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Arbeitsunfähigkeit fühlt sich wie weitere Deadline an

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Flipp
Mitglied

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Liebe Forengemeinschaft,

ich war eine ganze Zeit hier im Forum nicht aktiv, aber nun ist es wieder soweit und es ist mir entsetzlich peinlich: Es geht mir nicht gut und scheinbar habe ich in den letzten Jahren kaum was dazu gelernt. Ich stecke in einer Krise und schäme mich entsetzlich dafür.

Was ist passiert? Vor etwa fünf Jahren habe ein gesundes Arbeitsverhältnis gekündigt, was eine sehr gute Entscheidung war (hier im Forum auch thematisiert). Es ging mir schnell besser. Ich konnte zügig einen neuen Job finden, der sogar besser bezahlt war. Dort konnte ich mich schnell profilieren. Man war sehr zufrieden mit mir. Es war schnell sehr viel zu tun, aber ich konnte alles bewältigen. Man stellte mir eine Beförderung in Aussicht, wenn ich noch X und Y mache. Tat ich. Ich bekam die Beförderung. In der Zeit kündigte sich bereits an, dass sich meine Chefin sehr auf mich verlässt und mir vieles von ihren Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten rüberschob. Ich war so dumm und akzeptierte das, denn sie ist ja meine Vorgesetzte.

Die neue Position begann im letzten Jahr. Zeitgleich setzte ich unter Rücksprache mit meinem Psychiater mein langjährig eingenommenes Antidepressivum ab. Brauche ich nicht mehr, bin ja solange schon stabil. Fand auch der Doc, wenngleich er mich auch warnte, ich solle das Absetzen nicht zu sportlich angehen. Ich habe es ganz langsam gemacht und es klappte sogar, auch wenn es mitunter unangenehm war (brain zaps und so).

Die neue Position beinhaltete das, was ich vorher schon machte plus ein neuer Aufgabenbereich sowie Führungsverantwortung. Im Grunde, wie ich später rausfand, sind es 1.5 Vollzeitstellen. Ich habe schnell gemerkt, dass der work load sehr hoch ist. Ich kam kaum hinterher. Dauerstress eben. Meine physischen Symptome der letzten Jahre (Verspannungen, Tinnitus) waren nie wirklich weg, aber nun meldeten sie sich verstärkt. Mein Selbstvertrauen wurde peu a peu weniger, bis ich schließlich soziale Ängste entwickelte. Ich dachte, ich hätte sie aber noch unter Kontrolle und sah sie als lästige aber temporäre Nebenwirkung des abgesetzten Antidepressivums. Ich machte weiter wie bisher.

Der Herbst war anstrengend. Ich fieberte dem Weihnachtsurlaub entgegen. Letztlich habe ich dann 1 der 2 Wochen Urlaub gearbeitet, weil ich meine To Do Liste abarbeiten wollte, um innerlich endlich abschalten zu können. In meinem Bereich ist es normalisiert, dass man sowas tut. Am Wochenende vor Arbeitsstart nach dem Urlaub kam die Nervosität wieder. Angst vor der Arbeit, Grübeleien, wie Steine im Magen. Ein ekelhaftes Gefühl.

Diese Woche dann: Auf dem Weg zur Arbeit fange ich plötzlich an zu weinen, weil ich Angst vor dem Tag habe. Ich versuche mich zu beruhigen. Der Tag zuvor war schon schlimm: Nach nur 3.5 Stunden Schlaf war mir den ganzen Tag so schwindelig. Dennoch musste ich performen. Habe ich hinbekommen, auch wenn ich unzufrieden mit mir war. Ich schleppte mich also ins Büro. Dort wieder: Unkontrolliertes Weinen, Angst, Zittern, Kopf leer. Ich hätte 30 Minuten später eine Präsentation halten müssen. Ich bin einfach gegangen, habe mich krankgemeldet für den Tag. Zuhause bin ich erneut zusammengebrochen: Weinen, zittern, Schnappatmung, das volle Programm. Ich konnte kaum reden. zittrige Stimme. Diese Attacken kamen den Tag über immer wieder. Ich war so fertig und hatte Angst, was nun kommt. Kontrollverlustgefühl, das gerade anhält. Das war vorgestern.

Gestern war ich beim Hausarzt, habe - erneut unter Zittern (ich war so nervös, dass mir nicht geglaubt wird) -geschildert, was gestern los war. Dass ich keine Kraft mehr habe. Er hat mich erstmal 2 Wochen krank geschrieben, Überweisung zum Therapeuten mit Dringlichkeit, körperlicher Check und Wiedervorstellung dann in 13 Tagen. Anpassungsstörung.

Mir ist seit längerem klar, dass ich in dem Feld, in dem ich gerade tätig bin, langfristig nicht mehr arbeiten will. Es gibt hier lediglich einen Karrierepfad und der ist steil und sehr beschwerlich. Ich habe ihn fast geschafft, aber die Luft hier oben, fast am Zipfel, ist so enorm dünn. Die, die sich hier oben aufhalten, weisen aus meiner Sicht fast alle Charaktereigenschaften auf, die ich verachte. Anders kommt man hier oben wohl nicht klar. Oder anders schafft man es gar nicht bis ganz nach oben oder so. Na jedenfalls kann ich nun aus nächster Nähe erkennen, dass ich hier eigentlich nicht hingehöre(n will). Problem ist: Ich bin so ausgebrannt und verunsichert, dass ich mir nichts mehr zutraue und gar nicht weiß, was ich sonst machen sollte. Ich fühle mich wie gefangen. Der Imposter in mir bangt gleichzeitig, dass ich bald auffliegen werde. Ich habe keine Kraft für eine Neuorientierung, dabei wünsche ich sie mir sehr.

