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Das Gefühl an der Depression festhalten zu wollen

Roselin

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Hallo an alle im Forum,

im Verlauf meiner Krankheitsgeschichte bin ich schön öfter über einen Gedanken bzw. ein Gefühl gestolpert.
Das Gefühl an der Depression festhalten zu wollen.
Ich mein damit, dass es manchmal Momente gibt in denen ich eigentlich garnicht will dass es mir besser geht. Wo ich gar nicht will dass Therapie, Medikamente und Co helfen, wo ich nicht daran glauben will dass Depressionen behandelbar sind und es mir sicher irgendwann wieder gut gehen wird.

Woher dieser Gedanke bzw. dieses Gefühl kommt? Ich weiß es nicht.
Dadurch dass es mir schon öfter begegnet ist, hab ich auch oft darüber nachgedacht.

Vielleicht hängt es damit zusammen das sich die Angehörigen und Freunde um einen bemühen und um einen kümmern, wenn sie sehen dass es einem nicht gut geht?
Vielleicht ist es auch dieser ,,Mir wird sowieso nichts mehr helfen Gedanke,,?

Oder, was mir neulich als Idee gekommen ist, vielleicht ist man so daran gewöhnt in dem Depressions-Tal zu stecken (zumindest wenn man langjährige Verläufe ohne wirkliche Besserung hat), dass man es garnicht mehr anders kennt?
Und weil man es nicht mehr anders kennt, und der Mensch ja nunmal ein Gewohnheitstier ist, möchte man vielleicht auch nicht dass sich etwas ändert? Man kann sich einfach garnicht mehr vorstellen wie es wäre glücklich und nicht depressiv zu sein und will dieses ,,Neue und Unbekannte,, einfach nicht haben?


Kennt dieses Gefühl denn eventuell noch jemand anders? Und wenn ja, wie geht ihr damit um, was denkt ihr was dahinter steckt?

LG

15.06.2020 12:42 • #1


Lavendula

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Hallo,
ich bin zwar neu hier, aber ich kenne das.
Einerseits habe ich gelesen, dass das Gehrin schlicht an bekannten Strukturen festhalten möchte und keine "Lust" hat, umzulernen und dann ist die Frage, erlaubst du diir, dass es dir gut gehen darf.
Da hängt es zusätzlich bei mir, aber es ist auch "unbequem" für mich gute Gedanken zu haben. Also so wie du schreibst sehe ich es auch und habe es auch schon so gelesen. Du hast es also genau erkannt. Nur, wie ändern wir das.

Ich versuche es derzeit mit positiven Affirmationen und mit dem Vorstellen, positiver Situationen...

LG

15.06.2020 14:53 • x 3 #2


Roselin

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Hallo @lavendula,

interessant, da hast du dich ja auch schon etwas mehr mit dem Hintergrund zu diesem Gedanken beschäftigt oder? Es liest sich zumindest so.

Deine Aussage über das Gehirn das an bekannten Strukturen festhalten will find ich irgendwie total zutreffend, genau so kommt mir das irgendwie immer vor.
Dass das Gehirn sagt ,,Nö, ich kenn das jetzt so und mich mit was anderem auseinandersetzten ist anstrengend, will ich nicht!,,

Inwiefern erlaubst du dir denn nicht dass es dir gut gehen darf?

Bei mir ist es nicht so das ,,nicht erlauben,, ich glaube, mein Kopf empfindet es einfach als zu anstrengend wieder positiv zu denken. Weil in seinem Tal sitzen zu bleiben und zu grübeln ist irgendwie leichter als sich auf etwas positives zu orientieren. Und wenn man dann schon so lange im Tal sitzt und eben auch garnicht mehr weiß wie sich nicht depressiv sein so anfühlt, dann fehlt da irgendwie der Antrieb/ die Motivation.

Richtig, wie ändern wir das....
Bringen dir die positiven Affirmationen den etwas, kommst du damit weiter?

