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Hochfunktionale Depressive

Johnedone

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Hallo Maya

erst mal danke für deine Antwort.

Sie sagte sie habe keine Gefühle mehr für mich und weiß nicht ob sie mich überhaupt geliebt hat. (nach 6 Jahren)

Sie hat sich immer mehr zurück gezogen war auch in Therapie und Reha.
Ihre Therapeuten sagte das sie es schade finden würde, wenn sie sich Trennt und sie sollte mit mir reden. Was sie leider nicht getan hat.
Sie hat sich dann getrennt von 1,5 Jahren sagte aber dass ich ihr sehr wichtig wäre und sie möchte mich als Freund behalten.
Ich konnte das verstehen da ich selber in ein Loch gefallen bin, was ich nicht merkte.
War aber immer für sie da, auch gefragt ob sie mitwollte, wenn ich weggefahren bin. Von 20-mal ist sie vielleicht nur 8-mal mitgekommen. Sie hatte immer selber noch gesagt lass uns dies machen oder dahinfahren aber leider waren es nur Wort hülsen. Ich hatte ihr gesagt das ich nicht der EX sein möchte der hinterher läuft. Darauf hin sagte sie das bist du nicht. Aber warum das ständige wegstoßen.
Leider kann sie nicht reden. Sie läuft lieber weg und sie fühlt sich dann gegen die Wand gedrückt. Sie hatte das immer so verstanden auch als ich sie so gefragt hatte was los ist, wenn sie abwesend bei mir war. Sie hat glaube es falsch verstanden das sie mir wichtig war und ich sie deswegen immer gefragt habe. Sie wollte auch nicht groß das ich bei ihr schlafe, weil sie meinte sie müsste was machen oder so.
In der Therapie hatte sie angegeben das sie vor der jetzigen 3 sehr schlecht und prägende Beziehungen hatte.
Was mich immer verunsichert hat war das hin und her. Mal eine schöne Zeit dann wegstoßen.
Jetzt sieht sie mich nur Negativ (Urlaub war nicht schön, habe immer alles an mich gerissen, habe ständig Erwartungen. Auf die frage was sie damit meinte. Sagte sie nur sie weiss es nicht.

12.04.2021 17:19 • #31


Ex-Mitglied

Ich möchte noch hinzufügen: Es muss gar nicht immer "die Arbeit" sein.

Bei mir waren es die Beziehungen und jetzt die Kinder, die mich so funktionieren .. lassen. Während um mich herum alle zusammenbrachen, musste ich Halt sein. Da sein. Weitermachen. Nicht aufgeben.

Gebraucht werden, schaffen, was einem auferlegt wird .. ist ein starker Ast.

Und ich hangelte mich von einem zum anderen.. Energiesauger.

12.04.2021 17:19 • x 5 #32



Hallo maya60,

Hochfunktionale Depressive

x 3#3


maya60

maya60

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ZITAT "Hoffnung21"Auch ich habe mit der Einnahme des Antidepressiva gemerkt, was Freude ist, als ich bei der Reha am Tisch gesessen habe und seit langem wieder richtig gelacht habe. Erst da habe ich gemerkt, dass Lachen nicht gleich Lachen ist, dass es einen Unterschied gibt. Ich hätte vorher felsenfest behauptet, dass ich mich natürlich freuen kann. Ich habe ja auch vorher gelacht, dachte ich sei glücklich und zufrieden, wenn nur diese Erschöpfung nicht wäre. Im Nachhinein habe ich an vielen Fotos der Jahre vorher gemerkt, dass es kein Lachen, sondern ein Lächeln war.

Sowas sind die Sätze, eben auch bei Till Raether und einigen hier im Thema, die mir quasi durch und durch bis ins tiefste Herz gehen wie es die Aufzählung aller Burnout-"Sünden" des schieren Funktionierens noch nicht mal fertig bringen!

"Da habe ich zum ersten Mal nach 30 Jahren wieder gelacht und das fiel mir auch da erst auf."

"Da ging es mir zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder gut und mir fiel das auch zum ersten Mal auf. "

"Da musste ich mich zum ersten Mal nach 25 Jahren nicht mehr andauernd zusammenreißen und mir fiel auf, wie lange ich das vorher gemacht habe."


Das ist doch einfach erschütternd - ich kann nur immer wieder meine Grubenpferd-Assoziation vor Augen bekommen!

Lachen, Sonne, Leichtigkeit, Gutfühlen - das sind doch Lebensgrundlagen, sollten Lebensrechte sein und wir merken es nicht mal, wenn wir und andere uns das Jahrzehnte vorenthalten!

Danke für alle deine Worte, liebe @Hoffnung21 - so ist es einfach, so kenne ich es auch.

Liebe Grüße! maya60

12.04.2021 17:26 • x 2 #33


Johnedone

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Jetzt hat sie ja wieder kontakt mit ihrer Ex Affäre mit der sie vor uns was hatte.
Ich lasse sie in ruhe wenn sie sich melden würde wäre ich für sie da. Sagte auch mal es wäre doch schon wenn sie wieder zu ihrer Therapeutin gehen würde und vielleicht mit ihr sprechen würde. Kam nur ich weiss nicht was ihr sagen sollte. Darauf hin habe ich ihr gesagt die Positive Sachen die du gemacht hast. Das könnte sie doch auch freuen was von dir zuhören. Ja wollte mich ja schon melden bei ihr ( ca 9 Monate her)
Sagte als letztes zu ihr ich wollte nur in deiner Dunkelheit mich einer Kerze neben dich setzen und dir zeigen das ich da bin und du ein licht siehst

Ich weiß halt nicht ist es die Krankheit oder will sie das. Deine Entscheidung Respektiere ich. Nicht du bist mein Gegner sondern deine Krankheit.
Da hatte sie leicht feuchte Augen. Es kam aber nichts

12.04.2021 17:29 • #34


maya60

maya60

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Zitat von ClaraFall:
Ich möchte noch hinzufügen: Es muss gar nicht immer "die Arbeit" sein. Bei mir waren es die Beziehungen und jetzt die Kinder, die mich so funktionieren .. lassen. Während um mich herum alle zusammenbrachen, musste ich Halt sein. Da sein. Weitermachen. Nicht aufgeben. Gebraucht werden, schaffen, was einem ...


Ja und wie! Bei mir ja auch!

