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Suche nach ermutigenden Redepartner

Camilla-v

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Hallo,
ich bin hier ganz neu, und der einzige Grund warum ich hier bin ist weil ich in diesem Zeitpunkt keine andere Lösung finde. Ich würde meine Erfahrungen gerne mit jemanden teilen und hoffe auf gegenseitige Interesse und Hilfsbereitschaft. Ich würde gerne jemanden haben der mich versteht.

20.11.2018 23:43 • #1


JuliaW

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Hallo Camilla,

erstmal willkommen im Forum. Wofür würdest Du gerne eine Lösung finden? Magst Du etwas mehr erzählen, worum es bei Dir geht?

Liebe Grüße,
Julia

21.11.2018 09:10 • x 1 #2


Camilla-v

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Hallo,
wrstmal danke für deine Antwort. Ich bin 15 Jahre alt und leide seit 3 Jahren an Depressionen. Ich gehe seit ein oaar Monaten zum Therapeuten, aber irgendwie wird alles schlimmer. Auch Suizidgedanken haben sich bei mir eingeschlichen. Ich weiß nur wirklich nicht wie ich mit meiner jetzigen Situation umgehen soll. Ich hätte vorallem gerne jemanden der mich versteht, da alle meine Freunde keine Ahnung haben wie ich mich wirklich fühle.

Camillla

21.11.2018 11:52 • #3


JuliaW

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Hallo Camilla,

gerne und danke für Deine Antwort. Ich vermute, dass viele hier nachvollziehen können, wie Du Dich fühlst. Das ist vielleicht etwas ungewohnt für Dich, weil die meisten hier älter sind, doch die Symptome machen uns alle gleich, da spielt das Alter keine Rolle. Von daher sei bitte so wie Du bist und frage und erzähle, was Du möchtest und was Dir wichtig ist.

Was machst Du für eine Art von Therapie? Hast Du schon mal mit Deiner/m Therapeuten/in darüber gesprochen, dass Du den Eindruck hast, dass es eher schlimmer wird? Da Du in Therapie bist, habe ich den Eindruck, dass Du gut versorgt bist, was die Suizidgedanken angeht? Ansonsten gibt es hier Möglichkeiten, um mit Menschen zu sprechen, die Dich auffangen können: soforthilfe-adressen-nummern-der-krisendienste-t11782.html. Dort gibt es auch Angebote speziell für so junge Menschen wie Dich.

Ich finde es toll, dass Du nach Möglichkeiten suchst, um Deine Situation zu verbessern. Mich hat vor allem der Titel Deines Themas angesprochen, Du schreibst dort, dass Du einen "ermutigenden Redepartner" suchst. Da bin ich gerne dabei. Und Du schreibst, dass Du verstanden werden möchtest, Dir gegenseitiges Interesse und Hilfsbereitschaft erhoffst. Wie fühlst Du Dich denn wirklich? Suizidgedanken tauchen meist dann auf, wenn man keine Hoffnung mehr sieht, dass es sich noch ändern könnte und der Tod die erhoffte Erlösung darstellen könnte. Wie ist das bei Dir? Ich glaube, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, um aus der Depression auszusteigen und wenn Du magst erzähle ich Dir davon. Du wünschst Dir ja schließlich einen "ermutigenden Redepartner".

Wenn Du mir nicht antworten möchtest, weil das vielleicht nicht so passt für Dich, mach Dir keinen Kopf und ignoriere meinen Beitrag einfach. Das ist für mich völlig ok. Es ist nur ein Angebot. Du entscheidest, was Dir gut tut und mit wem Du Dich befassen und austauschen möchtest.