Meine Vorgesetzte habe ich über die Arbeitsunfähigkeit informiert. Sie fragte,ob ich dennoch währenddessen Aufgabe X und Aufgabe Y erledigen könne, will am Montag mit mir telefonieren, würde gern wissen, was ich habe, will schonmal die Arbeit koordinieren, wenn ich dann in zwei Wochen wieder da bin. Ich bin fassungslos. Aber eigentlich ist solches Verhalten normalisiert in meinem Bereich. Im November hatte ich ihr schon mitgeteilt, dass der work load für mich zu hoch sei. Sie hat es zwar verstanden, aber verändert hat sich nichts (das liegt, schätze ich, daran, dass sie selbst extrem überarbeitet und überfordert ist).

Ich glaube, niemand bei mir auf Arbeit vermutet, wie es gerade um mich steht. Ich gelte als kompetent, als Arbeitstier, meist perfekt vorbereitet, verlässlich. Ich kann damit nicht umgehen, dass die Maske jetzt bröckelt. Es erzeugt massiven Stress in mir, dass ich jetzt ausfalle. Die zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit setzt mich bereits jetzt unter Druck: Ich muss bis dahin wieder fit werden, wie schaffe ich das? Es ist wie eine weitere Deadline, die ich erreichen muss. Wenn ich es nicht schaffe und weiter krank sein werde, was dann, wer kümmert sich dann um Liegengebliebenes, ich kann doch nicht einen Monat lang ausfallen (danach stehen übrigens 3.5 Wochen Urlaub an, d.h. ich wäre dann fast 2 Monaten weg gewesen). Wie soll ich denn dann erhobenen Hauptes wieder auf Arbeit erscheinen? Es wird Nachfragen geben. Der Gedanke daran erzeugt so viel Angst und Scham in mir, dass ich flüchten möchte.

Ich arbeite nun seit etwa 14 Jahren in dem aktuellen Bereich. Ihn zu verlassen, kommt mir wie Scheitern vor und macht mir große Angst. Ich habe nie etwas anderes gemacht, wenngleich ich doch einige (viele?) Skills habe, die ich auch in anderen Bereichen sehr gut einbringen könnte. Was, wenn ich vom Regen in die Traufe komme?

Ich bin hin und hergerissen. Ja seit Jahren. Ich habe so viel für die Karriere geopfert: Ich habe keine Familie, nichtmal eine Partnerschaft. Es ist eigentlich wirklich sehr traurig. Ich würde gern einen U-Turn hinlegen: wieder mehr Kapazitäten haben, mich auf andere Menschen einlassen zu können; einen weniger fordernden Job annehmen; ein zufriedeneres Leben. Mir fehlt die Kraft und die Courage dafür. Ich bin dann manchmal sehr von mir enttäuscht.

Ich weiß nichtmal, was ich mir mit diesem Post erhoffe. Ein erneuter Rat? Ein bisschen Zuspruch und Trost? Was würdet ihr in meiner Situation machen? Einige raten mir, endlich psychotherapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen. Aber das kann ja ewig dauern, bis sich dadurch Besserung einstellt. Wenn ich überhaupt einen Platz finde. Andere sehen mich in einer Reha. Wieder andere glauben, dass ich mich schnell erholen und dann weiter machen kann.

Ich würde gern den Kreislauf unterbrechen, aber es fehlt der Mut. Halte ich den Kreislauf aufrecht, wird es mir immer schlechter gehen. Catch-22.

Wie seid ihr mit dem Gefühl umgegangen, im Burnout all eure Kollegen und Chefs zu enttäuschen? Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, möglichst schnell wieder gesund werden zu müssen? Und ganz konkret: Sollte ich meiner Chefin sagen,dass es bei mir um Burnout und nicht um irgendeinen Infekt oder so geht?

x 2 #1


Nuance
Gesundheit ist unbezahlbar und wichtiger als Geld/Job/Karriere.
Das wird einem leider oft erst klar, wenn es zu spät ist.
Es kann unglaublich schwierig sein, gewohnte Pfade zu verlassen und ein Risiko einzugehen.

Was hat Dich in diese Branche geführt? Falls Du studiert hast: Warum hast Du dieses Studium gewählt?
Was war Dein Ziel?

Ich bin Ende 50 und hatte Jura studiert.
Ich bin nicht gerne zur Schule gegangen und wusste nicht, was ich studieren sollte. Dass ich studieren wollte, immerhin das war mir klar. Ich hatte einen intellektuellen Anspruch an mich selbst. Zudem wollten meine Schulfreunde auch studieren.
Und diese verschiedenen Schulformen - sie prägen auch. Ich wollte eher Häuptling als Krieger sein - sozusagen.

Reisen, Reiten, Skifahren - das waren Dinge, die ich gerne mochte - immerhin. Doch das kann man nicht studieren.

Die Ehe meiner Eltern war nicht glücklich und ich nahm das jedenfalls so war: Meine Mutter - Hausfrau - befand sich in einer schwachen Position. Mein Vater ließ sich bedienen, half nicht mit Haushalt/Kindern. Sie wurde krank.

Also wollte ich in jedem Fall auf eigenen - gut bezahlten - Füßen stehen.
Ich landete bei Jura - ohne irgendeine Information. Kein Schulfach hat etwas mit Jura zutun. Ich wusste nichts. Nicht einmal, dass man ein 2. Staatsexamen machen "muss" und im Referendariat nur sehr schlecht bezahlt wird. Auch nicht, dass es vielen Rechtsanwälten wirtschaftlich nicht gut geht, man kaum Hoffnung haben kann, Richter/StA zu werden...

Ich studierte wegen sterbender Eltern mit BaföG und hätte das Studienfach nicht ändern können. Ich stellte mir die Frage, ob mir Jura Spaß macht aber auch deshalb nicht, weil mir die Schule ja auch keinen Spaß gemacht hatte. Ich war gar nicht gewohnt, dass mir etwas Spaß macht. Es war normal für mich, mich durchzubeißen - ohne jedes echte Interesse...

