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Die Zuversicht verloren

Cinto

Aber was, wenn der Wunsch nach Anerkennung durch andere größer ist, als die Anerkennung, die man sich selber geben kann. Oder wenn man sich erst gar keine geben kann, sondern immer nur die Bestätigung durch andere sucht. Ich empfinde erst dann, dass ich etwas geleistet oder gut gemacht habe, wenn andere mir das bestätigen. Insbesondere mein Mann, aber das fällt im Moment aus.

28.10.2019 20:38 • x 1 #31


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maya60

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Liebe Cinto, die Wurzeln sind uralt und heute gar nicht mehr bewusst - dahinter steckt das verfälschte christliche Motiv der Demut und der Sünder. Auch wenn unsere westliche Kultur nicht mehr sehr religiös ist, stammen unsere Werte doch daher. Eigenlob stinkt, kennst du das noch? Das ist keine kirchliche Formulierung, aber diese Sätze von den Erziehenden, mit denen ich noch aufwuchs, stecken, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, noch tief drin.
Der Mensch ist sündig geboren aufgrund der Erbsünde. Das steckt dahinter, dass kein Mensch von sich aus als wundervoll so wie er ist angesehen wird, sondern dazu sind Leistung und Verzicht und bloß nicht viel Lob der Weg, denn der sündige Mensch muss ganz anders werden als er ist.

Nicht gemeckert ist genug gelobt. All solche Sprüche kommen daher. Außerdem wurde alles Emotionale als Gefühlsdusselei, Verweichlichung und generell triebhaft verdächtigt. Liebe? Was sollte das sein? Die musste man sich erstmal verdienen.
Nicht umsonst entstand eine Tiefenpsychologie, die danach suchte, wo unser eigentliches eigenes Wesen versteckt ist unter allem Drill und allen Mängeln des Erwachsenwerdens- und seins.

Als Extrem-Gegembewegung gibt es heute Eltern, die Kinder für alles übermäßig loben, das ist genauso krank.

Also, uns unser selber sebstbewusst und uns selber mögend und liebend und achtend dann die verdiente Anerkennung zu schenken, das fällt uns allen schwer.

Und wir leiden alle einen großen Mangel an Anerkennung von außen! Wir brauchen dringend Anerkennung unseres Umfeldes. Als Kinder begreifen wir doch nur die Welt und wer wir sind durch die Reaktionen der anderen auf uns. Und auch als Erwachsene.

Und als soziale Wesen ist Anerkennung von außen absolut notwenig. Wir sind keine selbstgenügsamen Einzelwesen.

Das musst du nicht als dein persönliches Problem sehen. Wir sind alle in unserer westlichen Kultur absolut im Mangel in Sachen Anerkennung, sowohl von außen als auch von uns selber. Und das eine ersetzt nicht das andere.

Hier im Forum gibt es daher lange Themen zu Selbstliebe und auch zu Achtsamkeit. Suche sie dir mal, wenn du magst. Da gibt es für uns alle noch sehr viel zu lernen.


Liebe Grüße! maya

28.10.2019 21:34 • x 2 #32



Hallo Cinto,

Die Zuversicht verloren

x 3#3


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Hoffnung21

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Hallo Cinto,

Das sehe ich ähnlich. Lob und Anerkennung sind sehr wichtig. Das geht in der schnelllebigen Welt gern unter. Irgendwann wirst du dich auch selbst loben können, dafür macht man auch die Psychotherapie. Dort lernt man, dass das was man getan hat gut war und man sich selbst auf die Schulter klopfen kann. Man lernt, sich zu reflektieren. Man lernt, dass nicht nur Tage gut sind, an denen man von Arbeit erschöpft ins Bett fällt. Solange man das noch nicht kann ist man natürlich abhängig vom Lob anderer. Hier im Forum wirst du bestimmt öfters gelobt werden. Wir kennen das alle.

