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Angst, nicht wieder in die Spur zu kommen

Feindbild
Erst einmal möchte ich mich kurz vorstellen. Irgendwie finde ich keinen Bereich, in den das rein passt, also schreibe ich es hier in dem mir am besten passenden Themenbereich.

Ich weiß noch nicht, ob ich am richtigen Platz bin. In meinem alten Forum fühlte ich mich sicher. Nur leider gibt es das Forum schon eine ganze Weile nicht mehr und jetzt suche ich etwas vergleichbares; einen Platz, an den ich kommen kann wenn mich das Gefühl beherrscht, dass alles was ich erreicht habe auseinander bricht. Ich bin 47, habe Familie, einen guten Job und kämpfe trotzdem schon mein halbes Leben gegen starke Ängste an. Alles im Griff haben auszustrahlen ist für mich essentiell, also merkt auch meistens keiner, wie es in mir aussieht. Ich habe eine manisch depressive Schwester, die immer wieder geschlossen stationär behandelt wird. Bei ihrem ersten Suizidversuch war ich mit 15 noch sehr jung. Im Jahr darauf verunglückte mein Bruder, was mir damals dann den Rest gab. Ab da hatte ich immer das Gefühl, dass ich für meine Eltern nichts gut genug machen konnte. Das ist bis heute so - nur, dass ich jetzt meine eigene Familie habe, die sich auf mich verlässt.

Im Moment verkrieche ich mich immer mehr. Der unsoziale Umgang in meiner Arbeit macht mich krank. Ich fühle mich in die Enge getrieben, kann aber nichts dagegen tun, weil die Vorgesetzte die mich erst belogen und benutzt hat um als neue Führungskraft fest eingestellt zu werden, die mir versprochene Beförderung jetzt einer neuen Mitarbeiterin gegeben hat, die ich seit Januar auch noch sehr intensiv eigentlich für eine andere Stelle einarbeite. Meine Chefin hat Migrationshintergrund, was sie bei jeder Art von Kritik als Grund für die Beschwerde anführt. Entweder man greift sie an, weil sie eine Frau ist, oder sie behauptet, derjenige wäre ein Rassist. Im öffentlichen Dienst lässt sich das leider momentan als Allzweckwaffe benutzen, also traut sich ihr Vorgesetzter nicht, etwas gegen sie zu unternehmen und bei der Stellenvergabe, muss aufgrund der zu erfüllenden Frauenquote die Kollegin auch einem gleichwertigen männlichen Bewerber vorgezogen werden - ist sie zwar nicht, aber das beurteilt ja meine Chefin und die ist ihre beste Freundin. Selbst unstrittige Themen werden abgewiegelt, indem sie sagt es lag an der Sprachbarriere. Sie spricht sehr monoton und versteht Betonungen nur bedingt. Also argumentiert sie mit Sätzen wie das habe ich zwar gesagt, aber ganz anders gemeint, oder das hast du im falschen Kontext verstanden, wenn du ihr anhand von Beispielen in einem offenen Gespräch begegnest. Das frustriert mich und es gibt wohl keinen anderen Weg für mich, als die Abteilung zu wechseln.

Mit der Enttäuschung den Job nicht bekommen zu haben kann ich leben, sowas passiert. Nur die menschliche Seite verletzt mich sehr, weil sie am Anfang so getan hat, als würde sie aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts gemobbt. Nachdem ich natürlich nicht mit einem freudigen klar, geb meinem Job ruhig deiner Freundin reagiert habe, wollte sie mich als aufbrausend und emotional darstellen. Corona kam da super gelegen, da wir so gut wie nie im Büro sind. Da kann man schon Gerüchte streuen, die schwer auszuräumen sind und natürlich sind auch keine Zeugen dabei, wenn man sich zum Beispiel am Telefon bei einer weit über den 40 Stunden liegenden Arbeitswoche anhört, dass man seine Überstunden einfach abfeiert und dann ja gar nicht zur Verfügung stehen würde. Aber mein Beruf ist nur ein Teil des Problems. Ich verliere die Kontrolle und das macht mir Angst.

Jetzt habe ich aber viel geschrieben. Eigentlich wollte ich nur Hallo sagen

23.10.2021 10:55 • x 5 #1


CCC
Hallo Bist Du in Therapie?