Ich glaube, dass das eine Gefahr für die mentale Gesundheit darstellt.
Letztlich bewundere ich Menschen, die starke Interessen/Leidenschaften haben und denen selbstbewusst und irgendwie oft auch unbeirrbar folgen: Musiker, Künstler...

Nach einem Unfall während des Studiums hatte sich das mit der Karriere erledigt. Mein Lebenslauf ist zu auffällig - leer... Geblieben...
Kurzum - ich bin akademisches Prekariat. Nicht lustig. Die psychosozialen Folgen sind extrem hart.
Die Gesellschaft interessiert sich für den Status - nicht jemandes Hirn.
Man möchte mit so jemandem wie mir nicht befreundet sein. Die Stigmatisierung ist in unteren Schichten viel heftiger als unter Akademikern. Jedenfalls fühlt man dort ein echtes, zugewandtes Bedauern. Mehr aber auch nicht. Man ist für niemanden interessant. Und so etwas hinterläßt ja auch psychische Spuren.
Wer ist schon gerne mit einem Trauerklos zusammen?
Und erwähnt man das Wort Depressionen glauben dieselben Menschen, diese Krankheit würde vom Himmel fallen. Dass sie selber Mit-Ursache sein könnten, indem sie keinen Kontakt möchten, wegschauen - darauf kommen sie nicht.

Du scheinst 39 Jahre alt zu sein. Es ist auch noch ein gutes Alter, um andere Wege einzuschlagen.
Und wenn es mittels Alk. ist - er hilft meinst, Gefühle stärker zu spüren: Was macht Dir Spaß? Was macht Dir so viel Spaß, dass Du ein Risiko eingehen möchtest? Und wie schnell verfliegt Dein Interesse? Hast Du langjährige Hobbies/Interessen? Wie viel bedeutet Dir Status/Geld/Erfolg?

Ich habe viel Zeit und schaue mir viele YT Videos an. Meine Güte, so viele Menschen leben ihren Traum: Ein Öko-Hotel auf den Fidschi-Inseln. Ein Pärchen arbeitete als Übersetzer und verkauften alles. Leben jetzt in Brisbane...
Während ich hier in DE versauere - mit einem trostlosen - absolut einsamen - Alltag...

Trotzdem: Ich würde tatsächlich so schnell wie möglich mit Deiner Chefin sprechen!
Du hast erkannt, dass sie womöglich von einem körperlichen Problem ausgeht.
Sie wird sicherlich erkennen, dass das mit psychischen Problemen schwieriger, langwieriger sein kann.

Steh Deinen Mann indem Du sie aufklärst. So ehrlich wie möglich. Und steh dazu, dass es zu viel Arbeit für Dich ist!
Wir sind alle anders. Wir haben alle andere Limits. Du scheinst Deines zu lange ignoriert zu haben.
Ich weiß jetzt schon, dass eine riesige Last von Dir abfallen wird.

Sehr schade finde ich, dass Du alleine bist, Du keine Partnerin hast.
Eine intakte Partnerschaft wäre eine große Stütze.
Auch wenn es bei mir nicht geklappt hat - es könnte bei Dir klappen. Ich würde mich in aller Vorsicht auf die Suche machen.
Vorausgesetzt natürlich, Du sehnst Dich nach Zweisamkeit, Gemeinschaft.

Mich plagen zB heftigste Einsamkeitsgefühle. Nun bin ich absolut auf mich alleine gestellt.
Vlt. hast Du Kontakt zu Geschwistern, Eltern etc...
Wir alle benötigen auch jemanden, dem man sich gefahrlos anvertrauen kann...
Das geht mit Kollegen nicht wirklich.

Also ich fühlte mich auch mit Arbeit sehr einsam. Auf der Fahrt zur Arbeit, im Büro alleine, auf dem Weg zurück und dann: Das Öffnen der Wohnungstüre und: Leere...

Nach mir kräht kein Hahn, kein Mensch...
Der (Sozial-)staat wird meinen Körper eines Tages - emotionslos - entsorgen.

Pass gut auf Dich auf!

x 6 #2


A


Hallo Flipp,

Arbeitsunfähigkeit fühlt sich wie weitere Deadline an

x 3#3


Wuslchen
Hallo Flipp,

puh....! Das hört sich alles ganz schön heftig an. Erstmal mag ich dir sagen, dass ich das kenne, fast 1:1 bei meinen beiden Burnouts so hätte schreiben können, wenn auch ganz sicher aus einem anderen Arbeitsbereich.

