Das Helferlein und die Überforderung

David Spritz
Um Hilfe bitten fällt mir irre schwer, da kommen dann solche Gedanken wie "Niederlage eingestehen", "schwach und wertlos sein" und dergleichen. Oft kriege ich es nicht einmal hin, meine Gefühle der Hilflosigkeit zu zeigen, damit Andere sich vielleicht veranlasst fühlen würden, mir von sich aus Hilfe anzubieten. Ich glaube, das ist bei mir die Angst vor Ablehnung und/oder Strafe, die mich immer zurückhalten! Ich glaube dann immer, dass ich es nicht aushalten könnte, wenn mir jemand seine Hilfe verwehrt.

Wenn ich mich allerdings einmal überwunden habe oder mir die Hilfe von außen angeboten wird, geht es mir sehr gut damit und ich kann sie annehmen, ohne das Gefühl, sofort eine Gegenleistung bringen zu müssen, dann ist der Bann sozusagen gebrochen und ich kann mich der Person voll anvertrauen.

26.09.2011 20:45 • #46


Birke
Zitat von David Spritz:
Oft kriege ich es nicht einmal hin, meine Gefühle der Hilflosigkeit zu zeigen, damit Andere sich vielleicht veranlasst fühlen würden, mir von sich aus Hilfe anzubieten.

Ja, so ist es bei mir auch. Die eigene Schwäche nicht zeigen können. Und mit dem Gedanken: mir will ja eh niemand helfen.
Wenn ich mich erinnere, gab es in unserer Familie den unausgesprochenen Leitspruch, andere Menschen nicht mit seinen Problemen zu belästigen und keine Bürde zu sein. Es war mit Schuldgefühlen verbunden. Und auch die Botschaft: Sei autark. Das hatte in meiner Familie so das Bild von "Die Geächteten".
Eigentlich würde man doch denken: klar, das ist eher ein Thema für Männer. Das stark sein müssen und nicht über Gefühle reden und so. Aber Frauen sind genauso betroffen. In meiner Familie sind seit Generationen die Frauen die "Starken". Sei es weil die Männer früh verstarben oder krank waren. Der Notstand zwang dazu, vieles selbst zu schaffen. Hatte natürlich auch positive Seiten. Handwerkliche Dinge machen wir "furchtlos". Aber das ging immer schnell in die Überforderung (Möbel schleppen z.B.) Was seelisch-geistige Hilfe betraf, war völlig abwegig. Als ich mit 22 das erste Mal eine Psychologin aufsuchte, hatte ich seitdem dem Stempel verrückt zu sein. Da gab es kein Nachfragen. Psychokram. das ging einfach nicht.

Dieses "Der hilflose Helfer-Syndrom". Vielleicht will man sogar um so mehr anderen helfen, je weniger man das für sich selbst beansprucht.
Irgendwie sind das doch zu hohe Ansprüche, mit denen wir da aufgewachsen sind und die wir so verinnerlicht haben.

Zitat von David Spritz:
Wenn ich mich allerdings einmal überwunden habe oder mir die Hilfe von außen angeboten wird, geht es mir sehr gut damit und ich kann sie annehmen, ohne das Gefühl, sofort eine Gegenleistung bringen zu müssen, dann ist der Bann sozusagen gebrochen und ich kann mich der Person voll anvertrauen.

Super! Das klingt gut.

Zitat von JeanLucca:
ch kenne es von mir, dass ich wirklich viele Dinge gerne gemacht hätte von denen ich wusste das sie mir gut tun, das ich sie kann und das ich Freude daran hätte. Letztendlich bin ich immer davon abgekommen weil ich mir Gedanken gemacht habe was alles passieren könnte. So hab ich dann gar nichts mehr gemacht.

Du hast Recht. Ich denke schon wieder zu viele Schritte voraus und male mir Situationen aus. Die website der Tel-Seelsorge ist sympathisch und jetzt hab ich schon ein paar Infos von einer netten Mod. bekommen. Das klingt alles sehr gut und gesund auch vom Umfang der Einsätze.

Liebe Grüße v. Birke

27.09.2011 07:45 • #47


David Spritz
Hallo Birke!

Heute war ich wie alle 2 Wochen bei meinem Gestalttherapeuten, und da hatten wir genau das Thema "Schwäche zeigen und Hilfe annehmen". Das wird mir aber erst jetzt bewusst, wo ich Deinen Beitrag lese. Eigentlich schreibe ich über diese Dinge hier nicht so viel, weil das sehr privat ist, aber an dieser Stelle muss ich einfach, weil es so gut zum Thema passt:

Ich fühlte so ein Brennen in der Brust wie bei einer offenen Wunde, gab mich ihm völlig hin und lag stöhnend auf der Couch. Das war so eine Trance-Übung, eine Art Fantasiereise. Da kam ein guter Samariter an mein Lager und wollte meine Wunde behandeln, aber ich verschränkte zunächst die Arme, weil ich noch nie jemanden an meine Wunde gelassen hatte. Aber er schaute mich so liebevoll an, dass ich schließlich die Arme öffnete und ihn meine Wunde versorgen ließ. Das war ein herrliches Gefühl, wie eine Seelenmassage. Mein Körper und Kopf waren total entspannt, und alle Sorgen erschienen mir plötzlich ganz klein und bedeutungslos.

Und das Tollste: Ich habe mir letztendlich dieses Gefühl selbst gegeben, ohne chemische Hilfsmittel und dergleichen. Ich hoffe, ich kriege das auch ohne meinen Therapeuten hin!

27.09.2011 19:04 • #48


Birke
Hallo David!
Das ist ein großes Geschenk, das Dir Deine Seele da gibt. Vielen Dank, daß Du davon geschrieben hast!
Wieder das Thema Vertrauen schenken: einmal uns gegenüber und dann natürlich Deinem eigenen inneren Heiler gegenüber.
Das ist eine Erfahrung, die Dir niemand nehmen kann.
Liebe Grüße v. Birke

27.09.2011 20:11 • #49


David Spritz
Euch gegenüber war jetzt nicht so das Problem, da Du Dir sicher denken kannst, dass ich in Wirklichkeit nicht David Spritz heiße.

Aber mir selbst gegenüber, das war echt schwer und wird es auch in Zukunft wohl immer wieder sein, daher bin ich da echt stolz drauf.

Kleiner Nachtrag noch zum Stark-Sein: Ich habe als Familienvater auch jahrelang versucht, den starken Mann zu markieren. Aber es war eben nur ein Markieren. Wahre Stärke kommt von innen, und entweder sie ist da oder (wie in meinem Fall) eben nicht, aber man kann sie nicht erzwingen. Das Stark-Sein-Wollen habe ich mir also abgeschminkt und versuche es jetzt durch "Mutig-Sein-Wollen" zu ersetzen. Denn mutig sein kann jeder. Und je mehr Ängste man hat, desto mehr Gelegenheiten hat man, seinen Mut zu beweisen. Ich denke, das ist ein wesentlich erreichbareres Ziel. Außerdem versuche ich damit, meinen Kindern ein gutes Beispiel zu geben.

27.09.2011 20:44 • #50




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