) und ich lasse mich von den vielen rückschlägen und enttäuschungen immer wieder zum fallen verleiten, anstatt beim stolpern noch das gleichgewicht zu kriegen. die wichtigsten werkzeuge bleiben aber weiterhin mut & hoffnung. die wünsche ich dir ebenfalls ... lg, M.

15.08.2011 16:17 • #11


Birke
Hallo!
Ja, ich glaube Mut ist mein Thema. Ich trau mich nicht raus.

Du hast vom zerbrochenen Spiegel geschrieben und meinst sicher Dein Selbstbild. Im Kontakt mit anderen Menschen erleben wir ja auch einen Spiegel durch die Reaktion der anderen. Ich habe vor diesem Spiegel Angst und auch vor den Projektionen. Ich bin auch eine von den "Lieben" und hoffnungslos unsicher. Hinzu kommt, daß ich kein Selbstbewußtsein als Frau empfinde. Ich bin recht hübsch und versuche mich nett anzuziehen, aber wenn Fraulichkeit und toll gefragt sind, bin ich wie eine 12-jährige: linkisch und unsicher. Mich nervt es nur noch.

Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Die letzten 10 Jahre habe ich im Dornröschenschlaf verbracht. Der Auslöser war eine schwerere Unterleibs-OP. Damals war ich mit einem Mann zusammen, der mir gut gefiel, auch in seiner Art zu leben, zu genießen. Das war etwas von der Lebenslust, die mir fehlte. Nach der OP sagten mir die Ärzte, ich solle mit dem Kinderwunsch nicht warten. Ich war damals 32 und hatte schon eine Abtreibung mit 18 und eine Fehlgeburt im Gepäck, waren alles noch offene Wunden. Mein Freund sagte mir direkt ins Gesicht, daß er mit mir keine Kinder möchte. Er wollte sich nicht trennen. Ich tat es dann, aber fühlte mich selbst als Verlassene.

Daß ich mich danach so zurückzog, hatte nicht nur mit dem Mann zu tun. Er war der Auslöser. Da wiederholte sich auch die Kindheitserfahrung, daß ich zurückgewiesen werde, wenn ich mich ganz und gar auf jemand einlasse. Letztendlich waren immer wieder Verrat und Verletzung in meiner Familie der Grund, daß ich kein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen konnte.

Ich hatte also Kinderwunsch und wollte nicht allein bleiben. Und hatte gleichzeitig solche Angst vor neuer Zurückweisung oder daß mein Kinderwunsch abschreckt. Ich war wie gelähmt. Da war die Stimme: los, geh raus, unternehm was! und gleichzeitig das verletzte zerzauste Hühnchen, das sich zurückziehen wollte ganz tief in eine dunkle Höhle. Ich hatte damals starke Suizidgedanken. Das ging ungefähr 2 Jahre. Immer wieder stellte ich mir vor, in einen tiefen Wald zu fahren und mich zu vergraben, so daß ich nie gefunden werde. Wenn ich das so schreibe, finde ich es schlimm, wie sehr ich mich auslöschen wollte.
Um mich herum sah es anders aus. Freunde und Kolleginnen gründeten sämtlich Familien, heirateten... Das ganz normale Leben.

Dann wurde ich wieder krank. Ein Grund mehr, mich zurückzuziehen, diesmal sogar ohne schlechtes Gewissen. In dieser Zeit stellte sich heraus, daß meine Freundschaften nur funktionierten, wenn ich auf die anderen einging. Dafür hatte ich jetzt nicht mehr die Kraft. Ich kündigte quasi sämtliche Freundschaften nach und nach auf. Mir ging es allein einfach besser
Jetzt würde ich mich als emotional stabil bezeichnen. Ich habe immer wieder Tage, an denen ich heule und verzweifle über die Vergangenheit und die nicht eingelösten Versprechen des Lebens, daß alles gut wird.

