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Ausziehen war eine schlechte Idee

TuscanSun

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Guten Morgen liebes Forum,
Ich schreibe normalerweise nicht auf Plattformen wie diese, aber ich brauche dringend Rat.
Seit meiner Kindheit habe ich schwere Depressionen. Ursache dafür ist hauptsächlich die schwierige Beziehung zu meinen Eltern, vor allem mein Vater. Unser Verhältnis ist in den letzten Jahren kaum besser geworden, aber da ich zwischendurch nicht arbeiten konnte, war ich gezwungen noch länger bei meinen Eltern wohnen zu bleiben als ursprünglich geplant.
Da es mir dieses Jahr um einiges besser ging und ich wieder eine feste Arbeitsstelle habe, hatte mich mein Therapeut dazu überredet das Thema Ausziehen wieder in Angriff zu nehmen. Leider erwies sich das als ziemlich schlechte Entscheidung.

Ich bin im Mai ausgezogen und es scheint von Anfang an alles schief gegangen zu sein. Beim Umzug wollten Freunde helfen, aber Zeit hatte letztendlich keiner und Umzugshelfer konnte ich mir nicht leisten, also musste ich das irgendwie allein hinkriegen, auch meine Eltern haben sich da rausgehalten.

Die Wohnung ist ganz nett, aber mit den Nachbarn verstehe ich mich überhaupt nicht und das macht zuhause sein ganz schön unangenehm. Was aber am schlimmsten ist, ist dass ich von der Haushaltsführung total überfordert bin.

Ich habe den größten Teil meiner Umzugskartons immer noch nicht ausgepackt, ich esse nur Fertiggerichte, weil alles andere zu anstrengend ist und geputzt habe ich seit dem Einzug nicht mehr. Ich arbeite Vollzeit und fahre je eine Stunde zur Arbeit hin und zurück, wenn ich dann nach Hause komme bin ich zu erledigt für meine Aufgaben und am Wochenende schlafe ich nur.

Auch wenn ich froh darüber bin meine Eltern nicht mehr um mich zu haben, überfordert mich alles andere so sehr, dass ich am liebsten wieder zurück ziehen würde. Immerhin hat da jemand regelmäßig für mich gekocht und dafür gesorgt, dass ich was sauberes zum Anziehen habe, jetzt fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind, weil es mir an Zeit und Energie mangelt das selbst zu machen.

Und ich komme mir richtig dumm vor, weil ich meinem Therapeuten geglaubt habe, auf eigenen Beinen zu stehen würde mich voran bringen, aber ich bekomme nur stärker mit, wie unfähig ich eigentlich bin und fühle mich durchgehend überfordert.

23.08.2022 07:46 • x 3 #1


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Stromboli

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Liebe TuscanSun
Erstmal herzlich willkommen, schön, dass du den Weg hierher gefunden hast!
Deine Situation liest sich tatsächlich ein wenig wie vom Regen in die Traufe bzw. von einem Extrem ins andere geraten. Ein patenter, guter Rat fällt mir da gerade nicht ein. Trotzdem möchte ich schreiben, was mir so spontan dazu einfällt:

Zurück zu den Eltern, aus dem verständlichen, momentanen Impuls heraus, scheint mir keine wirklich gute Alternative. Mag sein, dass es am Ende unvermeidlich ist, quasi die einzig realistische unter allen schlechten Optionen, aber längerfristig würde dich das vermutlich nicht weiterbringen.

Wenn es irgendeine andere Möglichkeit gibt, dich aus der momentanen, klaren Überforderung etwas zu lösen, nutze sie. Vielleicht kannst du dein Arbeitspensum etwas reduzieren?

Du erwähnst Freunde, die helfen wollten und dann doch nicht da waren. Heisst das, du hast gar keine regelmässigen Freunde? Oder doch, und es waren vielleicht unglückliche Umstände, dass sie dann nicht da waren? Wenn du gute Freunde hast, auch nur eine/n, pflege den Kontakt, damit die Eltern nicht so ausschliesslich dein soziales Netz bilden. In einer Negativspirale ist es oft sehr hilfreich, einfach mal jemanden zu treffen, zu telefonieren, um etwas auszubrechen daraus.

Fühlst du dich in der Therapie grundsätzlich wohl und ernst genommen? Wenn ja, arbeite intensiv weiter mit deinem Thera. Wenn nicht, würde ich mich nach Alternativen umsehen. Denn gute Begleitung brauchst du.

Und wenn dieses Forum dir etwas Hilfe bieten kann, teile dich weiter mit. Es gibt zweifellos viele hier, denen deine Not vertraut ist. Mir selbst hat es in den dunkelsten Zeiten oft geholfen, am Morgen nach dem Aufstehen erstmal etwas ins Forum zu schreiben.

Vielleicht hilft das alles im Moment wenig - ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft und Vertrauen.

