Das Helferlein und die Überforderung

Isi

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Mir fällt dazu spontan eine Situation aus meiner Grundschulzeit ein.

Ein Mädchen aus meiner Klasse wurde immer wieder von ein paar anderen Kindern gestört, als sie etwas sagen wollte. Sie lehnte sich daraufhin gelassen zurück und sagte laut: Ist mir doch egal, ich hab Zeit. Alle waren auf einen Schlag ruhig.

Einige Tage später passierte mir dasselbe. Ich tat dasselbe. Meine Lehrerin hat mich scharf zurechtgewiesen, dass ich nicht einfach bestimmen kann, wieviel Zeit ich für einen Beitrag habe.

Das habe ich nie vergessen, es hat mir gezeigt, dass Menschen einen unterschiedlichen sozialen Wert haben, und sich entsprechend verhalten müssen.
Noch heute fühle ich mich häufig unterbrochen. Und denke dann kein Wunder, du langweilst alle nur mit deinem Gerede, du bist halt weniger interessant als sie.

17.09.2011 10:07 • #31


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David Spritz

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Aber das kommt auf den Maßstab an, mit dem die Menschen um Dich herum Dich bewerten. Ich selbst habe lange Zeit auch Menschen danach bewertet, wie leistungsfähig und erfolgreich sie sind. Wenn man Andere nach diesem Maßstab bewertet, dann muss man sich aber auch letztendlich selbst eine Bewertung nach dem gleichen Maßstab gefallen lassen bzw. bewertet sich unbewusst sogar selbst bzw. wertet sich selbst ab, wenn man den Ansprüchen nicht genügt.

Ich bin stattdessen dazu übergegangen, Menschen nach ihrer Freundlichkeit zu bewerten. Viele Menschen, mit denen mir der Umgang früher peinlich war, weil sie nach meinem Maßstab als Loser galten, habe ich erst jetzt schätzen gelernt. Außerdem ist der Umgang mit solchen Menschen auch wesentlich entspannter, sie tun einem richtig gut in der Seele.

Also: Umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun, und meide solche Menschen wie Deine Lehrerin! Dann bekommst Du automatisch einen höheren sozialen Wert, wie Du es nennst.

17.09.2011 12:44 • #32



Hallo Knoten,

Das Helferlein und die Überforderung

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Martina

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Zitat von David Spritz:
Umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun, und meide solche Menschen wie Deine Lehrerin!
Da gebe ich David vollkommen Recht . Menschen, die nicht gut für mich sind, halte ich mir vom Hals, gehe auf (höfliche) Distanz. Die kommen einfach nicht mehr an mich heran!
Zitat von David Spritz:
Ich bin stattdessen dazu übergegangen, Menschen nach ihrer Freundlichkeit zu bewerten
Freundliche und warmherzige Menschen sind auch mein Ding. Waum soll man sich durch Giftzwerge u. ä. das Leben unnötig schwer machen? Ist nicht nötig .

17.09.2011 20:10 • #33


Isi

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Von der Logik her ist mir das alles klar...ich bin auch selbst kein Mensch, der andere nach den Maßstäben der Leistungsgesellschaft wertet...mit sozialer Wert meine ich eher so etwas wie Charisma, das haben tatsächlich einige, und andere nicht, genauso wie Autorität, einfach eine gewisse Ausstrahlung, die dazu führt, bemerkt zu werden, wahrgenommen zu werden.

Erfahrungen sind eben da, Erlerntes widerspricht oft jeder Logik, und immer wieder empfinde ich diese Traurigkeit, und ziehe mich aus Gesprächen zurück...
Da ist natürlich nicht eine einzige Erfahrung ausschlaggebend, das war nur ein repräsentatives Beispiel.