Aber mittlerweile weiß ich, daß es immer wieder vorbeigeht und ich wieder den Blick auf den Alltag lenken kann.
ich hasse es, 43 Jahre alt zu sein. Ich kann mich nicht mit dem Alter identifizieren und fühle mich um 10 Jahre betrogen. Da ist zu wenig gelebt.
Ich weiß, daß es längst Zeit ist, wieder rauszukommen. Es fällt mir schwer, es nicht als ein "Muß" zu empfinden. Mal davon abgesehen, daß ich auch gar nicht mehr richtig weiß, wie. Das sind jetzt die Konsequenzen meines Rückzugs.

Momentan spüre ich, daß sich was bei mir verändert. Ich bin offener und neugieriger geworden. Ich unternehme immer noch nichts, aber auf der Straße laufe ich nicht mehr mit dem Blick Richtung Straßenpflaster. Das ist schon mal was.

Wie geht es mit Deiner Therapie voran?
Sei lieb gegrüßt und einen schönen Abend! Birke

18.08.2011 18:32 • #12


Hallo Birke,

mit dem Spiegel meine ich die 7 Jahre, man sagt hier so, wenn ein Spiegel zerbricht hat man 7 Jahre Pech ;) Nichtsdesdotrotz ist der Spiegelvergleich von dir sehr zutreffend.

Ich hatte Mitte Juli eine sehr sehr schlimme Nacht und Stimmung. Saß auf einem Hocker in der Disko (ich gehe nur "schwarz" aus, das heisst ich höre gerne düstere Musik und mag auch lieber ruhige Menschen um mich herum) ... es lief ein Lied aus meiner Jugend ... und ganz plötzlich war es so, als würde ich sterben bzw. als wäre ich schon tot. Irgendwie war ich wie ausgelöscht, es gab keine Zukunft mehr. Weiß gar nicht, wie ich diesen Zustand besser erklären soll. Ganz starr habe ich einfach mein Gesicht so gelassen wie es war, trotzdem kullerten dicke Tränen (es war also schon noch Leben in mir) ... und zum ersten Mal hatte ich ernsthafte Suizid-Gedanken, wohingegen es sonst immer nur so als logischer Ausweg schien, den ich aber nicht nutzen wollte und weiterhin nicht will. Es war nur sehr traurig zu spüren, alles ist vorbei und wo ich sonst immer dachte "ich muss nur noch bis zum Ende durchhalten" schien das Ende plötzlich DA. ich erwartete quasi vom Stuhl zu fallen. Ein guter Bekannter, der direkt neben mir stand, bekam gar nichts mit, redete irgend etwas mit mir, ich habs gar nicht richtig wahr genommen, immer nur genickt. Und fühlte mich dadurch noch mehr darin bestärkt ein Nichts zu sein, niemand bemerkt dass ich gerade hier sterbe, eigentlich schon weg bin, ich war so isoliert in mir, dass ich nicht merkte, dass ich gleichzeitig BEI MIR war..

Ich erzähle dir das so ausführlich, weil danach folgendes passierte:

danach war da eine unglaubliche "*beep*" ... (mit großer Ausnahme, wie ich mich am Arbeitsplatz verhalte):
ich hab nicht mehr gelächelt, wenn ich nicht wollte
ich war so schön "bei mir" ... nicht wie sonst immer im Kopf bei den anderen (wie geht es denen wenn ich DAS sage/tue)
ich habe mich hier angemeldet
ich habe mich wieder an kleinen Tieren erfreut wie früher, hat wieder Spaß gemacht eine Ameise zu beobachten etc.
ich habe wieder angefangen zu malen
ich hab nicht mehr außen gesucht, was mir innerlich fehlte

Mit anderen Worten:
es kann auch sein, dass etwas in einem richtig gehend "sterben" muss. Vielleicht machst du so etwas ähnliches durch ... kämpfen, kämpfen und beim Rückschlag wieder resignieren und zurückziehen. So ging das bei mir jahrelang wie gesagt. Hab mit dem Leben gehadert, es für ungerecht mir gegenüber gehalten (war es auch, so!), Entscheidungen von mir bereut (hab auch keine Kinder), und meine ganze Hoffnung in einen neuen Partner gelegt, der sicherlich irgendwann mal erscheinen wird. Wenn ich den erst wieder habe, dann wird vieles leichter, dann wird alles gut ...

