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Boring Breakdown - Von der Angst und der Lächerlichkeit

Soylent

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Hallo zusammen,

es fühlt sich seltsam an diese Zeilen zu schreiben. Weil ich so lange mit meinen Problemen und Zuständen konfrontiert bin, dass diese sich schon normal und als "Standard" anfühlen. Naja, erstmal zum Anfang.

Ich bin 31 Jahre alt. Habe 2008 mein Abitur geschrieben und mich dennoch gegen ein Studium entschieden. Habe einen handwerklichen Beruf in der Ausbildung gelernt und auch abgeschlossen. Heute wohne ich mit meiner Freundin zusammen in einer kleinen Wohnung. Wir denken über Kinder nach und reden öfter darüber in eine größere Wohnung zu ziehen. Wir haben auch einen gemeinsamen Freundeskreis. Wobei nur ein kleiner Bruchteil durch mich dazu gekommen ist. Das sind Leute die ich seit der Grundschulzeit kenne. Aber auch das Verhältnis zu ihnen ist nicht das allerbeste. Ich sehe sie eigentlich fast jedes Wochenende. Aber es fühlt sich etwas oberflächlich an. Wir reden nur noch über den Job. Insgesamt langweile ich mich immer mehr. Es gibt weniges das nicht schon gesagt wurde. Das beschränkt sich aber nicht auf meine Freunde. Auch die Beziehung zu meiner festen Freundin geht in diese Richtung. Und ich habe auch das Gefühl, dass ich sie langweile. Wir unternehmen sehr selten nur etwas zu Zweit. Immer lädt sie weitere Personen ein wenn wir etwas unternehmen wollen. Sie ist aber auch der Typ Person der nie über Probleme offen reden will. Sie frisst auch alles gerne in sich hinein. Versteht mich nicht falsch: ich liebe sie und ich glaube wenn ich sie nicht hätte, würde es nicht mehr viel geben das mich am Leben hält. Aber auch die Beziehung ist in einer Abwärtsspirale. Ich würde mich nie trauen mit ihr über meine Zustände zu reden. Ich habe Angst dass sie es nicht versteht. Dass sie mich dann anders sieht, sieht, was für ein Jammerlappen ich bin. Dass unsere Beziehung sich weiter verschlechtert.

In der Grundschule hatte ich selten Probleme. War ein guter und ruhiger Schüler. Hatte meinen kleinen Freundeskreis. Auch familiär war eigentlich alles soweit gut. Leider wurde ich von meinen Eltern überhaupt nicht gefördert, es gab keinerlei Clubs die ich besuchte oder Aktivitäten, die ich gerne unternahm. Ich denke trotzdem insgesamt sehr gerne an meine Kindheit zurück.
Eigentlich habe ich seit der Zeit auf dem Gymnasium meine Probleme. Die Eingewöhnung fiel mir extrem schwer. Damals hatte ich teilweise schon Schlafschwierigkeiten, habe mich oft schnell in etwas hinein gesteigert. Ein Knackpunkt waren auch Referate - das erste mal vor anderen großen Gruppen sprechen müssen. Der reinste Horror für mich. Ich denke da hat sich meine soziale Phobie angefangen auszubilden. Heute habe ich zu alten Kameraden von damals (die paar die ich hatte) keinen Kontakt mehr und wenn ich zufällig einem begegne tue ich so als hätte ich ihn nicht gesehen oder gehe ihnen aus dem Weg.

Prinzipiell ist es heute so, dass ich mich von meinem Job etwas unterfordert fühle. Und dennoch das Gefühl habe nicht wirklich besonders gut darin zu sein. Ich bin in einem IT Beruf tätig. Für das alltägliche Pensum reicht mein Wissen gerade noch. Aber wenn es darüber hinaus geht - meine Kollegen sprechen aus Eigenantrieb oft und gerne über andere Bereiche der IT - rede ich eigentlich nie mit bzw. kann es auch nicht weil ich kein Wissen darüber habe und mein Interesse sich auch stark in Grenzen hält.
Wahrscheinlich habe ich den falschen Beruf gewählt damals.