23.10.2021 20:32 • x 1 #2


A


Hallo Feindbild,

Angst, nicht wieder in die Spur zu kommen

x 3#3


Stromboli
Hi und willkommen
Du hast nicht nur Hallo sagen wollen und das ist auch gut so. Auch übermäßig lang ist dein Beitrag nicht geworden, und selbst wenn - hier soll ja Raum sein für alles, was du dir von der Seele schreiben möchtest. Also mach ruhig weiter damit. Vielleicht findest du ja eine ähnlich gute Forenheimat hier wie du sie schon mal hattest. Um dieses Vertrauen zu fassen, musst du dir die Zeit geben, die das braucht.
Es liest sich schon etwas toxisch, was du von deinem Job schreibst. Vermutlich tut es dir besser, die Abteilung zu wechseln.
Die chronischen psychischen Probleme rühren aber kaum primär davon her, um ihnen auf den Grund zu gehen, brauchst du eine gute Therapie.
Ganz liebe Grüsse, Stromboli

23.10.2021 21:23 • x 3 #3


Feindbild
Zitat von CCC:
Hallo Bist Du in Therapie?

Nein, das bin ich nicht, besser gesagt schon viele Jahre nicht mehr und damals, war es ein Heilpraktiker für Psychotherapie. Der Krankheit meiner Schwester wegen, liegen sehr viele Besuche in geschlossenen und auch natürlich offenen Stationen hinter mir. Da kamen Psychiater im klassischen Sinn für mich nie in Frage. Für meine Frau brach eine Welt zusammen, als ich ihr von den Sitzungen bei meinem Psychologen erzählte. Damit könnte ich gerade nicht umgehen.

Zitat von CCC:
Du hast nicht nur Hallo sagen wollen und das ist auch gut so.

Ja, das stimmt ... schwierig einen Einstieg zu finden, wenn ich wo neu bin. Für mich war das schon viel von mir, für einen öffentlichen Post. In meinem alten Forum habe ich ein Tagebuch geschrieben. Das half meistens mich zu beruhigen. Gäste konnten darin nicht lesen, aber andere User, die mir zum Teil über die Jahre sehr nah kamen. Im Moment fühle ich mich dafür noch zu neu hier.

Liebe Grüße
Feindbild

24.10.2021 06:59 • x 1 #4


Juju
Hallo ...
Ich möchte DIch hier herzlich willkommen heißen.
Ich war etwas irritiert von Deinem Namen, magst DU vielleicht bei Gelegenheit mal erzählen, wie es dazu kam, das Du Dich zu nennst? Das würde mich wirklich interessieren.

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du hier gut ankommst, Dich verstanden und angenommen fühlst, man Dich auffangen kann und Dich versteht.

Ich finde es allerdings sehr erschreckend, wie Deine Frau auf eine Psychotherapie reagiert? Magst Du das auch vielleicht mal erklären, bevor ich mir hier ein falsches Urteil bilde.
Generell finde auch ich, dass eine Therapie für dich unumgänglich ist, gerade schon wegen Deiner familiären Erlebnisse.

Liebe Grüße, Juju

24.10.2021 07:32 • x 2 #5


Feindbild
Hallo Juju,

lieben Dank für die herzliche Begrüßung. Warum ich mich Feindbild nenne... weil ich mich oft so fühle. Besonders in den letzten Monaten komme ich mir wie auf einem anderen Planeten vor. Die Menschen sind aggressiver, viel rücksichtsloser. Reaktionen werden schnell beleidigend, oder irrational. Neulich habe ich nur jemanden am Radweg überholt, der sich mit seinem E-Bike auf den Schlips getreten fühlte, weil ich ohne Motor an ihm vorbei gefahren bin - so sehr, dass er mich und dann auch meine Frau wüst beschimpft hat, die sich erst gar nicht mehr an ihm vorbei traute. Eigentlich eine Lappalie. Wie ich in solchen Situationen werde, erschreckt mich selbst beinahe genauso, wie mein Gegenüber. Abgesehen davon hieß ich auch so in meinem alten Forum und hoffte, dass mich vielleicht hier jemand wieder erkennt.