18.09.2011 16:37 • #34


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Birke

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Hallo Isi!
Ich kann das sehr nachempfinden, was Du erlebt hast. Das ist ja nur eine Beispielsituation, was in der Schule passiert ist.
Und ich finde, Du hast recht: es gibt wirklich Menschen mit Charisma. Die haben mehr Wirkung, mehr Einfluß und werden weniger übergangen. Und das ist kein Verdienst sondern einfach angeboren, eine Ausstrahlung.
Das ist fürs Ego hart, aber man muß das einfach akzeptieren.
Vielleicht ist das sogar ein Knackpunkt bei der Helferlein-Problematik. Wenn wir helfen, fühlen wir uns stärker, weil wir (vermeintlich) Gutes tun. Erhoffen wir uns die positive Resonanz oder Anerkennung?
Was wäre, wenn wir nur beobachten ohne einzugreifen und unbedeutend in dieser Situation sind?
Woher will ich mir so sicher sein das Richtige für den anderen zu wissen?

18.09.2011 19:40 • #35


Isi

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Das ist die Frage, Birke - meine Erfahrung lehrt: Wenn ich mich nicht besonders hervortue, um zu helfen und Trost in irgendeiner Form zu spenden, ist das Besondere, das ich zu einer Beziehung beitragen kann, nicht mehr vorhanden, und damit bin ich als Person nur noch für ganz wenige Leute interessant, und werde nicht mehr gemocht.
Ich kenne den Unterschied, es gab mal eine Zeit, in der ich bei allen beliebt war. Dann ging es mir schlecht, ich war überfordert, habe die Reißleine gekappt, um mich zu schützen, und meine aktive Kontaktliste ist sozusagen eingegangen...
Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?


Liebe Grüße, Isi

20.09.2011 21:27 • #36


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Birke

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Hallo Isi!

Ja, ich denke ähnlich war es. Ich war durch eine lange Krankheit einfach körperlich am Ende. Arbeiten, essen, schlafen. Das war das einzige, was gehen mußte. Mich hat es dann sehr erschrocken, wie wenig Anteilnahme von meinen Freunden kam. Ich hätte auch ganz praktische Hilfe gebrauchen können, war aber nicht dazu in der Lage zu bitten. Ich dachte wenn ich über meinen Zustand spreche, entwickelt sich schon das Gespräch und ich kann mal was anbringen. Aber so war es nicht. Es drehte sich immer wieder um die anderen und sobald ich über mich sprach, wurde ich eh so unsicher. Da stand ich irgendwie beobachtend neben mir und dachte, jetzt jammere ich hier rum und so. Schließlich habe ich mich immer weniger gemeldet und siehe da, die Freundschaften verliefen im Sande.

Dieses Helferlein ist sicher bei jedem anders ausgeprägt. Bei mir ist/war es das Hauptmittel überhaupt Beziehungen zu knüpfen. Ich kenne keine andere Rolle. Durch die Überforderung habe ich gemerkt, daß das keine Basis für Beziehungen ist. Zumal ich auch einen helfenden Beruf habe, da lebt man das genug aus. Als es mir jahrelang sehr schlecht ging, habe ich eine Art Tarnkappe aufgesetzt, mich völlig rausgezogen aus dem gesellschaftlichen Leben, auf Arbeit eine Maske aufgesetzt.
Mittlerweile habe ich einiges gelernt:

-Ich werde nicht mehr gemocht, wenn ich meine Hilfe verschleudere, ich werde nur schneller ausgenutzt.
-Ich habe gemerkt, daß ich mich ärgere, wenn ich mich sehr für jemanden engagiere, der um Hilfe bat und wenn er schließlich doch nichts für seine Situation tut, alle Ratschläge liegen läßt (O-Ton: Es hat ja doch alles keinen Sinn)
-Ich habe gelernt, wenn mir jemand was Gutes tut (ein Kompliment, eine Tafel Schokolade schenken oder so) mich nicht gleich schuldig zu fühlen und zurück zu geben. Einfach mal ne Weile aushalten. Es ohne Gegenleistung und Erwartung annehmen. Ja, ich glaube in diesen lächerlich nebensächlichen Situationen fängt es an.

-Und das vielleicht Allerwichtigste: keine Hilfe anzubieten, wenn man nicht ausdrücklich gebeten wird. Jeder hat das Recht seine Fehler und Erfahrungen zu machen. Über die Beschäftigung mit anderen Menschen übersehen wir nur allzu leicht unsere alten Baustellen.

Ich möchte hier nicht schlaumeierisch rüberkommen. Ich habe viele Jahre Misterfahrungen gemacht, auf die ich gerne verzichtet hätte. Da kommt es notgedrungen, daß man mehr nachdenkt.

