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Ich mag es nicht, Ich zu sein

kittycattycat

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Hallo Leute.
Ich bin 19 Jahre alt. Ich schäme ich mich sehr für mich und für meine Person. Wenn ich mich unter Menschen begebe, denke ich, dass alle mich als dumm empfinden können und dass meine Fehler mir auf die Stirn geschrieben worden sind. Je mehr ich andere Altersgenossen bewundere (weil sie eben alle Qualitäten haben, die ich an mir sehen möchte), desto schlimmer wird mein Selbsthass und meine fehlende Selbstachtung. Ich wünsche mir oft, jemand anderes oder besseres zu sein. Ich hasse es präsent zu sein oder zu existieren, ich hasse es einfach hier zu sein.
Dazu habe ich alles versucht, um diese Gefühle durch positive Zumutungen und einer Denkumstellung zu entkommen, aber mittlerweile denke ich, dass das meine Hauptbestimmung ist, eine Versagerin zu sein. Somit ist meine schlimmste Angst erfüllt.

Zu meinen Eltern:
Ich bin mit konstantem Leistungsdruck meiner Eltern aufgewachsen, wobei ich immer versuchte, sie mit meinen tollen Noten zu beeindrucken. Scheine Ich aber irgendwas zu vermasseln, werden all die Leistungen vergessen und stehe dann plötzlich als dumm und unkonzentriert dar (z.b. meinen Führerschein, für den ich 2 Jahre brauchte oder dass ich bspw. in haushaltsspezifischen Aufgaben wie Kochen nicht gut bin). Ich mache immer irgendwas falsch und mittlerweile habe ich keine Lust mehr, irgendwas mehr falsch zu machen. Auch habe ich versucht, mich resistenter gegen sowas aufzustellen, doch jedes Mal, wenn sie ein anderes Kind von einem Verwandten loben, weil es ja alles im Leben geschafft hat, kommt es zu einem innerliche Trigger und ich sehe mich wieder darin, ihnen zu beweisen, dass ich das auch kann.

Zur Schule:
Ich zählte die Schule als meinen einzigen Indikator für meinen Wert, weil ich alles andere irgendwie nicht hatte: ich bin eher langweilig und für Jungs nicht ansehnlich. Dennoch, bei all den super Noten, fühle ich mich dennoch dumm und wie eine Hochstaplerin; ich dachte eine Zeit lang, dass mein IQ unter dem Durchschnitt liegt und dass mein Gehirn überhaupt nicht die Kapazität hat, um vieles aufzunehmen.

Aktuell:
Ich habe vor 2 Monaten mein Abitur abgeschlossen. Seitdem habe ich mich für Studienplätze beworben und habe in den letzten Wochen feststellen können, dass meine Chancen, einen zu bekommen, sehr niedrig sind. Vielleicht klingt das erstmal nicht schlimm, aber für mich lastet diese Tatsache schon auf meiner Selbstachtung, da der gewünschte Bildungsweg (Abitur-Studium-Beruf) ins Wasser fällt und mein Wunsch nach einer erfolgreichen Zukunft noch unerreichbarer scheint als zuvor. Nicht nur der Beruf an sich, sondern der Wunsch nach Selbstständigkeit und einem befreiten, friedlichen Leben mit Wohlstand und Autonomie.
Nicht zuletzt ist es auch der Wunsch meiner Eltern, so eine Zukunft aufbauen zu können. Aber jetzt, wo ich nach einem anderen Anschluss suchen muss, fühle ich mich im Vergleich zu anderen Altersgleichen, die ihr Leben vollkommen im Griff haben, total unfähig, chaotisch bzw. unzuverlässig.

