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Ständig fühlbare Angst und Hoffnung als Nährboden?

Spica

Spica

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Hallo zusammen,

ich habe den ganzen Vormittag über meine Angst nachgedacht. Über meine Angst? Oder über meine Ängste? Da geht's schon los, ich kann das nicht mal genau definieren.

Vielleicht kann ich es so beschreiben: Es gibt eine immerwährende, ständig fühlbare, nie nachlassende Grundangst. Diese hat sich in meinem Bauch und in meinem Kopf eingenistet und verändert sich kaum. Sie wird genährt von vielen einzelnen, sehr spezifischen Ängsten, deren Intensität wechseln kann. Manche dieser Ängste können regelrechte Peaks erzeugen. Entfällt eine der Ängste, weil ihr die Realität den Nährboden entzieht, wird ihr Platz augenblicklich von einer anderen Angst eingenommen.

Und nun zur Hoffnung: Ich habe beobachtet- und darüber bin ich sehr traurig -, dass ich meine Angst dämpfen bzw. Abstand zu ihr gewinnen kann, wenn ich mir jede Hoffnung versage. Wenn ich mir ein nahes Ende greifbar vor Augen halte. Wenn dieses Ende die einzig mögliche Lösung zu sein scheint.

Entsteht wieder Hoffnung, nährt sie augenblicklich auch die Angst. Hoffnung heißt, das Ende rückt in weitere Ferne, und die Angst besteht darin, auf diesem Weg erneut zu verlieren.

Es ist sehr schwer, das so auszudrücken, wie ich es wirklich fühle. Und während ich mir das Geschriebene durchlese, klingt es für mich irgendwie völlig normal.

Gruß
Spica

13.09.2020 11:32 • x 4 #1


mutausbruch

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das ist sehr gut geschrieben, ich kann das sehr gut nachempfinden.
habe leider keine aufmunternden worte, aber vielleicht einfach das gefühl, dass du nicht allein so fühlst..
und hier vielleicht ein passendes zitat:
"Angst hat immer mit etwas zu tun, das passieren könnte, nicht mit etwas, das gerade geschieht. Du bist im Hier und Jetzt, während dein Verstand in der Zukunft ist. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich mit Angst und Sorge füllt."

14.09.2020 17:04 • x 2 #2


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Jedi

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Hallo @Spica !

Zitat von Spica:
Es ist sehr schwer, das so auszudrücken, wie ich es wirklich fühle.

Da gebe ich Dir recht u. die wirklich passenden Worten, für das was Du fühlst zu finden, ist eher unmöglich.
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Zitat von Spica:
Und nun zur Hoffnung: Ich habe beobachtet- und darüber bin ich sehr traurig -, dass ich meine Angst dämpfen bzw. Abstand zu ihr gewinnen kann, wenn ich mir jede Hoffnung versage.

Für mich klingt das eher danach, die Angst verdrängen zu wollen, bzw. die Ängste nicht zuzulasen od. nicht wahrzunehmen
zu wollen !
Die Angst will aber wahrgenommen u. gefühlt werden - möglichst dem Vermeiden nicht nachzugeben,
sondern sich der Angst stellen u. durch sie hindurchzugehen ! - am besten mit einer professioneller Begleitung !
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Zitat von Spica:
ich mir jede Hoffnung versage.
- Wenn ich [b]mir ein nahes Ende greifbar vor Augen halte
. [/b]

Darin würde ich die Vermeidung identifizieren !

- Wenn dieses Ende die einzig mögliche Lösung zu sein scheint.

Vermeidung lässt auch keine andere Lösung zu - aber sich der Angst zu stellen, kann einen Perspektivwechsel
möglich machen - am besten eben mit einer entsprechenden therapeutischen Unterstützung.

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Zitat von Spica:
Entsteht wieder Hoffnung, nährt sie augenblicklich auch die Angst

Wirst Du Dir einer Möglichkeit bewusst, bist Du Dir deinen Angst/ Ängsten bewusst u. so melden sich dann die
Angstsymptome wieder bei Dir.
- Vorstellungen - deren Beurteilung u. Bewertung, ruft die Angst auf den Plan u. die Steigerung wäre die Panikattacke !

Ich denke, dass da ein Zwiespalt in Deinen Gedanken aufkommt, irgendwie doch noch Hoffnung haben zu wollen,
aber sich diese auch dann zu verwähren, um die Gefühle, die die Angst erzeugt nicht fühlen - nicht annehmen zu müssen.
Und so ist die vermeintlich einfache Lösung , eben doch nicht so einfach !
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Zitat von Spica:
Hoffnung heißt, das Ende rückt in weitere Ferne,

Da stellt sich für mich die Frage, "ob Du das dann schlecht aushalten kannst" ? - eine einfache Lösung,
ist eben nicht immer eine gute u. einfache Lösung !
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Zitat von Spica:
eine immerwährende, ständig fühlbare, nie nachlassende Grundangst.


Ich weiß nun nicht, ob Du schoneinmal in Therapie warst, aber wenn noch nicht, dann würde ich Dir gerne Mut machen
wollen, dies zu tun, um der Grundangst bewusst zu werden u. damit zu arbeiten - zu erkennen,
woher u. wann könnte sie entstanden sein u. welche Möglichkeiten könnte Du erlernen,
mit der Angst/ Ängsten um gehen zu können !

