Das Helferlein und die Überforderung

Knoten

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Wie jede Geschichte beginnt auch diese mit...

Es war einmal ein kleines Helferlein, dass durch das ständige für andere da sein in eine Depression schlitterte, weil es sich mit dem für andere da sein überforderte.
Das Helferlein vergaß völlig, dass es selber auch seine Bedürfnisse hat und stellte diese immer in den Hintergrund. Es wollte immer allen gerecht werden, immer dafür sorgen, dass sich alle um ihn herum wohl fühlten.

Wer von uns kennt das nicht?

Ich habe diesen Thread eröffnet, weil ich mich gerne mit allen über dieses Thema unterhalten möchte. Es ist eines meiner Kernthemen, dass, egal wie oft ich es auch angehe, immer wieder in den Vordergrund tritt.

Ich hoffe auf rege Beteiligung,

LG, Knoten

01.07.2011 09:09 • #1


Serafina

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Ich habe deinen Beitrag hierher verschoben. Es handelt sich um einen Aufruf, sich zu deinem Posting zu äußern.

Deshalb hier: - Fragen - Off Topic -.

Serafina

01.07.2011 09:31 • #2



Hallo Knoten,

Das Helferlein und die Überforderung

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Knoten

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Hm, dass muss ich dann wohl so hinnehmen. Ich habe mir schon etwas dabei gedacht, es unter Depression zu plazieren :-(

Vielleicht hätte ich den letzten Satz nicht anfügen dürfen.

01.07.2011 09:43 • #3


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JeanLucca

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Hallo Knoten.

Schönes Thema - das ist nämlich mein Eigentliches.

Aber vorweg mal - ist doch wurscht wo Dein Posting letzendlich abgelegt ist. Hier im Forum tummeln sich nur Menschen die mit dem Thema zu tun haben. Diejenigen die den Austausch suchen werden Dein Posting finden - die anderen würden sich auch in der Abteilung Depression nicht beteiligen.


Mit Eigentliches meine ich mein Kernproblem auf das sich alles weitere aufbaut. Ich bin so aufgewachsen das meine Gefühle unwichtig sind - Wichtig ist nur das Glück meiner Umwelt. Das bedeutet das ich nach aussen nicht auffalle, nicht von der gesellschaftlichen Norm abweiche, immer ein tolles Äusseres (Standards) habe - Standards wie Höflichkeit, Bildung, Job, Familie. Das hat nichts mit Werten zu tun, denn Werte lebe ich vor weil ich von ihnen überzeugt bin - eine eigene Meinung zu ihnen habe. Zu den Standards habe ich keine Meinung - sie wurden mir antrainiert mit dem Zweck meine Umgebung zufriedenzustellen.

Im Laufe meines Lebens habe ich aufgrund dieses Trainings einen scharfen Blick für mein Gegenüber entwickelt. Ich sehe seine Zufriedenheit - oder seine Unzufriedenheit und ändere dann mein Verhalten um Seine Zufriedenheit wieder herzustellen.
Wie ich mich dabei fühle spielt keine Rolle - ist ja auch nicht wichtig. Hauptsache meine Mitmenschen müssen mit mir keinen Konflikt haben.

Ich habe also dauernd meine Gefühle unterdrückt.

Tja, und nun stehe ich da und will das endlich mal zurechtrücken. Ich habe nicht vor eine Dampfwalze zu werden nur um meine Gefühle durchzusetzen und keine rücksicht mehr auf andere zu nehmen. Ich möchte mich Ernst nehmen, zu meinem Profil stehen und mich dafür einsetzen zu können.

Lieben Gruß, JeanLucca

01.07.2011 12:41 • #4


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David Spritz

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Ich kenne dieses Verhaltensmuster von mir auch. Es war (und ist teilweise immer noch) wie ein Zwang, es Anderen rechtmachen zu wollen, ein guter Junge zu sein.