Allgemein ist mein Selbstbewusstsein alles andere als gesund.
Das liegt aber auch daran, dass ich in so gar nichts wirklich gut bin. Ich denke auch dass die mangelnde Förderung in der Kindheit durch meine Eltern sich hier extrem auswirkt. Ich habe an so gut wie nichts wirklich Interesse. Hobbys habe ich außer an der Konsole zocken bzw. Filme/Serien gucken eigentlich keine. Ich fühle mich nicht nur so, nein ich bin wirklich ein Versager der nie etwas geschafft oder vollbracht hat.

Klingt alles langweilig. Und das ist es auch. Weder wurde ich Zeuge eines besonders schlimmen Ereignisses noch erlebte ich schlimme Dinge in der Kindheit. Ich fühle mich nur noch extrem verkorkst und neurotisch. Wenn ich mal wieder etwas im Selbstmitleid versinke merke ich irgendwann wie lächerlich ich bin. Wie wenig Grund ich habe dieses Selbstmitleid haben zu können. Das Leben gibt nicht viel her. Alles ist nur noch eine Kopie einer Kopie einer Kopie.
Und mit jeder Kopie verblassen alle Bilder immer mehr.

Ich bin im Kundendienst tätig. Was seltsam ist, da ich Kontakt zu anderen Leuten meide. Manchmal denke ich aber, dass der Job das einzige ist, das mich davon abhält mich komplett von meiner Umwelt abzukapseln (bis in gewisser Weise auf meine Freundin und meine Freunde) Oft sitze ich in meinem Auto vor dem Kunden und brauchte etwas Zeit um mich zu überwinden rein zu gehen. Das sind dann kleine Angstattacken. Wenn ich besonders einsam bin während der Fahrt fließen unvermittelt auch mal die Tränen. Bis dieses Lächerlichkeitsgefühl wieder aufkommt und ich mich fast selbst auslachen möchte. Es fühlt sich an als wäre ich in einem Käfig, dessen Tür offen steht. Aber ich habe Angst aus dem Käfig zu gehen bzw. kann es einfach nicht schaffen.
Und ja, wenn ich an den Tod denke, dann fühlt er sich wie etwas erlösendes an. Diese Farce wäre endlich vorbei.
Aber ich würde mir nie etwas antun, dafür bin ich ein zu vernünftig denkender Mensch. So würde ich nicht gehen wollen.

Ich treibe seit einem Jahr regelmäßig Sport (joggen) und habe es mit Johanniskraut versucht um meine Gedanken etwas aufzuhellen. Die Wirkung ist leider nur sehr begrenzt. In Behandlung befinde ich mich nicht und war ich auch noch nie. Ich könnte mich meinem Hausarzt auch nie anvertrauen. Heute erst habe ich wieder einmal alle Therapeuten in der Nähe im Internet aufgerufen und durchgeklickt. Ich schaffe es einfach nicht einen anzurufen. Auch hier ist viel Angst im Spiel. Angst dass ich nicht ernst genommen werde. Die Angst, dass wenn das auch nicht hilft - was dann? Mir ist klar dass ich das nur rausfinden kann wenn ich es versuche. Dennoch schaffe ich es einfach nicht.
Es klingt vielleicht dumm - aber selbst die Anmeldung in diesem Forum ist für mich ein großer Schritt vor dem ich Angst habe.
Und ich weiß eigentlich auch nicht was ich mir davon verspreche. Vielleicht ist es auch nur Druckabbau, sprudelt ja schließlich alles aus mir heraus. Vielleicht hat das Schreiben dieses Textes ja schon eine kleine therapeutische Wirkung.

Naja, wer es geschafft hat sich durch das da oben durchzuquälen: Sorry für den langen Post.

