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Arbeitsunfähigkeit fühlt sich wie weitere Deadline an

F
Lieber Flipp,
Ich stehe genau an dem selben Punkt und kenne jeden Deiner Angstgedanken. Ich bin aktuell die 3.Woche krank geschrieben und möchte mich auch erst stabilisieren und dann bewerben. Mit meinen Studiengängen und Weiterbildungen werde ich einen Job bekommen- da bin ich sicher, nur sitzt gerade die Erschöpfung so tief. Arbeitsfähig bin ich gerade überhaupt nicht. - daher habe ich auch Existenzängste und frage mich wann endlich etwas meiner Kraft zurückkommt...Ab Anfang März habe ich einen Therapieplatz bekommen. Ich habe unzählige Anfragen gestellt und hatte dann wohl Glück in einer Praxis, die ohne Warteliste arbeitet und gerade einen Platz frei hatte. Ich hoffe, dass mich das gut unterstützen wird.
Inzwischen glaube ich, dass wir einen langen Weg vor uns haben, grundlegende Dinge ändern müssen und ständig Gefahr laufen unbemerkt in alte Muster zu verfallen.
Ganz lieben Gruß
Du bist nicht allein
Wir machen das selbe durch

x 3 #16


F
@Fina Da sind wir ja in ähnlichen Situationen. Wie gestaltest du deine Tage aktuell?

Ich war gestern beim Arzt. Er hat mich weiter krank geschrieben, war gar kein Problem. Er ist mir ggü. viel verständnisvoller als ich ^^.

Ich merke, wie ich mich unter Druck setze: Ich will möglichst schnell aus dem Tief raus, zwei Wochen Arbeitsunfähigkeit sollen reichen um einen neuen Job zu finden, in der Zeit will ich noch Liegengebliebenes X und Y erledigen, mit Freunden re-connecten und danach kurz in den Urlaub, um dann wieder durchzustarten. Wahrscheinlich wird das nichts werden. Aber so geht das in mir ab. Es gibt dann aber immer und immer wieder Tage, wo ich tagsüber de facto gar nichts auf die Reihe bekomme. Wo ich nur vor mich hin starre, grübele, depressiv bin. Nachts geht es mir am besten.

Enttäuscht bin ich aktuell von meiner Vorgesetzten. Ich habe ihr natürlich meine fortlaufende Krankschreibung mitgeteilt, aber auch erwähnt, dass ich nach meinem Urlaub eventuell wieder da bin. Fand sie gut. Gleichzeitig fragte sie wieder, ob ich in der nächsten Woche nicht X machen könne und Y müsste ich definitiv auch erledigen (eine kleine Sache von etwa 15 Minuten, aber eiegntlich bin ich ja arbeitsunfähig). Wenn ich wieder da bin, will sie mit mir sprechen über die Arbeitsverteilung, denn das sollte nicht wieder passieren. Ich weiß nicht wie ich die Bemerkung verstehen soll. Ich könnte sie wohlwollend verstehen, tue ich aber nicht, ich fühle mich eher unter Druck gesetzt und gemaßregelt oder so. Ich kann gar nicht klar darüber nachdenken. Ihre Mail hat mich gestern wieder so runter gezogen.

x 2 #17


A


Hallo Flipp,

Arbeitsunfähigkeit fühlt sich wie weitere Deadline an

x 3#3


F
@Flipp, Hey,
Ja, ich kenne das. Ich möchte auch so schnell wie möglich fit sein, warte jeden Tag drauf, glaube aber, dass gerade das Druck macht. Ich versuche mir zu sagen, dass es so lange dauert wie es dauert. Nach allem was ich von anderen gehört habe, kann das selbst bei milden Verläufen Monate dauern.
Weißt Du, ich habe mich immer sehr über die Arbeit profiliert; eigentlich weiß ich gar nicht mehr so wirklich wer ich bin ohne meine Arbeit oder was ich gerne mag, was mich ausmacht und Ruhe ust wirklich schlecht auszuhalten für mich.
Ich möchte mich jetzt auf den Weg machen, damit ich Nicht wieder in so eine Situation gerate, sobald es mir wieder gut geht.
Zu Deiner Frage: für uns scheint es natürlich mega schwer auszuhalten wenig am Tag zu machen, aber vormittags versuche ich am wenigsten zu machen, weil ich da die wenigstens Energie habe.
Ich habe mich einer Selbsthilfegruppe in meinem Umkreis angeschlossen. Das scheint eine gute Sache zu sein und ich freue mich auf die Treffen. Ansonsten lese ich viel, höre podcasts und habe einen Entspannungskurs gebucht.
Nachmittags habe ich etwas mehr Energie und lebe den Alltag mit meinem Sohn wenn er aus der Schule kommt. Insgesamt ist unser Alltag etwas ruhiger geworden.
Ich glaube, es braucht Zeit. Ubd wenn es mir besser geht, werde ich mich nach neuen Jobs umsehen.
Ich glaube, dass in solchen Krisen auch Kräfte liegen. Ich versuche also positiv ubd hoffnungsvoll zu bleiben.
Ganz liebe Grüße an Dich

x 3 #18


mecca
Lieber Flipp, ich möchte hierauf antworten.