Liebe Grüße,
Julia

21.11.2018 12:41 • x 2 #4


Camilla-v

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Hey,

vielen Dank für deine Antwort, wirklich. Sie war sehr sehr lieb und ich würde gerne auf dein Angebot zurück kommen. Ich mache eine Verhaltenstherapie und meine Therapeutin sagte das es normal ist, dass es am Anfang schlimmer wird. Hm, ich weiß nicht genau. Ich fühle mich unendlich leer und sehe nichts für meine Zukunft. Alle sagen es wird besser, seit Jahren. Ich müsste nurnoch warten denn alles wird sich ins gute wenden.... Ich war ein sehr sehr lebensfroher Mensch, und ich bin es irgendwie immernoch. Mein größter Wunsch ist es einfach zu leben. Nicht mehr diese tägliche Folter und Last zu haben. Sich nicht immer allein zu fühlen obwohl du so viele hast die dich lieben. Freiheit. Von dem Biest was sich Depressionen nennt. Ich bin ständig müde und habe auf rein gar nichts lust. Nie. Wenn es eine Seele geben sollte würde meine immer und immer wieder sterben. IMMER und IMMER wieder. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Manchmal ist es so schlimm dass ich wortwörtlich lieber sterben würde. Ich weiß einfach nicht was ich tun soll. Ich würde auch natürlich gerne von deinen Erfahrungen hören, wenn du dich wohl genug fühlst sie zu erzählen. Danke nochmal für deine aufmerksame Antwort.

Camilla

22.11.2018 01:23 • #5


JuliaW

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Hey Camilla,

ich freue mich sehr über Deine Antwort und ich teile gern meine Erfahrungen mit Dir. Ich finde es interessant, dass Du schreibst: "Ich war ein sehr sehr lebensfroher Mensch, und ich bin es irgendwie immernoch." Das ist etwas, was ich ebenso kenne und woran ich mich festhalten konnte. Es war eben nicht alles nur grau und trostlos, sondern es gab einen Teil von mir, der da war, an den ich jedoch viel zu selten rankam. Ich habe es mir so vorgestellt, als ob meine Lebensfreude wie die Sonne ist, die von Wolken verdeckt wird. An einem bedeckten Himmel ist die Sonne nicht sichtbar, doch auch wenn ich sie nicht sehen kann, ist sie immer da. Ich bin durch eine lange Zeit gegangen, in der Freude und Liebe für mich nicht wahrnehmbar waren und dieser Gedanke, dass sie nicht wirklich weg waren, sondern einfach nur verdeckt von zu vielen "Wolken", hat mir geholfen, das durchzustehen und vor allem hat das den Forscher in mir geweckt, um Wege zu finden, diese Wolken aufzulösen (um im Bild zu bleiben). Ähnlich wie Du es schreibst, wusste ich, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die mich lieben, doch ich konnte das nicht fühlen. Das Wort Folter trifft es. Ich habe es manchmal meine "innere Hölle" genannt. Das war wie ein Gefängnis und es fühlte sich so gar nicht nach mir an, der Mensch, der ich doch eigentlich war. Ich habe inzwischen Wege gefunden, um vieles zu verändern und mich Stück für Stück da rauszuholen. Es ist ein Haufen Arbeit und auch oft sehr anstrengend, doch es ist für mich jeden Schritt wert. Ich habe sogar vieles hinzugewonnen, was ich vorher so nicht hatte: inneren Frieden, Gelassenheit, die Fähigkeit mit Konflikten umzugehen im Inneren und im Außen, die Fähigkeit über mich selbst lachen zu können sowie ein Gefühl der Verbundenheit, das unabhängig vom Außen ist. Woran ich derzeit noch arbeite ist meine Belastbarkeit im "normalen Alltag" und unter Druck. Ich hatte auch viele Angstsymptome und mein Körper reagiert noch zu oft mit alten Automatismen, doch auch da werde ich besser.

Jetzt fragst Du Dich vielleicht wie ich das geschafft habe? Ich glaube, das liegt mit daran, dass ich mich nie mit der Diagnose "Depression" identifizieren konnte. Stattdessen habe ich mich auf die Symptome konzentriert, mit denen ich mich konfrontiert sah und habe nach Lösungen gesucht, um deren Ursachen zu beheben. Insofern bin ich wohl eher "untypisch". Tatsächlich ist es noch gar nicht lange her, dass ich hier im Forum geschrieben habe, dass ich keine Erfahrung mit Depressionen habe. Ich habe bei mir vor allem mein völlig überaktiviertes Nervensystem wahrgenommen und viele Symptome, die eher der Angst zugeordnet werden. Erst seit ein paar Tagen realisiere ich, dass früher tatsächlich Denk- und Verhaltensmuster, die eine depressive Entwicklung begünstigen, mein Leben geprägt haben und ich das so gar nicht wahrgenommen und eingeordnet habe. Ich habe nur gemerkt, dass meine Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen immer eingeschränkter wurden und bevor es gar nicht mehr ging, habe ich mich komplett zurückgezogen und mich nur noch darauf konzentriert, etwas über die Zusammenhänge herauszufinden und mir mein Leben zurückzuholen. Meine Grundthese war immer: Es gab einen Weg da rein, also gibt es auch einen Weg wieder raus. Denn es war ja nicht immer so, früher war ich anders: lebensfroh, sehr viel mit anderen Menschen zusammen, höchst belastbar, hatte zu vielem Lust, habe gerne gelacht und noch vieles mehr, was mir abhandengekommen zu sein schien. Es war keine plötzliche Veränderung, sondern es war ein Prozess, eine Entwicklung. Und genau so eine Sichtweise habe ich vor ein paar Tagen in einem Buch über Depressionen gefunden. Das war das erste Mal, das ich tatsächlich ein Buch zu dem Thema gelesen habe und es hat mir komplett neue Blickwinkel eröffnet. Es ist so, als ob ich im Nachhinein eine Erklärung für meinen Weg bekomme - vor allem wie ich da reingeraten bin. Und es gibt mir die Möglichkeit, anderen davon zu erzählen. Deshalb: frag gerne.