12.09.2020 18:41 • x 1 #1


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maya60

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Hallo @Soylent ! Willkommen hier im Forum! Und , du hast dich hier angemeldet, diese Überwindung kenne ich auch, du hast viel mitgeteilt von dir, das hier im Forum und sicherlich auch viel mehr unter deinen Kollegen,Verwandten, Freunden und Bekannten bis hin zu deiner Freundin in Ansätzen oder häufiger selber kennen: Das Ausgebranntsein mit Interesselosigkeit und Emotionenflachheit.

Das soll und kann jetzt keine "Diagnose" von mir sein, bin keine Fachfrau, aber lese Ähnliches, und nicht nur hier im Forum, sehr oft.

Ich bin sicher, wenn du zu diesem Thema offener in deinem Umfeld wärest, dass du dich wundern würdest, wie viele Menschen ähnliches leben und erleben.

Ich denke, das ist der hohe Preis, in einer Leistungsgesellschaft, die sich zuviel in reine Wirtschaftsorientierung verirrt hat, zu leben und zu arbeiten.

Du hast doch bestimmt schonmal gelesen oder gehört, dass Burnout und Erschöpfungsdepressionen epidemische Ausmaße mittlerweile angenommen haben in der Berufswelt, aber auch schon bei SchülerInnen.

Da ist nichts Lächerliches dabei, dazu ist es viel zu verbreitet und zeigt die Fehler im System und nicht beim Einzelnen.

Auch dein Hausarzt wird das von dir nicht als Erstem hören.

Daher rate ich dir, deiner Freundin zu erzählen, dass du dich ausgebrannt fühlst mit zunehmender Interessenlosigkeit und Emotionsflachheit und dass du ganz bald damit zu deinem Hausarzt gehst, der zusammen mit dir und mit Fachärzten und Psychologischen Fachkräften erstmal feststellen wird, wie weitgehend dein Ausgebranntsein ist und wie dein Gesamtzustand ist in Sachen Gesundheit und wie du wieder zur höheren Gestimmtheit kommst.
Auch die emotionalen "Altlasten" aus der Gymnasialzeit wie es viele Menschen erleben und emotional mitschleppen, die werden sicherlich erhebliche Erleichterung in einer Psychotherapie finden.
Ich bin mit einem IT-Menschen verheiratet und die sind fast alle introvertiert und damit nicht besonders gesellig. Aber da, wo du es für in die Richtung der sozialen Phobie empfindest, könnte eine Psychotherapie dir auch helfen, da deine Maßstäbe zu finden.

Denn Burnout und Depressionen verändern die Wahrnehmung, das Fühlen, Denken (auch Denk- und Gedächtnisstörungen), Handeln. Das bist nicht du und das hat vor allen Dingen rein gar nichts mit Versagen zu tun, im Gegenteil. Denn es sind besonders verantwortliche und engagierte Menschen, die zum Ausbrennen neigen.
Wer heute Abitur und It-Job hat, kann gar kein Versager sein!

Ich wünsche dir schnelle erste Besserung!

Liebe Grüße! maya

12.09.2020 19:16 • x 4 #2


ohneFunktion

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Hallo!

...und ein herzliches Willkommen!

Also, dass Du nichts bist, nichts kannst, etc. stimmt definitiv nicht! Das hast Du uns gerade gezeigt: Du kannst unglaublich gut schreiben und Dich gut ausdrücken. ...und reflektieren kannst Du auch.

Mein erster Eindruck, sagt mir, dass Du alles andere als dumm bist.

Wie Du Dein Leben allerdings gerade wahrnimmst und Dein (derzeit) schlechter Selbstwert deuten auf Symptome einer Depression hin.
Aber das weißt Du bereits, sonst wärst Du nicht in diesem Forum.

Schön, dass Du Deine Angst überwunden hast und Dich hier mitteilst. Das ist ein erster Schritt.

Zitat von Soylent:
Ich könnte mich meinem Hausarzt auch nie anvertrauen. Heute erst habe ich wieder einmal alle Therapeuten in der Nähe im Internet aufgerufen und durchgeklickt. Ich schaffe es einfach nicht einen anzurufen.


Ich wünsche Dir, dass Du auch den nächsten Schritt wagst. In Deinem Tempo, aber dennoch. Vielleicht findet sich bald der richtige Moment.