12.04.2021 17:34 • x 3 #35


maya60

maya60

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Hallo @Johnedone - hier geht es um ein anderes Thema als speziell um das Partnerschaftsverhalten von Depressiven.
Wie schwer das für sie selber und für die PartnerInnen, also auch dich, und damit für die Angehörigen ist, weiß ich. Von meinem Mann.

Schwer. Schwer. Schwer.

Das weiß ich sogar selber als Angehörige, weil ich mit einer depressiven Mutter aufwuchs, die bis heute keine genügende Behandlungseinsicht hat und damit wirklich Menschen schädigte und schädigt, wenn noch jemand übrig geblieben sein sollte, der ihr so nah kommt.

Und darum habe ich dir auch gerne und ausführlich hier geantwortet.

Und es gibt hier auch genug andere Themen im Forum, in denen das ständig auch im Themenmittelpunkt steht, in den Angehörigenthemen z.B., weil es so zentral wichtig ist. Gut auch, wie genau du dich interessierst.

Hier jetzt in diesem Thema "Hochfunktionale Depressive" geht es aber um etwas anderes, ebenso Herzzerreißendes, aber um ein Depressionsthema!

Hier in diesem Thema geht es nur um uns und unsere eigenen schrecklichen Mangel an Lebensfreude und Leichtigkeit, wenn wir selber erst viel zu spät merken, depressiv zu sein oder denken, es ist normal, sich pausenlos zusammenzureißen.

Darum mache ich jetzt mit diesem Thema hier weiter und bitte um dein Verständnis, Johnedone, dass ich nicht weiter antworte zu deinen Beziehungsfragen. Das geschieht z.B. ausführlich in dem Thema "Wie gehe ich mit meinem depressiven Partner um?", einem nie endenden und Dauer-aktuellen Sammelthema hier im Forum in einem Unterforum.

Ich wünsche dir viel Kraft und Selbstfürsorge und vielleicht schreiben wir uns ja dann in einem anderen Thema wieder!

Liebe Grüße! maya60

12.04.2021 17:44 • x 5 #36


Johnedone

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Nochmal Danke Maya

Es sollte auch nicht auf die Beziehung gehen sorry.
Nein Wollte eins nur das wirklich alles so ist Kein Hoch kein Tief und ihr das über mehr als 1 Jahr und wie kann man euch helfen oder beistehen.

Aber danke für deine Antworten.
Wünsche euch allein alles Gute.

12.04.2021 20:52 • #37


Shana1967

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2002
Mich würde es interessieren ob ihr folgendes ähnlich empfindet:

Ich traue mir nicht zu den Arbeitsplatz zu wechseln,
Es wäre grundsätzlich möglich.

An dem jetzigen habe ich genug Routine,
um mich über Wasser zu halten.
Es wird ja häufig geraten sich beruflich umzuorientieren,
wenn die Arbeit so belastet.
Ich bin mir relativ sicher dass ich Neues
noch weniger schaffen würde und mir die jede Krafft
Für die Einarbeitung fehlt.
Diese Vorstellung Neues zu beginnen löst nur Stress aus,
Auf gar keinen Fall Entlastung.

13.04.2021 07:38 • x 3 #38


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Resi

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Zitat von Shana1967:
An dem jetzigen habe ich genug Routine,
um mich über Wasser zu halten.
Es wird ja häufig geraten sich beruflich umzuorientieren,
wenn die Arbeit so belastet.
Ich bin mir relativ sicher dass ich Neues
noch weniger schaffen würde und mir die jede Krafft
Für die Einarbeitung fehlt.
Diese Vorstellung Neues zu beginnen löst nur Stress aus,
Auf gar keinen Fall Entlastung.

Das ist gerade mein Thema, und ich bin unwesentlich älter als du.

Ich denke schon, daß wir das packen.
Wichtig ist aber eine Änderung in uns, daß wir uns nicht mehr so belasten von und mit der Arbeit.

Also ich bin bereit für Neues.

Zitat:
Mangel an Lebensfreude und Leichtigkeit

Ist das wirklich etwas, was einforderbar ist?
Ist es nicht etwas, was nur manche haben, die nicht so viel kämpfen müssen?
Wie kann ich Leichtigkeit empfinden, wenn mir der "Affe zwar nicht mehr im Nacken, aber jetzt auf der Schulter" sitzt?
Leichtigkeit kann ich nur empfinden, wenn ich nicht mehr belastet bin und solange ich für meinen Lebensunterhalt arbeiten muß belastet mich allein dieser Umstand schon mal sehr.

13.04.2021 09:43 • x 6 #39


Shana1967

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2002
Guten Morgen Resi,

Ich hab in deinem TB eben gelesen.
Es ist auch vieles bei dir in den äußeren an der Arbeitsstelle
zusätzlich begründet.
Nicht nur die eigenen Aufgaben,
Sondern zusätzlich andere Mitarbeiter ersetzen und deren Arbeitsauftrag mit erledigen.

Ich fange seit Jahren von Ausfallzeiten anderer Mitarbeiter wegen
Pensionierungen ,
Schwangerschaft / Mutterschutz
Erkrankung der Kinder usw. auf.
Da bleiben monatelange die benötigten Arbeitskräfte aus.
Die innere Veränderung diesbezüglich findet erst die letzte Zeit statt,
Ich werde wütend!
Es wird so selbstverständlich voraus gesetzt mit zu leisten und zu überbrücken.
Auch jetzt ist klar, dass vorrangig Mütter HO haben,
Und in Präsenz ist wieder das mitleisten angesagt.
Ja klar verstehe ich, homeschooling usw.
Ich komme teilweise wie ein Arbeitsesel vor, den man noch mehr Last aufdrückt.
Auch wenn es bekannt ist,
Dass ich eingeschränkt belastbar bin.
Und wenn ich meine Arbeitskraft vollständig schrotte,
winkt die Altersarmut als Dank!

13.04.2021 10:08 • x 3 #40


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Greta

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Zitat von ClaraFall:
Ich möchte noch hinzufügen: Es muss gar nicht immer "die Arbeit" sein.

Bei mir waren es die Beziehungen und jetzt die Kinder, die mich so funktionieren .. lassen


Egal, was es ist ... ich sehe um mich herum etliche Leute, die das alles schaffen, ohne zusamenzubrechen.
Da denke ich oft: Wie machen die das?
Ich war und bin immer ganz erstaunt, wenn Kollegen nach einem langen Arbeitstag sich noch zum Sport verabreden, zu einem Kaffeeklön, zu Geburtstagen gehen .... was auch immer.
Das kann ich überhaupt nicht!
Ich habe auf alles verzichtet (und musste das auch), damit die Energie für die Arbeit reicht.