Ich habe inzwischen herausgefunden, dass das bei mir darin verwurzelt liegt, dass ich in meiner Kindheit irrtümlich zu der Überzeugung gelangt sein muss, ich sei wertlos, müsse dies aber vor meinen Mitmenschen verbergen, da ich sonst meine Chancen verwirken würde, wenigstens ein bisschen, wenn auch unverdiente und zu Unrecht erschlichene, Liebe zu bekommen. Wenn ich aber so wie ich bin nicht liebenswert bin, war für mich als Kind die logische Schlussfolgerung, dass ich mich verstellen muss, wenn ich Anderen gefallen will.

Heute weiß ich natürlich, dass das Quatsch ist, und dass meine Mitmenschen mich sogar mehr mögen, wenn es mir mal gelingt, mich nicht zu verstellen, was aber nur möglich ist, wenn ich mich in meiner Umgebung sehr sicher und aufgehoben fühle. Das Muster sitzt so tief in mir drin, dass ich immer wieder zurückfalle und mich wieder und wieder ermahnen muss, doch auch mal ein bisschen eigennütziger zu sein und mich dabei nicht gleich wieder mies zu fühlen, und nicht so viel auf das Urteil meiner Mitmenschen zu geben.

Zum Schluss fällt mir noch ein Spruch ein, den ich mal in einem Song gehört habe:
Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.

01.07.2011 15:37 • #5


Knoten

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Ja, das antrainierte Verhalten. Ich glaube bei mir war es ein Stück weit die immer wiederkehrende Aufforderung Respekt zu zeigen. Älteren Menschen gegenüber vor allem anderen. Nicht wirklich sagen zu dürfen, was in mir vorgeht. Keinen Ärger zu machen.

Heute äußert es sich bei mir so heftig, dass ich Menschen aus dem Wege gehe und lieber alleine bin, als immer jede Kröte zu schlucken, nur um die heile Welt zu wahren.

Ich Überfordere mich regelmäßig und ertappe mich dabei, aggressiv zu werden. Das Endet dann in Wut auf mich selber, teils sogar in Selbsthass, weil ich mich mal wieder verleugne.
Ich hasse es von Menschen bevormundet zu werden, egal wobei. Und doch, sowie ich sehe, dass jemand Hilfe braucht, gesellt sich mein kleines Helferlein an meiner Seite, um dieser Person bei zu stehen. Ich habe in meinem Leben einige Kämpfe für andere ausgefochten und dabei festgestellt, dass Freunde nicht gleich Freunde sind.
Dass ist etwas das mich sehr verletzt hat.
Vielleicht will ich auch deshalb lieber allein sein? Eine Frage die ich mir oft stelle...

Ich habe ein super Talent darin, mir immer die meiste Arbeit aufzubürden, was dann natürlich wieder in einem Absturz endet.
Ich lasse mich unglaublich leicht für Sachen einspannen, zu denen ich überhaupt keine Lust habe. Auch hier entsteht Wut auf mich selbst, mal wieder nachgegeben zu haben. Streite ich mich mit egal wem, bin ich es die nachgibt. Immer!

Ich frage mich, wie kann ich mich ändern? Ich weiß doch genau, wann ich Lust zu etwas habe und wann nicht...

02.07.2011 15:01 • #6


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JeanLucca

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Hallo Knoten.

Zitat von Knoten:
Ja, das antrainierte Verhalten.
Ich hab dazu eine kleine Geschichte. Mir helfen solche Geschichten um zu verstehen Warum ich so handel wie ich handel. Sie erzeugen in mir ein Bild das ich greifen kann - und was ich in der Hand habe kann ich auch verformen oder ich kann es wie einen Schneeball über die nächste Hecke werfen.
Hier mal die Geschichte:

Zitat:
Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, daß ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.
Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute.
Was hält ihn zurück?
Warum macht er sich nicht auf und davon?

Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei.
Meine nächste Frage lag auf der Hand: »Und wenn er dressiert ist, warum muß er dann noch angekettet werden?«
Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten.
Vor einigen Jahren fand ich heraus, daß zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden:
Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.
Ich schloß die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, daß er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt.
Ich stellte mir vor, daß er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten … Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt.
Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, daß er es nicht kann.

Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.
Und das Schlimme dabei ist, daß er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.
Jorge Bucay

03.07.2011 18:09 • #7


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Die Geschichte gefällt mir. Eine gute Veranschaulichung der Tatsachen.

Am Samstag hat mein Helferlein wieder zugeschlagen. Ich hatte mal wieder alle Ohren offen für die Nöte anderer, was ja auch ok ist, doch ich gerate bei dieser Person zwischen 2 Fronten. Ich versuche einfach nur zuzuhören, doch diese Person fordert mich auf mit Ratschlägen zu dienen. Das kann und will ich aber nicht. Mein Helferlein aber drehte Kreise im Kopf, wie man diese beiden Personen aneinander heran führen kann, damit wieder Ruhe einkehrt.

Innerlich wäre ich am liebsten abgehauen, dass konnte ich aber meinem Partner nicht antun. Selbst jetzt noch, denke ich darüber nach, wie ich den beiden Helfen könnte- Dabei möchte ich diese Verantwortung gar nicht tragen! Und, was ich erst recht nicht möchte, ist, mich auf eine Seite ziehen zu lassen.

In Bezug auf die Geschichte...
Ich habe ein Buch im Regal - auch gelesen ;-) - mit dem Titel Vögel fliegen ohne Koffer. Es handelt von den Ballast, den wir mit uns herum tragen. Ich stelle mir oft einen Vogel mit einem Koffer am Himmel vor, dass finde ich dann komisch, im Sinne von lustig, und manchmal hilft es mir, ein Teil meines Ballastes hinter mir zu lassen.

04.07.2011 09:01 • #8


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JeanLucca

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Hallo Knoten.

Zitat von Knoten:
Dabei möchte ich diese Verantwortung gar nicht tragen! Und, was ich erst recht nicht möchte, ist, mich auf eine Seite ziehen zu lassen.
*Seufz* Tja, das kenne ich nur zu gut. Selbst wenn ich alle Geschichten gelesen hätte, genau weiß das es mir nicht gut geht, ich schon tausendmal auf die Nase gefallen bin, ..... - so komme ich immer wieder in Bedrängung. Ich kann auch irgendwie keine innere Grenze ziehen.
Merkt unsere Umwelt das? Was machen wir denn das wir immer zwischen die Stühle geraten?

Von mir weiß ich, dass ich gerne mein Umfeld glücklich sehe. Das ist so ausgeartet das ich mich dabei vergessen habe, mein Verhalten so angepasst habe, dass die Leute um mich wieder glücklich werden.

Ich glaube das wir mutig sein müssen neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Vielleicht konsequent darauf drängen, das sie sich selbst helfen. Hilfe zur Selbsthilfe also. In Deinem Fall könnte ich mir vorstellen das Du immer wieder betonst das die Beiden das vernünftige Gespräch suchen sollen.
Wenn Dich jemand auffordert mit Ratschlägen zu dienen, dann wäre es einer zu sagen das sie das nur in einem klärenden Gespräch selbst lösen können. So spielst Du den Verantwortungsball zurück - nämlich dahin wo er auch hingehört. Um unseren Helfertrieb zu befriedigen, könnte es eine Lösung sein sich um den Rahmen des Gesprächs zu kümmern. Keine Ahnung, wenn es sich zum Beispiel um eine Alleinerziehende handelt dann könnte man anbieten während des Gesprächs das Kind zu passen. Oder einen neutralen Ort zur Verfügung zu stellen (irgendein Nebenraum). Den könnte Dein kleiner Helfer bissi gestalten das sich die Hitzköpfe wohlfühlen.

Unseren Helfer müssen wir ja nicht komplett rausschmeissen - er ist ja eigentlich ganz sympathisch. Ich glaube wir müssen ihm nur die Aufgaben geben anstatt das er sich die Aufgaben nimmt.

Lieben Gruß, JeanLucca

04.07.2011 10:52 • #9


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David Spritz

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Also ich würde mal sagen, Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Das bedeutet, wir hier, die wir unsere Fehler erkannt haben und darüber schreiben, sind schon mal auf einem guten Weg.