Ich habe gerade nicht so viel Zeit, aber ich mag dir ein paar Gedanken da lassen, dir mir beim lesen sofort kamen:
1. deine Chefin darf nicht verlangen zu erfahren warum du krank bist. Punkt! Du musst noch nicht einmal mit ihr telefonieren, wenn du nicht möchtest. Du hast gesagt, dass du krank bist und das reicht. Solltet ihr dennoch telefonieren (ich kenne ja den inneren Druck das dann trotzdem zu machen) dann darfst du hart bleiben und ihr ganz bestimmt sagen, dass du krank bist und dass diese Information ausreichend ist.
2. es verursacht ein mega schlechtes Gewissen den Anderen die Arbeit zu überlassen, aber es ist nur Arbeit! Du bist ersetzbar, so eklig wie das klingt, aber jeder Mensch ist ersetzbar, was die Arbeit betrifft. Es fühlt sich furchtbar an, ist aber überhaupt nicht dein Problem. Wenn du krank bist und selbst wenn es 3 Monate sind, dann bist du krank. Würdest du gerade im Krankenhaus liegen, könntest du auch nicht wieder arbeiten.
3. krank heißt auch, dass du nicht x oder y machst. Bleib da hart - für dich.
4. lass dich weiter krank schreiben. Denke jetzt nicht darüber nach wie du in 2 Wochen wieder einsteigen könntest - das ist viel zu früh! Den Urlaub könntest du sogar nachholen, denn den kannst du in der Krankheitsphase ja nicht wahrnehmen. Krank sein ist kein Urlaub!
5. zur Not rutschst du ins Krankengeld. Das klingt erstmal furchtbar, aber glaube mir, es nimmt sooooooo viel Druck raus! Und eine Neuorientierung kann dann irgendwann auch realistisch werden. Jetzt momentan brauchst du dir darüber überhaupt keine Gedanken machen, dazu wärst du grad nicht in der Lage, du und dein Körper brauchen grad ganz ganz dringend Ruhe.
6. such dir einen Therapieplatz. Je früher du damit beginnst, desto eher hast du einen. Je länger du wartest, desto weiter schiebt sich das ja raus. Klar hilft das erst nach einiger Zeit, aber anfangen wäre super wichtig.

Und als letztes: bitte bitte schäme dich nicht dafür, dass dir das "wieder" passiert ist. Du hast gehört, ich habe das auch zweimal durch. Manchmal brauchen wir wohl ein paar solcher Erfahrungen bis sich so eingefahrene Muster lösen lassen. Und das braucht Zeit und ist viel Arbeit.

Ich wünsche dir erstmal Ruhe. Kümmer dich bitte nicht mehr um die Arbeit gerade, jetzt und hier ist es wichtig, dass du für dich sorgst.

Alles Liebe soweit mal
vom Wuslchen

x 6 #3


Sonne59
Zitat von Flipp:
Liebe Forengemeinschaft, ich war eine ganze Zeit hier im Forum nicht aktiv, aber nun ist es wieder soweit und es ist mir entsetzlich peinlich: Es ...

Hallo Flipp. Aus meiner Sicht, hat @Wuslchen dir eine sehr gute Hilfestellung zu deiner "Problematik" verfasst. Vielleicht kommt für dich das "Eine oder Andere" in Frage. Lass dich von deinem jetzigen Job nicht "auffressen". Du benötigst jetzt glaube ich, ganz viel Zeit für dich, für deinen Körper, für deine Seele.

x 2 #4


O
Hallo @Flipp!

Auch ich kenne die, von Dir geschilderten Problematik.

Zitat von Flipp:
Wie seid ihr mit dem Gefühl umgegangen, im Burnout all eure Kollegen und Chefs zu enttäuschen? Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, möglichst schnell wieder gesund werden zu müssen? Und ganz konkret: Sollte ich meiner Chefin sagen,dass es bei mir um Burnout und nicht um irgendeinen Infekt oder so geht?

Diese Gefühl war nicht auszuhalten und hat mich lange Zeit geplagt und daher auch in diesem unerträglichen Zustand gehalten. Der Druck war unerträglich und wurde erst mit der eigenen Akzeptanz meiner Erkrankung langsam weniger.
...und für mich war es eine kleine Entlastung, als ich nach vielen Wochen des Weiterfunktinierens (arbeiten trotz Panikzuständen, Ängsten, innerer Unruhe und Schlaflosigkeit) kommuniziert habe, dass ich im Burnout bin.

Viel zu lange hast Du über Deine Grenzen geleistet und bist nun (noch) im Hamsterrad gefangen. Dass Dein ganzes System jetzt gekippt ist, ist eine - wenn auch erstmal schmerzhafte - Chance, wieder in Dein Leben zu finden. 🍀

Zitat von Flipp:
Die zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit setzt mich bereits jetzt unter Druck: Ich muss bis dahin wieder fit werden, wie schaffe ich das? Es ist wie eine weitere Deadline, die ich erreichen muss. Wenn ich es nicht schaffe und weiter krank sein werde, was dann, wer kümmert sich dann um Liegengebliebenes, ich kann doch nicht einen Monat lang ausfallen

Du musst gar nichts!
Hier nochmal zu Erinnerung - wir alle kennen diesen Spruch: Die Heilung eines gebrochenen Arms kann nicht beschleunigt werden und braucht Zeit. So ist es auch mit psychischen Krankheiten. Da gibt es nichts, wofür man sich schämen müsste.

Zitat von Flipp:
Der Gedanke daran erzeugt so viel Angst und Scham in mir, dass ich flüchten möchte.

Das habe ich damals auch so erlebt.
Für mich war es sehr leidvoll, zu erfahren, dass ich willentlich keine Veränderung meines Zustandes bewirken konnte. Das Erleben eines derartigen Kontrollverlustes war unerträglich.

Zitat von Flipp:
Ich arbeite nun seit etwa 14 Jahren in dem aktuellen Bereich. Ihn zu verlassen, kommt mir wie Scheitern vor und macht mir große Angst. Ich habe nie etwas anderes gemacht, wenngleich ich doch einige (viele?) Skills habe, die ich auch in anderen Bereichen sehr gut einbringen könnte. Was, wenn ich vom Regen in die Traufe komme?

Ich bin mir sicher, Du bist ein sehr fähiger Mensch und Deinnä Selbstvertrauen kommt wieder zurück. Aber aktuell eine Entscheidung treffen zu wollen, setzt Dich noch mehr unter Druck.

Ich denke, es geht nun um ein Innehalten. Um eine Pause. Es geht darum zu sich zurückzufinden und wieder in Balance zu kommen. Zu Genesen aus einer KRANKHEIT. Dafür gibt es Krankschreibungen. Auch für Dich.

Du hast Dich lange vernachlässigt. Jetzt bist Du dran. Du bist es wert!