Und bis Du so weit bist, hilft als Übergang vielleicht das Schreiben hier, denn wie Du selbst wahrnimmst:

Zitat von Soylent:
Vielleicht hat das Schreiben dieses Textes ja schon eine kleine therapeutische Wirkung.


In der Zwischenzeit, sorge gut für Dich und nimm Dich ernst (Ich glaube einige von uns kennen das von Dir beschriebene Lächerlichkeitsgefühl sehr gut...).

Alles Gute für Dich!

12.09.2020 19:25 • x 5 #3


Soylent

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Erstmal Danke euch beiden für die Zeit alles zu lesen und etwas darauf zu antworten.
@Maya
Ich glaube kaum, dass es sich bei mir um einen Burnout handelt. Vieles was Du schreibst trifft schon auf mich zu aber diese Gefühle und Gedanken habe ich schon seit langer Zeit. Eigentlich mein halbes Leben. Momentan äußert es sich besonders schlimm, ich bin ständig down und habe auf nichts Lust. Dabei ist es auch nicht so dass ich momentan besonderen Streß in der Arbeit oä hätte.
Was mich auch stört ist meine starke Ich-Bezogenheit. Ich würde mich selbst schon als Egoist bezeichnen.

Zitat von maya60:
Wer heute Abitur und It-Job hat, kann gar kein Versager sein!

Das sehe ich und viele andere aber anders. Ich werde auch immer wieder gefragt wieso ich mit Abitur nur so einen anspruchslosen Job mache und nicht studiert habe. Die Frage macht mich jedes Mal fertig. Und die Antwort lautet: ich traue es mir nicht zu. Ich hätte viel zu viel Angst vor der Verantwortung, auch danach dann in einem anspruchsvollen Job.

@ohneFunktion

Danke für die warmen und aufmunternden Worte. Ich hoffe ich bin irgendwann so weit.

13.09.2020 20:01 • #4


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sinje

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Moin Soylent, du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Bitte geh einen kleinen Schritt. Vergeude nicht deine Zeit. Ich bin jetzt 20 Jahre älter als du und frage mich ""Wozu soll ich jetzt überhaupt weitermachen?" Ich bin mit meinem Mann allein, ohne Freunde, ohne Familie, nur nich Kontakt zu Arbeitskollegen. Aber auch die Arbeit macht mir keinen Spaß mehr. Und dann noch unsere weltweite Lage derzeit. Ich verkrümel mich am liebsten unter meiner Bettdecke -nichts hören, nichts sehen und bloß nicht reden. Bei uns in der Gegend nehmen die Therapeuten leider wg. Corona keine Patienten an. Was wäre dein nächster kleiner Schritt? Ich bin gespannt. Lg Sinje

13.09.2020 20:23 • #5


Soylent

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Hallo Sinje,

ja das klingt sehr ähnlich wie bei mir. In meinem Leben gibt's zwar noch Familie und Freunde aber wie gesagt flacht das alles ab und ich habe auch das Gefühl, dass der Kontakt zu mir nicht wirklich gesucht wird. Das mit dem Verkrümeln kenne ich so, dass ich wenn ich morgens aufwache sofort traurig bin, dass die Nacht schon vorbei ist. Und zwar nicht weil ich so müde bin, sondern weil es sich anfühlt als sei das "wahre" Leben nun erstmal pausiert bis zum nächsten Schlaf und die Qual wieder anfängt.
Wie reagiert dein Partner auf deine Verhaltensweisen bzw. wie hast du ihm von deiner Verfassung erzählt?

Mein kleiner nächster Schritt...tja gute Frage. Ich weiss nur dass ich wohl um eine Therapie auf lange Sicht nicht rum kommen werde. Und wenn's so weit ist ich es nicht lange vor meiner Freundin verbergen werden kann. Vielleicht doch der Versuch mich einer Person aus meinem Umfeld zu öffnen. Aber das wäre dann ehe ein großer bzw. riesiger nächster Schritt.