Ich stelle mir in dem Zusammenhang immer gerne vor, ich fahre mit einem Auto mit 100 km/h auf der Landstraße, und ein anderes Auto kommt mit ebenfalls 100 km/h entgegen. Wenn ich nun möchte, dass dieses Auto stehen bleiben soll, welche Möglichkeiten habe ich? Ich kann entweder mit meinen 100 km/h auf die Gegenfahrbahn wechseln und mit dem anderen Auto zusammenprallen, dann habe ich mein Ziel erreicht. Der Preis dafür ist aber, dass beide Autos kaputt sind. Ich kann aber auch anhalten, wenden, mein Auto vor das andere Auto setzen und dieses dann sanft ausbremsen. Dabei werden höchstens die Stoßstangen verbeult, die Autos bleiben aber ganz und fahrtüchtig.

Was ich mit diesem Bild sagen will: Man muss sich erst mal auf den unerwünschten Zustand einlassen. Wenn man das erst mal geschafft hat, dann hat man das Schlimmste hinter sich und kann den Mangel nun mit relativ geringem Aufwand beheben. Geht man mit brachialer Gewalt vor uns will sofort Ergebnisse sehen, dann mündet das meistens in Selbstzerstörung und kann auch unserem Umfeld Schaden zufügen.

Oder anders ausgedrückt: Möchte man etwas ändern, muss man es zunächst einmal akzeptieren.

04.07.2011 16:22 • #10


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ich finde beide ansätze von euch gut. mein helferlein zu akzeptieren ist bereits geschehen, um es jedoch unter kontrolle zu halten, gehe ich anderen menschen eher aus dem weg. das ist dauerhaft aber auch keine lösung.

im moment würde ich mein helferlein gerne dazu bewegen mir zur verfügung zu stehen, aber dieses kleine freche kerlchen tut das einfach nicht.

kennt ihr das auch? anderen helfen geht immer, sich selber helfen nicht. ist doch irgendwie verdreht.

05.07.2011 10:21 • #11


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JeanLucca

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Hallo Knoten.

Zitat von Knoten:
im moment würde ich mein helferlein gerne dazu bewegen mir zur verfügung zu stehen, aber dieses kleine freche kerlchen tut das einfach nicht.
;-) Ich stelle es mir gerade Bildlich vor - der sitz da gemütlich in Dir rum, hat die Beine übereinandergechlagen, die Arme verschränkt, schmunzelt und sagt: Tja, Pech gehabt. Für Dich bin ich nicht zuständig.
Dein Helferlein ist störrisch wie ein Esel und wird unbekümmert wie Pumuckel wenn er ein Problem bei anderen entdeckt.

Als ich damals mit dem Rauchen aufgehört habe habe ich meinem Suchtgedächnis einen Namen gegeben. Weil die Stimme schon da war : rauch doch mal eine. Nur eine. Kannst danach ja wieder aufhören. Jetzt, nach dem Essen - boah schmeckt das gut. Weisst Du noch? Brauchst auch nicht viel schmöken, nur eine.

Ich bin fast schwach geworden weil mir diese Stimme immer im Ohr lag und ich nicht mit ihr sprechen konnte. Ich hab der Stimme dann einen Namen gegeben. Niko. Joa, da konnt ich dann mit ihm reden. Ich konnte ihm sagen das ich ihn durchschaut habe. Niko war oft beleidigt, verletzt, wütend und hat oft mit den Füssen gestrampelt.

Gib doch Deinem Helferlein auch einen Namen dann kannst Du Dich bei ihm beschwerden und ihm mal die Leviten lesen.

Lieben Gruß, JeanLucca

05.07.2011 10:41 • #12


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David Spritz

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Und was auch noch helfen kann ist, wenn Du Dir klar machst, dass klein Niko oder wie auch immer Du Deinen nennen magst es nicht böse mit Dir meint, sondern dass er vor langer Zeit von Dir beauftragt wurde, das zu tun, was er tut. Du selbst ermächtigst ihn dazu, wenn Du ihm diesen Auftrag, der wahrscheinlich in sehr jungen Jahren unter völlig falschen Voraussetzungen erteilt wurde, nicht entziehst.