Liebe Grüße v. Birke

21.09.2011 08:16 • #37


Isi

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Hallo Birke,


das ist mit Sicherheit ein guter Weg, den du da für dich gegangen bist! Oft ist man ja nicht in der Lage, in solchen Situationen klar zu sehen.
Mir ist aufgefallen,dass ich tatsächlich oft ungefragt Hilfe angeboten habe, wo es gar nicht nötig gewesen wäre.
In letzter Zeit sehe ich mehr und mehr nach innen, auf mich selbst, und versuche, mir selbst mehr ein Freund zu sein. Mir hilft es sehr, mir hin und wieder etwas zu erlauben. Und doch lauert die Angst immer im Hintergrund, und momentan bin ich eher allein und auf mich gestellt als ständig von Freunden umgeben. Es ist still um mich geworden, ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr so beliebig zu allen passe. Und deshalb bin ich momentan wohl auch allein. Ich bin ein sehr eigener Charakter, damit muss ich leben, das ist auch nicht immer leicht für mich, zu sehen, wieviel leichter ich es hätte, wäre ich weniger temperamentvoll, weniger so, wie ich halt bin. Und doch bringt es gar nichts, nach links und rechts zu schielen.




Liebe Grüße und danke dir, Isi

23.09.2011 22:06 • #38


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David Spritz

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@Birke: Worüber genau ärgerst Du Dich, wenn jemand Deine gut gemeinten Ratschläge und Deine Aufopferung nicht zu schätzen weiß? Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Du da beschreibst. *denhobbypsychologenraushängenlass*

@Isi: Ich weiß, das klingt nach Oberlehrer, aber auf Freunde, die Dich nur unter bestimmten Voraussetzungen mögen, kannst Du verzichten. Am Anfang tut das zwar trotzdem weh, aber die Wunden heilen schnell, und auf die Dauer kann es sehr heilsam sein, sich von solchen Menschen nicht mehr abhängig fühlen zu müssen. Spreche da aus eigener Erfahrung. Nimm Dich ruhig selbst ein bisschen wichtiger als diese Menschen, Du brauchst sie nicht, um Dich als kompletter Mensch zu fühlen! Im Gegenteil, sie geben Dir kurzfristig das angenehme Gefühl, gemocht zu werden, rauben Dir langfristig aber Deine Identität, was nur dazu führt, dass Du Dich noch unbedeutender fühlst und sie noch mehr zu brauchen glaubst. Eine Ausnahme sind natürlich die Menschen (und ich wünsche Dir, dass es solche in Deinem Leben gibt), die es wirklich gut mit Dir meinen. Bei denen lohnt es sich auch, mal Kompromisse zu machen oder Opfer zu bringen, aber immer im Vertrauen, dass man dies nicht tun müsste, wenn man nicht wollte.

24.09.2011 01:48 • #39


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Birke

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Bei dem Ärgern über andere habe ich so konkrete Situationen im Kopf, das ist wahrscheinlich zu verallgemeinernd von mir formuliert.
Wenn ich mich erinnere, waren es Situationen, wo ich mich wahrscheinlich zu schnell zu viel engagiert hatte. Du hast ja auch von Aufopferung geschrieben. Das ist bestimt dann zu viel des Guten.
Und mit Sicherheit die Freude, daß ich die Rettung in der Not sein könnte. Da spielt auf jeden Fall verletztes Ego eine Rolle.

24.09.2011 07:13 • #40


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Birke

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Hallo! Mir ist noch was eingefallen, was ich die Helferlein-Runde mal fragen will.
Ich hab seit längerem die Idee, irgendwann als Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge mitzumachen. Da absolviert man ein längeres Training, ist also eh nichts Hals über Kopf.
Ich helfe gern und ich weiß, daß es mir gut tut, von meinen eigenen Problemen loszukommen. Ich führe ein sehr isoliertes Leben und wenn ich allein bin, werde ich immer komischer und hoffnungsloser. Ich weiß, daß es die gesündere Variante wäre, Freunde und Liebe zu suchen/finden. Aber ich bin mir da verdammt sicher, daß das nicht klappt.
Wenn für mich Freunde und eigene Familie das Richtige wären, hätte sich das doch auch in meinem Leben ergeben, meint ihr nicht? Diesen Krampf, isoliert und allein zu sein, das kannte ich wirklich schon mit 7 Jahren. Vielleicht ist das eben so in meinem Leben.
Haltet Ihr mit diesem Hintergrund meine Idee für genau falsch oder genau richtig? Man kann das irgendwie von verschiedenen Seiten beurteilen.
Liebe Grüße!