Nun lese ich gerade das Buch von Till Raether und erkenne mich darin total wieder. Erschreckend!
Meine derzeitige Wiedereingliederung ist ein weiterer Versuch, zu funktionieren. Und ich schäme mich und ärgere mich auch, dass mir selbst die drei Stunden so schwer fallen.
Immerhin gehe ich inzwischen in die Offensive; wenn jemand fragt, wie es mir geht, sage ich ehrlich: Nicht wirklich gut.

Zitat von Shana1967:
Ich traue mir nicht zu den Arbeitsplatz zu wechseln,


Darüber habe ich in der Vergangenheit auch oft nachgedacht, mich aber stets dagegen entschieden.
In meinem Job habe ich viele Freiheiten, kann mir die Arbeit einteilen, die Pausen, kann später kommen oder früher gehen, wenn's mir mal nicht so gut geht. Ohne diese Flexibilität wäre ich schon längst nicht mehr arbeitsfähig. Nachteil ist, dass ich mich dadurch bisher immer irgendwie über Wasser halten konnte, bis dann irgendwann gar nichts mehr ging. Unter anderen Arbeitsbedingungen hätte ich mich sicher schon viel früher um meine Gesundheit kümmern müssen.

Zitat von Shana1967:
Es wird ja häufig geraten sich beruflich umzuorientieren,
wenn die Arbeit so belastet.


Ich glaube, das Problem ist oftmals nicht die Arbeit oder der Stress im Privaten, sondern die fehlende Belastbarkeit aufgrund unserer Depressionen. Was andere mit Leichtigkeit wuppen oder mit einer Mütze Schlaf hinter sich lassen, bringt uns an unsere Grenzen, da wir ja schon viel Energie darin lassen, überhaupt irgendwie zu funktionieren.
Da muss man aufpassen, dass man bei einem Jobwechsel nicht vom Regen in die Traufe kommt.

13.04.2021 13:17 • x 3 #41


Ex-Mitglied

Zitat von Greta:
Da denke ich oft: Wie machen die das?
Ich war und bin immer ganz erstaunt, wenn Kollegen nach einem langen Arbeitstag sich noch zum Sport verabreden, zu einem Kaffeeklön, zu Geburtstagen gehen .... was auch immer.


Das kannte ich z.b. auch immer. Außerdem einen sehr schweren depressiven Episoden. Aber wenn du Kinder hast, aber kein Vater dazu, der einfach vielleicht mal ein Stündchen er von der Arbeit kommt oder sich einfach mal ein Tag Homeoffice einrichte dann kannst du das nicht tun wie sollst du als Mutter zum Sport gehen nach der Arbeit, wenn du gucken musst dass du innerhalb von zehn Minuten an der Kita oder an der Schule bist um deine Kinder einzusammeln und um danach irgendwie noch den Haushalt zu schmeißen und sich um Garten zu kümmern oder noch tausend andere Familienmitglieder irgendwie irgendwie zufriedenzustellen.

Mein Therapeut hat mal gesagt: wenn sie nicht von so vielen a*********** umgeben wären, dann würde es ihnen glaube ich ganz schön gut gehen. Und das ist doch der Punkt. Es ist das, was uns angetan wurde, was uns zu dem gemacht hat wer wir heute sind in unseren Schwächen.

Die Leute, die das vielleicht hinbekommen, die hatten vielleicht einfach Glück weil sie solchen Menschen in der Form so nie begegnet sind. Die Unterstützer haben, keine Runterdrücker.

13.04.2021 13:46 • x 5 #42


Shana1967

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2002
Clara , Greta

Nochmal danke für euere passenden Beschreibungen.

Ja, es gab keine Unterstützer - auch jetzt nicht, auch nicht am Arbeitsplatz.
Und gut, war nie gut genug

Liebe und Geborgenheit tragen einen durchs ganze Leben,
steht auf meinem Kalendar

Ich hab viel Kraft schon früh gebraucht um zurecht zu kommen,
genauso hab ich einige Krisen überwinden müssen,
Vielleicht hab ich so nur noch einen geringen Pegel übrig,
Auf den ich aufpassen und mir einteilen muss.

13.04.2021 14:15 • x 1 #43


maya60

maya60

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Zitat von Greta:
Egal, was es ist ... ich sehe um mich herum etliche Leute, die das alles schaffen, ohne zusamenzubrechen.
Da denke ich oft: Wie machen die das?
Ich war und bin immer ganz erstaunt, wenn Kollegen nach einem langen Arbeitstag sich noch zum Sport verabreden, zu einem Kaffeeklön, zu Geburtstagen gehen .... was auch immer.
Das kann ich überhaupt nicht!
Ich habe auf alles verzichtet (und musste das auch), damit die Energie für die Arbeit reicht.


Liebe @Greta - die Gesunden sind auch nur NormalneurotikerInnen!


Ich habe mich ja immer beruflich, privat und in meinen Ehrenämtern bis vor 4 Jahren kreuz und quer unter den sogenannten Normalos bewegt und auch meine FreundInnen galten bis auf einzelne als gesund.

Trotz meiner angeborenen A.DHS-Einschränkungen war ich von Kleinauf neugierig und gesellig überall unterwegs.

Und habe ja, lange schon, bevor ich überhaupt begriff, dass meine Probleme Krankheitswert haben müssen und noch viel länger, bevor ich überhaupt mit fast 50 Jahren meine Diagnosen endlich bekam, begriffen, dass sehr sehr wenige Erwachsene im Alltag sich richtig freuen und dass viele viele völlig erschöpft und überarbeitet sind. So kannte ich die Hausfrauen früher mit vielen Kindern, alleinerziehende Mütter mit Ehemann, und so kannte ich später meine FreundInnen ab Elternschaft spätestens auch und so kannte ich meine kinderlosen FreundInnen spätestens ab mehrjähriger Berufstätigkeit auch. So kannte ich alleinerziehende Mütter mit und ohne Ehemann und so kannte ich Leute, die daheim blieben und Angehörige pflegten.