Wie geht es Dir mit dem, was ich schreibe?

Ich möchte Dir Mut machen, dass es eine Zukunft geben kann. Wenn ich das kann, dann kannst Du es ebenfalls schaffen, Dich von "dem Biest, was sich Depression nennt" zu befreien. Und wenn Du magst, begleite ich Dich ein Stück.

Liebe Grüße,
Julia

22.11.2018 16:45 • x 2 #6


Camilla-v

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Hallo,

es tut mir leid, dass ich erst so spät antworte. Aber deine Erfahrungen und Beschreibungen (vorallem die Metapher mit der Sonne) haben mich sehr sehr fasziniert und beeindruckt. Ich finde es herausragend dass du wirklich aktiv nach einem Ausweg gesucht hast, dass du diese Hoffnung immer noch (auch wenn tief verborgen) hattest. Ich konnte mich mit vielen Beschreibungen äußerst gut, vielleicht viel zu gut identifizieren. Nur mit einem nicht. Das wäre die Motivation und Lust die du bei dem Suchen trotz dessen hattest. Ich leide schon mittlerweile 3 Jahre lang daran, seit der 7. Klasse, und egal was ich auch versucht habe, egal wie lange und tief ich in mir gesucht habe gab es nie einen (dauerhaften) Ausweg. Eine Sackgasse. Immer und Immer wieder wenn ich mir dachte Hey, das ist es! war es das nicht. Nie. Ich kann nicht behaupten dass ich noch die Energi dazu habe IRGENDWAS zu tun. Ich habe viel getan und versucht, ich weiß dass es einen Ausweg geben wird, nur die Frage wann dieser kommt ist erstickend. Ich kann nicht mehr warten, ich halte es nicht mehr aus. Ich verliere mich immer und immer mehr. Aber weißt du was ich sehr bewundere? Deinen Frieden den du gefunden hast. Die innere Ruhe. Ich rede oft in höhen Tönen von so etwas, denn genau das ist mein Lebensziel. Frieden. Frieden mit mir selber und der Welt. Ich persönlich nehme gerne die Metapher dass ich schwimme, in einem kalten, tiefen und sehr einsamen Ozean. Ich schwimme, und schwimme, und schwimme,... bis ich keine Energie mehr habe um zu schwimmen. Und dann tauche ich unter. Ich ertrinke immer und immer wieder sehr schmerz und qualvoll, aber ich sterbe nicht. Ich verliere jedes mal mehr von mir selber. Und dann an einem Punkt wo ich sehr sehr sehr kurz vor dem Sterben bin tauche ich wieder auf. Ich atme und schwimme wieder, aber mit weniger Energie und Motivation als zuvor. Manchmal gibt es äußere Einflüsse wie Wellen und Stürme die mir das Schwimmen noch schwerer machen. Ich habe einen sehr sehr guten Freund der mir immer sagt dass er eine Insel bauen wird. Sandkorn für Sandkorn. Bis dieser Berg von Steinen irgendwann über das Wasser schaut und eine Insel entsteht, wo ich nicht mehr schwimmen muss. Ich bin mir sicher ich werde sowas haben, nur wann? Wird es zu spät sein? Werde ich mich bis dahin komplett verlieren? Ich kann einfach nicht mehr warten und hoffen das etwas passiert. Ich muss was tun, aber alle Möglichkeiten habe ich ausprobiert. Alle. Außer Antidepressiva, und darüber rede ich morgen in meiner Sitzung. Danke für das Lesen! Und natürlich auch vielen vielen Dank für deineausführliche Antwort.
Camilla

