Hast du (eventuell auch mal mit deiner Therapeutin) hinterfragt, welche Motive hinter diesem Verhalten stehen? Denn die meisten Verhaltensweisen, mit denen unsere Psyche uns "ärgern" will haben ja einen Ursprung und häufig auch eine Schutzfunktion - die unter Umständen aus dem Ruder gelaufen ist. Ich selber kenne ein ähnliches Verhalten bei mir in zwei Ausprägungen.
Zum einen war ich eine Zeit lang Meisterin des Sarkasmus. Immer einen Spruch zur Hand - vor allem gegenüber mir selber. Irgendwann hat mein Thera mich darauf aufmerksam gemacht. Mit seiner Hilfe konnte ich für mich aufdröseln, dass ich das mache um mich zu schützen. Denn wenn ich mich selber negativ bewerte (auch unter dem lustigen Deckmantel des Sarkasmus) kann mir niemand damit zuvor. Da kann mich niemand mehr verletzen. Da habe ich auch bemerkt, das ich für diesen Schutz einen hohen Preis zahle: denn wie soll mich noch jemand verletzen, wenn ich mich selber am meisten verletze und abwerte? Und ein ähnliches Verhalten zeige ich auch in anderen Zusammenhängen. Ich suche das Haar in der Suppe, der Punkt an dem irgendetwas positives (Freundschaften, schöne Erlebnisse, berufliche Erfolge) scheitern könnte. Ich bin nicht gut genug, mein gegenüber tut nur so, als sei er nett will mich aber nur ausnutzen. All diese Argumente kennst du wahrscheinlich zur Genüge, oder? Doch das alles hat bei mir die Tendenz zur "selbsterfüllenden Prophezeiung". Denn wenn ich selber an mir zweifel kann ich mein gegenüber schwer überzeugen. Wenn ich davon ausgehe, dass eine Freundschaft nicht auf gegenseitigem Gefallen und Respekt aufbaut werde ich meinem Gegenüber nicht offen begegnen - und die meisten Menschen registrieren diese unterbewussten Zweifel und wenden sich ab. Wieder wollte ich mich selbst vor einer Enttäuschung schützen und habe sie dadurch selbst herauf beschworen.
Der andere Punkt spielt sich auf einer eher körperlichen Ebene ab - auch wenn ich es mir nur noch selten passiert. Wenn es mir schlecht ging neigte ich zum hungern. Ich habe mir meinem Körper etwas ganz grundsätzliches verweigert - nämlich ein ausreichendes Maß an Nahrung. Und wenn mir vor Hunger schlecht wurde war das genau das, was ich erreichen wollte. Wenn es mir psychisch schlecht geht, dann sollte ich es gefälligst auch körperlich spüren - eine gedankliche Glanzleistung

Und mit diesem Hintergrund bewerte ich das Hungern bei mir auch als selbstverletzendes Verhalten. Das ich ein ausgeprägtes Problem mit meinem eigenen Körper habe und oft genug am Rande einer Essstörung stand und wahrscheinlich auch stehen werden hat dieses Verhalten wohl noch unterstützt. Als ich heute überlegt habe was ich dir antowrten soll bin ich allerdings irgendwann auch auf den Gedanken gekommen, dass ich den Spieß hätte umdrehen können. Statt mein körperliches Empfinden krampfhaft meiner miesen psychischen Verfassung anzupassen hätte ich auch versuchen können, bewusst körperliches Wohlbefinden herzustellen in der Hoffnung, dass die Anpassung auch andersrum funktioniert. Aber damit will ich jetzt nicht dein Thema vollspammen
Welcher Schutzmechanismus könnte bei dir dahinter stecken? Damit ist diese Verhaltensweise zwar noch nicht weg, aber mir hilft dieses Verstehen häufig, für mich selber einen Umgang damit zu entwickeln.
Liebe Grüße
Sarah