Studienzeit, Berufseinstieg, das passierte noch - bei Gesunden - fröhlich und kraftvoll und mit After-Work-Parties und Fitnesscenter usw. Aber etwa ab 30 bis allerspätestens 35 Jahren bekam das Ganze eine Art Verbissenheit und Verkniffenheit und Spaßfreiheit, die entweder auf die Doppelbelastung mit Kindern verwies oder auf ein Workaholicleben, letzteres nicht mal unbedingt freiwillig.

Wenn ich in meinen Ehrenämtern mit Berufstätigen oder nicht Berufstätigen, mit Eltern oder nicht Eltern zusammensaß, z.B. mit lauter Leuten in ihren Vierzigern in unserer Kirchengemeinde, dann hatten alle gemeinsam, dass sie überarbeitet waren, auch im Ehrenamt hetzten, dass ihre Freude und ihr Lachen zu schrill waren und ihre Parties gierig nach Lebensgenuss und viel zu Alk..

Der Unterschied zu mir chronisch Depressiver war da, dass sie (noch) mehr Kraft hatten, aber sicherlich nicht weniger ungesunder Laster und Schlafstörungen, Aufputsch- sowie Beruhigungsmittelkonsum und Missbrauch von Alkohl ganz verbreitet.

Workaholicleben sind kranke Leben, ob sie so genannt werden oder nicht. Die mogeln sich genauso ihre Unordnung im Haus, ihre Fassadenaussehen, ihre ganzen Haushaltsvernachlässigungen hin wie ich als Antriebsarme mit Depressionen.

Die Fröhlichen, starken Gutverdiener mit Vollzeitstellen, die Feierabends noch mit Elan Hobbies frönen, die gibt es vielleicht noch in jungen Berufsenstiegsjahren, danach nicht mehr.

Es ist, das hat mir Till Raethers Buch gezeigt, eine doppelte Tragik: Die erste Tragik ist unsere menschliche Widerstandslosigkeit und Anspruchslosigkeit, Jahrzehnte auf Lebensfreude, Leichtigkeit und Zeiten, in denen wir uns nicht pausenlos zusammenreißen, zu verzichten.

Und dass das nur möglich ist, weil es alle machen und weil dadurch eben auch eine Arbeitswelt, in der auch Freude, Lachen und Leichtigkeit herrschen, nicht existiert. Die meiste Zeit des Tages stecken Berufstätige in einer solchen toxischen und deprimierenden Falle.

Ich sehe es doch jetzt, wo ich nach langer Zeit nicht depressiv bin: Die Welt bleibt genauso deprimierend wie aus meiner kranken Wahrnehmung. Darum ist mein Ton auch derzeit in einigen Dingen etwas scharf. Weil ich jetzt mit noch klarerem Blick all die Zumutungen sehe und die Menschens- und Lebensrechtverletzungen, die so unbewusst weitergelebt werden, dass ich 60 Jahre werden musste, um sie zu durchschauen, vorher hielt mich dieses Leben zu sehr im Hamsterrad.

Liebe Grüße! maya60

13.04.2021 14:20 • x 3 #44


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Hoffnung21

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Heute habe ich mir das Buch von Till Raether ("Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?") gekauft. Zuhause fing ich gleich an zu lesen und auf der ersten Seite habe ich mich wiedergefunden in den vielen Jahren vor meinem "Zusammenbruch". Seit langem habe ich mal ein Buch in der Hand und daneben einen Marker. Da sind so viele tolle Stellen drin, die ich bestimmt noch öfters lesen werde. Der Schreibstil gefällt mir und ich musste schon ein paarmal so herzhaft und laut lachen, dass ich mir dachte "wow, so viel Freude hab ich schon länger nicht mehr empfunden" und das beim Lesen eines Buchs. Selbst jetzt heben sich meine Mundwinkel nach oben, nur bei der Erinnerung daran.

Zitat:
..gab mir die Verhaltenstherapie einfach noch ein paar Instrumente mehr an die Hand für meinen großen Besteckkasten, aus dem ich mich als hochfunktionaler Depressiver bediente, um über die Runden zu kommen...in gewisser Weise waren das für mich Flicken, Pflaster und Reparaturanleitungen...

das könnte ich nicht besser schreiben wie ich es empfinde.

Zitat:
Das Ermüdende an der Depression ist, dass sie immer noch und immer wieder da ist, auch wenn sie weg ist. Was ich damit meine: Nachdem ich mein Leben mit Hilfe der Verhaltenstherapie geflickt, gepflastert und repariert hatte, war das Leben wirklich sehr viel besser, und ich war in diesem Leben sehr viel zufriedener. Aber die Depression lächelte im Hintergrund und sagte: Wie schön, jetzt bist du ein Depressiver mt einem reparierten Leben. Aber denk nicht, dass du mich los bist.

An dieser Stelle musste ich Lachen, dass es mir direkt die Tränen in die Augen getrieben hat. Ich hab es meinem Mann vorgelesen, aber ich glaube, das versteht man nur wenn man drin steckt. Ich muss immer wieder lachen bei der Vorstellung, wie die Depression das sagt, verschmitzt, mit einem Augenzwinkern, wie sie mir über die Schulter schaut.

Zitat:
Ende 2017 hatte ich eine Art Zusammenbruch. Ich sage eine Art, weil es wieder nicht dieses ganz große Ding war, mit Blaulicht ins Krankenhaus oder wochenlang im Bett ohne Appetit und ohne Duschen. Aber es gab einen klar erkennbaren Tag, an dem ich so unglücklich und gestresst, so energielos und überfordert war, dass ich wusste: Es muss sich was ändern, und zwar deutlich mehr als bisher.

Auch an dieser Stelle musste ich Lachen. Das ist ein Gefühl, als hätte er meine Gedanken aufgeschrieben. Er beschreibt auch etwas später den Wunsch nach einer ernsten Erkrankung, so dass man sich gar nicht mehr aufraffen könnte, um es irgendwie zu überstehen.

Zitat:
Es ist, wie wenn man seit Tagen oder Wochen an so einer leichten Erkältung laboriert, und sie ist nie stark genug, um sich wirklich mal ein oder zwei Tage ins Bett zu legen, man schleppt sich, wie das dann heißt, immer noch zur Arbeit, aber es kostet einen immer mehr Kraft, und insgeheim hofft man irgendwann, so krank zu werden, dass einem die Entscheidung abgenommen wird: Fieber oder etwas anderes Messbares, Unmissverständliches, das einem endlich die Lizenz gibt, sich krankzumelden und sich hinzulegen.