Als damals meine Therapie anfing, habe ich meiner Frau zunächst nicht davon erzählt, bis ihr die Überweisungen auf dem Kontoauszug auffielen. Wir standen beide beruflich unter Druck und waren irgendwie dauerhaft gereizt, zumal sie berufsbedingt viel in Hotels schlief und wir uns oft tagelang nur per Skype sehen konnten. Die Aussetzer meiner Schwester machten das alles noch anstrengender. Dutzende Anrufe am Tag, depressive Nachrichten am Anrufbeantworter. Drohungen, wenn man nicht zurückrufen würde, täte sie sich etwas an. Je nach Phase ging das über Monate, beruhigte sich kurz und fing dann wieder an. Nach der Beerdigung meiner Mutter terrorisierte sie meine Nachbarn und fragte, ob mir etwas passiert sei, weil sie uns nicht erreichen könnte - eine rief sie gegen Mitternacht an, die mich dann am Friedhof ansprach es wäre ihr zwar peinlich, aber ich solle das doch bitte abstellen. Man konnte nie sicher sein, was gerade wieder geschieht und mir ging's nach dem Tod meiner Mutter ja auch schlecht. Nicht selten sagte meine Frau wie froh sie wäre, dass ich so normal bin, also habe ich sie bei allem negativen außen vor gelassen, weil ich Angst hatte, sie auch noch zu verlieren. Für mich war das nachvollziehbar, nach all dem was sie von meiner Schwester mitbekam. Klar machte es sie traurig, mich in der Therapie zu sehen. Sie hat das mit dem Krankheitsbild meiner Schwester gleich gesetzt und das zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Wir haben lange gebraucht, um wieder zur Normalität zurück zu kehren... keine Ahnung, ob wir das noch einmal schaffen würden.

24.10.2021 09:41 • x 1 #6


Juju
Das hast Du mir sehr schön erklärt, Lieber F.
Ich habe mir schon so etwas, dass Dich Deine Frau evtl. mit Deiner Schwester vergleicht und die Situation gleichsetzt. Völlig verständlich nach den Erlebnissen und Erfahrungen die Ihr mit Deiner Schwester machen musstet. Vielleicht kannst Du ja eine geheime Therapie irgendwo machen.

24.10.2021 14:44 • x 1 #7


Hoffnung21
Hallo Feindbild,
ich denke auch, dass deine Frau nicht genau weiß, dass es deutliche Unterschiede bei psychischen Erkrankungen gibt. Ich war mit meinem Mann damals auf einem Vortrag über Depressionen für Patienten und Angehörige. Dort ist ihm dann erstmal aufgegangen, wie es mir eigentlich geht und welcher Teil auf die Erkrankung zurückzuführen ist. Vielleicht gibt es sowas auch mal in deiner Nähe.

Das andere ist die Tatsache, dass du die Therapie verheimlicht hast. Das würde mir als Ehefrau auch den Boden unter den Füßen wegziehen. Wenn mir mein Partner so etwas Wichtiges verschweigt wäre ich auch nicht gerade erfreut, um es mal vorsichtig zu formulieren, ich wäre zutiefst enttäuscht. Ich denke, hier ist Offenheit gefragt. Sei ehrlich zu deiner Frau und erkläre ihr auch, dass deine Erkrankung nicht mit der deiner Schwester gleichzusetzen ist.
Hast du mal an eine Reha gedacht? Mir hat das immer sehr gut geholfen.

LG Hoffnung21

28.10.2021 08:03 • x 1 #8


Feindbild
Hallo Hoffnung21,

weshalb ich ihr damals nicht von der Therapie erzählte, hatte mehrere Gründe. Es war schon auch viel Desillusionierung dabei, weil ihr Bild von mir als Fels in der Brandung natürlich litt. Ich bin nie der Typ gewesen, dem man sonderlich viel anmerkt...

Im Moment bin ich unsicher, was ich tun soll. Um mich ist gerade wieder so viel das mich frustriert und besonders beruflich, jagt eine Enttäuschung die andere. Meine neuen Kolleginnen machen mich krank. Heute hätte ich am liebsten wieder alles hingeworfen, aber unsere Existenz hängt natürlich an solchen Entscheidungen und da ist rein emotional zu handeln schlecht. Ich weiß nur, dass ich dort weg möchte.

28.10.2021 11:24 • x 1 #9


Juju
Was nützt Dich ein falsches Bild von wegen Fels in der Brandung ? Wobei ich denke, man kann jener auch in verschiedenen Bereichen sein oder auch mal nicht sein.
Wenn ich Dir einen Tipp geben darf, der Dich vielleicht etwas beruhigt.... Versuch mal etwas zu finden, was Du gut findest und richte Deinen Fokus darauf aus.

28.10.2021 11:41 • x 1 #10


Feindbild
Zitat von Juju:
Was nützt Dich ein falsches Bild von wegen Fels in der Brandung ? Wobei ich denke, man kann jener auch in verschiedenen Bereichen sein oder auch mal nicht sein. Wenn ich Dir einen Tipp geben darf, der Dich vielleicht etwas beruhigt.... Versuch mal etwas zu finden, was Du gut findest und richte Deinen ...