20.08.2021 08:22 • x 1 #1


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EmptyLife

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Hallo @kittycattycat
Was du da schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Auch ich habe von klein auf gelernt: tust du was, dann hast du was, dann bist du was. Mein eigener Wert wurde schon immer durch andere definiert. Hinzu kam über 10 Jahre massives Mobbing.
Selbsthass und der Wunsch, nicht mehr zu existieren begleitet mich schon mein Leben lang. Auch ich habe immer wieder versucht, daran zu arbeiten, aber ich bin schon zu sehr davon zerfressen. Deswegen habe ich resigniert und verbringe mein Leben weiterhin meist allein und isoliert.
Du bist damit also absolut nicht allein. Hier findest du viele Mitglieder, die durch ihr Umfeld so geprägt worden sind.

Wenn du magst, kannst du ja in mein Tagebuch lesen oder wir können uns gerne über PN austauschen.
Schreib mich einfach an, ich beiße nicht

Viele Grüße
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20.08.2021 09:57 • x 1 #2



Hallo kittycattycat,

Ich mag es nicht, Ich zu sein

x 3#3


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Pilsum

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Guten Morgen kittycattycat,

hier im Forum begrüße ich Dich.

Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur. Schön, dass Du diesen Abschluss erreicht hast.
Für Vieles wird Dir das in Deinem weiteren Leben helfen.

Zitat von kittycattycat:
bei all den super Noten, fühle ich mich dennoch dumm


Das klingt etwas merkwurdig. Bei dem erreichten Abschluss kann Du unmöglich dumm sein?
Offensichtlich muss es um etwas anderes gehen. Was ist es dann?

Zitat von kittycattycat:
Aber jetzt, wo ich nach einem anderen Anschluss suchen muss, fühle ich mich im Vergleich zu anderen Altersgleichen, die ihr Leben vollkommen im Griff haben, total unfähig, chaotisch bzw. unzuverlässig.


Warum ist es schwierig, die Situation Deiner Altersgenossinen halbwegs korrekt zu beurteilen?
Kein junger Mensch wird sein Leben voll im Griff haben. Fehlen Dir Kontakte, bei denen Du Dich
mit anderen darüber austauschen kannst, wo deren Sorgen und Probleme liegen?

Zitat von kittycattycat:
aber für mich lastet diese Tatsache schon auf meiner Selbstachtung, da der gewünschte Bildungsweg (Abitur-Studium-Beruf) ins Wasser fällt


Wenn man älter wird, sollte man etwas wichtiges lernen. Das Leben ist nicht Wünsch Dir was.
Mir tut es leid, wenn Du den gewünschten Bildungsweg zunächst nicht einschlagen kannst.
Dann wird es etwas anderes geben, worin Du Deine Zufriedenheit finden kannst.

Zitat von kittycattycat:
Ich mache immer irgendwas falsch und mittlerweile habe ich keine Lust mehr, irgendwas mehr falsch zu machen.


Auch ich mache ständig etwas falsch. Und andere Menschen genauso.
Zu leben bedeutet. Viele Dinge falsch zu machen und möglichst viele Dinge richtig zu machen.
Wenn Du versuchst, aus Deinen Fehlern etwas zu lernen, kannst Du erfolgreich werden.

Zitat von kittycattycat:
aber mittlerweile denke ich, dass das meine Hauptbestimmung ist, eine Versagerin zu sein.


Solch eine Bestimmung gibt es nicht. Versuche von dieser Sichtweise weg zu kommen.
Das scheint übrigens so ein Denkfehler von Dir zu sein.

Zitat von kittycattycat:
Dazu habe ich alles versucht, um diese Gefühle durch positive Zumutungen und einer Denkumstellung zu entkommen,


Kein Mensch hat je auch nur annähernd alles versucht, um seiner Zufriedenheit ein großes
Stück näher zu kommen.
Du hast folglich noch ganz, ganz viele Wege und Möglichkeiten, die Du nutzen kannst.
Dafür wünsche ich Dir immer die besten Sichtweisen.
Auch Du wirst Deinen Weg gehen und erfolgreich werden.