25.11.2018 01:22 • #7


JuliaW

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Hallo Camilla,

ich freue mich von Dir zu hören - egal, wann Du antwortest. Mache das in Deinem Tempo, das ist wichtig. Ich bin da. Danke für Deine lieben Worte. Ich finde es mindestens genauso beeindruckend und faszinierend, wie Du schreibst, wie gut Du Dich auszudrücken vermagst und was für eindrückliche Metaphern Du verwendest.

Du hast mich mit der Metapher des Ozeans mit in Deine Welt genommen und ich konnte sehr genau Deinen Schmerz und Dein Leid wahrnehmen. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du in meinen Beiträgen etwas findest, was es Dir ermöglicht zu spüren: "Es wird nicht zu spät sein. Auch wenn ich jetzt kaum noch Kraft habe, ich kann das Schritt für Schritt ändern." Denn genau darum geht es. Ich kann Dir zehn Mal sagen, dass es möglich ist, doch Deine Erfahrungen sprechen eine andere Sprache. Immer wieder versuchen und am Ende doch wieder in einer Sackgasse landen, das kann einen ganz schön zermürben und die Energie rauben. Dem steht gegenüber, dass ich einen Weg gefunden habe und anscheinend auch schon andere - zumindest entnehme ich das dem Buch des Psychotherapeuten Josef Giger-Bütler, bei dem ich sehr viel wiederfinde. Die relevante Frage lautet also, woran Du glauben wirst bzw. wie Du es schaffst an etwas zu glauben, wovon Du bisher jedes Mal enttäuscht wurdest? Fakten haben gegen das eigene Erleben oftmals wenig Chancen, es sei denn, Du gibst ihnen diese Chance. Und wie oft hast Du das schon gemacht und bist enttäuscht worden?

Als "ermutigender Redepartner" sehe ich natürlich meine Aufgabe darin, Dich zu ermutigen, dass es möglich ist und dass Du das schaffen kannst. Genauso wie Dein Umfeld, über das Du neulich geschrieben hast:
Zitat von Camilla-v:
Alle sagen es wird besser, seit Jahren. Ich müsste nurnoch warten denn alles wird sich ins gute wenden....

Während sie mit besten Absichten und dem Wunsch Dich zu unterstützen sagen, dass Du nur zu warten brauchst, damit es sich ins Gute wendet, weiß ich, dass Warten nicht hilft, sondern dass es gilt aktiv etwas zu verändern. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Du es ins Gute wendest, denn dann hast Du es selbst in der Hand. Ich schreibe das, obwohl Du sehr eindrücklich beschreibst, dass kaum noch Kräfte da sind und Du nicht die Energie verspürst noch irgendwas zu tun. Das ist mir bewusst und das ist einer der wesentlichsten Punkte: Der Ausstieg wird nur in Deinem Tempo möglich sein und da gilt es sehr genau auf Dich zu schauen, in Dich reinzuhören und zu spüren, was in einem Moment möglich ist und ob Du bereit bist, einen nächsten Schritt zu machen. Ich habe gerade heute einen gemacht. Ich habe fast drei Jahre gebraucht, um diesen Schritt machen zu können und heute war es soweit. Wo vorher Zweifel waren, war heute Gewissheit, dass ich das kann. Und ich konnte es. (Und nein, das dauert nicht immer so lange, das war ein sehr tiefliegendes Thema bei mir, das ich nun auflösen konnte.)