LG Eis

28.10.2019 21:50 • x 4 #33


Carsten

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Jetzt sind sie weit weg vom Ufer. O ja, wie weit weg sie vom Ufer sind! Lange Zeit haben sie an die Existenz eines anderen Ufers gegleubt, jetzt nicht mehr. Trotzdem schwimmen sie weiter, und jede ihrer Bewegungen bringt sie dem Ertrinken näher. Sie bekommen keine Luft mehr, ihre Lungen brennen. Das Wasser kommt ihnen immer kälter, immer bitterer vor.
aus: Michel Houellebeque, Ausweitung der Kampfzone. Beschreibt es mit wenigen Sätzen abschließend.

29.10.2019 00:10 • #34


laluna74

Zitat von Carsten:
Jetzt sind sie weit weg vom Ufer. O ja, wie weit weg sie vom Ufer sind! Lange Zeit haben sie an die Existenz eines anderen Ufers gegleubt, jetzt nicht mehr. Trotzdem schwimmen sie weiter, und jede ihrer Bewegungen bringt sie dem Ertrinken näher. Sie bekommen keine Luft mehr, ihre Lungen brennen. Das Wasser kommt ihnen immer kälter, immer bitterer vor.
aus: Michel Houellebeque,


sehr interessant und hier bin ich nun hängen geblieben. Was genau möchte dieser Absatz uns sagen?

Außerdem danke dem Schreiber für diesen Filmvorschlag in Filme als Therpie:

Ein Universum in meinem Kopf

29.10.2019 07:57 • x 1 #35


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maya60

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Hallo laluna, einfach so ohne weiteren Kontext beschreibt dieser Ausschnitt von Houellebeque eine beklemmende Situation des mittlerweile Zuversichts-losen Kampfes einiger gegen den Untergang des Ertrinkens, oder?

Bäh, da schüttelt´s mich direkt.

Houellebeque ist selber depressiv, soweit ich weiß; dieser Textausschnitt ohne weiteren Kontext könnte also auch einem entmutigten depressiven Inneren, das alle Zuversicht verloren hat, Ausdruck und Bild geben als Gleichnis sozusagen.

Ich mag sowas überhaupt nicht, denn runterziehen kann man sich selber schon genug, dafür braucht man nicht noch sowas.

Das zeigt nämlich auch, wie wenig kranke Emotionen mit äußerer Situation zu tun haben. Und da kann und muss man ja eben ansetzen, wenn die Psyche einen so runterzieht.

Liebe Grüße! maya

29.10.2019 09:22 • x 3 #36


Cinto

Ich finde das Zitat auch wahnsinnig beklemmend, aber durchaus zutreffend, traurigerweise!
Ich will mich so nicht fühlen.
Ich kann atmen und ich sehe das Ufer, auch wenn es weit weg ist und im Nebel liegt. Und ich werde nicht ertrinken!

29.10.2019 09:56 • x 2 #37


Cinto

hört sich das nach Zuversicht an? muss ich jetzt den Titel des Themas ändern?

29.10.2019 09:57 • x 4 #38


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maya60

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Zitat von Cinto:
hört sich das nach Zuversicht an? muss ich jetzt den Titel des Themas ändern?


Jahaaaaa

29.10.2019 10:03 • x 2 #39


Cinto

Man könnte fast schon sagen, es tut sich was.Die letzten beiden Sitzungen bei meiner Therapeutin und auch zum großen Teil Euro Feedbacks und was ich hier sonst noch so alles im Forum lese und entdecke haben mir die Augen etwas geöffnet. Ich glaube, jetzt ist der Startschuss für wirkliches Umdenken und Veränderung von Verhalten, dass mir und meinen Lieben nicht gut tut, gefallen. Jetzt kommt dass, was mir immer am schwersten fällt, anpacken und durchhalten. Ein wenig Sorge macht mir, dass ich nur noch eine Sitzung habe, bevor meine Therapeutin in den Mutterschutz geht. Ich bin gerade dabei, einen Widerspruch gegen die Ablehnung meines Reha-Antrages zu stellen.

30.10.2019 10:48 • x 2 #40


Cinto

Eure Feedbacks sollte das natürlich heißen

30.10.2019 10:49 • #41


Jedi

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Hallo Cinto !