Wie gesagt, es waren mehrere Gründe. Bei mir sind viele Dinge gut, nur im Augenblick bricht gleichzeitig so viel auf mich herein, dass ich am liebsten alles hinter mir lassen würde. Es macht mich krank, wenn meine Chefin mir erst ins Gesicht lügt, mich ausnutzt und mir dann fast 2 Jahre später die mir versprochene Beförderung absagt, weil ihre neue Freundin die ich einarbeite auf einmal jetzt die Stelle bekommen sollte. Damit, dass keine weitere Stelle in der Höhe da ist, hätte ich noch leben können. Nur heute erfuhr ich, dass wieder eine neue Kollegin kommen soll, die in eine höhenwertige Stelle meiner Gruppe einmündet. Da stehe ich trotz B-Bewertung auf verlorenem Posten. Mich frustriert, dass ich immer so dumm bin mich ausnutzen zu lassen - dass ich nicht alles fallen lasse, obwohl mich die Situation ankotzt, weil der Rest der Gruppe ja auch nichts dafür kann. Am Ende des Tages endet beruflich wie privat gerade alles darin, dass ich nur noch die Wünsche anderer erfülle. Mir fehlt die Luft zum Atmen. Kurz gesagt, ich sehe gerade kein Land und ich möchte dem Menschen, der neben meiner Tochter noch etwas Gutes in mir weckt, keinesfalls weh tun.

28.10.2021 13:44 • #11


Juju
Kann ich verstehen, ich kann Dich verstehen. Wie gesagt, richte Deinen Blick auf die Dinge die gut in Deinem Leben sind. Das kann viel helfen.

28.10.2021 13:52 • x 1 #12


Dicky1999
Hallo @ all; auch ich bin neu hier und weiß nicht so recht, ob ich hier richtig bin .... ich möchte euch nicht langweilen, aber ich muss mir mal was von der Seele schreiben und hoffe vielleicht hier einen guten Rat zu bekommen, wie ich wieder in die Spur finden kann. Als ich 16 Jahre alt war habe ich meine damalige Freundin bei einer Herz - op verloren. nur sehr kurze zeit später verstarb mein Vater an einer Lungenembolie. ich muss jetzt dazu sagen, dass meine Eltern damals geschieden waren und ich bis zum Tod meines Vaters bei ihm aufwuchs; danach musste ich zu meiner Mutter obwohl ich einen Heim Aufenthalt sicherlich vorgezogen hätte. schon als Kind gab man mir immer das Gefühl, nicht erwünscht gewesen zu sein, egal , was auch immer passierte ...ich war schuld. da meine Erzeugerin wieder geheiratet hat wurde von mir verlangt, dass ich einen ...sorry für den folgenden Ausdruck .... völlig geistig unterbelichteten Menschen als Vater akzeptieren sollte. Das ging gar nicht. Dieser Typ hat dann noch meine Schwester unsittlich angefasst ; daraufhin habe ich ihn durchgelassen ( ich war damals 17 ). Seit nunmehr 14 Jahren arbeite ich bei einer Firma, die Fenster herstellt. Seit über 10 Jahren werde ich dort von meinem Betriebsleiter gebosst ( ich bin schwerbehindert mit GdB von 70 ). Mehrfach hat mein Chef versucht, mich zu kündigen; erst mit Hilfe einer Falschaussage hat er eine Zustimmung zur fristlosen Kündigung durch das Integrationsamt bekommen. Im darauffolgenden Arbeitsgerichtlichen Verfahren war er unterlegen und alle versuche, mich zu entsorgen wurden annulliert. Erst mit Hilfe des Integrationsamtes habe ich nun einen Arbeitsplatz, den ich auch ohne größere Probleme besetzen kann ( man hat mir vorher Arbeiten übertragen, die ich nicht oder zumindest nicht lange ohne Probleme verrichten konnte) ; erhöhter Krankenstand waren hier die Folge. So weit so gut ; nur trauen kann ich echt niemandem mehr. Mittlerweile meide ich Menschen, wo immer ich kann Ich habe nun echt die Reißleine gezogen und eine psychosomatische Reha gemacht. Mir wurden unter anderem Anpassungsstörungen diagnostiziert. Da meine Frau und ich vor 6 Jahren ein Haus gekauft haben und meine Frau leider nicht mehr arbeiten kann ( kleine EU -Rente ) musste ich mir einen 2.Job suchen um die Hypotheken zu tragen. Also arbeite ich nun von 2 Uhr nachts bis ca. 16 Uhr nachmittags, so dass ich eigentlich nichts mehr merke. Einen Freundeskreis habe ich schon lange nicht mehr und unter Menschen gehe ich auch schon lange nicht mehr. Selbst die Kommunikation habe ich nahezu auf den Nullpunkt abgesenkt; selbst mit meiner Frau wechsele ich kaum noch ein Wort ... und auf der Arbeit hört man von mir außer einem guten morgen nichts... ich kann mich selbst mit fremden Menschen kaum bis gar nicht austauschen ... Menschen sind mir mittlerweile ein Dorn im Auge; ich bekomme es auch schon nicht einmal mehr hin, ein Problem mit meiner Frau zu besprechen / lösen ....meistens schweige ich nur noch .... und ein Psychotherapieplatz ist leider auch nicht am Start .... Bin ich denn so ein schlechter Mensch ? Ich suche Frieden und Harmonie (zumindest zu Hause ) und irgendwie bekomme ich das Gefühl immer mit 360 Stundenkilometern gegen eine parkende Faust zu laufen ...