24.09.2011 07:58 • #41


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JeanLucca

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Hallo Birke.

Zitat von Birke:
Ich hab seit längerem die Idee, irgendwann als Ehrenamtliche ...
Toll. Eine gute Idee.

Zitat von Birke:
Ich helfe gern und ich weiß, daß es mir gut tut,
Darauf kommt es an.

Zitat von Birke:
Wenn für mich Freunde und eigene Familie das Richtige wären, hätte sich das doch auch in meinem Leben ergeben, meint ihr nicht?
Ja. Ich finde es klasse das Du Dich davon löst alles daran zu setzen unbedingt Freunde zu finden oder unbedingt eine Familie haben zu müssen. Du gehst Deinen Weg. Und wer weiß schon was sich daraus alles ergibt.
Vielleicht ist so ein Ehrenamt tatsächlich genau das was Du gesucht hast. Von mir ein deutliches probier es aus

Lieben Gruß, JeanLucca

24.09.2011 08:26 • #42


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David Spritz

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Hallo Birke!

Also von mir kriegst Du ein klares Nein. Oder vielleicht eher ein Vorsicht!. Auch wenn Du das natürlich nur ganz allein entscheiden kannst und besser weißt als ich, was das Richtige für Dich ist.

Aber bei Dir scheint mir das Gefühl, gebraucht zu werden, eine große Rolle zu spielen, um hier wieder einmal den Hobbypsychologen raushängen zu lassen. Ich weiß, das lenkt ganz gut von den eigenen Problemen ab und steigert das Selbstwertgefühl, aber man kann sich darin auch sehr verlieren. Und was passiert, wenn es einem selber mal nicht so gut geht und man nicht mehr helfen kann? Dann fühlt man sich noch mieser als zuvor.

Mein Tipp wäre also, es vorsichtig anzugehen und keine festen Verpflichtungen einzugehen. Also nicht sowas wie: Ich übernehme jede Woche für 3 Abende den Telefondienst bei der Seelsorge., sondern (falls das möglich ist) eher so was wie: Ich übernehme hin und wieder den Telefondienst, aber wenn es mir selber nicht so gut geht, möchte ich auch mal einen Monat Pause machen können.

Wie klingt das für Dich?

24.09.2011 20:10 • #43


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Birke

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Hallöchen!
Ja, genauso kontrovers geht es auch in meinen Gedanken zu dem Thema. Ich werde mich auf jeden Fall damit weiterbeschäftigen. Ich finde es eine gesunde Alternative Hilfe zu geben. Man hat auch genügend Abstand durch den Telefonkontakt, denke ich. Aber wenn im Privaten da kein Rückhalt ist, kann es vielleicht gefährlich werden. Na mal sehen, was ich mache.
Jetzt hab ich noch ne ganz andere Frage an Euch: Wie geht es Euch eigentlich mit dem Hilfe annehmen und um Hilfe bitten? Ich denke mir, daß das ausgewogen sein muß, um seelisch gesund zu bleiben. Ich persönlich hab auf jeden Fall ein Riesenproblem damit. Kann aber nicht auf den Punkt sagen, warum das so ist.
Liebe Grüße v. Birke

Und noch eine Frage an Isi: Was meinst Du mit dem Dir was erlauben und Angst im Hintergrund?

25.09.2011 19:02 • #44


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JeanLucca

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Hallo Birke.

Zitat von Birke:
Ja, genauso kontrovers geht es auch in meinen Gedanken zu dem Thema.
Sooo kontrovers ist es gar nicht. Die Beiden Gedanken gehören ja irgendwie zusammen - nur eben nicht gleichzeitig sondern nacheinander.