Das ist genau das Problem bei der Depression, man kann sie nicht messen, nicht objektiv darstellen. Der Arzt, das Umfeld, Freunde, der Partner, Alle sehen nur das, was man ihnen zeigt, sie verstehen nur das, was man ihnen nicht erklären kann, weil man es ja selbst nicht versteht. Und es gibt keinen Parameter, der diesen "ultimativen" Beweis liefert, dass du nicht einfach faul bist, keine Lust hast, oder maßlos übertreibst, weil sich das ein Gesunder einfach nicht vorstellen kann.

Zitat:
Irgendwann ist es ja auch eine Frage der Lebenszeit. Aus wie vielen Wochenenden oder Abenden oder Arbeitstagen besteht das Leben, wenn man am Ende meist nur froh ist, sie irgendwie durchgestanden zu haben? Und was, wenn es immer mehr Kraft kostet, die Dinge durchzuhalten, und die Energie, die man hat, immer weniger wird?

Diese letzte Stelle für heute sagt mir einfach, das man etwas tun muss. Das Leben einfach zu kostbar, um es an sich vorbeirauschen zu lassen.

Danke noch mal @maya60 für diesen Buchtipp. Das ist soooooo schön.
Entschuldigt den langen Text, aber ich hatte einfach das Bedürfnis, dieses tolle Erlebnis, das ich beim Lesen hatte mit Euch zu teilen.

Liebe Grüße Hoffnung 21

13.04.2021 19:36 • x 4 #45


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Kate

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Ich schätze, ich werde mir das Buch auch mal kaufen müssen. Man verliert ja komplett den Anschluss hier

13.04.2021 19:42 • x 2 #46


maya60

maya60

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Danke, liebe @Hoffnung21 für deine Zitate und Kommentare! Mir ging es wie dir, zwischen Schock und Lachen.

Besonders auch diese Stelle mit der Verhaltenstherapie - genau sooooo ist es doch für uns chronisch Depressiven. Andauernd kommt jemand und sagt: "Mach das und dann bist du es los." Das schreibt Till Raether ja auch so nach dem Motto: JA, für wie doof halten die einen eigentlich? Was ist das denn für ein Kinderglaube, dass wir nur seit Jahrzehnten so mies drauf sind, weil wir 1 einzige Therapieform nicht konsequent genug gemacht haben?

JA, die Flickschusterei mit einer Therapieform bringt schon Linderung, aber die Depression grinst trotzdem im Hintergrund und weiß schon, dass sich das auch wieder abnutzt wie Raether es ja auch beschreibt.

Das ist eben das gleichzeitig Erschütternde und Herzerfrischende an dem Buch: Es ist alles so alltäglich und bekannt und darum auch ziemlich klar, dass das Leben und die Depression sich erstens weniger unterscheiden als gedacht, gerade weil Krankheit wie Normalität wirkt und es auch ist und weil alles viel zu lange ausgehalten wird ohne Freude und Kraft und mit pausenloser Anstrengung. Die Rechnung geht ja nach beiden Seiten auf mit der Frage: Ist noch das Leben oder ist es schon Depression?

Liebe Grüße und gute Nacht! maya60

13.04.2021 21:30 • x 3 #47


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Catalie

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So, versuche jetzt mal meinen verschwunden Beitrag Neu zu schreiben und überhaupt...
Ich habe Till Raether angefangen zu lesen und es treibt mir die Tränen in die Augen, es ist als hätte ich es selbst geschrieben oder als schrieb er über mich. Ich bin sehr angefasst. Obwohl ich normalerweise ein schnelles Lesetempo habe, komme ich nnicht vorwärts, es bewegt soviel in mir. Das erste Kapitel habe ich schon zwei mal gelesen, dass zweite Mal mit Textmarker in der Hand alle Stellen makierend, die "ich" bin, um es meinem Mann zu lesen zu geben, weil so gut ausgedrückt ist was ich fühle, wie ich es selbst nicht in Worte fassen kann. Es macht mich sprachlos und euphorisch zugleich, weil es endlich bewusst macht, was ich seit immer fühle. Zusammenreißen ist quasi mein Lebensmotto, Ich bestehe fast ausschließlich aus zusammenreißen, und dem tiefen Gefühl von Scham und Unzulänglichkeit wenn es mal nicht klappt.
Und auch das beschreibt Raether so treffend, es ist eben nie schlimm genug, der entgültig Zusammenbruch kommt nicht. Nichtmal Depression kriege ich anständig hin...

Ich habe mir schon manchmal gewünscht, einen Autounfall zu haben, nichts ernstes, wirklich nur ein kleiner Autounfall, der mich 3/4 Tage ins Krankenhaus brächte, einfach ein paar Tage ohne schlechtes Gewissen rum liegen, nichts machen, nur schlafen und liegen. Hach, herrlich... Aber eben, einen Grund haben fürs rumliegen. Und ich hasse Krankenhäuser, hab selbst lange genug in einem gearbeitet und weiß rational, dass es keine Erholung oder Entspannung wäre.

Das Buch arbeitet eben enorm in mir, Ich schleiche schon die ganze Zeit darum herum, will unbedingt weiter lesen, aber habe heute noch keine Zeile geschafft, weil es aufwühlend ist, anstrengend aber auch Klarheit bringt und ein bisschen Traurigkeit.

@maya60 und nochmal danke ich Dir heute, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast, es hilft mir, bringt mich weiter.

13.04.2021 22:20 • x 7 #48


maya60

maya60

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Zitat @Catalie
Zitat:
Es macht mich sprachlos und euphorisch zugleich, weil es endlich bewusst macht, was ich seit immer fühle.

Ja, genau das ist es! Euphorisch, dass es das, was man sich selber kaum eingestand und glaubte und erlaubte, weil es eben schlimm war aber noch nicht bettlägerig schlimm, dass das öffentlich so verbreitet ist, dieses Schwammige, aber so Leidvolle, dass jemand wie Till Raether das so genau und gut in Worte fasst und ihm stimmen unzählige andere zu .
Dass sowas Nebulöses zwischen "So ist das Leben eben" und "Funktionieren ist alles" und "Das kann doch nicht normal sein, sich nur immer zusammenzureißen." und so gerade noch durchzuhalten, wirklich ein Lebensschicksal ist, das andere, und zwar viele, auch hier im Forum, genauso kennen.