14.09.2020 12:18 • #6


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sinje

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Soylent, ich rede seit einigen Tagen nicht mehr mit ihm. Besser gesagt ich möchte nicht reden. Nach 32 gemeinsamen Jahren gibt es nicht mehr so viel zu reden. Mal was anderes: Du schreibst wirklich sehr ansprechend. Ich könnte mir vorstellen, daß da noch mehr geht... Vielleicht als Cyranno der Bürgerschaft unter Pseudonym. Ich habe versucht im Netz in einer Computer Welt nach einer Person zu suchen, in der ich mich neu erfinde. So zusagen in die Schuhe einer anderen Person zu schlüpfen. Wie würde sich das wohl anfühlen? Einfach ein 2. Ich aber eben in dem Leben das ich gerne hätte. Ein Probleben. Mutig und stolz.

14.09.2020 12:58 • #7


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Ilse77

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Hallo Soylent, herzlich willkommen hier. Ich habe nach dem Abi auch nicht studiert sondern eine Ausbildung gemacht und hab mich früher auch manchmal dafür geschämt. Heute sehe ich das ganz anders, der Lernstress war mir zuviel damals und ich bin froh, nicht mit dem Strom geschwommen zu sein sondern meinen eigenen Weg gefunden zu haben. Ich hab Therapie in Anspruch genommen und gelernt, wieviel Druck ich mir selbst gemacht habe, durch den Leistungsdruck in Schule und Job und den ganzen Wahnsinn, der über die Medien auf uns einprasselt. Meine soziale Phobie hat sich deutlich gebessert, weil ich mehr bei mir angekommen bin und es mir nicht mehr so wichtig ist, wie andere über mich denken. Denn deren Gedanken sind deren Problem. Liest du gerne? Es gibt viele Bücher, die einen therapeutisch weiter bringen können. Mein aktueller Favorit "Sei einzig, nicht artig". Lg ilse77

14.09.2020 13:07 • x 3 #8


Soylent

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Zitat von sinje:
Ich habe versucht im Netz in einer Computer Welt nach einer Person zu suchen, in der ich mich neu erfinde. So zusagen in die Schuhe einer anderen Person zu schlüpfen


Ist ein interessanter Gedanke. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich auf der Konsole am Liebsten Rollenspiele und Open World Games zocke. In vielen davon muss man sich seine Reputation und den Fortschritt selbst von unten ganz neu aufbauen. Vielleicht steckt da die gleiche Sehnsucht dahinter und erklärt meine Vorliebe Recht gut.

Hallo Ilse.

Zitat von Ilse77:
es mir nicht mehr so wichtig ist, wie andere über mich denken


Ja das ist ein wichtiger Punkt. Ich bin übersensibel. Wenn jemand mich auch nur aufs Geringste kritisiert dann möchte ich mich am Liebsten verkriechen. Das hängt aber wohl auch stark am nicht vorhandenen Selbstbewusstsein...
Und ja ich lese sehr gern und viel. Vielleicht versuche ich denen Tipp Mal. Danke.

14.09.2020 20:35 • x 1 #9


Soylent

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Habe heute in der Arbeit wieder einen harten rechten Haken bekommen. Ein Azubi hat mir eine Fachfrage gestellt, die zwar nur indirekt etwas mit dem Beruf zu tun hat, aber dennoch nicht ganz unwichtig ist. Ich konnte sie nicht beantworten, was der Azubi mit:" Hm da hast du wohl einfach nicht das Fachwissen dafür" quittiert hat. Jetzt geht's mir wieder mies...will mich verkriechen. Warum geht mir das nur so nah?

16.09.2020 15:40 • x 1 #10


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Ilse77

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Lieber Soylent,

du musst und kannst nicht alles wissen.
Was glaubst du, wie oft sich Führungskräfte nicht mehr an Dinge erinnern können, die man ihnen 3 Tage zuvor erklärt hat. Und Azubis können frech sein, eine nannte mich mal Bazillenmutterschiff weil ich mit leichtem Schnupfen auf der Arbeit war.

