Zitat von Serafina:
Ich persönlich habe keine Kraft mehr dazu.
Serafina
Das ist genau der Punkt, wer so geschwächt ist, kann nicht mehr kämpfen, vor allem nicht gegen ein System, gegenüber dem man sich sogar als völlig Gesunder als Einzelner hilflos und ohnmächtig fühlt! Wenn man dennoch kämpft, hat man sehr mächtige Gegner, die ja gerade dieses System gegen Angriffe verteidigen wollen, weil es für die ein sehr erbauliches Einkommen sichert.
Deshalb gibt es ja auch kaum Menschen mit eigener psychiatrischer Erfahrung, die auf die Barrikaden gehen können. Und wenn sie sich doch einmal organisieren (mir sind zwei Organisationen bekannt), dann schießen sie meist soweit mit ihrer Kritik über das Ziel hinaus, dass man sie nicht mehr ernst nimmt. Mit wird angst und bange, wenn ich mitbekomme, dass eine Maßregelvollzugsanstalt nach derselben gebaut wird, das macht man sicher nicht, um sie anschließend leer stehen zu lassen. Diese Anstalten werden sich ihre Nachfrage mit Gewissheit selbst schaffen, gleiches gilt auch für die gschlossenen Abteilungen der Psychiatrie. Von 1992 bis 2000 hat sich die Anzahl der Zwangseingewiesenen verdreifacht (!!!!), während die Bevölkerungszahl gleich geblieben ist.
Wie es auch richtig laufen kann, habe ich einmal erlebt, als ich vor einigen Jahren einen manisch-depressiven anwaltlich vertreten habe, den man zwangseingewiesen hatte, ein hochintelligenter Mann, an der Grenze zum Genie. Der Gute war aufgefallen, weil er viel Geld verschenkt und ausgegeben hatte und ansonsten mit sehr auffälliger Kleidung unterwegs war, außerdem hatte er mit missionarischem Ehrgeiz weltverbesserliche Thesen in die Welt gesetzt. Von Selbst- oder Fremdgefährdung keine Spur. Wegen teils strafrechtlich relevanter Übergriffe der Ärzte (Zwangsmedikamentierung) und des Pflegpersonals (Fixierung über mehrere Tage) musste ich ziemlich oft dort vorstellig werden, um das dortige Personal in Schach zu halten.
Eines Tages habe ich mich mit ihm und dem zuständigen Richter, ein sehr weiser, älterer Direktor eines Amtsgerichts dort getroffen und der Richter hatte sich für das Gespräch einige Stunden (!) Zeit genommen, wohl weil er meinen Mandanten sicher auch aufgrund seiner schier unglaublichen Eloquenz und Freundlichkeit sehr mochte. Der Richter ist dann zu eine völlig konträren Meinung gegenüber der der Ärzte gekommen und seine sofortige Freilassung verfügt. Er hat aber von meinem Mandanten verlangt, dass dieser sich gegenüber diesem Richter verpflichtet, ab jetzt Lithium zu nehmen, darauf hat sich mein Mandant, weil er dem Richter komplett vertraute (und vertrauen konnte) vorbehaltslos eingelassen. Dieser Richter hat meinen Mandanten einige Zeit später sogar noch einmal privat zuhause aufgesucht und konnte sich beim Kaffee überzeugen, dass seine Entscheidung richtig war, denn mein Mandant war wieder völlig "normal". Hut ab, vor so einem Richter! Das ist aber leider ein krasser Ausnahmefall.
Ich selbst hatte bei meiner Zwangseinweisung das Glück, aufgrund des vorherigen Falls die Zustände in diesen Einrichtungen zu kennen, ich hatte aber keinen souveränen Richter. Da ich die Einnahme von hochpotenten Neuroleptika verweigert hatte, galt ich als Maniker ohne "Krankheitseinsicht", dazu kam, dass ich den dortigen Ärzten jedes Vertrauen abgesprochen hatte. Ich hatte denen gesagt, dass meine beste Freundin eine sehr renommierte Ärztin ist, die sich insbesondere mit dem Hirnstoffwechsel bestens auskennt und ich nur ihren Anweisungen folgen würde.
Als sie mich dann besuchte, stellte sie als erstes die Diagnose in Frage und sagte mir - was für mich unglaublich beruhigend gegenüber den wie ein Damoklesschwert wahrgenommenen Diagnosen wirkte - "ich halte von den grenzscharfen Bezeichnungen bei diesen Diagnosen nichts, letztlich bekommt eine Ansammlung von Symptomen nur eine Schublade, die wird dann aufgezogen, der Patient wird reingesteckt, ein paar Pillen werden hinterhergeworfen und dann nennt man das Therapie. Aber etwas stimmt mit Dir nicht und das werden wir in den Griff bekommen, das verspreche ich Dir."
- Damit hat sie dem Ganzen die brutale Endgültigkeit der vorher gehandelten Diagnosen genommen und mir ging es sofort sehr viel besser, einen solch feinfühligen Umgang habe ich einem Psychiater niemals erlebt. Wir haben dann einen internen Vertrag aufgesetzt und unterschrieben, nachdem ich ihren Behandlungsvorschlägen ohne wenn und aber folge. (Klar, ist sowas juristisch nicht durchsetzbar, aber sie weiß ja aus über 30jähriger Freundschaft, dass ich sie niemals belügen könnte.)
Sie forderte - zum völligen Entsetzen der dortigen Psychiater - von mir, als einziges Medikament Lithium zu nehmen, Neuroleptika aber auf überhaupt gar keinem Fall in Betracht kämen. Ich kam dann sehr schnell wieder aus der Klinik mit gerichtlicher Hilfe heraus und der dortige Chefarzt meinte, als er mich später in meinem Haus besucht hatte, er habe niemals geglaubt, dass ich alleine mit Lithium so schnell hätte stabilisiert werden können. - Tja, sollte man halt mal ausprobieren, statt ständig mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und damit erst einen Krankheitszustand zu stabilisieren.
Ich habe eine Patientenverfügung, wonach im Falle eines Rezidivs alleine diese befreundete Ärztin entscheiden darf, was mit mir passiert, zu ihr habe ich 100% Vertrauen.