Ich muss sagen, ich bin richtig schlecht in Gedankenkontrolle, dem Abstellen des Grübelkarussels und dem STOP sagen zu rotierenden, zwanghaften Gedanken. :/

15.06.2020 15:32 • x 1 #3


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Kürsche

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Tja, ich kenne das auch ganz gut, leider. Da spielen sicherlich viele Faktoren mit hinein. Zum einen, wie Du es auch schilderst, der so genannte "Krankheitsgewinn". Scheußliches Wort, aber natürlich ist es schön, wenn man ein Umfeld hat, dass sich um einen kümmert, wenn man Dinge, auf die man keine Lust hat, nicht (mehr) machen muss. Und das drückt es aus.

Dann natürlich auch der Faktor, dass man es verlernt hat, positiv zu denken. Ich persönlich komme mir völlig albern vor, wenn ich versuche zu erzwingen, irgend etwas jetzt ganz unbedingt von der "positiven Seite" zu sehen. Ich möchte nicht so gern als naives Schäfchen dastehen, und mein Pessimismus führt immerhin dazu, dass es schwer wird, mich negativ zu überraschen Das macht es richtig schwer, sich von katastrophisierenden Gedanken zu lösen.

15.06.2020 16:22 • x 1 #4


Roselin

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Krankheitsgewinn ist wirklich ein furchtbares Wort
Und man will sich nicht eingestehen dass sowas in einem selber wirklich abläuft oder? :/

Ich bin auch so eine furchtbare Pessimistis
Und dann versuchen die Leute dich aufzuheitern und jedes positive Wort das von ihnen kommt schmettert am eigenen Pessimismus ab....
Das schlimme ist, ich merk richtig wie verbittert man dadurch wird

15.06.2020 17:45 • #5


LLilianee

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Hallo an alle,
ganz genau wie ihr fühlt oder denkt tue ich das ganze auch, ich habe wenn ich ehrlich bin noch nie so genau darüber nachgedacht. Aber umso länger ich mich mit dieser Frage beschäftige umso mehr fällt mir auf das ihr eigentlich sehr ähnlich alle darüber denkt.
Ich bin auch ein echter Pessimist ich denke das liegt daran das man dann einfach nicht so schnell enttäuscht werden kann weil man ja auch eigentlich nicht viel erwartet.
Liebe Grüße

15.06.2020 18:05 • x 1 #6


Roselin

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Zitat von LLilianee:
Hallo an alle,
ganz genau wie ihr fühlt oder denkt tue ich das ganze auch, ich habe wenn ich ehrlich bin noch nie so genau darüber nachgedacht. Aber umso länger ich mich mit dieser Frage beschäftige umso mehr fällt mir auf das ihr eigentlich sehr ähnlich alle darüber denkt.
Ich bin auch ein echter Pessimist ich denke das liegt daran das man dann einfach nicht so schnell enttäuscht werden kann weil man ja auch eigentlich nicht viel erwartet.
Liebe Grüße


Auch wenn das Thema an sich nicht schön ist, ich finds schön dass du dich mit diesen komischen Gedanken jetzt vielleicht nicht mehr ganz alleine fühlst

15.06.2020 19:32 • x 1 #7


Lavendula

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Also mir hilft das mit den Affirmationen tatsächlich. Ich höre sie morgens im Bett und habe damit schon einige Male wirklich einen positiven Start gehabt. Ich würde mich auch eher als Halb volles Glas Person sehen vom Naturel her, aber ich bin hhalt oft sehr traurig und ich glaube, daran ist das Gehirn einfach gewöhnt...

15.06.2020 23:00 • #8


Roselin

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Ich hatte morgen wieder einen Moment mit unserer Problematik.

