Flipp
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ich war eine ganze Zeit hier im Forum nicht aktiv, aber nun ist es wieder soweit und es ist mir entsetzlich peinlich: Es geht mir nicht gut und scheinbar habe ich in den letzten Jahren kaum was dazu gelernt. Ich stecke in einer Krise und schäme mich entsetzlich dafür.
Was ist passiert? Vor etwa fünf Jahren habe ein gesundes Arbeitsverhältnis gekündigt, was eine sehr gute Entscheidung war (hier im Forum auch thematisiert). Es ging mir schnell besser. Ich konnte zügig einen neuen Job finden, der sogar besser bezahlt war. Dort konnte ich mich schnell profilieren. Man war sehr zufrieden mit mir. Es war schnell sehr viel zu tun, aber ich konnte alles bewältigen. Man stellte mir eine Beförderung in Aussicht, wenn ich noch X und Y mache. Tat ich. Ich bekam die Beförderung. In der Zeit kündigte sich bereits an, dass sich meine Chefin sehr auf mich verlässt und mir vieles von ihren Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten rüberschob. Ich war so dumm und akzeptierte das, denn sie ist ja meine Vorgesetzte.
Die neue Position begann im letzten Jahr. Zeitgleich setzte ich unter Rücksprache mit meinem Psychiater mein langjährig eingenommenes Antidepressivum ab. Brauche ich nicht mehr, bin ja solange schon stabil. Fand auch der Doc, wenngleich er mich auch warnte, ich solle das Absetzen nicht zu sportlich angehen. Ich habe es ganz langsam gemacht und es klappte sogar, auch wenn es mitunter unangenehm war (brain zaps und so).
Die neue Position beinhaltete das, was ich vorher schon machte plus ein neuer Aufgabenbereich sowie Führungsverantwortung. Im Grunde, wie ich später rausfand, sind es 1.5 Vollzeitstellen. Ich habe schnell gemerkt, dass der work load sehr hoch ist. Ich kam kaum hinterher. Dauerstress eben. Meine physischen Symptome der letzten Jahre (Verspannungen, Tinnitus) waren nie wirklich weg, aber nun meldeten sie sich verstärkt. Mein Selbstvertrauen wurde peu a peu weniger, bis ich schließlich soziale Ängste entwickelte. Ich dachte, ich hätte sie aber noch unter Kontrolle und sah sie als lästige aber temporäre Nebenwirkung des abgesetzten Antidepressivums. Ich machte weiter wie bisher.
Der Herbst war anstrengend. Ich fieberte dem Weihnachtsurlaub entgegen. Letztlich habe ich dann 1 der 2 Wochen Urlaub gearbeitet, weil ich meine To Do Liste abarbeiten wollte, um innerlich endlich abschalten zu können. In meinem Bereich ist es normalisiert, dass man sowas tut. Am Wochenende vor Arbeitsstart nach dem Urlaub kam die Nervosität wieder. Angst vor der Arbeit, Grübeleien, wie Steine im Magen. Ein ekelhaftes Gefühl.
Diese Woche dann: Auf dem Weg zur Arbeit fange ich plötzlich an zu weinen, weil ich Angst vor dem Tag habe. Ich versuche mich zu beruhigen. Der Tag zuvor war schon schlimm: Nach nur 3.5 Stunden Schlaf war mir den ganzen Tag so schwindelig. Dennoch musste ich performen. Habe ich hinbekommen, auch wenn ich unzufrieden mit mir war. Ich schleppte mich also ins Büro. Dort wieder: Unkontrolliertes Weinen, Angst, Zittern, Kopf leer. Ich hätte 30 Minuten später eine Präsentation halten müssen. Ich bin einfach gegangen, habe mich krankgemeldet für den Tag. Zuhause bin ich erneut zusammengebrochen: Weinen, zittern, Schnappatmung, das volle Programm. Ich konnte kaum reden. zittrige Stimme. Diese Attacken kamen den Tag über immer wieder. Ich war so fertig und hatte Angst, was nun kommt. Kontrollverlustgefühl, das gerade anhält. Das war vorgestern.
Gestern war ich beim Hausarzt, habe - erneut unter Zittern (ich war so nervös, dass mir nicht geglaubt wird) -geschildert, was gestern los war. Dass ich keine Kraft mehr habe. Er hat mich erstmal 2 Wochen krank geschrieben, Überweisung zum Therapeuten mit Dringlichkeit, körperlicher Check und Wiedervorstellung dann in 13 Tagen. Anpassungsstörung.