Ich kenne es von mir, dass ich wirklich viele Dinge gerne gemacht hätte von denen ich wusste das sie mir gut tun, das ich sie kann und das ich Freude daran hätte. Letztendlich bin ich immer davon abgekommen weil ich mir Gedanken gemacht habe was alles passieren könnte. So hab ich dann gar nichts mehr gemacht.

Ich finde Deine Idee von einem Ehrenamt nach wie vor gut. Die Frage wie Du mit irgendwas umgehst was daraus folgt ist doch erst der nächste Schritt. Vielleicht läuft ja alles positiv, die Telefonseelsorgegruppe hat vielleicht eine Supervision, oder oder.

Zitat von Birke:
Wie geht es Euch eigentlich mit dem Hilfe annehmen und um Hilfe bitten? Ich denke mir, daß das ausgewogen sein muß, um seelisch gesund zu bleiben.
Jepp, bei mir war viele Jahre ein Ungleichgewicht. Ich habe keine Hilfe annehmen können weil ich meine Gefühle verschluckt habe und mich nach aussen als Stark präsentiert habe.
Dieses Verhalten hat bei mir einen grossen Anteil daran warum ich überhaupt krank geworden bin.

Lieben Gruß, JeanLucca

26.09.2011 12:05 • #45


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David Spritz

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Um Hilfe bitten fällt mir irre schwer, da kommen dann solche Gedanken wie Niederlage eingestehen, schwach und wertlos sein und dergleichen. Oft kriege ich es nicht einmal hin, meine Gefühle der Hilflosigkeit zu zeigen, damit Andere sich vielleicht veranlasst fühlen würden, mir von sich aus Hilfe anzubieten. Ich glaube, das ist bei mir die Angst vor Ablehnung und/oder Strafe, die mich immer zurückhalten! Ich glaube dann immer, dass ich es nicht aushalten könnte, wenn mir jemand seine Hilfe verwehrt.

Wenn ich mich allerdings einmal überwunden habe oder mir die Hilfe von außen angeboten wird, geht es mir sehr gut damit und ich kann sie annehmen, ohne das Gefühl, sofort eine Gegenleistung bringen zu müssen, dann ist der Bann sozusagen gebrochen und ich kann mich der Person voll anvertrauen.

26.09.2011 21:45 • #46


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Birke

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Zitat von David Spritz:
Oft kriege ich es nicht einmal hin, meine Gefühle der Hilflosigkeit zu zeigen, damit Andere sich vielleicht veranlasst fühlen würden, mir von sich aus Hilfe anzubieten.

Ja, so ist es bei mir auch. Die eigene Schwäche nicht zeigen können. Und mit dem Gedanken: mir will ja eh niemand helfen.
Wenn ich mich erinnere, gab es in unserer Familie den unausgesprochenen Leitspruch, andere Menschen nicht mit seinen Problemen zu belästigen und keine Bürde zu sein. Es war mit Schuldgefühlen verbunden. Und auch die Botschaft: Sei autark. Das hatte in meiner Familie so das Bild von Die Geächteten.
Eigentlich würde man doch denken: klar, das ist eher ein Thema für Männer. Das stark sein müssen und nicht über Gefühle reden und so. Aber Frauen sind genauso betroffen. In meiner Familie sind seit Generationen die Frauen die Starken. Sei es weil die Männer früh verstarben oder krank waren. Der Notstand zwang dazu, vieles selbst zu schaffen. Hatte natürlich auch positive Seiten. Handwerkliche Dinge machen wir furchtlos. Aber das ging immer schnell in die Überforderung (Möbel schleppen z.B.) Was seelisch-geistige Hilfe betraf, war völlig abwegig. Als ich mit 22 das erste Mal eine Psychologin aufsuchte, hatte ich seitdem dem Stempel verrückt zu sein. Da gab es kein Nachfragen. Psychokram. das ging einfach nicht.

Dieses Der hilflose Helfer-Syndrom. Vielleicht will man sogar um so mehr anderen helfen, je weniger man das für sich selbst beansprucht.
Irgendwie sind das doch zu hohe Ansprüche, mit denen wir da aufgewachsen sind und die wir so verinnerlicht haben.