Sind jetzt so meine persönlichen Gedanken (so wie ich den Inhalt Deines Beitrags verstanden habe)
u. Erfahrungen, die ich Dir jetzt einmal hierlasse !

14.09.2020 17:13 • x 1 #3


ohneFunktion

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Zitat von mutausbruch:
"Angst hat immer mit etwas zu tun, das passieren könnte, nicht mit etwas, das gerade geschieht. Du bist im Hier und Jetzt, während dein Verstand in der Zukunft ist. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich mit Angst und Sorge füllt."



Wow, danke, das ist ja Wahnsinn!
Das muss man sich mal bewusst machen.

14.09.2020 20:39 • x 1 #4


Spica

Spica

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Ich danke für Eure Worte. Gern würde ich ausführlich antworten, aber ich bin durch meine psychosomatische Reha derartig geschafft, dass ich kaum tippen kann. Zum Glück geht's mir etwas besser als noch am Wochenende, erste Erkenntnisse stellen sich ein. Und die decken sich mit den Aussagen von Jedi.

Kurz zu diesem Zitat:
"Angst hat immer mit etwas zu tun, das passieren könnte, nicht mit etwas, das gerade geschieht. Du bist im Hier und Jetzt, während dein Verstand in der Zukunft ist. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich mit Angst und Sorge füllt."

Ja, das trifft für mich zu. Die Natur hat Angst allerdings für andere Zwecke vorgesehen, und zwar eigentlich für welche, die augenblicklich geschehen. Da gibt's den berühmten Säbelzahntiger, dem unsere Vorfahren begegnet sind ...

Eigentlich ist Angst etwas sehr Vernünftiges, wenn unser Gehirn sie nach dem Plan der Natur einsetzt. Was bei mir passiert, haben wir Menschen uns geschaffen.

Denke ich über den obigen Säbelzahntiger nach, muss ich lachen. Ich habe dieses Beispiel schon mindestens zweimal aus dem Mund von Therapeuten gehört, und ich antworte gern: "Einer der Fälle, in denen Angst zwar richtig, aber ziemlich nutzlos ist. Weglaufen ist nicht, Kampf kann man versuchen, wird man aber nicht gewinnen. Feuer hat man keins dabei, Gewehre sind noch nicht erfunden. Man kann nur hoffen, dass der Tiger pappsatt und schläfrig ist."

Gruß
Spica

15.09.2020 17:35 • x 2 #5


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Jedi

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Hi @Spica !

Natürlich zeigt uns die Geschichte des Säbelzahntiger, dass die Angst eine sinnvolle u.
notwendige Einrichtung für uns Menschen ist.
Nur heute begegnen uns keine Säbelzahntiger in unserem Leben nicht mehr, aber was uns in den Sinn kommt,
dass sind selbsterschaffene Vorstellungen von einer Situation, die wir beurteilen versuchen u. bewerten.
So kann eine einfache Vorstellung etwas erscheinen lassen, so dass obwohl diese Situation kaum eine Gefahr in sich birgt,
plötzlich uns beängstigt u. Stress auslöst.
Sobald wir dann unsere Gedanken u. unsere Stresssymptome beurteilen u. bewerten,
wird unser Körper dadurch in Alarmbereitschaft versetzt u. die Angst baut sich auf,
obwohl objektiv es keine reale Gefahr besteht.
Wenn wir es dann nicht schaffen, unsere Angst zu regulieren, kommt es zu den körperlichen Symptome ,
die können sein-"Schwindel -schwitzen - kältegefühl der Extremitäten - Atemnot - innere Unruhe - zittern -
Mundtrockenheit - Sehstörungen, Konzentrationsverlust, uvm. !
So kann sich die Angst steigern u. dann kann soweit gehen, bis zu einer Panikattacke.
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So wird in der Therapie versucht Stress zu regulieren, um wieder der Chef in unserem Kopf zu werden,
da, wo wir durch unser Denken, die Angst erst kreieren !
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Bei anderen Ängsten, zbspl. der Angst vor Höhe - vor Spinnen oder Fahrstühle, uvm.,
wo meist auch durch eine anerzogene Vorstellung, wir heftig reagieren, Stress erzeugt wird,
gilt die Konfrontation - sich der Angst zu stellen, anzunehmen u. zu akzeptieren u. durch die Angst hindurch zu gehen.
Wir lernen, dass Vermeiden, so uns die Angst noch sehr lange gefangen halten wird !

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, eine Angsttherapie kann uns von unseren Ängsten befreien, bzw. können wir lernen,
mit Stress u. Angstsymptomen einen Umgang zu finden.

15.09.2020 18:38 • #6


bake37

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Hallo, Spica und Ihr alle, die Ihr unter Angst leidet.
Ich versuche, mich hineinzufühlen in Euere Ängste, wie Ihr tickt, was Ihr empfindet, wie Ihr fühlt. Das ist nicht einfach. Ich würde Euch so gerne helfen. Ich bin ein Mensch ohne Angst, ich kenne keine Angst, ich wüßte nicht, wovor ich mich fürchten müßte.Weder Unfall, Krankheit, Gewalt,Verlust,Tod, Gespenster... Eine winzige Dosis Angst ist vorhanden als notwendiges Warnsignal.
Naja, dafür habe ich mit Depression zu kämpfen, chronisch und austherapiert. Doch das steht auf einem anderen Blatt.
Ich wünsch' Euch, eines Tages Auswege zu finden aus Euerem Leid
Liebe Grüße
bake37

19.09.2020 12:13 • #7

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