Also bei mir hat die neue Qualität eines nagenden Dauerzustandes etwas bewirkt. Wenn alles so egal ist, man anderen so egal ist, sich selbst so egal ist: dann kann man auch aufhören, alles richtig zu machen. Dann kann man mit komischer Frisur einkaufen gehn. Dann kann man beim Laufen die Baumkronen begucken und lächeln und wenn Leute glotzen: so what! Dann kann man den ganzen Tag im Bademantel abhängen und es nicht faul nennen sondern Luxus.

Liest sich als ginge es mir sehr gut. Ist auch so momentan, 3 Tage nach dieser Nacht, in der ich von mir selber schockiert war, seitdem ist es so. Aber ich traue dem Braten nicht, das ist aber erst mal egal, weil jetzt ist es so.

Das wünsche ich momentan jedem ... aber ich weiß ja selber, man kann es sich nicht vornehmen. Ich wünsche jedem von euch, auf eine ganz andere Art "bei sich" zu sein, als man es sich sonst erlaubt = Depression. Im Prinzip bin ich jetzt verrückter als zu meinen schlimmsten Zeiten. Ich sag was ich will, tu was ich will und das ist oft "kindlich", so als wären die anderen Leute da auf der Strasse gar nicht da. Ich hatte SOOOO die Nase voll, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, was andere denken, weil mich das NIRGENDWO HIN gebracht hat.

Jetzt hab ich ganz viel von mir geschrieben, aber nur deshalb, weil ich etwas schönes zu berichten habe: man liebt sich selbst schon längst. man muss das nicht "lernen" ... "nachholen" .... man muss es sich nur endlich mal erlauben ;)

Grüße aus dem Aufschwung, Milena

18.08.2011 21:25 • #13


PS.: ich komme aus einem sehr ähnlichen Elternhaus, und habe nie bekommen wonach ich mich gesehnt habe ---> solange ich mich danach gesehnt habe.

18.08.2011 21:44 • #14


Birke
Hallo Milena!
Wow, bei Dir ist richtig was im Gange. Spannend und n bißchen gruselig. Du bist richtig mutig. Ich finde das toll. ich habe zwar so etwas noch nicht erlebt, aber ich kenne dieses kindliche Gefühl, wenn mal alle Last abgefallen ist. Einfach daß die Gedankenflut zur Ruhe kommt. Im Moment brauche ich den Sport dafür. Ist nicht so viel, was ich mache: joggen und Fahrrad fahren. Aber dabei bekomme ich den Kopf frei. Es hält nur nicht so lange an, das Gefühl.

Hatte wieder ein Wochenende zu Hause verbracht. Ich weiß auch nicht. Ohne Verpflichtung gehe ich nicht raus. Das Grundgefühl gegenüber Menschen ist bei mir nicht Neugierde und Interesse sondern Angst. Ich möchte endlich aus dieser Passivität rausfinden. Die Angst kommt doch daher, daß ich mich ausgeliefert fühle. Das ist immer noch eine kindliche Haltung, daß da jemand kommen soll, der sich um mich kümmert. Das ist jetzt analysiert, bewußt empfinde ich es gar nicht so.

Gestern habe ich nach 4 Monaten mal wieder meine Mutter angerufen. Solange ich ihr zuhöre ist alles ok. Wenn ich mich jedoch hinreißen lasse, etwas von mir zu erzählen, fühle ich mich danach schlecht. Weil nicht die Reaktionen kommen, die ich brauche. Es interessiert sie einfach nicht. Das kann mir doch eigentlich völlig egal sein. Aber es versetzt mir jedes Mal einen Stich. Ich hatte deshalb angerufen, weil ich irgendwie zu hart werde, wenn ich den Kontakt abbreche.

Ich vergrabe negative Gefühle in mir, die werden nur stärker. Ich sagte mir: ich möchte meine Mutter nicht hassen. Ich hab auf dieses Gefühl keinen Bock. Ich weiß was hinter dem Haß steht: da steht Liebe, die nicht weiß wohin. Ich möchte meine Mutter lieben und bin traurig, daß ich keinen Zugang finde. Ist doch verrückt, oder?
Alles Gute! Birke

22.08.2011 05:45 • #15





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