Er selbst hat wahrscheinlich nach all den Jahren auch keine Lust mehr, den immer gleichen Auftrag auszuführen, wahrscheinlich hängt ihm das schon lange zum Hals raus. Versuch mal, Dich in seine Lage zu versetzen und nachzuvollziehen wie mühsam und ermüdend es ist, Dich immer wieder zu ermahnen, nur Anderen zu helfen und nie Dir selbst. Das ist auch kein Zuckerschlecken!

Erteil ihm doch einen neuen Auftrag. Stell ihn in den Dienst einer Sache, die Dir wirklich am Herzen liegt. Dann wird er auch aufhören, Dir ständig Energie zu entziehen.

Ich zum Beispiel hatte lange Zeit einen üblen Antreiber in mir, der mir immer gesagt hat, ich müsse es schaffen, ich müsse es allen beweisen, ich müsse stark sein, ein ganzer Kerl. Was genau ich schaffen muss und wann dieser Zustand erreicht sein würde, das hat er mir nicht gesagt. Durch aufmerksame Selbstbeobachtung habe ich nach und nach gemerkt, in welchen Situationen er zuschlägt, und habe mich ihm widersetzt, bis er nach vielen Monaten endlich Ruhe gegeben hat. Da er es aber nicht aushält, über einen längeren Zeitraum arbeitslos zu sein, habe ich ihm jetzt den Auftrag gegeben, mich beim Verkauf meines Hauses zu unterstützen und das gemeinsam mit mir durchzustehen, egal was passiert. Gemeinsam sind wir stärker. ;-)

P.S.: Ich glaube, ich werde meinen Jürgen nennen. ;-)

05.07.2011 19:22 • #13


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warum bin ich nicht auf diese idee gekommen? in meiner raucherentzugszeit hatte ich auch einen namen für meinen kleinen teufel. ich hatte ihn monk getauft. vielleicht kennt ihr die fersehserie? da es sich ja wieder um ein kleines teufelchen in mir handelt, werde ich diesen namen weiter verwenden.

vielleicht gelingt es mir dadurch meinen monk andere regeln beizubringen. das rauchen hat er ja auch aufgegeben. irgenwann hat er sich nicht mehr gemeldet. nun rümpft monk selber die nase über die raucher.
es wird wohl viel zeit brauchen bis monk begriffen hat was er darf und was nicht.

selbstbeobachtung ist auch ein gutes thema. vielleicht kann ich darüber mehr über meine anerzogene verhaltensweise lernen. wodurch sie ausgelöst wurde, steht außer frage.

es ist schön mit euch über dieses thema zu sprechen!

im moment habe ich eine akute helferlein situation. eine bekannte, die ich durch eine freundschaft meines partners kennengelernt habe, ist im grunde ein hübsches mädel, doch kleidungstechnisch greift sie voll daneben. ein beispiel: ein kleid aus shirtstoff, das wie ein sack aussieht, dazu ausgelatschte turnschuh und farblich gewagte socken. ich dachte ich schiele, als ich sie so sah. nun überlege ich die ganze zeit, wie ich ihr sagen kann, das ihre kleidungswahl als auch zusammenstellung mehr als nur bedenklich ist. mein monk geht in gedanken mit ihr shoppen, obwohl ich nur sehr sehr ungern shoppen gehe.
ich versuche monk davon zu überzeugen, dass mich das nichts angeht, doch dieser kleine teufel gibt einfach keine ruhe!

05.07.2011 23:06 • #14


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David Spritz

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Dann sag Deinem Monk, dass es anmaßend ist, jemandem die Kleidung vorschreiben zu wollen! Sie kleidet sich so, wie es im Moment zu ihr passt, und das kann nur sie selbst beurteilen. Der Monk soll sich mal vorstellen, wie verletzend es für sie sein muss, so was über ihre Kleiderwahl zu hören!