...und Du bist den Weg schon einmal gegangen und weißt wie's geht. Langsam und Schritt für Schritt.

Alles Gute für Dich! 🍀

x 5 #5


F
Vielen Dank für eure lieben Antworten. Ich bin kein Einzelfall - das tut gut zu wissen!

Die letzten Tage waren und sind eine Qual. Mir geht es nicht gut. Ich bin permanent angespannt und habe Angst in mir (wie früher zu Schulzeiten vor einer Matheklausur, nur dass diese Anspannung dauerhaft da ist. Es ist furchtbar).

Vorhin war ich bei einer psychotherap. Sprechstunde. Die Therapeutin konnte noch keine Einschätzung geben und will mich diese Woche nochmal sprechen. Keine Ahnung, was das bedeutet.

Ansonsten ist mein Eindruck, dass ich eher tiefer in das Loch falle: wie gesag, die Angst ist quasi permanent da; die Konzentration fehlt zum Lesen oder Filmgucken oder so; ich kann kaum essen, weil die Angst mich so appetitlos macht. Ich vegetiere hier so vor mich hin. Die Gedanken sind ungeordnet und düster. Wie kann das so schnell gehen? Es bricht alles zusammen.

Immerhin habe ich es geschafft, mich gestern mit zwei Freunden zu treffen um zu reden. Das tat gut, war aber mit enormer Anstrengung verbunden, genauso wie heute zur Therapeutin zu gehen.

Einige dringliche Arbeitsemails trudeln ein...ich fühle mich außer Stande darauf zu reagieren. Vielleicht morgen...Jetzt will ich bloß ins Bett und von der Welt nichts wissen.

x 2 #6


N
Hallo Flipp,
Ich habe mir hier heute nicht alles durchgelesen, aber natürlich Dein Anliegen und Beschreibungen.
Ich selber bin aktuell auch mit Erschöpfungssymptomen zu Hause und kenne alles was Du schilderst. Ich glaube Stress/Erschöpfung/Burnout geht oft mit ähnliches Symptomen einher und es liegen oft ähnliche Eigenschaften darunter: Leistungsdruck, Perfektionismus, fehlende Anerkennung, Überdecken von Leere/schlechten Gefühlen, zu wenig Grenzsetzung usw
Ich glaube meiner und vielleicht auch der Schlüssel für andere da raus ist, dass grundlegend etwas verändert wird, aber an sich selbst, vielleicht auch der Job und ich denke, dass Psychotherapie dabei wirklich gut helfen kann.
Du bist nicht allein, es sind soo viele betroffen
Lieben Gruß

x 4 #7


Caro66
Zitat von Flipp:
Vielen Dank für eure lieben Antworten. Ich bin kein Einzelfall - das tut gut zu wissen!

Richtig, Tendenz steigend, wenn ich das hier so verfolge.
Ich könnte ähnliches berichten von mir.
Symptome auch so wie bei dir,
Konzentration gleich null, alle Geräusche nerven, jede Mail, Telefonate wurden zur Qual.
Auch bei mir Nachfrage der Firma(im Mittelstand scheint das Methodik zu sein).
So setzt man sein Personal unter Druck, den man gerade so gar nicht brauchen kann.
Ich bin in der Not quasi , in der höchsten Not, denn ich konnte gar nix mehr zu Hause, ausser Liegen und mit "Brennweite" unendlich aus dem Fenster schauen.
Ich schrieb meinem Geschäftsführer eine Mail, dass ich erschöpft sei und um Abstand bitte, ich würde mich bei ihm direkt wieder melden.Ich bat darum, Anrufe, Mails einzustellen, Krankenschein käme nach.
Und....er sicherte mir die Ruhe zu...
Damit ging es mir minimalst besser, denn endlich hatte ICH auch einmal NEIN gesagt.Das war dann der Beginn einer langen Reise ....für meine Genesung.
Details würden jetzt hier ausufern...wenn du Fragen hast, frag einfach nach.
Erstmal VG Caro66

x 2 #8


F
@Caro66
Spannend. Das würde mich sehr, sehr interessieren, wie dann deine Reise weiterging. Erzähl gern. Mir tun diese persönlichen Erfahrungsberichte sehr gut. Was waren dann deine nächsten Schritte? Wie lange hat es gedauert, bis es dir besser ging? Was hat am meisten geholfen?

#9


Caro66
Zitat von Flipp:
Spannend. Das würde mich sehr, sehr interessieren, wie dann deine Reise weiterging. Erzähl gern. Mir tun diese


Nun gut, dass diese meine "Reise" spannend war, finde ich nicht.
Die Ernüchterung, mit der Feststellung, wirklich krank zu sein, war schon eher traurig.

Zitat von Flipp:
Wie lange hat es gedauert, bis es dir besser ging? Was hat am meisten geholfen?