Viele Grüße

Bernhard

20.08.2021 10:11 • x 3 #3


kittycattycat

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Hallo @Pilsum!
Erstmals möchte ich mich für deine Antwort bedanken!
Ich zweifelte sehr lange oft an meiner Intelligenz mit der Ansicht, dass ich weniger Intellekt oder Logik habe als andere. Mittlerweile taucht dieser Gedanke Gott sei Dank nicht mehr so häufig auf.

Mir ist sehr wohl bewusst, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Ich wüsste aber sonst nicht, wo der Sinn des Lebens wäre, wenn man sich nicht auf etwas wie dem Materiellen hinarbeitet. Das Materielle ist zwar nicht alles, aber scheint irgendwie für Menschen in meiner Umgebung Zielstrebigkeit und Erfolg zu bedeuten, vor allem für meine Eltern, deren Familien selbst mit der Armut aufwachsen mussten.

Ich wüsste sonst wirklich nicht mit mir anzufangen als so eine Vorlage in den Augen anderer vorzuzeigen...
Mir tut es Leid, wenn diese Sorgen, die ich aufliste, so alltäglich klingen und ich würde es auch gern gesagt bekommen, wenn das so wäre, damit ich weiß, woran ich stehe.

20.08.2021 12:41 • x 2 #4


kittycattycat

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Hallo @EmptyLife,
Vielen Dank für deine Antwort, deine Antwort gibt mir etwas mehr Hoffnung und Erleichterung, dass ich nicht alleine bin und einiges etwas offener ansprechen darf!
Zitat:
Deswegen habe ich resigniert und verbringe mein Leben weiterhin meist allein und isoliert.


Das kann ich absolut nachvollziehen, auch ich habe mich dazu entschlossen, mich zu isolieren. Mir gibt das irgendwie mehr Ruhe als mich unter Freunden zu begeben, wo ich mich dann wie fremd vorkomme oder denke, dass ich zu ihnen überhaupt nicht passe, weil ich so 'anders' bin. Dieses Gefühl des Nichtpassens habe ich fast überall, wohin ich gehe, sogar manchmal in meiner Familie. Denn Probleme von Menschen, denen es schlecht geht werden einfach nicht angesprochen, weil sie die Laune verderben - was ich auch absolut nachvollziehen kann und daher mich dazu entschieden habe, einfach die Klappe zu halten.
Dazu möchte ich keine Spielverderberin für die anderen in meinem Umfeld sein: ich schätze, dass ich meinen Freunden und jeden, den ich treffe, nicht gut tue, eher mehr Gift bin als Geschenk...

Zitat:
Mein eigener Wert wurde schon immer durch andere definiert.

Diese Feststellung beschreibt auch mein ganzes, bisheriges Leben. Ich kann mir aber auch nichts anderes vorstellen, als mich an diesen Wertvorstellungen entlang zu hangeln. Wenn ich an das Wort wie Identität denke, sehe ich persönlich keinerlei bestimmte Bedeutung darin. Ich kann Sachen wie mein Alter, Größe etc aufzählen, darüber hinaus gibt es nicht mehr, was irgendwie erwähnenswert wäre. Vielleicht klingt das für den anderen erstmal total erschreckend, aber ich konnte damit eigentlich recht lange leben und finde, dass es so ist wie es ist.

Und ich möchte noch sagen, dass es mir sehr Leid tut, dass du Mobbing über so eine lange Zeit erfahren musstest. Optimistisch war ich zwar nie, aber eins woran ich definitiv glaube, ist, dass man auch seine festgefahrenen Persönlichkeitsmerkmalen auflösen kann; dass darin wenigstens noch ein bisschen Hoffnung auf Veränderung besteht. Auch wenn dies viel Zeit (sogar Jahre) beanspruchen würde, so ist dies in meinen Augen auf jeden Fall möglich...

20.08.2021 13:02 • x 2 #5


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Pilsum

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Zitat von kittycattycat:
Mir ist sehr wohl bewusst, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Ich wüsste aber sonst nicht, wo der Sinn des Lebens wäre, wenn man sich nicht auf etwas wie dem Materiellen hinarbeitet.


