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Partner stark verändert, Sorge um Zukunft

Hi,

da ich selbst Niemanden habe um offen über sowas zu sprechen, dachte ich mir ist so ein Forum eine gute Möglichkeit.

Meine Frau leidet seit ca. vier Jahren unter Depressionen und ist auch seit dem, mehr oder weniger stark in Behandlung. Das sie sich zwischenzeitlich stark zurückgezogen hatte war für mich kein Problem, ebenso versuche ich sie in allen Belangen zu unterstützen. Jetzt muss ich aber sagen, dass ich trotz Akzeptanz für die Krankheit, immer wieder Gedanken/Gefühle habe, welche selbst für mich nicht zu verstehen sind, lässt sich auch irgendwie schwer ausdrücken, da ich keinem der hier Betroffenen vor den Kopf stoßen möchte.

Jedenfalls können sich unsere Kinder sicher sein, bei der kleinen Unachtsamkeit direkt angeschrien zu werden und sei es nur ein umgekipptes Glas. Ebenso wie ich mir, wenn ich von der Arbeit komme, anhören kann, dass sie keine Kraft mehr hat, da sie schon die ganze Zeit die Kinder hat (obwohl meine Mutter bis vor 30min noch bei ihr war um die Kinder zu beschäftigen, bzw. sie zu entlasten). Natürlich kommen auch immer die Aussagen, ich würde garnichts machen und Alles würde an ihr hängen bleiben, egal wieviel ich nach Feierabend oder am Wochenende noch versuche zu helfen. Dazu halt die normalen Ausbrüche, die sie dann mit einem "sorry, mir gehts grad nicht gut" per WA begründet.
Es ist auch dieses Jahr schon zweimal vor gekommen, dass auch ich die Geduld verloren habe, ihr gegenüber lauter geworden bin und gesagt habe, dass für mich die Situation auch belastend ist. Zusammenfassen lässt sich ihre Reaktion auf ein "Ich bin krank, du nimmst mich nicht ernst, die Irre ist also an Allem schuld usw".
Letztes Jahr war sie auf Reha, zusammen mit den Kindern (hatte ihr zwar angeboten, dass ich es mit der Arbeit schon irgendwie geregelt bekomme, wenn sie allein fahren möchte). Ich glaube sie konnte dort auch nur die Zeit ohne die Kinder genießen, da diese ja Abends dann auch ihre Aufmerksamkeit gefordert haben. Grundsätzlich war sie dort aber vermutlich zufrieden und konnte sich austauschen. Als die Zeit vorbei war (sie hatte noch verlängert) war aber keine Besserung zu bemerken.
Als nächstes ging es in die Tagesklinik, durchgängige Beschäftigung, keine Kinder, Menschen die sie verstehen, Alles super. Zuhause bei uns immer direkt auf 180.
Naja, jetzt ist auch die Tagesklinik vorbei, wurde schon verlängert. Aus ihrem eigentlichen Plan jetzt bald wieder zu Arbeiten wird wohl nichts. Ok, wenn sie sich noch nicht soweit fühlt bin ich der Letzte der dazu was anderes sagt. An ihrer Laune hat sich jedoch nichts geändert, außer sie schreibt/telefoniert mit den Leuten aus der Klinik. Der Blick aufs Handy folgt alle 5min, sie könnte ja was verpassen. Statt am letzten Abend der Klinik mit mir essen zu gehen, wollte sie dies lieber mit anderen aus der Klinik. Stell ich mich natürlich nicht gegen, Alles was ihr hilft.
Sie trifft sich auch diese Woche noch mit denen, dann besprechen sie, wann sie für ein Wochenende wegfahren. Alles was ihr hilft.
Nächstes Wochenende gehen die wohl auch wieder essen, aber ich komm mit den Kindern klar. Alles was ihr hilft.
Abends sitze ich jetzt jedoch lieber vor meinem PC, auch wenn meine Frau sich immer beschwert, wir würden die Abende nicht mehr miteinander verbringen. Aber ganz ehrlich, ich kann mir viele schönere Sachen vorstellen, als auf dem Sofa zu sitzen und einen Film zu schauen, der mich nicht interessiert, nur weil sie dies gern als Hintergrundgeräusch hätte, wärend sie die ganze Zeit vor dem Handy sitzt.