06.07.2011 16:51 • #15


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David Spritz

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Mir fällt gerade was ein, das ich eigentlich in mein Büchlein schreiben wollte, das aber gut hierher passt, in Anknüpfung an die o.g. Geschichte mit dem Elefanten:

In einer Folge von den Drei Fragezeichen, die ich als Kind oft gehört habe, verrät sich ein Schurke dadurch, dass er Senf und Blut auf dem Esstisch hinterlässt, obwohl er behauptet hat, Vegetarier zu sein. Der Sprecher kommentiert das mit: „Man fällt eben nicht ungestraft aus der Rolle.“ Als Kind kannte ich aber noch nicht die Redewendung „aus der Rolle fallen“ und interpretierte diesen Ausspruch als: „Man tanzt eben nicht ungestraft aus der Reihe.“ Dies untermauerte eine Vermutung, die ich einige Zeit vorher durch Schlussfolgerung aus dem Verhalten meiner Mutter abgeleitet hatte, nämlich dass man immer schön lieb, brav und angepasst sein sollte, weil man Anderen sonst mit seinen „Ecken und Kanten“ zur Last fallen würde. Als ich diese alte Folge letztes Wochenende mit meinen Kindern gehört habe, ist mir das plötzlich klar geworden. Es war wie eins von vielen fehlenden Bruchstücken, das plötzlich wieder auftauchte.

Zunächst habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht, aber jetzt, einige Tage später, ist die Konsequenz bei mir durchgesickert: Ich habe damals eine falsche Schlussfolgerung mit einer missverstandenen Redewendung bewiesen und seitdem mein Leben danach gelebt. Ich habe diese Gedanken später nicht mehr geprüft. Durch das häufige Hören des Hörspiels in meiner Kindheit waren sie wie in Marmor gemeißelt und bildeten eine meiner Lebens-Maximen. Ich war mir so sicher, dass meine Theorie wahr ist, dass ich beschloss, sie zu verinnerlichen und nie wieder in Frage zu stellen.

Da drängt sich mir doch die Frage auf: Wie vielen dieser falschen Schlussfolgerungen und Missverständnisse bin ich noch aufgesessen? Wie viele sachlich völlig falsche Weisheiten bestimmen noch heute mein Leben? Es wird sich ja hier nicht um einen Einzelfall handeln!

Das gibt einem echt zu denken, oder?

06.07.2011 23:06 • #16


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Hallo David,

dein Beitrag gibt mir in der Tat zu Denken.

wir wurden erzogen uns anzupassen um keinen Ärger zu machen.

Vielleicht sollten wir die ganzen Sprüche mal versuchen aufzulisten und für uns Prüfen in wie weit sie unser Leben beeinflussen.

Der Erste der mir einfällt ist: Solange du die Füsse unter meinem Tisch stellst, hast du zu tun was ich dir sage!
Er bedeutet doch auch nichts anderes als: pass dich an, sonst gibt es Ärger.

Nummer 2: Wenn Erwachsene Reden, haben Kinder den Mund zu halten!
Irgendwie die gleiche Aussage, oder?

07.07.2011 09:59 • #17


Serafina

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Ein Paar hinter die Ohren haben noch niemanden geschadet

Benimm dich anständig, was sollen denn die Leute denken

07.07.2011 10:36 • #18


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JeanLucca

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Heul nicht, Du bist doch ein Mann

07.07.2011 10:42 • #19


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mir fallen im Moment keine mehr ein, obwohl es bestimmt noch etliche gibt...

viellich hilft es auch weiter, wenn eine Erinnerung an die Verpflichtungen geschaffen wird. also mithilfe daheim, überstützung von anderen, überforderung im kindesalter.

ich glaube auch das hat unsere helferlein ordentlich gefüttert.

meine größte Aufgabe und Herausforderung war, auf meinem Bruder aufzupassen.

08.07.2011 13:55 • #20


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David Spritz

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Ich hatte gerade wieder so einen schonungslosen Moment der Klarheit.