Zum einen, es gibt nicht den einen Sinn im Leben. Was im Leben für Dich Sinn macht wirst Du
hoffentlich in den nächsten Jahren herausfinden. Nicht immer ist es einfach, dies zu erkennen.

Zitat von kittycattycat:
Das Materielle ist zwar nicht alles, aber scheint irgendwie für Menschen in meiner Umgebung Zielstrebigkeit und Erfolg zu bedeuten, vor allem für meine Eltern,


Nicht nur für die Menschen in Deiner persönlichen Umgebung scheinen Erfolg und materielle Güter
besonders wichtig zu sein. Eine Berufstätigkeit, die Dich erfüllt hilft bestimmt auch sehr, da es sich
gut anfühlt, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen.

Zitat von kittycattycat:
Ich wüsste sonst wirklich nicht mit mir anzufangen als so eine Vorlage in den Augen anderer vorzuzeigen..


Das kann ich mir denken, dass es auch für Dich wichtig ist, über diesen Weg von anderen Anerkennung zu bekommen.
Allerdings je älter ein Mensch ist, umso mehr sieht er häufig. Anerkennung und wichtige Wertschätzung
bekommt man noch auf ganz anderen Wegen.

23.08.2021 10:24 • x 3 #6


Lola007

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@kittycattycat als ich deine Geschichte las dachte ich wirklich fast du würdest meine schreiben. So wie du dich fühlst so geht es mir auch schon und das seit zu langer Zeit leider.

17.11.2021 22:40 • x 1 #7


Lola007

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@Pilsum wie kannst du nur so optimistisch sein und alles so gut reden ? Würde ich auch gerne können

18.11.2021 20:20 • #8


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Pilsum

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Zitat von Lola007:
wie kannst du nur so optimistisch sein und alles so gut reden ? Würde ich auch gerne können


Na, ich rede nicht alles gut. Ich habe nur über 60 Jahre Lebenserfahrung mit vielen Tiefen und auch Höhen.

Es gibt sehr oft eine mögliche Betrachtungsweise aus einer anderen Richtung.
Etwas, was aus einer Richtung katastrophal aussieht ist, wenn man es aus einer anderen Richtung
betrachtet gar nicht so schlimm.

Es hat auch etwas mit wollen zu tun. Wenn Du das auch gerne können möchtest, dann kannst
Du das ständig üben. So schwer, wie es viele vermuten, ist das gar nicht.

18.11.2021 21:39 • x 3 #9


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Pnaubi56

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Ich mag mich nicht mehr, ich kann das nicht aussprechen was ich denke. ich bin froh wenn ich abends zu hause bin und die Kontrolle über den Alk. habe. Zwei Versuche habe ich hinter mir. Für mich ist das Leben nur noch ein Zwang. Ich bin zwar etwas älter. Ich habe jetzt meine Therapiestunden ausgeschöpft, jetzt muss ich noch etwa 2 jahre warten bis ich weitere Therapie machen. Ich kann leider nicht aussprechen was ich will.
LG

18.11.2021 22:08 • #10



Hallo kittycattycat,

x 4#11


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Pilsum

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Guten Morgen Pnaubi,

Zitat von Pnaubi56:
Ich mag mich nicht mehr, ich kann das nicht aussprechen was ich denke.

ich vermute, ich muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, wie es Dir geht.

Zitat von Pnaubi56:
Für mich ist das Leben nur noch ein Zwang. Ich bin zwar etwas älter

Es ist schade, wenn Du dass Gefühl hast - mein Leben ist mehr Zwang, wo sind die schönen, die
aufheiternden Momente.
Im Grunde ist es nicht eine hauptsächliche Frage des Alters. Viele Gelegenheiten gibt es,
die eigene Stimmung selbst zu verbessern. Schön ist es, wenn Du Dir selbst wieder die Hoffnung gibst,
Dein Leben wieder lebenswert zu machen.

Viele Grüße

Bernhard

19.11.2021 10:00 • x 1 #11

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