Versuch dir immer wieder zu sagen, dass du okay bist, wie du bist. Und um tiefer ins "Warum" einzusteigen, wäre tatsächlich eine Therapie hilfreich. Ein bisschen Hilfe anzunehmen für Selbstreflexion und Selbstvertrauen ist keine Schande sondern klug. Lg ilse77

16.09.2020 16:01 • x 4 #11


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sinje

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Hallo Soylent (den Namen musste ich erst mal googeln ).Der Azubi wird doch bestimmt beurteilt. Da muss er dann wohl beimir Thema Kommunikation noch üben... Ich wundere mich immer wieder wie wenig Empathie um uns vorhanden ist. Und denk dran :Man sieht sich immer zweimal. Bei uns gibt es eine Schwerbehindertenberatung. Da kann ich meine Probleme besprochen. Mir wurde das Job Frust Killer Buch empfohlen. Wenn es gar nicht mehr geht bitte zum Arzt. Lg Sinje

16.09.2020 17:37 • x 1 #12


Soylent

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Hallo Ilse7,

ja das ist mir schon bewusst, dass ich nicht alles wissen kann. Ändert aber nichts daran, dass er aber auch Recht hat. Und wieder kommt das Lächerliche hoch...Es versetzt einem immer wieder einen Stich wenn sowas passiert. Ich bin dann erstmal wie paralysiert und kriege Herzrasen. Meine Freundin hat nach Feierabend bemerkt, dass ich bedrückt aussehe und mich gefragt ob alles okay sei. Ich konnte nur bejahen. Ich habe den Eindruck das ist eindeutig der härteste Teil an dem Ganzen.

16.09.2020 19:15 • x 1 #13


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maya60

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Hallo Soylent, ich hatte ja oben in meiner Antwort an dich von Burnout und Depressionen geschrieben, wobei die beiden gar nicht voneinander klar zu trennen sind und lange Burnout ja gar nicht als Diagnose allein dastehen durfte oder immer noch nicht darf, das weiß ich nicht so genau.

Schau mal, jetzt gerade habe ich geschrieben: "Das weiß ich nicht so genau." Bevor ich meine Depressionen behandeln ließ, würde ich jetzt zerbröseln vor Selbstscham und würde herumgegoogelt haben, um dieses Wissen hier mitteilen zu können.

Jetzt aber weiß ich, dass Unwissen was ganz Normales ist und schäme mich kein bisschen, sondern google sogar deshalb bewusst nicht nach, weil es mir Kräftemäßig zuviel wäre.

Dass du heute genervt von dem respektlosen Azubi warst, das verstehe ich sehr gut. Dass dir das nachgeht, auch, ganz bestimmt.
Dass du dein abhanden gekommenes Fachwissen wieder auffrischst, auch. Aber dass du dann in solche tiefen Selbstzweifel verfällst statt den Azubi auf seinen Platz zu verweisen, das zeigt mir, wie wichtig es ist, zum Arzt zu gehen.
Du bist und bleibt doch die Fachkraft, egal, ob irgend ein Azubi sich zuviel herausnimmt oder nicht. Und du bist nicht allwissend.

Wenn du den depressiven Tunnelblick hast in deinen Wahrnehmungen, Gefühlen, in deinem Denken und Handeln, dann legst du alles gegen dich selber aus. Immer starke Selbstzweifel sind ein depressives Symptom und immer schlechtes Selbstbewusstsein auch.

Nur in einer Psychotherapie und, falls nötig, auch noch zusätzlich medikamentöser Behandlung dieser schweren Krankheit kann dieser Tunnelblick mit seinen begleitenden emotionalen Interesselosigkeiten und Flachheiten und Niedergedrücktheiten heilen und kannst du auch an deinem Selbstbewusstsein und deinen Altlasten unabhängig von der Depression wirklich arbeiten.

Wenn du unbehandelt immer weiter grübelst und an dir zweifelst, bist das nicht du, sondern die Krankheit, falls du depressiv bist.