22.01.2022 23:08 • #13


Feindbild
Ich war lange nicht mehr hier. Seit meinem letzten Post ist über ein Jahr verflogen, von dem ich mich an kaum etwas erinnern mag. Meine damalige Situation war ganzheitlich sehr verfahren. Ich stand vor kaum überwindbaren Problemen im Job und privat lief es ebenfalls schlecht. Wenigstens beruflich hatte sich im Dezember damals noch etwas getan. Es gab ein Eskalationsgespräch mit meiner Chefin und ihrem Chef, das ihre kurzfristige Versetzung zur Folge hatte. Zudem bekam sie ein Verbot mich zu Kontaktieren, soweit kein zwingend dienstliches Interesse vorlag. Alles in Allem ein lange notwendiges Ende einer toxischen Beziehung, die uns beiden am Ende schadete.

Nach ihrem Weggang kam im März ein neuer Chef - diesmal ein Mann, entgegen der Vorgabe Frauen in Führung, die in unserer Abteilung zum wiederholten Male unschön endete, weil für die Quote kein Mann befördert werden durfte. In der IT schwierig, da ja bekanntlich der Anteil an Frauen gering ist. Mit dem Wechsel fiel plötzlich wieder auf, was ich tatsächlich alles tue und dass man mich nicht gehen lassen möchte. Ich bekam 2 neue Projekte, wurde auch für Gutes plötzlich wieder gelobt, aber eine höhere Stelle, die meine jetzigen Aufgaben schon problemlos rechtfertigen, habe ich immer noch nicht. War erst mal auch weniger wichtig. Ich brauchte gut ein halbes Jahr, bis es mir psychisch wieder besser ging. Auch wenn ich über diese Zeit Stundenlang schreiben könnte, fällt mir die Erinnerung schwer. Bestimmte Gedanken und oft ganz normal wirkende Situationen triggern mich. Im Moment bin ich fast nur im Homeoffice - ein echtes Plus, weil ich einfach auflegen kann wenn mein Gesprächspartner anstrengend ist, oder mir eine Argumentation zu dumm wird. Kommt seltener vor, nur ist der Ehrlichkeitsgehalt bei der Kollegin die meinen Job damals ergaunert hat derart gering, dass ich sie gelegentlich charmant aber bestimmt gegen die Wand laufen lasse, was vor Ort im Büro natürlich nicht so leicht ginge.

Obwohl sich mein Beruf wieder normalisiert hat, stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Ich kann dieses Jahr in eine andere Abteilung auf eine höhere Stelle wechseln. Der Fachbereichsleiter fand mich gut und liebt meine Skills, weil er sich im Punkto IT bisher auf meine Abteilung verlassen muss, was mit dem Wechsel obsolet wird. Das Projekt startet allerdings erst Mitte des Jahres, also vergehen noch ein paar Monate. Passt mir ganz gut rein, weil wir vorher so noch einen Urlaub machen können, der länger als eine Woche dauert. Ist ja immer schlecht in der Probezeit, wenn jemand gleich einige Wochen fehlt.

Aber jetzt geht mir die Energie zum schreiben aus...