Euphorisch e n d l i c h so sein zu dürfen und so eine Krankheitsberechtigung zu haben und keine Simulantin zu sein - nein, genau so mit all diesen nicht zu kapierenden schlimmen mittelschweren Leiden gesehen, beschrieben, gemeint und bestätigt zu werden.
Somit eine Kontur und Statur zu bekommen, wo zuvor keine zu sein wagte.

Und gleichzeitig sprachlos, wenn ein anderer das so aneinanderreiht, wie sowas überhaupt so lange ausgehalten wurde.

Wie man sowas so lange sich selber nicht glauben konnte. Und so viele andere genauso, alle still in sich verheimlicht.

Sprachlos, nicht sich selber geglaubt zu haben, wie schwer und schlimm das war.

Und dann an einigen Stellen, wo sich die ganze Absurdität dieser Selbstmissachtung so ballt in Till Raethers Beschreibungen, dass ich in schallendes Gelächter ausbrach wie Hoffung21 das auch beschrieb.

Wo es so lief wie Berthold Brecht schon sagte: "Ja, mach nur einen Plan. .. . . dann machst du einen zweiten Plan . . . geh´n tun sie beide nicht . . . . der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihm auf den Hut . . . . "

So ähnlich kam mir diese Stelle vor, wo die Depression im Hintergrund lächelt und quasi sagt nach der Verhaltenstherapie: "Fein hattu das gemacht, bist jetzt ein reparierter Depressiver. Ich bin trotzdem da. "

Ja, auch sowas von Realsatire und völliger Absurdität gehört dazu, denn wie kann man sich sowas auch glauben, sowas absolut Absurdes und Nebulöses und dennoch Qualvolles. Das Lachen ist befreit und offen, aber auch mit einer dicken Prise schwarzem Humor.

14.04.2021 19:42 • x 3 #49


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Catalie

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Zitat von maya60:
Wie man sowas so lange sich selber nicht glauben konnte. Und so viele andere genauso, alle still in sich verheimlicht.

Ich würde mal gar nicht sagen, dass ich mir selbst nicht geglaubt habe, Ich bin nur nicht oder erst viel zu spät auf die Idee gekommen, dass ich Depressionen haben könnte, auch jetzt noch fällt es mir super schwer das hier so zu schreiben, Ich habe Depressionen, hab ich gar nicht. Depression ist eine Krankheit, Ich weiß das, aber ich fühle mich nicht krank. Ich fühle mich doch nur müde und immerzu erschöpft, aber doch nicht krank. Trotzdem glaubte ich schon, dass da irgendwas "mit mir nicht stimmt," bin also von Arzt zu Arzt gerannt, Endokrinologen, Nuklearmediziner, irgendwas mit meinem Hormonhaushalt könnte ja schief sein, alle haben sich angehört was ich zu sagen hatte, alle haben unterschiedliche Blutwerte bestimmt, immer unauffällig, aber niemand hat mal das Wort Depression in den Mund genommen. Dann emdlich, einer fand meine Schilddrüsenwerte zumindest grenzwertig. Juhu, ENDLICH hat wer etwas gefunden, jetzt geht es mir bald besser. Ich hab dann auch ca. FÜNF Jahre lang Schilddrüsenmedikamemte genommen, natürlich ging es mir trotzdem nicht besser. Wenn ich so darüber nachdenke, muss/möchte ich dem guten Mann mal eine Mail schicken. Zwei mal hat er die Dosis erhöht, weil ich keine Verbesserung merkte... Na Ja, ich bin ja eigentlich auch nicht ganz doof und mir ist schon klar, dass ich solange gesucht habe, bis mir endlich jemand eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert hat! War ja auch so schön einfach, hier die Tablette und endlich bin ich fit. Hat nicht geklappt, war ja auch nicht das Problem, dauerte aber, bis ich mir das eingestehen konnte. Also wieder den Arzt gewechselt und da hab ich wohl die Richtige erwischt. Eine Endokrinologin, hörte sich genau an was ich erzählt habe, sagte okay, sie nimmt Blut ab und untersucht auf alles was es nur im entferntesten sein könnte, aber wenn sie nichts findet müsste ich auch an eine Depression denken, Ich hatte es insgeheim schon sehr, sehr lange geahnt, aber es mal jemanden aussprechen zu hören war wichtig für mich um den Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Das ist fast ein Jahr her... Nun, hier bin ich.

14.04.2021 21:27 • x 4 #50


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Greta

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Zitat von Catalie:
Juhu, ENDLICH hat wer etwas gefunden

Das ging mir ähnlich. Auch ich habe jahrelang gedacht, dass mit mir "körperlich" was nicht stimmt. Habe immer wieder alle Werte checken, zum Teil auch auf eigene Kosten, in der Annahme, es fehlt vielleicht irgendwas ... zuwenig Vitamin D oder B, zuwenig Eisen. Habe mir Aufbauspritzen verpassen lassen (Selbstzahler, klar). Musste zwei Magenspiegelungen über mich ergehen lassen, da ich ständig Magenschmerzen hatte. Bin immer wieder halb panisch zum Arzt gerannt, weil ich plötzlich ausstrahlende Herzschmerzen hatte. War bei diversen Heilpraktikern und habe mir eine teure TCM-Behandlung gegönnt, die übrigens tatsächlich meinen Magen beruhigt und meine Energie kurzzeitig verstärkt hat.
Beim Kardiologen wurde ein leichter Mitralklappenprolaps diagnostiziert. Da war ich regelrecht erleichtert, dass jemand endlich was gefunden hatte.
Dann kamen die Gelenkschmerzen. Der erste Rheumatologe konnte keine Ursache feststellen. Der zweite tippte auf eine Art Fibromyalgie (Stress- und Schmerzzentrum im Gehirn liegen wohl dicht beieinander).
Aber alles irgendwie so diffus, nicht wirklich greifbar.
Müdigkeit und Erschöpfung zogen sich durch all die Jahre. Regelmäßig verbrachte ich ganze Tage im Bett, weil ich einfach nicht mehr konnte. Aber ich dachte, das sei normal und das Leben sei nun mal anstrengend. War's ja auch, mit Job und Kindern und so manchen herben Einschlägen.
Zwei Mal habe ich therapeutisch versucht die Brüche in meinem Leben zu verarbeiten und Strategien zu entwickeln, um mit den Alltagsbelastungen besser umgehen zu können.
Drei Mal war ich zur Kur, um wieder Kraft zu schöpfen.
Aber niemals war von einer Depression die Rede.
Natürlich hatte ich selbst immer schon mal wieder den Verdacht, habe viel zu Depressionen gelesen, dachte aber dennoch eher an eine Art Burnout, eine Erschöpfung aufgrund der vielen anstrengenden Jahre.
Irgendwann war ich so dünnhäutig und gereizt, völlig antriebslos, tieftraurig und schleppte mich nur noch durch den Tag. Ich fühlte mich innerlich so wund, mein Leben schmerzte mich regelrecht.
Meine Hausärztin schrieb mich immer wieder krank. Diagnose: Erschöpfung.
Schließlich empfahl sie mir eine Neurologin; die sprach zwar das Wort "Depression" nicht aus, verschrieb mir aber Sertralin.
Mein jetziger Therapeut hat mir dann, nachdem ich ihm gegenüber immer nur von Erschöpfung sprach, einige Fragen gestellt und mir im Anschluß gesagt: Ganz klar, Sie haben eine Depression.
Mittlerweile weiß ich, dass ich schon sehr früh unter Ängsten und Selbstzweifeln litt (Vater sei Dank, dem es nie genug war) und die Depression sich dann mit Mitte zwanzig nach einem sehr traumatischen Erlebnis entwickelte. Dass ich so lange funktioniert habe, lag wohl hauptsächlich an meinen Kindern, die mich einfach brauchten und für die ich stets alleine verantwortlich war.
Nicht umsonst hatte ich meinen ersten heftigen Zusammenbruch genau einen Tag, nachdem meine Tochter ihre Ausbildung beendet hatte. Und mein heftiger Bandscheibenvorfall kam genau zu dem Zeitpunkt, als mein Sohn (als letzter) von daheim auszog. Da brach quasi der Rücken, der so lange so viel getragen hatte.