Herzlich, Stromboli

23.08.2022 08:10 • x 6 #2



Hallo TuscanSun,

Ausziehen war eine schlechte Idee

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Bondgirl

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Hallo,
ich denke ein Umzug kostet immer viel Kraft und es dauert ein bisschen Zeit bis man wirklich ankommt.
Umso stolzer kannst du auf dich sein, dass du es geschafft hast, auch wenn es natürlich schade ist, dass keiner Zeit hatte zum Helfen.

Was sind das für Konflikte mit den Nachbarn? Lassen die sich irgendwie lösen, damit du dich zu Hause wohl fühlst?

Wenn du es nicht schaffst alle Kisten auszupacken ist das nicht schlimm.
Es ist deine Wohnung und muss nicht in kürzester Zeit perfekt sein.

Die Grenze würde ich hochstens ziehen, wenn deine Nachbarn sich über einen Fliegenschwarm aus leeren Pizzakartons beschweren, die sich im Flur stapeln

Spaß beiseite...

Hast du die Möglichkeit im Job kürzer zu treten? Homeoffice? 4 Tage Woche? Allein die 2h Fahrtzeit schlauchen ja schon richtig... Hast du noch Urlaubstage übrig um etwas Kraft zu tanken?
Gab es nicht die Möglichkeit näher an den Arbeitsplatz zu ziehen?
Zurück zu den Eltern wäre für mich unter den Umständen eher keine Option.
Du schaffst das!

23.08.2022 09:58 • x 2 #3


TuscanSun

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Hallo ihr beiden (und wer sonst noch mitliest) und danke für eure aufmunternden Worte.

Was die Arbeit angeht wohne ich schon so nah wie möglich leider, also an den 2h insgesamt lässt sich leider nichts machen. Morgens finde ich das nicht so schlimm, da höre ich Musik oder ein Hörbuch, aber abends bin ich total fertig und will einfach nur nach Hause, da hilft auch keine Ablenkung beim Fahren.

Homeoffice mache ich schon, aber leider dürfen wir nur einmal die Woche daheim bleiben und die Hitze ist in meiner Wohnung auch mit Ventilator kaum auszuhalten, weswegen ich dann doch lieber ins klimatisierte Büro fahre, wenn ich kann.

Weniger Stunden kommen leider auch nicht in Frage, da wir ziemlich unterbesetzt sind.
Und ich hatte mir bei meinem letzten Job mal geschworen, nicht mehr Vollzeit zu arbeiten, selbst wenn die Fahrtzeit kürzer wäre würde mich das fertig machen, aber dann ist eine eigene Wohnung zu bezahlen gar nicht mehr möglich für mich.

Urlaub habe ich Ende September wieder und dann an Weihnachten, aber ich weiß nicht ob ich solange durchhalte.

Zu meinen Nachbarn, es wohnen eben recht viele Leute im Haus, also da ist alles dabei. Jemand der seit Tag 1 meckert, weil ich zu aggressiv laufe und man das im ganzen Haus hören würde (glaube ich eher nicht da ich ja nur auf Socken unterwegs und nur abends da bin), jemand der viel zu viel redet und ständig Nachbarschaftstreffen abhalten will aber auch kein Nein versteht und und und... Also keiner ist mir da wirklich sympathisch und ich hab das Gefühl, alles falsch zu machen.

Was meine Freunde angeht, wohnt leider keiner mehr in der Nähe. Gerade jetzt nach meinem Umzug ist meine nächste Freundin 3 Stunden entfernt von mir. Klar könnte man sich neue Leute suchen, aber das würde eine Menge Kraft erfordern. Grundsätzlich will mich mein Kreis nicht im Stich lassen denke ich, aber es ergibt sich aus der langen Fahrzeit und dem anderen Chaos den es im Leben so gibt eben öfter das Problem, dass mir Versprechen gemacht werden, die nicht eingehalten werden können. Meine beste Freundin wollte unbedingt beim Umzug helfen und dann war eine enge Verwandte gestorben und sie stand dann plötzlich nicht mehr zur Verfügung, weil sie am trauern war und zur Beerdigung musste.

Ach, und zuletzt mein Therapeut. Mit dem verstehe ich mich super und wir sind auch auf einer Augenhöhe. Er hat mich aus einem echt tiefen Loch rausgeholt, aber als ich dann mal wieder Probleme mit meinen Eltern hatte, fand ich seine Lösung irgendwie etwas überstürzt. Wobei ich ja zugegeben selbst die Idee hatte und gefragt habe, wie ich mich das endlich traue, also will ich auch nicht behaupten, dass mir da was eingeredet wurde.
Aber ich weiß irgendwie gar nicht was ich jetzt zu ihm sagen soll. Es kommt gerade auch einfach so viel zusammen, die Enttäuschung das Ausziehen eben keine Lösung für mein Problem ist, dass ich mich schon wieder einsam und unfähig fühle, und dann sehe ich eigentlich in alldem auch zunehmend keinen Sinn mehr wenn das Erwachsenenleben nur noch aus Frustration besteht. Ich musste auf so vieles verzichten, um mir die Wohnung endlich leisten zu können, eine Reise die ich vor Corona machen wollte und meinen Sportverein, und jetzt habe ich weder Geld noch meinen Frieden.