Zitat von David Spritz:
Wenn ich mich allerdings einmal überwunden habe oder mir die Hilfe von außen angeboten wird, geht es mir sehr gut damit und ich kann sie annehmen, ohne das Gefühl, sofort eine Gegenleistung bringen zu müssen, dann ist der Bann sozusagen gebrochen und ich kann mich der Person voll anvertrauen.

Super! Das klingt gut.

Zitat von JeanLucca:
ch kenne es von mir, dass ich wirklich viele Dinge gerne gemacht hätte von denen ich wusste das sie mir gut tun, das ich sie kann und das ich Freude daran hätte. Letztendlich bin ich immer davon abgekommen weil ich mir Gedanken gemacht habe was alles passieren könnte. So hab ich dann gar nichts mehr gemacht.

Du hast Recht. Ich denke schon wieder zu viele Schritte voraus und male mir Situationen aus. Die website der Tel-Seelsorge ist sympathisch und jetzt hab ich schon ein paar Infos von einer netten Mod. bekommen. Das klingt alles sehr gut und gesund auch vom Umfang der Einsätze.

Liebe Grüße v. Birke

27.09.2011 08:45 • #47


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David Spritz

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Hallo Birke!

Heute war ich wie alle 2 Wochen bei meinem Gestalttherapeuten, und da hatten wir genau das Thema Schwäche zeigen und Hilfe annehmen. Das wird mir aber erst jetzt bewusst, wo ich Deinen Beitrag lese. Eigentlich schreibe ich über diese Dinge hier nicht so viel, weil das sehr privat ist, aber an dieser Stelle muss ich einfach, weil es so gut zum Thema passt:

Ich fühlte so ein Brennen in der Brust wie bei einer offenen Wunde, gab mich ihm völlig hin und lag stöhnend auf der Couch. Das war so eine Trance-Übung, eine Art Fantasiereise. Da kam ein guter Samariter an mein Lager und wollte meine Wunde behandeln, aber ich verschränkte zunächst die Arme, weil ich noch nie jemanden an meine Wunde gelassen hatte. Aber er schaute mich so liebevoll an, dass ich schließlich die Arme öffnete und ihn meine Wunde versorgen ließ. Das war ein herrliches Gefühl, wie eine Seelenmassage. Mein Körper und Kopf waren total entspannt, und alle Sorgen erschienen mir plötzlich ganz klein und bedeutungslos.

Und das Tollste: Ich habe mir letztendlich dieses Gefühl selbst gegeben, ohne chemische Hilfsmittel und dergleichen. Ich hoffe, ich kriege das auch ohne meinen Therapeuten hin!

27.09.2011 20:04 • #48


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Birke

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Hallo David!
Das ist ein großes Geschenk, das Dir Deine Seele da gibt. Vielen Dank, daß Du davon geschrieben hast!
Wieder das Thema Vertrauen schenken: einmal uns gegenüber und dann natürlich Deinem eigenen inneren Heiler gegenüber.
Das ist eine Erfahrung, die Dir niemand nehmen kann.
Liebe Grüße v. Birke

27.09.2011 21:11 • #49



Hallo Knoten,

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David Spritz

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Euch gegenüber war jetzt nicht so das Problem, da Du Dir sicher denken kannst, dass ich in Wirklichkeit nicht David Spritz heiße.

Aber mir selbst gegenüber, das war echt schwer und wird es auch in Zukunft wohl immer wieder sein, daher bin ich da echt stolz drauf.

Kleiner Nachtrag noch zum Stark-Sein: Ich habe als Familienvater auch jahrelang versucht, den starken Mann zu markieren. Aber es war eben nur ein Markieren. Wahre Stärke kommt von innen, und entweder sie ist da oder (wie in meinem Fall) eben nicht, aber man kann sie nicht erzwingen. Das Stark-Sein-Wollen habe ich mir also abgeschminkt und versuche es jetzt durch Mutig-Sein-Wollen zu ersetzen. Denn mutig sein kann jeder. Und je mehr Ängste man hat, desto mehr Gelegenheiten hat man, seinen Mut zu beweisen. Ich denke, das ist ein wesentlich erreichbareres Ziel. Außerdem versuche ich damit, meinen Kindern ein gutes Beispiel zu geben.

27.09.2011 21:44 • #50

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