15.04.2021 06:51 • x 4 #51


maya60

maya60

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Hallo @Catalie und @Greta - danke euch für diese intensiven Worte über all diesen Wahnsinn und die ja so bekannten Beschreibungen dieses Ärztemarathons, um herauszufinden, was körperlich nicht stimmt mit einem.

Zitat von Catalie:
Depression ist eine Krankheit, Ich weiß das, aber ich fühle mich nicht krank. Ich fühle mich doch nur müde und immerzu erschöpft, aber doch nicht krank.


Ja, genau so! Und obwohl das bei mir dadurch weniger der Fall war, weil meine Mutter und mein Onkel schon Depressionen hatten als ich jung war und mir dadurch klar war, dass ich mehr psychische Beschwerden hatte, war es in meiner Familie bis zur Hypochondrie üblich, ständig zu Ärzten zu laufen.
Und aber auch die Mütter in den Krabbelgruppen, Kitas, Schulen und Kirchengemeinden rannten ständig zu Ärzten. Allergien, Orthopädisches, Migräne, Nervosität, Nahrungsunverträglichkeiten und was nicht alles. Ganz klar reden nämlich nicht nur alte Leute ständig über Krankheiten. Und den Dauerstress natürlich!
Burnout als Normalzustand.

Zitat von Greta:
Das ging mir ähnlich. Auch ich habe jahrelang gedacht, dass mit mir "körperlich" was nicht stimmt.

Als bei mir dann A.DHS für Erwachsene endlich endlich diagnostiziert wurde, war das natürlich eine Mischung aus psychischer Erkrankung und Hirnchemiechaos, also Hirnstoffwechselstörungen und damit Körperlich-Neurologischem, was ich auch schon lieber hatte als eine psychische Erkrankung.
Und die Erschöpfungsdepression war dann eine Folge. Das hörte sich für mich besser an als "Psychofamilienherkunft", was natürlich nach wie vor stimmte, vor allem, als ich dann noch herausfand, dass es da eine zweite Art von Depressionen als Traumafolgestörung vorlag.

Zitat von Catalie:
Also wieder den Arzt gewechselt


Ich weiß gar nicht, ob Till Raether auch soviel Ärztemarathon hinter sich hat auf der Suche nach körperlichen Gründen? HAb das Buch aber auch noch nicht ganz ausgelesen, das vorletzte Kapitel und das davor fehlen noch.
Aber ich verstehe gar nicht, wieso die Hausärzte und Fachärzte nicht von Vornherein, wenn sie etwas nicht herausfinden, sagen: "Denken Sie an psychische Stresserkrankungen wie Burnout/Erschöpfungsdepression".

Sogar mein Orthopäde, nachdem ich immer wieder Achillessehnenentzündungen bekam, sagte irgendwann: "Das ist syndromatisch, nicht orthopädisch." Mir sagte das zufällig was, weil ich das aus den Diagnosen von SeniorInnen von früher kannte, wo lapidar HOPS oft stand: "Hirnorganisches Psychosyndrom", was ich immer so gleichgültig und respektlos fand und sich für mich schon nach Hopsgehen anhörte als Ergotherapeutin.

Zitat von Greta:
Nicht umsonst hatte ich meinen ersten heftigen Zusammenbruch genau einen Tag, nachdem meine Tochter ihre Ausbildung beendet hatte. Und mein heftiger Bandscheibenvorfall kam genau zu dem Zeitpunkt, als mein Sohn (als letzter) von daheim auszog. Da brach quasi der Rücken, der so lange so viel getragen hatte.


Ja, sowas ist ja klassisch! Im Urlaub krank werden, den Urlaub zur Reha hergeben und dann in der Sekunde zusammenbrechen, wenn die Überbelastung weg ist!
Ging mir ab Berufstätigkeit jedes Jahrzehnt einmal ca so mit depressivem Zusammenbruch nach irgend einem Projektende und die Kraft, die ich in der Familienphase verloren habe, kam nie mehr zurück, ist verbrannt für immer.

Ich habe mir durch diesen Thread aber nochmal überlegt, wie es kommen kann, dass wir Jahrzehntelang gar nicht merkten, wie krank wir schon waren und dass dieses epidemisch geworden ist in unserer Leistungsgesellschaft?

Ganz logisch! Andersrum wird ein Schuh draus: Wir sind durch den einmalig langen kriegsfreien Zustand seit dem 2. Weltkrieg ja in westlichen Gesellschaften in der Ausnahmesituation, nicht für das schiere körperliche Überleben zu leben, sondern über die Grundbedürfnisse hinaus Lebenswünsche formuliert zu haben.