23.08.2022 20:57 • x 2 #4


Nici4

Zitat von TuscanSun:
Guten Morgen liebes Forum, Ich schreibe normalerweise nicht auf Plattformen wie diese, aber ich brauche dringend Rat. Seit meiner Kindheit habe ich ...
zuerst einmal du bist sicherlich nicht unfähig.
Und ja das alles braucht seine Zeit. So wie ich lese kannst du doch froh sein von deinen Eltern etwas Abstand zu haben?
Ich finde du hast schon viel erreicht
Lg

23.08.2022 21:02 • #5


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Karina1983

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Also erstmal finde ich es total stark von dir auf eigenen Beinen zu stehen. Das solltest du dir immer wieder vor Augen führen. Und das wird sich auch alles mit der Zeit entwickeln denk ich.

Also das mit den Nachbarn kenne ich auch. (Kleiner Tipp von mir, fange auf keinen Fall an zu gucken wann wer das Haus verlässt und versuche niemanden zu treffen, das wird zur Sucht, spreche da aus eigener Erfahrung) Meine Therapeutin hat heute zu mir gesagt, ich soll mir eine unsichtbare Hülle umlegen und nur grüßen und weiter gehen und wenn sie mich Dutzen soll ich sagen, also wir sind erwachsene Leute und ich würde gern beim Sie bleiben um die Grenzen aufzuzeigen, ob das ein guter Ratschlag ist weiß ich leider noch nicht.

Zu deinem Therapeuten, warum sagst du es ihm nicht so wie du es hier schreibst? Du hast gesagt ihr redet auf Augenhöhe, ich denk dann wird er dir die richtigen Fragen auch entgegenbringen oder eben Lösungsansätze.

Ich wünsch dir einen ruhigen Abend und falls meine Antwort daneben ist, entschuldige bitte.

23.08.2022 21:14 • x 1 #6


Nici4

@Karina1983 warum sollte deine Antwort daneben sein?
Ich find sie gut

23.08.2022 21:27 • #7


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Karina1983

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Zitat von Nici4:
@Karina1983 warum sollte deine Antwort daneben sein? Ich find sie gut

Weiß nicht, möchte ja auch niemandem zu Nahe treten!

23.08.2022 21:29 • #8


Nici4

Denk ich nicht, dafür gibt es so ein Forum

23.08.2022 21:32 • x 1 #9


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Trinidat

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Hey, ich denke wie die anderen, dass Ausziehen ganz und gar keine schlechte Idee ist, du nur etwas zu ungeduldig mit dir bist. Wenn ich daran denke, wie es in meiner ersten Wohnung aussah....Mindestens 1 Jahr war absolutes Chaos, aber dann habe ich es mir nach und nach schön gemacht und mich immer mehr Zuhause und immer weniger verloren gefühlt. Du gestaltest selbst dein Leben, Fang mit dem Gestalten deiner Wohnung an indem du zunächst eine Ecke der Wohnung aufräumst und einrichtest und dann immer mehr.
Zurück zu den Eltern wäre für mich trotz der großen Unbehaglichkeit in mir im ersten Jahr nie eine Option gewesen. Zurück in die Kindheit und ins Versorgt werden macht keinen Sinn. Das wäre für deine Psyche alles andere als gut.
Ich wünsche dir, dass du bald die Befriedigung entdeckst, selbst dein Leben in der Hand zu haben. Fang mit kleinen Dingen an, dann wird sich alles andere auch entwickeln.

24.08.2022 07:21 • x 2 #10



Hallo TuscanSun,

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TuscanSun

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Da habt ihr wohl recht. An sich genieße ich auch die Ruhe, es ist wirklich schön daheim so zu und lassen zu können was man will, ohne dass jemand dazwischen redet und die Laune vermiest.

Aber sonst ist es einfach nur anstrengend.
Also jeder Tag fühlt sich an wie ein Kampf. Und ich weiß nicht mal so wirklich wofür ich Kämpfe. Wegfahren oder größere Ausflüge kann ich mir nicht mehr leisten. Klingt total eingebildet, aber es macht mich echt fertig, jetzt bei allem versuchen zu sparen, weil ständig das Geld knapp wird. Ich bin früher so gern gereist, das hat auch meiner Depression geholfen, aber ich finde es so schade dass ich außer arbeiten gehen kaum noch etwas unternehmen nehmen kann weil ich ständig mit dem Haushalt beschäftigt bin oder knapp bei Kasse. Und das wird ja nicht nur das erste Jahr so sein, sondern immer. Außer ich heirate mal reich, aber nach all den Problemen die ich bisher hatte wird mir sowas Märchenhaftes auch nicht passieren.

29.08.2022 18:43 • #11

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