Darum ist es so wichtig, zum Arzt zu gehen und sich eine Psychotherapie zu suchen.

Liebe Grüße! maya

16.09.2020 19:27 • #14


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maya60

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P.S.: Der einzig Lächerlich ist der Azubi, der Fachkräfte beleidigt und sie sich so ja nicht gerade gewogen macht und der von Respekt, angemessenem Verhalten und gutem Arbeitsklima wohl Null Ahnung hat. So macht er sich keine KollegInnen, die gerne ihr Wissen mit ihm teilen.
Seine Aussage zu deinem Fachwissen war unverschämt, frech und überschritt ganz klar seine Kompetenzen und Befugnisse. Ich hoffe, dass ihn noch jemand klar in seine Schranken verweist.

16.09.2020 19:41 • #15


Soylent

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Hallo maya60,

Danke fürs gut Zureden. Das hat mir gestern tatsächlich ein klein wenig gut getan deine Zeilen zu lesen.

Ich konnte heute Nacht sehr schlecht schlafen und habe daher versucht die Zeit wenigstens etwas konstruktiv zu nutzen. Ich schreibe sehr gerne kleine Gedichte ohne Reim. Ist ein kleines Ventil. Beschreibt sehr gut meine momentane Gemütslage:

Glück auf!

Nur Tunnelwände zu sehen,
der Tensio steigt.

Wo noch Erde an den Wänden,
sind gleich Solen aus Salz.

Ein rhythmisches Beben,
schreitet immer weiter.

Streut kleine Karzinome,
vom Magen bis zur Kehle.

Verdichtet zur Wolke,
drosseln sie jeden Willen.

Wandern durch den Kreis,
bis zum Knotenpunkt.

Mit Spitzhacke und Schaufel.
Tote Kanarienvögel bezeugen,
die Demontage meiner Selbst.

17.09.2020 19:00 • x 2 #16


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maya60

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Darum heißt es ja auch: depressiver Tunnelblick. Liebe Grüße! maya

17.09.2020 21:36 • x 1 #17


Soylent

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Und wieder ein Wochenende rum.
Gestern war die GB Feier von meinem Patenkind. Das sehe ich genau einmal im Jahr. Aus Gründen. War eigentlich eine entspannte Feier. Dennoch spüre ich immer auch dieses Unbehagen. Nicht nur bei Leuten die ich selten sehe. Auch bei meinem besten Freund. Oder bei meiner Schwester. Bei Familienfeiern allgemein ist man ein Fremdkörper. Wartet bis man die Zeit abgesessen hat. Wenn man nach den Feiern heim kommt fühlt man erstmal eigentlich nur eins: Erleichterung. Jetzt hat man eine gewisse Zeit wieder Ruhe. Später dann folgt die Grübelei: wieso habe ich das gesagt oh Mist, das wird sie falsch verstanden haben. Oder: Warum sagt er sowas? Er kann mich bestimmt nicht leiden.
Sollte man eine Ausrede finden nicht hingehen zu müssen, ja dann hat man ein schlechtes Gewissen. Und fühlt sich einsam, alleine. Egal wie man's macht, man fühlt sich hinterher immer mies. Klingt wie aus einer Hollywoodkomödie bei der dann gesagt wird: ach diese Probleme hat doch jeder. Ich glaube aber nicht dass die meisten Menschen das in dieser Intensität spüren. Als würde man sich kurzzeitig zerreißen müssen. Ständig lachen. Auf keinen Fall zeigen wie zerstört man sich fühlt. Mehr tot als lebendig.

Manchmal wünschte ich die ultimative Ausrede parat zu haben. Die ich sogar vor mir selbst rechtfertigen kann ohne schlechtes Gewissen. Schützt aber auch nicht vor Einsamkeit.

Hm, sollte das WE nicht dafür da sein sich zu erholen? Im Moment fühlt es sich fast umgekehrt an. Bis ich morgen beim Kaffee sitze und sich die Angst wieder breit macht. So Long.

Vor 56 Minuten • #18

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