Die Tatsache einsehen zu müssen kam nach etwa 2 Wo.Krankschreibung. In dieser Zeit ging faktisch nichts, nicht einmal schlafen.Diese Symptome sind bei jedem Menschen verschieden in Intensität und Auswirkung.
Da ich allein lebte, Sohn studierte, kann man sich vorstellen, dass ausser der Erschöpfung noch andere Fragen auf den Plan kamen, die entsprechend zunehmend inneren Druck ausübten.
Der totale Rückzug tat mir gut, mich online dann erstmal zu informieren ebenfalls.
Man beschäftigt sich wohl kaum mit einer Krankheit, wenn man diese zuvor nie hatte, geschweige denn, wenn jemand überhaupt so gut wie nie krank war.
Im Endeffekt war ich das schon viel eher, denn die Abwärtsspirale war schon voll im Gang, vermutlich schon Jahre zuvor, ohne dass ich es je bemerkte als solches.
Mit einem Antidepressivum schien es besser zu werden anfangs, mehrere Rückschläge bestätigten immer wieder, es war zu früh alles. Dennoch war zu Hause sitzen keine Option für mich , auch nicht verkürzt zu arbeiten oder zu kündigen. Ich liebte meinen Beruf/ Job und wollte nichts anderes, wobei auch die Frage aufkam, wenn etwas anderes, was denn sonst.
Wenn ein Mensch sich so fokussiert über die Arbeit, dann stellt sich die Frage nach Veränderung nicht von selbst. Diese Frage entwickelte sich im Laufe der Zeit.
Ich musste lernen, mich zu hinterfragen, mein ganzes Tun und Handeln.
Damit kam auch das Bedürfnis, mehr auf die körperlichen Signale zu hören, die immer wieder und gefühlt öfters Alarm sendeten.
Geholfen hat mir erstaunlicherweise der Austausch in einem früheren , anderem online Forum(welches es nicht mehr gibt), die monatlichen Sitzungen bei einem sehr guten Psychologen (der mich aus dem Krankenhaus holte, wo man nichts mit mir anzufangen wusste) und meine damals fast 80 jähr.Vermieterin. Letztere hat mich wieder in Bewegung gebracht, sie ging jeden Tag mit mir spazieren durch die Weinberge, schwieg mit mir, später redeten wir viel über Gott und die Welt.
Diese kleine allein lebende Wittwe wurde mir fast zur mütterlichen Freundin, scheuchte mich hoch vom Sofa, denn sie rief vom unteren Geschoss an der Treppe, stellte mir ab und zu einen Teller Essen auf die Treppe.
Konnte ich da Schwäche zeigen, bei so einer " Oma", wohl eher nicht.
Das mag banal klingen, sie war letztendlich der Auslöser, mich wieder auf zu rappeln, aktiver zu werden.
Keine Therapie, keine Klinik...diese alte Frau hat das Signal gesetzt, wieder aufzustehen aus der niederschmetternden, grauen Lethargie.
Medis habe ich dann ca.2016 begonnen zu verringern, auch das hat Rückschläge gegeben, gibt es heute noch. Ich musste für mich lernen, mir selbst Fragen zu stellen, was ich ändern könnte, will oder nicht will.
Nach der Krankphase habe ich ein Personalgespräch erbeten von mir aus und meinem Chef erklärt, warum ich krank war und sicher noch öfters bin.
Er fragte mich damals, was die Firma ändern müsste , um dass es mir wieder gut ginge.Das hat mich echt berührt, denn ändern konnte nur ich etwas...
Meine Einstellung zu meiner Arbeit, das konnte niemand sonst ändern.
Es waren keine 150% nötig, wie ich immer für mich rechtfertigen wollte.
Diese Erwartungshaltung hat nie jemand mir gegenüber zum Ausdruck gebracht.
Das war einzig und allein ich selbst, mit meinem Drang, alles bestens und perfekt machen zu wollen.
Ich habe mich über Jahre hinweg zu sehr mit dem Job verbunden gesehen, wollte immer die Anerkennung dadurch erzwingen.
Letztendlich habe ich dann doch nach 15 Jahren selbst gekündigt, mit 57 , kurz vor Corona...das war nochmal ein Sprung ins kalte Wasser.Die Entscheidung habe ich nie bereut, obwohl dann bis 64 noch drei völlig branchenfremde Jobs folgten, die mir alle Spass machten, wenngleich ich auf einiges Geld verzichtet habe.
Familiäre Belange trugen zum ganzen Geschehen zusätzlich bei,
das lassen wir mal so stehen...darauf möchte ich hier nicht näher eingehen.

Es ist aus meiner Sicht ein ständiger Lernprozess, ein verzweigter Weg,
zu innerem Wohlbefinden, mehr Gelassenheit und besserer Gesundheit zurück zu gelangen.
Blessuren gesundheitlich habe ich davon getragen, dessen bin ich mir heute mehr denn je bewusst.

Du bist noch jung und hast noch viel Zeit. Versuche dich zu hinterfragen,
was ist dir wichtig, gib dir selbst die Zeit dafür.
Die anderen User hier haben dir schon etliche Hinweise geschrieben.
Ich denke, du findest auch für dich, deinen Weg. Herzfahne
VG Caro66

x 5 #10


Dys
Hallo Flipp,
Zitat von Flipp:
Ich weiß nichtmal, was ich mir mit diesem Post erhoffe. Ein erneuter Rat? Ein bisschen Zuspruch und Trost? Was würdet ihr in meiner Situation machen? Einige raten mir, endlich psychotherapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen. Aber das kann ja ewig dauern, bis sich dadurch Besserung einstellt. Wenn ich überhaupt einen Platz finde. Andere sehen mich in einer Reha. Wieder andere glauben, dass ich mich schnell erholen und dann weiter machen kann.

vielleicht wäre es erstmal nötig, dass Du Dir Klarheit für Dich verschaffen würdest. Denn Ambivalenz bringt Dich sicher nicht weiter. Dir wurde Behandlung angeraten und vermutlich ist die auch zweckmäßig. Wartezeiten sind bei Psychotherapien leider obligatorisch. Auch eine Reha bekommt man nicht von jetzt auf gleich. Weitere Möglichkeiten wären dann eben noch stationär oder teilstationär in eine Klinik für Psychiatrie oder Psychosomatik zu gehen. Da dürfte es eventuell etwas schneller gehen, einen Platz zu bekommen. Generell ist aber wichtiger was Du denkst, was Dir helfen könnte, als dass was Andere glauben.
Zitat von Flipp:
Ich bin hin und hergerissen. Ja seit Jahren. Ich habe so viel für die Karriere geopfert: Ich habe keine Familie, nichtmal eine Partnerschaft

Verständlich das es Dir Sorgen bereitet, weil gerade wohl das einzige wegzubrechen scheint, dass Dich ausgemacht hat, die Arbeit. Jetzt ist es aber nicht hilfreich, zu bedauern dass für die Karriere einiges auf der Strecke blieb. Es ist nun so, aber es lässt sich ja womöglich ändern. Allerdings wäre primär Deine Gesundheit wieder zu erlangen wohl das wichtigste und dann könntest Du überlegen, wie Dir ein soziales Umfeld gut tun kann und wie Du Dir eines schaffen kannst.
Zitat von Flipp:
Wie seid ihr mit dem Gefühl umgegangen, im Burnout all eure Kollegen und Chefs zu enttäuschen?