19.01.2023 17:00 • x 1 #14


Feindbild
Und wieder sind einige Tage vergangen. Ich vergesse immer noch viel, auch wenn es besser wird... hauptsächlich wenn ich Stress habe oder mich ärgere, was in den letzten Jahren ja ein Dauerzustand war - wenigstens bis zu der Zwangsversetzung meiner damaligen Chefin. Trotz ihres Wechsels hat das alles viel in mir kaputt gemacht. Ich komme immer öfter an meine Grenze, werde schnell Müde und bin genauso schnell genervt. Mir macht kaum mehr etwas Freude. Ist ja immer was Anderes, oder es geht mir gerade nicht so gut. In letzter Zeit habe ich ständig Kopfschmerzen. Die letzten Wochen wird mir immer wieder mal schwindlig und dabei auch übel. Das kommt abrupt, geht aber bis auf das Kopfweh auch schnell wieder vorbei. Wir haben deshalb jetzt eine Massagepistole gekauft, weil ich denke, das liegt an der Muskulatur am Kopf und im Nacken. Jeder sagt ich soll zum Arzt, aber ich kann einfach bis auf wenige Ausnahmen niemandem mehr wirklich vertrauen. Dafür wurde ich zu lange von Menschen enttäuscht, denen ich vertraut hatte und die letzte Diskussion mit meinem Arzt, ging um Kosten für Untersuchungen, die ich auch selbst bezahle wenn es sein muss, weil mich schon interessiert, weshalb ich bestimmte Ausfallerscheinungen habe. Am Ende Gab´s einen simplen Bluttest und die Erkenntnis, dass für Menschen wie mich jeder Cent zu viel ist.

Mein neuer Chef merkt das auch immer wieder, wenn wir unsere Einzelgespräche führen. Er erwartet einen Vertrauensvorschuss, aber nachdem er bisher nichts für mich getan hat und sich mit meiner Ex-Chefin gut versteht, kann ich das einfach nicht. Ich blocke völlig ab, sobald wieder ein neues Team Event von ihm geplant wird, oder auch nur Essen gehen im Raum steht. Ich möchte meine Kollegen nicht in unseren Freundeskreis integrieren, nur weil sie sonst keinen haben, der mit ihnen befreundet sein mag. Ich kann diese ständig sich in den Vordergrund drängen Mentalität nicht leiden. Solche Leute strengen mich unglaublich an. Sobald ich physisch in die Arbeit fahren muss, belastet mich das in der Nacht davor schon sehr. Da brauche ich davon ganz sicher keinen in unseren eigenen 4 Wänden.

Morgen und Mittwoch muss ich wegen einem Workshop präsent in die Arbeit. Schon jetzt frustriert mich das extrem, aber irgendwie bekomme ich die 2 Tage schon rum, ohne meinen Lieblingsmenschen zu sagen, was ich wirklich von ihnen halte. Danach arbeite ich erst einmal wieder nur von Zuhause. Dass ich keine Energie mehr habe, regt mich am Meisten auf. Meine Hobbys bleiben liegen. Sogar Kino ist ein Gewaltakt. Nächste Woche wollen wir in den Zweiten Teil von Avatar. Alleine die Planung wann wer Zeit hat um das unter einen Hut zu bringen, regt mich auf. Hab's jetzt meiner Frau überlassen, ohne die ich im Moment wirklich aufgeschmissen bin. Sie übernimmt viel Kopf Geschichten, für die ich keine Energie habe. Ich hoffe das ändert sich wieder. Im Moment ist sie allerdings wegen dem geplanten Wechsel ziemlich angefressen. Sie sagt es ist zu früh... dass ich noch angeschlagen bin und mir mehr Zeit nehmen soll. Ich weiß selbst nicht, was im Moment richtig für mich ist...

23.01.2023 20:39 • #15


Feindbild
Auch heute frage ich mich, ob ich mich richtig entscheide. Ich bin müde. Mir fehlt zu allem die Motivation, aber ein Wechsel ist trotz aller Risiken längst überfällig. Die regelmäßigen Workshops um das Team zu sehen strengen mich unglaublich an. Jeder lächelt lieb; versucht charmant und clever zu sein. Mir gelingt das nur noch zum Teil. Wenn mir alles zu surreal wird, kommt klare Kritik irgendwie ungebremst raus. Meine Abteilung wurde mit dem vielen Homeoffice verlogen und oberflächlich. Wie´s geht zeigt uns ja die Politik und unsere Führungskräfte haben das Mist erzählen und warten was passiert Modell sehr schnell im Covid Dauer Homeoffice für sich entdeckt. Aber gut, es ist Wochenende und ich versuche meinen Job aus dem Kopf zu bekommen. Wenigstens für ein paar Stunden, was mir durch die vielen ToDo´s gestern und Heute teilweise auch gelingt... Holz machen, Auto richten lassen, Garage aufräumen und zu guter letzt gehen wir gleich mit Freunden essen. So wirklich freuen kann ich mich nicht. Das geht generell in den letzten Monaten kaum noch. Meistens bin ich müde, lege mich hin und bin dann von mir enttäuscht, weil der Tag nutzlos verstrichen ist. Käme meine Frau nicht immer mal ums Eck mit irgendwas wichtigem, würde ich wohl nur noch schlafen. Aber jetzt muss ich los, mir den Wanst voll schlagen