Vorher und noch immer in den meisten Weltgegenden war und ist das Leben das reinste Vegetieren, Überlebenskampf , Krieg, Armut, Flucht, Gewalt, Hunger, Lebensgefahr.

Ein "Jammertal", wie es die Kirchen noch meinen Großeltern beibrachte! Selbstreflexion ist ein Wohlstandsprodukt und ein Friedensprodukt. Auch wenn das psychische Überleben unter Leistungsstress und Umweltvernichtung ganz ungeahnte neue Krankheiten mit sich brachte!

Habt einen guten Tag!

Liebe Grüße! maya60

15.04.2021 07:27 • x 4 #52


Shana1967

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2002
Maya, ich bin immer wieder erstaunt wie gut du die Zusammenhänge in Worte packst!

Menschen die nach D. zuziehen, empfinden schon einen Krieg- am Arbeitsplatz.
sind oftmals sehr erschrocken über die Ellenbogengesellschaft.
Abwälzen von Aufgaben, den geringen Teamgeist.

Ich bin fast durch mit dem Hörbuch,
gute Stimme
sehr informativ und entlastend.

Ich würde allerdings das Buch empfehlen,
Weil ich bestimmte Sachen markieren wollen würde,

16.04.2021 07:57 • #53


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Resi

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Zitat von maya60:
Ich habe mir durch diesen Thread aber nochmal überlegt, wie es kommen kann, dass wir Jahrzehntelang gar nicht merkten, wie krank wir schon waren und dass dieses epidemisch geworden ist in unserer Leistungsgesellschaft?

Weil man da auch ein Stück weit "rein" wächst, weil es "normal" ist.
Man muß erst auf die Nase fallen um zu begreifen.
Hättet ihr mir vor zwei Monaten gesagt, daß ich länger als 2 Wochen zuhause bin hätte ich euch ausgelacht- obwohl ich es hätte wissen müssen, die Anzeichen waren schon früher da.
Ich bin wieder in die Falle getappt.
Wie oft eigentlich noch?
Nach vier Wochen (!) zuhause komme ich langsam in die Ruhe, merke, wie unglaublich viel ich mir wieder aufgebürdet habe- schon wieder.

Zitat:
Da brach quasi der Rücken, der so lange so viel getragen hatte.

16.04.2021 08:15 • x 4 #54


maya60

maya60

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Gestern freute ich mich, seit November zum ersten Mal wieder meine Psychologin wiederzutreffen! Und ich konnte mir Kraftmäßig auch so sicher sein, hinzukommen, das zu schaffen!
Sie freute sich auch, schließlich treffen wir uns jetzt bestimmt schon seit mindestens 3 Jahren und so ist unsere Arbeit miteinander kontinuierlicher als die meisten Psychotherapien (die lange Pause von November bis April kam von mir aus) und sie ist wirklich psychologische Alltagsbegleiterin für mich als dauerhaft psychisch Kranke und nicht mehr psychotherapeutisch Gesundwerd-orientiert und damit weg von meinem RL seit immer schon.
Letzte Woche hatten wir eine Telefonsitzung, gestern das Treffen, in 2 Wochen wieder eins. Die lange Pause war zum ersten Mal und auch richtig, aber jetzt nicht mehr.

Und da war gestern auch wieder so ein Punkt "Ist das schon Depression oder noch das Leben?" Auf jeden Fall war es: Zuviel Hochfunktionale Depressive in meinem Ruhestand z.Zt.

Denn ich schilderte ihr, dass ich seit Anfang Februar ja zu meiner eigenen Überraschung eine Depressionspause habe, unterbrochen von Einzeltagen mit Stimmungsabsenkung oder anderen depressiven Symptomen, aber leichten. Jetzt seit 1 Woche aber wieder kontinuierlichere depressive Symptome, oder noch Leben mit Pandemieschäden?

Und ich berichtete ihr auch, dass seit 1 Woche meine Stimmung wieder flacher wird, gefühlte Freude seltener und Migräne wieder vermehrt da ist, ja, wie immer in saisonalen Wetterumschwüngen und besonders Aprilchaos, die mir einfach zusetzen.

Da meinte sie: "Ja, aber es IST doch auch einfach so, dass die derzeitige psychische Labilität Ihres Sohnes eine ziemliche Belastung für Sie darstellt! Und ich finde, dass Ihr frühes Aufstehen mit ihm v i e l ist!"

Ja, stimmt, merkte ich! Auch wenn ich es gut hinkriege mit Sohni und es mir wirklich mit Liebe, Sinnhaftigkeit und Stolz am Herzen liegt, ihn da zu unterstützen - kriege i c h für mich es nicht gut hin. Sowas ist einfach zuviel für mich wie die Pandemie zuviel für so viele ist, die dadurch, wenn nicht ihr Leben verlieren, aber ernsthafte Schäden erleiden wie auch bei Sohni ja sein seit 9 Jahren schlummerndes Waisenhaustrauma wieder durch Corona aktiviert wurde.

Da ist das Leben krankmachend für viele. Da wird aus gesundem Deprimiertsein eben auch schnell Burnout und Depression. Da schadet das Leben und richtet auch so einiges an, was nicht wieder schnell oder überhaupt gut zu machen ist.

Also ist da wieder einer dieser Punkte, wo Leben und Depression sich treffen und wo ich schon wieder mehr machen muss und will, weil alle Alternativen grausig wären und mir keine Ruhe brächten.

Oh, ich lebe meinen Alltag bewusst und dankbar und viel Ruhestand und Selbstausdruck, nur, die entschwindende Freude ist ein Alarmzeichen und die Flachheit der Emotionen und ich habe seit gestern auch wieder meine Medis erhöht auf mittlere Dosierung. Wie lange weiß ich noch nicht. Ist es eine depressive Gewitterfront oder eine länger Regenzeit? Wir werden sehen.

Liebe Grüße und kommt gut ins WE! maya60

23.04.2021 07:42 • #55


maya60

maya60

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sorry, hier landete versehentlich ein 2. Text und der war aber für mein TB

23.04.2021 08:06 • #56


maya60

maya60

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schubs für @blossom79

05.05.2021 11:51 • x 1 #57



Hallo maya60,

x 4#28


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Sifu

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Als ehemaliger Beamter war wegen den chronischen Depressionen zwar oft krank geschrieben, wurde aber hinterher um so stärker gemobbt. Letztendlich blieb in diesem kranken system nur die Kündigung.

11.05.2021 16:28 • x 1 #58

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