Mich persönlich hat es mehr belastet, nicht Familie und Freunden gerecht werden zu können. Meine Vorgesetzten waren mir da egal und mit eins zwei Ausnahmen auch meine Kollegen. Wenn wegen meiner Abwesenheit Arbeit nicht geleistet werden kann, ist es nicht meine Verantwortung, wenn die Firma keine Redundanz geschaffen hat. Menschen können aus unterschiedlichen Gründen krank werden und ausfallen. Würdest Du nach einem Unfall für längere Zeit im Rollstuhl sitzen und eine lange Reha brauchen, würde Deine Arbeit auch nicht von Dir erledigt werden. Wären da Deine Gewissensbisse genau so stark?
Zitat von Flipp:
Und ganz konkret: Sollte ich meiner Chefin sagen,dass es bei mir um Burnout und nicht um irgendeinen Infekt oder so geht?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, weil nur Du einschätzen könntest, ob Dir das künftig Nachteile bringen könnte, oder ob man Verständnis zeigen würde. Allerdings kann man mit jeder Einschätzung auch immer falsch liegen. Verpflichtet bist Du jedenfalls nicht, Deine Erkrankung zu benennen oder Diagnosen offenzulegen.
Ich persönlich habe allerdings schon mitgeteilt, wenn ich länger ausfalle, dass es so ist. Dabei aber auch klar gemacht, dass der Grund der Erkrankung Privatsache ist und außer meinen Arzt und mich, niemanden was angeht.
Zitat von Flipp:
Catch-22

Guter Film, wenngleich die Problematik nicht auf freiwillige Arbeitsverhältnisse anwendbar ist. Denn es gibt immer die Möglichkeit den Job einfach zu kündigen um dem „Teufelskreis“ zu entkommen bei verhältnismäßig überschaubaren und einigermaßen kalkulierbaren Konsequenzen.

x 1 #11


Momo58
Zitat von Caro66:
Es ist aus meiner Sicht ein ständiger Lernprozess, ein verzweigter Weg,
zu innerem Wohlbefinden, mehr Gelassenheit und besserer Gesundheit zurück zu gelangen.
Blessuren gesundheitlich habe ich davon getragen, dessen bin ich mir heute mehr denn je bewusst.

Liebe @Caro66

Das ist eine sehr treffende Beschreibung.

Und die Geschichte mit deiner 80-jährigen Vermieterin ist sehr rührend. Manchmal reicht ein Mensch, damit es wieder aufwärts geht.

Liebe Grüße von Momo

x 1 #12


F
Danke für eure Antworten.

@Caro66: Wow, was für eine berührende Geschichte mit deiner 80-jährigen Vermieterin. Mir scheint, solche Verbindungen und Momente des Füreinander-Daseins werden heutzutage immer weniger, dabei bräuchten wir gesellschaftlich so viel mehr davon.

Ich habe angefangen Tagebuch zu schreiben. Das tut gut. Ich musste sogar mit Entsetzen feststellen, dass ich schon vor zwei Jahren in Einträgen von Überlastung und depressiven Gedanken klagte. Ich habe es ignoriert und einfach weitergemacht. So soll es nicht weitergehen.

In den letzten beiden Tagen reifte in mir die Erkenntnis, dass ich in meinem Job nicht weiterarbeiten möchte. Ich möchte kündigen. Als ich gestern einen einigermaßen klaren Kopf hatte, kam mir folgender Plan:
- Jetzt erstmal auf Erholung und Gesundung setzen, d.h. mich weiter krankschreiben lassen (irgendwie löst das auch viel Angst aus, weil ich denke, dass da kein Arzt mitmachen wird, sondern mich bald wieder auf Arbeit schickt. Dabei fühle ich mich wirklich gar nicht arbeitsfähig, so überhaupt nicht.), meinen Urlaub nehmen (der steht in 3.5 Wochen an), ggf. weiter krankschreiben danach, falls ich immer noch nicht genügend Energie haben werde, Bewerbungen zu schreiben.
- Möglichkeiten der Beschäftigung herausfinden: Stellenanzeigen sichten, schauen, was mich anspricht, was ich mir vorstellen könnte.
- Psychotherapie anfangen (ich bin dran, aber schätze, es wird nicht einfach einen Platz zu bekommen)
- Wenn die Lebensenergie zurückkommt, Bewerbungen schreiben und neue Stelle beginnen.

Ich brauche also jetzt erstmal mehr Energie, Zuversicht und Zeit, damit ich überhaupt den Headspace habe, mich über alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu informieren und Schritte einzuleiten. Aktuell kriege ich es nicht auf die Reihe, Bewerbungen zu schreiben. Der Gedanke, einen neuen Job anzufangen, löst Stress in mir aus und lässt mich blockieren. Ich denke, dass ich dem aktuell nicht gewachsen wäre.