Was sollte das nun sein, was so anders ist als all das, was Du vorher ausprobiert hast?
Es ist eine andere Sichtweise auf Depression und vorhandene Symptome. Es ist eine völlig andere Erzählweise der "Geschichte", sie bietet eine logische Erklärung und damit auch Handlungsmöglichkeiten, um sich zu befreien. Der Autor, den ich oben erwähnte, geht dabei davon aus, dass Depressionen eine bestimmte Entwicklungsgeschichte voraussetzen und aufgrund bestimmter Denk- und Verhaltensmustern in immer stärkere Müdigkeit und Erschöpfungszustände führen. Das lässt sich unterbrechen, wenn man beginnt, diese Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen und neue zu etablieren, die förderlicher für die eigene Gesundheit und Lebensqualität sind. Er beschreibt diese "depressiven Muster" wie er sie nennt, sehr genau, und sie haben viel mit dem Gefühl des "sich selbst Verlierens" zu tun. Die Muster sind darauf angelegt, in der Welt zu funktionieren. Und zu einem bestimmten Zeitpunkt haben sie diesen Zweck auch sehr gut erfüllt. Doch dabei ging es ums Überleben, nicht um "Leben". Es sind Muster, die so selbstverständlich sind, dass Du sie für Dich hältst. Genauso wie ich das getan habe. Es war so normal, wie könnte man anders sein? Inzwischen weiß ich, dass es möglich ist, anders zu sein, auf meine innere Stimme zu hören ohne egoistisch zu werden. Der Weg da raus ist der Weg zurück zu Dir und da wartet dann auch der innere Frieden. Auch wenn es unglaublich weit entfernt sein mag, dieses Lebensziel ist erreichbar. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen und bei dem, wie ich mich innerlich gefühlt habe, war das mit Sicherheit nicht selbstverständlich.

Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, dann frage gern oder schau Dir die Bücher von Josef Giger-Bütler an. Er hat mehrere geschrieben mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Es könnte vielleicht auch hilfreich sein, wenn Du Deiner Familie davon erzählst und sie sich ebenfalls mit dem Thema befassen. Je mehr Verständnis und Geduld Du von außen bekommen kannst, und zwar in Form von Dich Deinen Weg gehen lassen und Dich dabei unterstützen, desto einfacher wird es für Dich.

Du hast Antidepressiva erwähnt und dass Du morgen in der Sitzung darüber sprechen wirst. Medikamente sind keine Lösung, doch sie können die Möglichkeit eröffnen, dass Du mehr Kraft verspürst, um dann Lösungen zu finden und Wege zu gehen, für die Dir sonst vielleicht die Kraft fehlen würde. Solange man sich darüber im Klaren ist, können Medikamente hilfreich sein.

Ich habe heute eine Menge geschrieben und mich zwischendurch gefragt wie es mit Deinen Aufnahmekapazitäten ist. Ist das von der Menge her in Ordnung für Dich? Wenn es notwendig ist mit den Kräften hauszuhalten, dann kann schon ein Wort schnell mal zu viel sein.

Es ist nicht notwendig Lust und Motivation zu spüren, um diesen Weg zu gehen. Es geht um kleine Schritte, sehr kleine Schritte. Es geht um kleinste Veränderungen in Dir, die am Ende einen großen Unterschied machen, doch am Anfang ist es "Sandkorn für Sandkorn". Du kannst das schaffen.

Liebe Grüße,
Julia

25.11.2018 17:49 • x 3 #8


Camilla-v

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Hey,

ich möchte dir nur nochmal danken. Du antwortest immer so ausführlich und sehr detailliert. Ich liebe es zu lesen, also ist die Länge deiner Antworten irrelevant. Vorallem weil ich sehr fasziniert bin, ich habe noch nie mit einem Menschen gesprochen der wirklich erfolgreich und altiv da raus gekommen ist. Es ist sehr inspirierend so etwas zu sehen, aber ob es mir Mut gibt kann ich nicht sagen. Ich bin am Ende meiner Kräfte und alleine ohne die Hilfe von anderen Einflüssen werde ich es nicht schaffen. Ich weiß DAS ich es schaffen werde. Nur die wichtigere Sache ist: Wann? Wann werde ich erlöst sein? Wird die Hilfe zu spät kommen? Und natürlich auch: Wie? Ich habe alles (für mich mögliche und erdenkliche) probiert doch ich stehe nur Enttäuschungen gegenüber. Ich kann nicht einfach weiter sitzen und hoffen. Aber ich weiß wiederum auch nicht was ich machen kann. Ich habe vorallem ein sehr großes Problem mit Druck. Vorallem Schuldruck. Ich habe es eigentlich sehr gemocht zur Schule zugehen, aber seit einiger Zeit hasse ich es. Die kleinste Aufgabe ist für mich so unfassbar anstrengend. Und ich habe in der Zukunft sehr sehr sehr viele Examen. Ich weiß nicht wie ich sie schaffen soll. Ich möchte mich nur nochmal bedanken. Es würden nicht viele Menschen tun. Sich für einen Fremden Zeit nehmen und persönliche Dinge zu erzählen. Danke.