Ich kann es ihr schlecht sagen und vermutlich kommt es auch hier im Forum nicht gut an, aber ich komme mit dem Ganzen nicht wirklich klar. Ich weiß, sie ist krank, trotzdem erwische ich mich immer mal bei dem Gedanken, dass sie sich damit ganz wohl fühlt. Alles was mit der Krankheit zu tun hat, die Reha, die TK, das Miteinander mit anderen Betroffenen macht ihr Spaß. Die Zeit mit der Familie ist nach 30min nurnoch Überforderung und macht schlechte Laune.
Für mich bahnt sich hier ein "Ich habe was verpasst im Leben" an, welches die Familie zerreißen würde. Das sie sich immer mehr in das Gefühl reinsteigert, dass das "Althergebrachte" wie Mann und Kinder keine Erfüllung bringt, dass sie nicht wieder arbeiten möchte, sondern Versäumnisse nachholen will. Laut Therapie gab es wohl schon frühkindliche Ursachen, welche sich auch auf die Jugend usw ausgewirkt haben, warum also nicht irgendwann doch nochmal "leben"?
Persönlich bin ich selbst total gestresst, zum einen wegen der Arbeit zum anderen wegen der Familie. Ständig bin ich nervös, mache mir Sorgen wie es den Kindern geht, wie es meiner Frau den Tag über ging und ob die Kinder wieder ungerecht angeschimpft wurden. Ich selbst fange auch schon an bei Kleinigkeiten hochzugehen, dabei war ich laut meiner Frau immer der "Ruhige". Das bin ich schon lang nicht mehr, doch die Fassade hält auch nicht immer.
Meine Frau hatte früher schonmal eine Paarberatung vorgeschlagen, doch ganz ehrlich: Wenn ich ihr ansatzweise das sage, was ich denke, auch wenn das Gespräch betreut ist, dann kann ich die Beziehung direkt vergessen. Mir ist meine Familie wichtig und vielleicht kann mir hier irgendjemand schonmal die grobe Angst nehmen. Ich habe sogar schon geschaut was bei einer Trennung auf mich zukommen würde, nicht dass ich das machen würde, traue ihr diesen Schritt aber zu, um sich zu "befreien".

Ich hoffe ihr versteht was ich meine und könnt mir Hinweise/Tipps geben, wie ich mit der Situation umgehen kann. Vielleicht auch einfach um mir zu helfen sie besser zu verstehen, oder vielleicht gibt es auch einen Rat, wie ich ihre gute Laune, welche sie in der Gruppe hat, auch auf ihre Familie zu übertragen.

Schonmal vielen Dank,
Bernd

26.06.2019 12:54 • x 1 #1


maya60
Hallo Bernd! Herzlich Willkommen im Forum und ich hoffe, du findest hier ganz viel Austausch und Unterstützung, denn Ehekrisen aus den von dir genannten Problemen haben viele von uns erlebt, entweder als Kranke oder als deren PartnerInnen.

Vier Jahre sind eine lange Zeit und wenn deine Frau hoch gereizt auf eure Kinder und dich reagiert, dann ist das zu belastend und unverständlich besonders für die Kinder, aber deine Nerven werden ja auch schon dünn, wie du bemerkst und du verlierst sie auch schon immer häufiger, also verändert die Depression deiner Frau die ganze Familie und während du das noch bis zu einem gewissen Grad reflektieren kannst, können Kinder das nicht und es besteht die Gefahr, dass sie dadurch auch psychische Schädigungen erleiden.

Aber auch all deine Emotionen, die sich aufstauen, müssen irgendwohin und sie sind weder unverständlich noch etwas, wofür du dich schämen musst. Darum würde ich dir raten, dass du als erstes mal zu einer Familienberatung in der Nähe gehst und dir da Rat holst. Die werden dir dann auch weitere Anlaufstellen nennen für dich und für eure Kinder und für eine Paartherapie, die bestimmt auch gut wäre, auch wenn sich da bei dir viel aufgestaut hat.

Ich selber bin mit depressiver Mutter und depressivem Großvater und Onkel aufgewachsen, die auch sehr reizbar waren und ihre Depression als Maßstab für die ganze Familie behandelten. So ging es nicht.