Noch unentschlossen bin ich, ob ich wirklich von mir aus kündigen oder mich weiter krankschreiben lassen soll, bis ich einen neuen Job gefunden habe. Ich kann mir vorstellen, dass es machtvoll sein kann selbst zu kündigen, weil man dadurch sich selbst signalisiert, dass man sich endlich ernst nimmt und die Schnauze voll hat, sich in einem dysfunktionalen System aufzuhalten. Das könnte für das Selbstvertrauen gut sein. Gleichzeitig geht eine Kündigung immer mit viel Unsicherheiten einher, gerade in der aktuellen politischen Lage kann eine Kündigung zusätzlich massiv Stress erzeugen.
Der Gedanke mich weiter krankschreiben zu lassen, löst degegenüber viel schlechtes Gewissen in mir aus. Außerdem stresst mich- wie gesagt - der Gedanke, ich müsste dem Arzt irgendwie beweisen, dass ich wirklich krank und Arbeitsunfähigkeit bin.

Ich habe Existenzängste, so viel ist mal sicher. Ich habe Angst vor krassem gesellschaftlichen Abstieg. Das ist seltsam, denn finanziell geht es mir eigentlich sehr gut (ich hab einiges an Sparvermögen, auf das ich immer zurückgreifen könnte).

Fazit: Ich brauche einen U-Turn in meinem Leben. Den will ich. So wie es die letzten Jahre lief, kann und soll es nicht weitergehen. Aber mir fehlt aktuell noch die Energie (und der Mut) dazu. Hier stehe ich gerade. Ich brauche Energie, um den Wandel einzuleiten und zu realisieren. Priorität muss also aktuell haben, dass ich Entlastung erfahre, um Kraft zu tanken. Die werde ich nämlich brauchen. (Ich denke laut mit diesem Post und will mich selbst überzeugen und gut zureden).

x 6 #13


Wuslchen
Lieber Flipp,

das klingt schonmal sehr gut. Und deutlich sortierter als noch vor wenigen Tagen, das freut mich zu lesen.

Was die Krankschreibung betrifft, ist die Hauptfrage wie dein Verhältnis zu deinem Hausarzt ist. Ist er verständnisvoll und erkennt deine Lage? Dann werden weitere Krankschreibungen nicht das Problem sein, auch wenn ich diese Sorge davor absolut verstehen kann. Rede mit ihm darüber. Rede auch darüber, dass du das Gefühl hast vorerst nicht wieder in die Arbeit gehen zu können. Das nimmt die Angst vor jedem neuen Termin, wenn ihr beide darin übereinstimmt, dass ein paar Wochen Auszeit hilfreich sind.
Und lass dich über deinen Urlaub auch krank schreiben! Krank ist kein Urlaub! Urlaub dient der Erholung und nicht dem Kranksein! Und dabei spielt es keine Rolle warum du krank bist. Krank ist krank und Ende! Das ist wirklich sehr wichtig dir klarzumachen, denn der Urlaub, oder ggf. eine Auszahlung davon im Falle deines Ausscheidens aus dem Unternehmen, steht dir zu!

Ich würde dir davon abraten zu kündigen. Du bist, solange du krankgeschrieben bist, erstmal auf der sicheren Seite. Egal wie viele Rücklagen du hast, dein Arbeitgeber ist auch in der Pflicht sich um dich finanziell zu kümmern - immerhin haben sie deinen Zustand auch auf eine gewisse Weise mit zu verantworten, so sehe ich das zumindest. Was aber dahingehend viel wichtiger ist: selbst, wenn du gerade einen klareren Kopf hast, befindest du dich immer noch in einem Ausnahmezustand. Und in solchen Situationen sollte man auf gar keinen Fall solche weitreichenden Entscheidungen treffen.
Nach 6 Wochen krank, rutschst du ins Krankgengeld. Dann ist dein Arbeitgeber eh raus und wenn du Rücklagen hast, dann kommst du auch mit dem etwas geringeren Geld klar (ist so zw. 70 und 80% deiner letzten drei Nettogehälter, wenn ich nicht irre). Und Krankengeld kannst du für 1 1/2 Jahre erhalten. So lange hast du also erstmal Zeit und auch wenn du die nicht voll brauchst, so ist es doch gut zu wissen, dass es das gibt und dass man da so aufgefangen wird. Dein Arbeitgeber kann dir natürlich kündigen, wenn du so lange krank bist, aber ganz ehrlich? Dann lass die das machen. Wenn du selbst kündigst, bist du nämlich auch erstmal fürs Arbeitslosengeld für 3 Monate gesperrt, auch wenn du das im Krankenstand erstmal nicht brauchst.

Deine Gedanken erstmal den Raum und die Ruhe für dich zu brauchen, finde ich goldrichtig. Und prima, dass du dich bereits um einen Therapieplatz bemühst, ich drücke dir sehr die Daumen, dass es nicht allzu lange dauern wird und - viel wichtiger - dass die Chemie zwischen dir und der Therapeutenperson dann auch passt. Das ist das A und O in einer Therapie.

Fazit von mir: mach keine Schnellschüsse in deinem Zustand, sondern kümmere dich erstmal um dich.

Liebe Grüße
vom Wuslchen

x 5 #14


A


Hallo Flipp,

x 4#15


Caro66
Dem Beitrag von Wuselchen muss man nix dazu fügen ausser:
Auf keinen Fall selbst kündigen!
Damit setzt man sich unnötig selbst unter Druck und zu verschenken hat niemand etwas.
Das kostet Überwindung mit der Krankschreibung, den Arztgesprächen, dennoch ist das das wesentlich kleinere Übel, als o h n e Geld dazustehen.
RÜCKLAGEN verwende niemals dafür.
Der HA wird das verstehen lernen, gehst eben immer wieder hin und manchmal muss man halt auch mal ne Tränen rausdrücken...
Wenn man so am Limit kriecht, nur Krankschreibung, alles andere versetzt noch mehr inneren Druck und du würdest schnell merken, wie kontraproduktiv das wäre.
Das kriegst du hin...
VG Caro66

#15

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