29.01.2023 17:01 • #16


Leon84
Hallo Feindbild,

Ich kann deine Situation sehr gut nachvollziehen, bin befand mich in einer ähnlichen Situation vor einem Jahr. (Familie, Beruf, keine Energie mehr haben, usw...) - Bin dann mit totalen Konzentrationsproblemen ins Burnout geraten, war 6 Wochen Krankenstand und danach 2 Wochen Urlaub. Momentan geht es wieder bergauf aber nur langsam.

Anscheinend funktionierst du auch noch komplett (Arbeiten, Familie/Freunde, etc.) nur dass es dir keine Freude macht. Das ist verständlich.

Wie gesagt eine Therapie würde da sicher helfen, auch eventuell mal für eine Zeit Medikamente. Und zu guter letzt sicher auch mal eine Auszeit (eventuell Reha oder Sabbatical... in der heutigen Zeit mit Arbeitskräftemangel kann man da entspannter sein...)

29.01.2023 18:49 • x 1 #17


Feindbild
Hallo Leon,

ich weiß was du meinst. Die letzten Jahre habe ich sehr viel an Gelassenheit verloren. Mit dem Führungswechsel vor 3 Jahren zog bei uns das Chaos ein. Ständig unvorbereitet in Telko´s reingezogen werden, um spontan fachliche Probleme zu lösen über die meine Mädchens sich schon mit den anderen Beteiligten erfolglos den hohlen Kopf zerbrachen, stand ab da ebenso auf der Tagesordnung, wie die psycho Anrufe meiner persischen Führungskraft jeden Morgen. 2021, wie das Mobbing gegen mich losging, habe ich schließlich ein 2 Monate Sabbatical für Ostern 2022 abgesprochen. Leider hat meine Chefin auch diese Vereinbarung gebrochen. Schon heftig, wenn gerade die Kollegin, die meine Beförderung bekommt nicht fit genug ist, um mich wie ausgemacht 2 Monate Auszeit machen zu lassen.

Anfang letzten Jahres hat mir das ewige Gezanke nicht nur meine Energie geraubt. Ich kann gar nicht sagen wie oft ein ich kann nicht mehr oder ich will nicht mehr durch meinen Kopf schoss. Hinter mir lagen Termine mit dem Personalrat, ein Eskalationsgespräch, Monate voller Lügen und Beleidigungen und letztlich auch die Gewissheit, dass ich in meiner Abteilung wohl nicht mehr weiter komme, weil meine Chefin im März wegen mir letzten Endes wechseln musste. Obwohl sie weg ist, blieb immer ein Fader Beigeschmack. Sie versuchte sich bei jeder Gelegenheit als Opfer darzustellen und meinte ich hätte sie nur deshalb angegriffen, weil sie eine ausländische Frau mit Sprachbarriere wäre. Nachdem man sich durch das dauerhafte Homeoffice nicht sah (damals noch 100 Prozent), kostete es mich viel Energie ihre Lügerei zu entkräften. Zum Glück kannten mich nicht nur meine Kollegen, sondern auch ihr Chef gut genug, um ihr nicht alles einfach blind zu glauben.

Seit damals fühlt sich alles irgendwie gleich an. Ohne Motivationsschub komme ich kaum noch in Bewegung. In Corona haben wir einen Fitness Raum eingerichtet. Ich muss also nicht in ein Studio, bin aber trotzdem zu faul mich auf´s Laufband, oder eines der anderen Geräte zu schwingen. Ich verlasse das Haus nur, wenn's unbedingt sein muss. Menschen nerven mich - mehr noch, sie strengen mich unglaublich an. Ohne meine Frau würde ich wohl mein Essen liefern lassen und mich nur noch zwischen Couch und Rechner bewegen.