Camilla

25.11.2018 20:20 • x 3 #9


JuliaW

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Hey Camilla,

danke für Dein danke. Ich nehme mir die Zeit, weil ich das wichtig finde. Manchmal, wenn bei mir die Verzweiflung überhandnahm, dann habe ich mich damit motiviert, dass wenn ich schon so etwas erleben muss, dass ich dann so viel wie möglich darüber lerne und das später anderen erzähle, damit es für sie ein wenig leichter wird oder damit sie überhaupt daran glauben können, dass es einen Weg gibt. Ich bin zutiefst dankbar, dass mir das so möglich war, denn ich erkenne jetzt, dass ich vergleichsweise noch genug Energie hatte.

Deine Fragen sind berechtigt. Du spürst wahrscheinlich sehr genau Deinen Energielevel und ich glaube, dass es wichtig ist, das realistisch einzuschätzen und sich selbst nicht zu überfordern. Ich könnte mir vorstellen, dass genau das gerade in Sachen Schule ein Thema ist. Wenn schon die kleinsten Aufgaben unfassbar anstrengend sind, dann sind die Gedanken an zukünftige Examen fast unerträglich. Und Du schreibst es ja: "Ich weiß nicht wie ich das schaffen soll." Wenn die Kraft fehlt, würde jeder Druck verspüren und es ist wenig verwunderlich, dass Du nicht mehr gerne zur Schule gehst. Was machst Du mit dieser Erkenntnis? Hast Du das schon mal in der Therapie angesprochen? Was würde Dir wirklich helfen? Du bist wichtig.

Ich habe oben geschrieben, dass ich noch genug Energie hatte und ich habe neulich überlegt, ob sich das auf ein Schlüsselerlebnis 2003 zurückführen lässt, durch das ich anfangen habe, mir Mitgefühl entgegenzubringen (hier hatte ich dazu mal was geschrieben: Depressionen lähmen mich oder bin ich doch faul?, Beitrag # 16). Ich war schon immer sehr gut darin, mich in andere reinzufühlen, sie zu unterstützen, dabei jedoch zu oft über meine vorhandenen Kräfte hinauszugehen und das für normal zu halten. Ich konnte das immer kompensieren - jedenfalls zu dem Zeitpunkt noch. Auch mir selbst gegenüber war ich ziemlich unerbittlich: Meine Leistung war wichtiger als ich. Ich konnte auf dem Weg halb verrecken, doch irgendein Gefallen, dem ich jemand anderen versprochen hatte, musste vollbracht werden, dasselbe galt für Aufgaben im Job. Da war sowieso sehr viel "Müssen" in meinem Leben. Durch das Selbst-Mitgefühl habe ich begonnen, das alles das erste Mal zu hinterfragen. Ich habe viele Jahre gebraucht, um an den Punkt zu kommen, an dem ich mir selbst eine gute Freundin war.