Ich denke es ist wichtig jetzt keine Kurzschlussentscheidung zu treffen.
Verständlich das Du den Job und etwaige Schuldgefühle wegen der Dauerkrankheit abstreifen möchtest. Tu es nicht, verwechsle das nicht mit emotionalen und persölichen Beziehungen, versuche es sachlich zu sehen.

Es ist ein vertragliches Arrangement. Du bist austauschbar, niemand kommt zu Dir und sagt Danke, weil Du es dem Arbeitgeber leicht machst. Dieser zahlt am Ende auch Dein langes Krankengeld nicht.
Das zahlst Du im Grunde selber, mit den hohen Beiträgen die Du bereits viele Jahre eingezahlt hast. Na und? Bist Du eben 1 Jahr krank, das ist nur ein Bruchteil des Geldes was Du eingezahlt hast.

Versuche die Dinge als sachliche und pragmatische Schritte in einem unpersönlichen System zu betrachten. Am Ende kannst nur DU allein für Dich sorgen, auf Dich schauen und das richtige für Dich tun. Das wird kein Kollege, kein Arbeitgeber und kein Arzt machen. Warum? Weil alle nur Zahnräder und Zufallsbekanntschaften in einem System sind, Du bist in diesem System ein austauschbares Objekt. Das System hat klare Regeln.

Du musst jetzt nicht alles entscheiden, es ist verständlich das Du Angst hast und Druck spürst.

Mein Tipp:

Bleib im Job, lass Dich krankschreiben so lange es geht. Du hast 1,5 Jahre. Nimm Dir die Zeit. Krankengeld ist deutlich mehr als ALG1, ALG1 Zeit ist oft kürzer. Wenn Du krank und ALG 1 hintereinander koppelst hast Du sogar mindestens 2,5 Jahre Zeit gewonnen, um Dir zu überlegen was Du machst und vielleicht auch schon Dinge sanft anzugehen.

Kündigen kannst Du immernoch, wenn die Zeit des Krankengeld vorbei ist.
Formell gesehen, bist du während der Krankenzeit im Job immernoch angestellt - auch gut für den Lebenslauf.

Ich persönlich würde es nicht einsehen, meine persönlichen Rücklagen abzuschmelzen, um Zuhause sein zu können.

Und beim Arzt erzählst Du einfach wie es ist, niemand kann dir hinter die Stirn gucken. Übertreib ruhig ein bisschen, why not. Es ist eben eine komische unnatürliche Situation beim Arzt als Bittsteller aufzutreten, für etwas das man dringend braucht aus gesundheitlichen Gründen. Weil Du immer davon abhängig bist ob der Arzt dir glaubt, wie er über sowas denkt etc. Kanste Glück haben oder auch nicht. Psychiater würde ich empfehlen, die haben oft mehr verständnis für langwierige heilungsprozesse. Finde es selbst schlimm, das Burnout und Erschöpfung obwohl sie überall zu sehen sind so unter dem Radar der Schulmedizin laufen und wir alle in die Psychisch kranke Schublade gesteckt werden. So ist es eben im System. Leb damit, und hole für Dich das raus, was Du brauchst und was Dir hilft. Schuldgefühle brauchst Du nicht haben.

x 2 #19


mecca
Andererseits scheint mir, dass Du vielleicht noch in der Phase bist wo Du es Dir nicht ganz eingestehen willst. 2 Wochen, mit Freunden und Urlaub und dann zurück?

Das klingt für mich nach einem hochgepushten Nervensystem voll Adrenalin, das ständig in betrieb sein will um so etwas abfuhr zu erleben und dann in sich zusammenfällt, weil der Tank einfach leer ist. Jeder Energieschub ist nur auf Kredit, die Rechnung kann Dein Körper aktuell nicht zahlen.

Manchmal dauert es lange bis man das für sich einsieht, bis man es schafft es zu akzeptieren. Ich selbst habe meinen ersten Burnout mit Panikattacken lange weggedrückt und nicht akzeptieren wollen, so wie viele hier. In meinen zwanzigern habe ich auch noch etwas mehr Energie gehabt. Ich habe mich getrieben gefühlt, wollte vorwärts, wollte alles, freunde, Job, das ganze Tam Tam....wollte mehr als ich konnte.

Die Zeit und der Körper setzen dem dann bald schon eine Ende, wenn die inneren Depots erst richtig leer sind, wird der Fall nur tiefer, länger und schmerzhafter. Weil Du einsehen musst, wie sehr Du Dich verlassen hast, wie Du Deine Grenzen übergangen hast, wie Du am Ende leer und ausgehölt aufwachst. Wie Deine Kollegen und freunde und Arbeitgeber Dich f*cken und plötzlich niemand mehr da ist, wenn Du Pech hast.


Jeder muss sein Leben leben und seine Erfahrungen machen. Aber manchmal kann man auch aus den Fehlern anderer lernen um nicht in das gleiche Loch zu fallen. Lies mal hier im Forum, Du wirst Dich sicher oft wiedererkennen zwinkern Vielen ging es wie Dir, viele haben so gefühlt und so gedacht, mich eingeschlossen.

Pass auf Dich auf
und habe das gut im Blick.

#20

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