Ich habe letzte Woche einige Arbeitskolleginnen gegen mich aufgebracht, weil sie eine Äußerung von mir gegen Frauenfußball in den falschen Hals gekriegt hatten und mich daraufhin als Chauvinist und Macho bezeichneten. Nach außen tat ich zwar so, als würde mich das nicht berühren, und beharrte auf meiner Meinung. In mir drin aber hatte ich den Impuls, vor ihnen auf die Knie zu fallen, sie um Verzeichung zu bitten, meine Aussagen zurückzunehmen, meine Meinung ab jetzt für mich zu behalten und sie anzuflehen, mich doch bitte, bitte, bitte wieder zu mögen.

Und heute wurde mir bewusst, dass es genau das gleiche ist mit meiner Ex-Frau, die unser gemeinsames Haus, in dem sie noch wohnt, gerne behalten würde, während ich versuche, es zu verkaufen. Es ist für mich dermaßen furchtbar, mich bei ihr und meinen Ex-Schwiegereltern unbeliebt zu machen, dass ich mich regelrecht zum Weitermachen zwingen muss, weil es sich so dermaßen beschissen anfühlt. Dabei könnte es mir doch eigentlich vollkommen egal sein, was die von mir halten, so lange ich selbst überzeugt bin, das Richtige zu tun, und das bin ich nun mal.

All das geht natürlich zurück auf meine Mutter, die mir ebenfalls immer und immer wieder zu verstehen gegeben haben muss, dass ich nicht mehr liebenswert sei, wenn ich mich nicht so verhalte, wie sie es von mir braucht. Und auch das wirkt noch heute nach und bestimmt einige Aspekte meines Verhaltens.

Das Problem ist, dieses Muster ist so tief eingebrannt, dass es einfach zur Selbstverständlichkeit geworden ist, und dass ich es oft nicht mal merke, wenn ich mal wieder drauf reingefallen bin. Man muss offensichtlich echt aufmerksamer durchs Leben gehen, was manchmal ganz schön anstrengend ist. Aber ich glaube ganz fest daran, dass sich das irgendwann mal bezahlt macht, wenn man diese ganze Ursuppe mal aufgearbeitet hat.

Oder was meint Ihr?

Kleiner Nachtrag: Das erklärt auch, warum mir meine Umwelt manchmal aus heiterem Himmel total bedrohlich vorkommt. Ich habe dann offensichtlich die Befürchtung, dass wenn ich aufhöre, mein Verhalten zu kontrollieren, und mich einfach mal gehen oder hängen lasse, man mich plötzlich nicht mehr mögen wird und ich mich dann mies fühlen werde. Und ich nehme es meiner Umwelt offenbar übel, dass sie mir mit derlei Konsequenzen droht und mich damit zwingt, immer ganz viel Energie in die Aufrechterhaltung meiner Fassade zu stecken. Und dabei passiert das alles in Wirklichkeit nur in meinem Kopf. Krass!

11.07.2011 13:41 • #21


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David Spritz

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Es geht immer weiter! Gerade beim Yoga hatte ich wieder eine kleine Erleuchtung.

Meine Emanzen-Freundin hat mir jetzt auf Grund meiner Äußerungen gegen Frauenfußball die Freundschaft gekündigt. Zuerst war ich sehr geknickt und habe angefangen, mich zu fragen, ob es das überhaupt wert ist. Schließlich brauche ich doch ihre Freundschaft, um mich gut zu fühlen! So dachte ich jedenfalls.

Aber mir wurde klar, dass ich etwas sehr Wichtiges getan hatte. Ich bin trotz aller Zweifel und der Befürchtung möglicher negativer Konsequenzen bei meiner ursprünglichen Meinung geblieben. Ich war mir selbst treu, auch wenn es zunächst unbequem war. Aber ich habe das Gefühl ausgehalten und ihm nicht nachgegeben, und jetzt fühlt es sich richtig gut an. Bin richtig stolz auf mich!


Und mir ist noch was klar geworden: So eine Freundin brauche ich nicht.

13.07.2011 14:57 • #22


Serafina

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Das ist genau die richtige Einstellung. Wir sind nicht auf dieser Welt, um es anderen recht zu machen.

Glückwunsch, die Freundin ist es nicht wert. Null Toleranz bezügl. anderer Meinungen. Übrigens bin ich als Frau auch total gegen Frauenfußball und habe mir kein Spiel angesehen.