Ich bin selber auch depressiv und kann meinem Mann und Sohn kein gesundes Gegenüber mehr sein, wir Eheleute haben auch Krise und Fehler und Zumutungen auf beiden Seiten hinter uns, ich habe ständige therapeutische und psychologische Begleitung, um so wenig wie möglich bei uns allen 3 zu sehr zu belasten und aus meinen eigenen Erfahrungen mit meiner Mutter habe ich gelernt, dass ich zwar meine Krankheit nicht wegwischen kann, leider, dass ich daher leider auch gewisse Rücksichten brauche, dass meine Krankheit aber nie und nimmer ein Freifahrtsschein für Psychoterror ist und dafür, dass ich beim kleinsten bisschen austicke. Ich nehme auch Rücksicht und möchte nicht, dass meine Familie durch mich auch noch krank wird.

Wenn deine Frau schon zur Reha war und in einer Tagesklinik, dann kannst du davon ausgehen, dass ihr Verhalten keines aus Bequemlichkeit ist. Dass sie nur mit anderen Betroffenen lachen und fröhlich sein kann, ist wahrscheinlich das einzige wenige, was noch aus Gleichbetroffenheit gelingt. Die übrige Zeit kannst du davon ausgehen, dass sie diese Gereiztheit und Depressivität euch gegenüber noch in viel stärkerer Ausprägung andauernd gegen sich selber wendet und in sich selber spürt.

Dass all diese Anwendungen nicht halfen, ist tragisch für euch alle und du kannst eben die Depression deiner Frau als Partner nicht verbessern.

Trotzdem gilt aber auch für Depressive, dass alle Unzufriedenheit nur selber mithilfe von Fachleuten geändert werden kann, nicht anderen vorgeworfen werden kann.
Niemand hat sich diese schwere Krankheit ausgesucht, weder deine Frau, noch du, noch eure Kinder. Jeder muss Rücksicht nehmen, jeder muss sich mit therapeutischen Fachleuten aussprechen, allein und auch mit der Familie. Sowas schafft man nicht alleine.

Liebe Grüße! maya

26.06.2019 13:38 • x 3 #2


Rowi
Lieber Bernd,
wenn ich deinen Text lese dann lese ich sehr oft "alles was ihr hilft".
Was hilft denn dir? Immerhin schreibst du das du an dir selbst auch schon bemerkst das deine Geduld immer weniger wird.
Es ist toll das du so zu deiner Frau stehst, aber wo bist du? Hast du Zeit für dich mit deinen Freunden, damit du dich erholen kannst?

Ich selbst bekomme von meinem Partner auch mal Grenzen gezeigt. Ich bin zwar krank, aber das ist keine Legitimierung für alles. Ich finde das wichtig.
Außerdem war es bei mir auch immer so das ich meinem Partner seine Freizeit nie madig gemacht habe. Wenn ich meine Zeit zum regenerieren brauche, dann ist es nur fair das ich meinem Partner das auch zugestehe. DIese Abmachung haben wir aber schon vor meiner Krankheit getroffen gehabt und dann einfach nur beibehalten.

Ich finde es ganz wichtig das du JETZT schaust was du brauchst um nicht selbst einen Weg einzuschlagen den du nicht gehen willst und auch um deine Kinder zu schützen. Denn ständiger Streit und rumschreien ist nicht gut und macht mehr kaputt als vermutet wird.
Ich würde mich auch mit ihrem behandelnden Arzt in Verbindung setzen und mal die Situation aus deiner Sicht schildern, natürlich mit vorheriger Absprache mit deiner Frau. Vielleicht ist sie schon so sehr in ihrem negativen Denken gefangen das sie es auch gar nicht mehr richtig wahrnimmt wie sehr sie dich und ihre Kinder verletzt.
Vielleicht hilft es dir auch dich mal mit Wertschätzender bzw. Gewaltfreier Kommunikation auseinander zu setzen.

Das sind jetzt so die ersten Gedanken die mir zu deinem Text so kamen und vielleicht ist etwas für dich dabei. Ich wiederhole mich trotzdem nochmal das du für dich verantwortlich bist und dafür das es dir selbst mit dieser Situation auch gut geht und wenn das nicht so ist du schauen musst wie es dir gut gehen kann und deinen Kindern, denn die können das noch nicht alleine.