Ganz untätig sind wir allerdings nicht. Ostern sind 3 Wochen Urlaub geplant. Ich möchte gerne nach Spanien... eine Kombination aus Urlaub und Homeoffice, solange ich das noch im Ausland machen darf. Mal sehen, wie wir das hinbekommen. Meine Frau hat auch nur begrenzt Urlaub. Was Tabletten angeht weiß ich nicht, wieviel du von mir gelesen hast... meine Schwester ist schon 30 Jahre in Behandlung. Da bekomme ich regelmäßig mit, wie einen Psychopharmaka verändern können, ohne dass man es selbst merkt. Wenn ich das Wissen klar zu denken auch noch verliere, wäre das echt schlimm für mich.

Jetzt habe ich aber sehr viel geschrieben.

30.01.2023 21:43 • #18


Feindbild
Heute ist wieder einer der schlechteren Tage. Mein Kopf ist voll mit überflüssigem Ärger. Meine Kollegen haben irgendwie mitbekommen, dass ich wechseln möchte. Der Flurfunk kennt sogar schon ein Datum, was spannend ist, denn das kenne ich ja noch nicht einmal selbst. Zudem dürfte außer meinem SBL niemand davon wissen. Ich hasse es, wenn ich mit meinem Chef spreche und der dann unter dem Siegel der Verschwiegenheit darüber mit anderen redet. Klar braucht er Ersatz für mich, aber solange ich selber noch keine Info habe ob der Wechsel wirklich klappt, bleibt die neue Stelle das, worüber wir gesprochen hatten - eine Option die ich mir frei halte, wenn auch dieses Jahr wieder keine Entwicklung stattfindet. War wohl ein Fehler. Ich sollte es aufgeben fair zu sein. Jetzt gehe ich wieder an meine Arbeit. Bin im Homeoffice... zum Glück, denn einige meiner Kollegen im Büro zu sehen ist gerade das letzte, worauf ich Lust habe.

Gestern 07:21 • #19


Leon84
Zitat von Feindbild:
Morgen und Mittwoch muss ich wegen einem Workshop präsent in die Arbeit. Schon jetzt frustriert mich das extrem, aber irgendwie bekomme ich die 2 Tage schon rum, ohne meinen Lieblingsmenschen zu sagen, was ich wirklich von ihnen halte. Danach arbeite ich erst einmal wieder nur von Zuhause

Das kann ich gut verstehen und auch nachvollziehen - So ein Workshop kann auch ordentlichj an die Substanz gehen - hatte auch einen gerade, offsite, 2 Tage mit nur 3 Leuten (Strategieworkshop) und bla bla bla machen. Vor allem der fehlende Rückzugsmöglichkeit ging mir ab, immer präsent zu sein, happy people zu spielen.

Aber, alles wird gut, es wird besser werden!

Heute 08:21 • x 1 #20


A


Hallo Feindbild,

x 4#21


Feindbild
Zitat von Leon84:
Das kann ich gut verstehen und auch nachvollziehen - So ein Workshop kann auch ordentlichj an die Substanz gehen - hatte auch einen gerade, offsite, 2 Tage mit nur 3 Leuten (Strategieworkshop) und bla bla bla machen. Vor allem der fehlende Rückzugsmöglichkeit ging mir ab, immer präsent zu sein, happy people zu ...

Ich frage mich oft, wie das früher bei mir ging. Was vor Covid ganz normal war, ist für mich inzwischen beinahe unvorstellbar. 2 Tage am Stück in Präsenz fühlen sich an wie eine ganze Woche. Meine Bürotage wähle ich in der Regel nach Anwesenheit aus. Je weniger desto angenehmer. Trotzdem habe ich immer meinen Over Ear Kopfhörer dabei. So blende ich nervige Unterhaltungen aus und konzentriere mich auf das Wesentliche.

In den Workshops ist das anders. Da muss ich konzentriert und umgänglich sein. Natürlich positiv gestimmt und egal wie schlecht, jeder noch so unsinnige Vorstoß wird wohlwollend diskutiert. Fachlich indiskutable Themen sind früher kurz angerissen und dann als das beendet worden, was sie waren - grober Unfug. Heute diskutieren wir darüber etwas auszuprobieren, das wir schon einmal als nicht zielführend verworfen hatten, weil irgendeine Hohlbirne probieren können wir das ja mal aus ihrem hohlen Schädel quetscht. Aber ich merke gerade, mich regt das schon beim Schreiben auf...

Vor 42 Minuten • #21

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