Serafina

13.07.2011 15:18 • #23


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frauenfussball? ich guck nicht mal herrenfussball. das spiel ansich ist mir zu ... nein ich sags nicht ;-)

david, es ist schön ,dass du immer mehr fühlst, das es nicht um andere sondern um dich geht.

mein kleiner monk war die letzten tag richtig artig. er hat mich sogar bei meinem psychiater unterstütz und damit hat er mir! geholfen.

irgendwie habe ich im moment nicht einmal das bedürfnis anderen helfen zu wollen. seit ich die entscheidung getroffen habe nicht mehr an meinem arbeitsplatz zurück zu kehren gehts mir sehr gut. es ist ruhe in mir eingekehrt. monk schläft :-)

13.07.2011 19:59 • #24


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David Spritz

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Glückwunsch! Genieß die Ruhe! Er wird nicht ewig schlafen, also bleib achtsam!

Heute war ich beim Psychiater zum planmäßigen Zwischencheck, und er hat mir seine Beobachtung mitgeteilt, dass ich dazu neige, Dinge, die ich einmal erreicht habe, dann ganz schnell abzuhaken und zu den Akten zu legen, so dass natürlich Tür und Tor dafür geöffnet sind, dass sich die alten Muster wieder einschleichen. Der kleine Monk (ach nee, meiner heißt ja Jürgen!) ist unartig und muss erzogen werden.

14.07.2011 14:04 • #25


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Hallo David,

du meinst dein Jürgen macht dich glauben, dass alles ok ist, sodass er die Türen wieder auf machen kann?

lg, knoten

14.07.2011 20:55 • #26


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David Spritz

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Ja, so könnte man es auch ausdrücken. Obwohl das andererseits auch schon wieder ein bisschen nach Verfolgungswahn klingt.

Ich weiß es nicht...

15.07.2011 14:30 • #27


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könnte durchaus sein. vielleicht nimmst du alles zu sehr auseinander ?

15.07.2011 21:27 • #28


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David Spritz

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Ich will diesen Thread nicht für meine Probleme missbrauchen, daher als Link:
depressiv-nach-trennung-was-dagegen-tun-t21259.html

21.07.2011 13:13 • #29



Hallo Knoten,

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David Spritz

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Hatte heute wieder eine Erleuchtung, diesmal ganz ohne Yoga:

Wenn ich es mir zum Ziel mache (oder zulasse, dass mein Jürgen es mir zum Ziel macht), am Ende des Tages „reinen Tisch“ zu haben, egal ob am Arbeitsplatz, im Haushalt oder wo auch sonst, mache ich mich damit zum Sklaven der Umstände. Es liegt dann nicht mehr in meiner Macht, wie viel Energie ich aufwenden muss, um am Ende des Tages zufrieden nach Hause gehen zu können, sondern es hängt davon ab, wie viele Aufgaben von außen an mich heran getragen werden. Außerdem kann ich niemals einen angenehmen Endzustand erreichen, sondern die „Tretmühle“ geht am nächsten Tag von vorne los, und ich beginne jeden Tag wieder von Null mit meinen Bemühungen. Das weiß ich natürlich am Abend vorher schon, und ich werde dementsprechend unruhig.

Die Energie, die ich dafür aufwende, den „Mangelzustand“ (also keinen reinen Tisch am Ende des Tages) zu beheben, wäre besser angelegt, wenn ich sie dazu verwende, mich selbst dazu zu bringen, ihn zu ertragen, ja, ihn als Normalzustand hinzunehmen und ihn nicht mehr als persönlichen Makel zu betrachten. Der so erzielte Erfolg ist auch von längerer Dauer und bedarf nur von Zeit zu Zeit geringfügiger Korrekturen, sobald der Jürgen mich wieder mal ins alte Gedankenmuster bugsiert hat, ohne dass ich es gemerkt habe. Diese Vorgehensweise kostet also auf Dauer wesentlich weniger Energie und ist auch viel berechenbarer und somit weniger angsteinflößend.

22.08.2011 20:33 • #30

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