Als meine Therapeutin mir sagte ,,Sie sehen heute etwas besser aus als letzte Woche,,.
Da dachte ich mir einfach nur, ich will aber nicht besser aussehen! Mir gehts immer noch genau so furchtbar, tendenziell sogar schlimmer! Aber wenn ich ,,besser aussehe,, dann denken die Leute ja nur wieder das alles in Ordnung wäre.

Ein klassischer Fall von ,,Krankheitsgewinn,, wie @Kürsche dass so treffend genannt hat, oder?

17.06.2020 17:24 • #9


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Kürsche

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Hm, schwierig einzuschätzen. Vielleicht wollte sie einfach nur Zuversicht verbreiten.
Einfach dagegen halten und darauf hinweisen, dass der äußere Schein trügt bzw. trügen kann.

17.06.2020 17:49 • #10


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Betse66

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Hallo Ihr,

ich klinke mich jetzt mal in euer Thema ein. Ich habe am Wochenende Zugang zu dieser Plattform mit meinem Problem "Selbstverletzung mit 54?" gefunden. Irgendwie denke ich, dass euer Thema auch meine Problematik tangiert.
Ich bin nun schon seit Ende Februar krank geschrieben - erst Magen-Darm, dann Infekt obere Luftwege mit Verlust Geschmack/Geruch (wurde nie auf Covid19 getestet), Schlafstörungen, Überforderungssyndrom und dann Somatisierungsstörung/Anpassungsstörung und mittlerweile Depression. Begleitet wird das Ganze durch mein Restless-Legs-Syndrom. Irgendwann im April bin ich mal in meiner Unorientiertheit gegen die Türkante gelaufen - dicke Beule an der Stirn. Wenig später bin ich früh, weil es mir schwindlig wurde beim Aufrichten aus der Hocke auf die Badewannenrand gefallen - unterhalb vom Auge blühte ein "Veilchen". Diese Vorkommnisse schienen bei meinem Neurologen zu wirken. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass er mich jetzt ernst nimmt.
Da starke Unruhe und innere Getriebenheit, Albträume sowie ständiges Grübeln mein Beschwerdebild grob beschreiben, bekam ich anfangs Amithriptylin und dann wegen Lieferschwierigkeiten Quetiapin. Pramipexol ist für meine Zappelfüße. Mit diesen Medikamenten komme ich zurecht, muss aber ab und zu anpassen. Erstgespräche mit zwei verschiedenen Psychologen hatte ich mittlerweile auch schon. Ja, das läuft doch gut oder?
Gerade am Nachmittag und Abend geht es mir oft recht gut. Dann denke ich manchmal: "Eigentlich müsstest du wieder arbeiten gehen." Teilweise nachts und besonders früh, wenn ich einfach nicht aus dem Bett komme (Ich bin von Natur aus ein Frühaufsteher!) und so vor mich hinvegitiere, dann wird mir bewusst, dass ich doch nicht so in Ordnung bin. Gerade aber ab Mittag fühle ich mich wieder getrieben - ich muss raus, ich muss in den Wald, ich muss ins Fitnessstudio, ich muss einkaufen. Und dann kommt der Knackpunkt: Wer sieht mich draußen? Ich sehe doch nicht krank aus. Was denken die anderen? Meine Eltern verstehen mich ja sowieso nicht. Ja und nun denke ich, dass meine beginnenden Selbstverletzungen ins Spiel kommen. Meine sportlichen Aktivitäten reichen nicht mehr, man sieht nicht, dass mir alles weh tut. Aber blaue Flecke, Abschürfungen - die sieht man.
Mein größtes Problem: Ich habe Angst, wieder auf diese Arbeit gehen zu müssen. Ich schaffe das nicht mehr. Also brauche ich meine Depressionen. Also brauche ich etwas, was mich krank aussehen lässt. Und diese Verletzungen, die bestrafen mich für mein Denken, für mein Verhalten. Ohje, das klingt irgendwie verrückt.

Vielleicht findet ihr euch wieder.
LG Betse

Vor 2 Stunden • #11

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