Mir ist seit längerem klar, dass ich in dem Feld, in dem ich gerade tätig bin, langfristig nicht mehr arbeiten will. Es gibt hier lediglich einen Karrierepfad und der ist steil und sehr beschwerlich. Ich habe ihn fast geschafft, aber die Luft hier oben, fast am Zipfel, ist so enorm dünn. Die, die sich hier oben aufhalten, weisen aus meiner Sicht fast alle Charaktereigenschaften auf, die ich verachte. Anders kommt man hier oben wohl nicht klar. Oder anders schafft man es gar nicht bis ganz nach oben oder so. Na jedenfalls kann ich nun aus nächster Nähe erkennen, dass ich hier eigentlich nicht hingehöre(n will). Problem ist: Ich bin so ausgebrannt und verunsichert, dass ich mir nichts mehr zutraue und gar nicht weiß, was ich sonst machen sollte. Ich fühle mich wie gefangen. Der Imposter in mir bangt gleichzeitig, dass ich bald auffliegen werde. Ich habe keine Kraft für eine Neuorientierung, dabei wünsche ich sie mir sehr.
Meine Vorgesetzte habe ich über die Arbeitsunfähigkeit informiert. Sie fragte,ob ich dennoch währenddessen Aufgabe X und Aufgabe Y erledigen könne, will am Montag mit mir telefonieren, würde gern wissen, was ich habe, will schonmal die Arbeit koordinieren, wenn ich dann in zwei Wochen wieder da bin. Ich bin fassungslos. Aber eigentlich ist solches Verhalten normalisiert in meinem Bereich. Im November hatte ich ihr schon mitgeteilt, dass der work load für mich zu hoch sei. Sie hat es zwar verstanden, aber verändert hat sich nichts (das liegt, schätze ich, daran, dass sie selbst extrem überarbeitet und überfordert ist).
Ich glaube, niemand bei mir auf Arbeit vermutet, wie es gerade um mich steht. Ich gelte als kompetent, als Arbeitstier, meist perfekt vorbereitet, verlässlich. Ich kann damit nicht umgehen, dass die Maske jetzt bröckelt. Es erzeugt massiven Stress in mir, dass ich jetzt ausfalle. Die zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit setzt mich bereits jetzt unter Druck: Ich muss bis dahin wieder fit werden, wie schaffe ich das? Es ist wie eine weitere Deadline, die ich erreichen muss. Wenn ich es nicht schaffe und weiter krank sein werde, was dann, wer kümmert sich dann um Liegengebliebenes, ich kann doch nicht einen Monat lang ausfallen (danach stehen übrigens 3.5 Wochen Urlaub an, d.h. ich wäre dann fast 2 Monaten weg gewesen). Wie soll ich denn dann erhobenen Hauptes wieder auf Arbeit erscheinen? Es wird Nachfragen geben. Der Gedanke daran erzeugt so viel Angst und Scham in mir, dass ich flüchten möchte.
Ich arbeite nun seit etwa 14 Jahren in dem aktuellen Bereich. Ihn zu verlassen, kommt mir wie Scheitern vor und macht mir große Angst. Ich habe nie etwas anderes gemacht, wenngleich ich doch einige (viele?) Skills habe, die ich auch in anderen Bereichen sehr gut einbringen könnte. Was, wenn ich vom Regen in die Traufe komme?
Ich bin hin und hergerissen. Ja seit Jahren. Ich habe so viel für die Karriere geopfert: Ich habe keine Familie, nichtmal eine Partnerschaft. Es ist eigentlich wirklich sehr traurig. Ich würde gern einen U-Turn hinlegen: wieder mehr Kapazitäten haben, mich auf andere Menschen einlassen zu können; einen weniger fordernden Job annehmen; ein zufriedeneres Leben. Mir fehlt die Kraft und die Courage dafür. Ich bin dann manchmal sehr von mir enttäuscht.
Ich weiß nichtmal, was ich mir mit diesem Post erhoffe. Ein erneuter Rat? Ein bisschen Zuspruch und Trost? Was würdet ihr in meiner Situation machen? Einige raten mir, endlich psychotherapeutische Begleitung in Anspruch zu nehmen. Aber das kann ja ewig dauern, bis sich dadurch Besserung einstellt. Wenn ich überhaupt einen Platz finde. Andere sehen mich in einer Reha. Wieder andere glauben, dass ich mich schnell erholen und dann weiter machen kann.
Ich würde gern den Kreislauf unterbrechen, aber es fehlt der Mut. Halte ich den Kreislauf aufrecht, wird es mir immer schlechter gehen. Catch-22.
Wie seid ihr mit dem Gefühl umgegangen, im Burnout all eure Kollegen und Chefs zu enttäuschen? Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen, möglichst schnell wieder gesund werden zu müssen? Und ganz konkret: Sollte ich meiner Chefin sagen,dass es bei mir um Burnout und nicht um irgendeinen Infekt oder so geht?