Das erste Mal, dass mein Wille nicht mehr funktioniert hat, war Anfang 2005. Da wusste ich, dass ich nicht zur Arbeit gehen würde. Es war ein absolutes Wissen. Etwas, was sich nicht in Frage stellen ließ. Mein Wille, der immer funktioniert und mich bis dahin recht erfolgreich durchs Leben gebracht hatte, war machtlos und ich fühlte mich extrem ohnmächtig und ausgeliefert und hatte keine Ahnung, was da passierte. Allerdings hatte ich schon etwa eineinhalb Jahre mit Selbst-Mitgefühl hinter mir und ich glaube, dass es mir deshalb leichter gefallen ist, mir einzugestehen, dass ich Hilfe brauchte. Ich hätte nach 2-3 Wochen wahrscheinlich wieder zur Arbeit gehen können, doch ich spürte, dass etwas grundlegend nicht in Ordnung war. Diese erste Runde in einer Tagesklinik mit Verhaltenstherapie und einer anschließenden Gesprächstherapie hat zwar meine Energiespeicher wieder aufgefüllt, doch wie ich heute weiß, habe ich dadurch nicht die Überforderungsmuster beendet, die mein Leben bestimmten - und sie liefen weiter. Ich hatte zwar an einigen Stellen etwas verändert, doch an entscheidenden eben nicht und das war mir nicht mal bewusst. Es ging einige Zeit besser bis die Erschöpfung zunahm, ich wurde so schnell müde und habe jede Gelegenheit genutzt, um zu schlafen und meine Energiespeicher aufzufüllen. Ich, die ich sonst über alle Maßen hinaus den eigenen Körper fordern konnte, konnte immer weniger. Irgendwann wurde mir klar, dass ich schon morgens aufwachte und so müde war, dass ich am liebsten wieder ins Bett gegangen wäre. Irgendwie fehlte die Erholung. Auch da übernahm das Mitgefühl für mich selbst: Ich sagte reihenweise Einladungen ab oder gar nicht erst zu, um mich nicht zu sehr zu überfordern. Denn das war mir klar, es war eine Überforderung. Allerdings war es seltsam, denn es waren Dinge, die ich vorher so selbstverständlich einfach hinbekommen hatte und sie fielen mir unglaublich schwer. Ich glaube, wenn ich an dem Punkt einfach normal weitergemacht hätte wie früher, die gleichen Leistungen von mir gefordert hätte, gedacht hätte, dass eine Auszeit meinem Lebenslauf schadet oder ich Probleme haben würde, einen neuen Job zu finden, dann hätten die Überforderungsmuster ihr unerbittliches Werk weiterhin verrichten können und ich wäre vielleicht in einer ähnlichen Energielosigkeit gelandet wie ich es jetzt von Dir lese. So hatte ich noch genug Energie, um einen Weg da raus zu finden.

Ich weiß, dass Dir die Kraft fehlt und Du wenig Energie hast und dass Du viele Enttäuschungen erlebt hast. Du hast probiert und keine nachhaltigen Erfolge erzielt. Hast Du schon mal etwas von depressiven Überforderungsmustern gehört und Dich damit befasst? Wenn nicht, könnte das eine Antwort auf Deine Frage "Wie?" sein.

Diese Überforderungsmuster haben sehr viel damit zu tun, wie man mit sich selbst umgeht und was man im Leben Priorität einräumt. Natürlich ist ein guter Schulabschluss wichtig, doch Du bist wichtiger. Das fatale ist, dass diese Muster das Denken und Handeln bestimmen. Jedes Mal, wenn wieder genug Kraft da ist, lebt man die Muster weiter - solange bis man sie unterbricht. Dabei geht es vor allem darum, für sich zu sorgen und sorgfältig mit sich umzugehen. Wenn Du möchtest, erzähle ich Dir mehr darüber.

Liebe Grüße,
Julia

26.11.2018 23:42 • x 3 #10


Camilla-v

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Guten Morgen,

ich war bei meiner Therapeutin. Ich musste die Nachrichten ein paar Tage lang verarbeiten. Ich werde in eine Tagesklinik kommen und Antidepressiva bekommen. Wenn es schlimmer wird vollstationär. Und gerade wird es schlimmer, von Tag zu Tag unerträglicher. Ich kann nicht mehr. Ich bin auch diese Woche zu Hause geblieben. Es kommt mir so vor als würde mich die Depression erpressen. Je mehr Hilfe du dir holst, desto schlimmer werde ich es machen lassen.. Ich will nicht mehr so leben/existieren. Ich. Sterbe. Ich. Kann. Nicht. Mehr. Ich will auch nicht mehr.

Vor 7 Stunden • #11


JuliaW

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Hallo Camilla,

Deine message ist angekommen...

Ich glaube an Dich. Du bist ein wundervoller Mensch und wenn ich Dir auf der Straße begegnen würde, würde ich Dich ansehen und mich daran erfreuen, dass es Dich gibt. Du bist eine Bereicherung.

Ich wünsche Dir so sehr von Herzen, dass Du tief in Dir die Kraft findest, die wirklich in Dir steckt. Manchmal sind es die schwärzesten Stunden, die diese Verbindung ermöglichen. Anders als Du es mal geschrieben hast, glaube ich nicht, dass die Seele leiden kann. Für mich ist die Seele rein und von menschlichen Gefühlen und Taten unberührbar. Sie ist wunderschön und jeder von uns hat so eine Seele in sich. Ich wünsche Dir nichts mehr, als dass Du diese Verbindung finden mögest und daraus neue Kraft schöpfen kannst.

Ich sende Dir Liebe und Kraft
Julia

Vor 3 Stunden • x 1 #12




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