LG
Rowi

26.06.2019 13:44 • x 2 #3


maya60
Ich möchte Rowis Gedanken nochmal bekräftigen! Ihr seid nicht alle in der Familie depressiv und ich ziehe mich z.B. viel zurück, um nicht gereizt zu sein und wenn mir der gesunde "Lärm" meiner Männer zuviel ist.
Für unseren Sohn habe ich immer alles mit meinem Mann besprochen, schon von Anfang an, weil ich nicht wollte, dass unser Sohn wegen meiner Altlasten aus meiner Kindheit von mir überbehütet wird und mir darum von meinem Mann die Info holte, was ich unserem Sohn durchaus zutrauen kann und sollte.
Ich habe immer drauf geachtet, dass ich keine emotionalen Überreaktionen, die aus meinen Altlasten resultierten, als Familiennorm betrachtete und mir war immer wichtig, dass meine Männer viel Zeit jeden Tag in ihren für sie normalen Umfeldern und Aktionen verbringen. Das war und ist meinem Mann auch wichtig.

Das hat auch gegen die Aggressionen, die wir in der Krise aufeinander bekamen, geholfen, dass mein Mann glaubhaft lernte, zu verstehen, dass ich wirklich nicht mehr kann zur Zeit und dass ich tue, was ich kann. Dass ich abweisender wirke als ich sein möchte, aber manchmal innerlich taub oder voller Schmerzen bin.

Und gleichzeitig haben wir beide gelernt, wichtige Krankheitsinfos zwar auszutauschen, aber nicht die meiste Zeit des Tages, denn sie sind nicht Mittelpunktthema unserer Familie. Dafür habe ich Selbsthilfekontakte wie deine Frau auch.

Wieweit eine Depression geheilt, verbessert, gelindert werden kann, allein diese Desillusionierung, wenn sie länger dauert, führt auch schnell bei beiden Eheleuten zu inneren Aggressionen, denn so hat sich das ja keiner vorgestellt.

Und ob und wie auf Dauer die Ehe läuft, da müssen auch zusammen mit Fachleuten alle Gedanken erlaubt sein, solange sie nicht gewalttätig oder in anderer Form inakzeptabel sind.

Eine Krankheit in der Familie ist schwer, aber nicht das Ende der Familie zwingend, manchmal aber doch, aber da braucht es viel Zeit und viele Gespräche mit Fachleuten, um das besser zu durchleuchten und alle Möglichkeiten durchzusprechen und durchzuprobieren.

Wichtig ist, dass sich niemand aufopert und niemand selber verliert, denn das macht krank oder kränker.

26.06.2019 14:03 • x 1 #4


ZeroOne
Hi @Bernd86 !

Zitat von Bernd86:
da ich selbst Niemanden habe um offen über sowas zu sprechen, dachte ich mir ist so ein Forum eine gute Möglichkeit.


Toll, dass du das Forum gefunden hast und hier schreibst! Ich bin mir sicher, dass du hier einen guten Austausch finden wirst!

Zitat von Bernd86:
Alles was ihr hilft.


Najaaa Wenn du schon im Forum gestöbert hast, bist du bestimmt schon häufiger über die Feststellung gestolpert, dass Depression und andere psychische Störungen zwar sehr schwere, ernst zu nehmende Erkrankungen sind, aber dennoch "keinen Freibrief" für alles darstellen! Du musst als Angehöriger nicht alles akzeptieren!

Zitat von Bernd86:
Ich kann es ihr schlecht sagen und vermutlich kommt es auch hier im Forum nicht gut an, aber ich komme mit dem Ganzen nicht wirklich klar.


Nur raus damit und keine Sorge, dass hier etwas nicht gut ankommt! Nur wenn die Karten auf dem Tisch liegen, kann auch ein guter Austausch stattfinden. Und deine Emotionen bzgl. der aktuellen Situation sind voll und ganz gerechtfertigt und die wird dir hier niemand krumm nehmen.

Zitat von Bernd86:
Meine Frau hatte früher schonmal eine Paarberatung vorgeschlagen, doch ganz ehrlich: Wenn ich ihr ansatzweise das sage, was ich denke, auch wenn das Gespräch betreut ist, dann kann ich die Beziehung direkt vergessen.


Aber ich befürchte fast, dass du auch gegenüber deiner Frau irgendwann die Katze aus dem Sack lassen musst, wenn sich etwas ändern soll. Wie du schreibst, ist das ja nun kein akuter, kurzfristig aufgetretener Zustand, sondern besteht schon länger mit derzeit keiner Aussicht auf Besserung.

LG
ZeroOne

26.06.2019 14:04 • x 2 #5




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