Habe jetzt immer hier still Mitgelesen, würde jetzt gerne etwas zu ein paar Punkten schreiben.
Hoffe es ist für Dich auch ok ?

Zitat von Cinto:
Aber was, wenn der Wunsch nach Anerkennung durch andere größer ist,

Warum glaubst Du, dass Anerkennung von Außen so wichtig ist ?
Für mich spielen da zwei Dinge eine Rolle, zum einen die Eigenverantwortung ! u. die Selbstbestimmung.
Verantwortung zu übernehmen, über das eigene Denken u. Handeln !
Wenn mir Lob u. Anerkennung von Außen wichtiger ist, dann gebe ich Eigenverantwortung u. Selbstbestimmung an Andere ab.
Die Gefahr die dabei besteht, dass Wir gelebt wird u. nicht selber der Steuermann in seinem Leben ist.
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Zitat von Cinto:
andere größer ist, als die Anerkennung, die man sich selber geben kann.

Ist gibt viele Formen des Lob u. der Anerkennung, real - subjektiv - objektiv - latent- Verallgemeinerung
- ohne nahen Bezug- verklausuliert - um zu Beinflussen - zu Manipulieren - um damit Macht auszuüben, uvm. !
Daran kannst Du Cinto erkennen, dass Anerkennung u. Lob von Außen, auch noch eine andere Seite haben kann.

Sich selbst zu Loben u. Anerkennung zu geben, hat etwas mit unserer Persönlichkeit zu tun.
Dabei geht es um das Annehmen wie wir sind, unsere Schattenanteile u. auch Unvollkommenheit, aber auch zu erkennen, welche Talente u. positive Eigenschaften wir auch mit ins Leben hinein bringen.
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Zitat von Cinto:
Ich empfinde erst dann, dass ich etwas geleistet oder gut gemacht habe, wenn andere mir das bestätigen.

So unterliegst Du aber auch immer der Gefahr, dadurch manipuliert zu werden.
Du/Wir wissen doch am allerbesten, was wir leisten u. ob uns etwas gut gelungen ist.
Nur die Persönliche Unsicherheit sucht dann noch nach einer Bestätigung, die wir eigentlich schon selbst in uns tragen.

Horche da einmal beim nächsten Mal, wenn Du etwas Erledigt hast in Dich hinein u. versuche wahrzunehmen, ob Du nicht doch ein Gefühl der Zufriedenheit empfinden kannst !
Dann brauchst Du die Anerkennung von Außen nicht mehr so nötig.
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Zitat von maya60:
Eigenlob stinkt

u.
Zitat von maya60:
Nicht gemeckert ist genug gelobt.

dahinter vermute ich stark, das es sich dabei um Macht handelt !
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Zitat von maya60:
Der Mensch ist sündig geboren aufgrund der Erbsünde.

Das finde ich ganz schlimm !
Ich bin überzeugt, dass alles durch gemachte Erfahrung erlernt wird !
Ein Beispiel: Ein Kind, villt. im Alter von 8-9 Jahren, fängt an die Hauskatze zu quälen.
Ich glaube nicht daran, dass dies schon in der Persönlichkeit verankert ist oder in einer Charakterlichen Eigenschaft dieses Kindes angelegt war !
Nun gibt es viele Möglichkeiten u. Einflüsse, durch die Erziehung od. dem Umfeld, die dieses Kind möglicherweise
dazu veranlasst, dass an der Katze auszulassen.

Dahinter verbergen sich oft unerfüllte Bedürfnisse u. Wünsche.
So würde ich eher dahinter den Wunsch nach, sich Angenommen fühlen, nach Geborgenheit, nach Wertschätzung, nach Zugehörigkeit, nach Verständnis u. nach Liebe u. geliebt werden vermuten wollen !

LG Jedi

30.10.2019 14:34 • x 2 #42



Hallo Cinto,

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michaela333

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genauso erlebe ich das auch, maske auf, funktionieren, sich nie was anmerken zu lassen...und das macht einen noch kaputter innerlich...es strengt immens an

14.12.2021 16:37 • #43

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