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Achtsamkeit - im Hier und Jetzt SEIN

Sifu

Sifu
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Ich bin ja selbst ein großer Fan von Eckhart Tolles Methoden der Achtsamkeit, aber dieser Psychologe hier gibt mir zu denken.


von Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann

Der emotionale Panikraum oder die Rückentwicklung zum Goldfisch

Warum wollen wir uns oft so verzweifelt in den Moment flüchten?
Weil die Alternativen für das menschliche Gehirn unerträglich sind. Die Vergangenheit ist meist ein Friedhof aus Reue, schlechten Entscheidungen und emotionalen Kränkungen.
Die Zukunft hingegen ist ein unerbittlicher Countdown zur eigenen physischen Nichtwerdung. Das ständige Hineinzoomen in den mikroskopischen Atemzug oder den achtsamen Schluck Tee ist nichts anderes als das kognitive Wegsehen eines traumatisierten Egos. Das „Jetzt“ ist nur für viele ein steriler Panikraum, in dem man sich vor der Makro-Erzählung des eigenen Verfalls verstecken will.

Bitte verwechseln Sie das nicht: Die Romantisierung des „Hier und Jetzt“ hat weniger mit spirituelle Erleuchtung zu tun. Sie ist pure psychologische Feigheit.

Wir feiern Achtsamkeit als das ultimative Gegengift zur modernen Erschöpfung. Doch die psychologische Realität ist weitaus zynischer. „Was bleibt, ist das Jetzt“ ist das Mantra einer kollektiven, intellektuellen Regression.

Denn so beginnt die Rückentwicklung zum Goldfisch: Das, was den Menschen evolutionär vom Tier unterscheidet, ist die schmerzhafte Fähigkeit zur mentalen Zeitreise. Wir können Konsequenzen antizipieren und historische Narrative weben. Die milliardenschwere Achtsamkeitsindustrie verkauft uns nun den freiwilligen Verzicht auf diese kognitive Superkraft als „Erwachen“. Wir bezahlen Coaches dafür, uns den intellektuellen Horizont eines Pantoffeltierchens anzutrainieren: Reiner Reiz, reine Reaktion, alles im isolierten Präsens.

Und nicht zu vergessen: Kein System profitiert mehr vom Kult des Jetzt als der moderne Kapitalismus. Wer ausschließlich im gegenwärtigen Moment verwurzelt ist, plant selten Revolutionen. Er verknüpft keine historischen Ungerechtigkeiten und entwirft keine radikalen Utopien für die Zukunft. Er atmet einfach tief ein und akzeptiert das furchtbare Meeting, den Burnout und die kaputte Welt um sich herum mit radikaler Akzeptanz. Achtsamkeit ist dann das Valium der Leistungsebene.

Zu akzeptieren, dass man ein biologisches Wesen ist, das unweigerlich durch die Zeit geschleift wird, erfordert Mut und Akzeptanz. Daher wird Achtsamkeit oft falsch interpretiert: Die reine Fokussierung auf das „Jetzt“ ist oft leider der naive Versuch, den Schmerz der Vergänglichkeit wegzumeditieren.

Doch Sinn entsteht niemals im isolierten Moment. Ein einzelner musikalischer Ton (das Jetzt) ist völlig bedeutungslos. Die Melodie existiert nur durch die Erinnerung an den vorherigen Ton und die bange Erwartung des nächsten.
Umarmen Sie den Schmerz der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft; denn genau diese chronologische Zerrissenheit ist die Quelle von Wert und mentaler Souveränität. Und ökonomisch interpretierte Achtsamkeit entsteht genau in dieser Moderation von Narration und Imagination.
Das ist mentale Ökonomie.

#1


3 Antworten ↓

FranzFranz
Jeder muss die für ihn passende Balance zwischen gestern - hier - morgen selber finden.

x 1 #2


A


Hallo Sifu,

Achtsamkeit - im Hier und Jetzt SEIN

x 3#3


Stromboli
Mich beeindrucken weder Tolle und andere Hier und Jetzt-Protagonisten noch die Ausführungen von Prof. Dr. Dr. Hofmann. (Bei so vielen honorigen Titeln ist es ja schon wichtig, die Vergangenheit nicht aus dem Blick zu verlieren, sonst könnten sie womöglich noch unwichtig erscheinen ...) Das Einzige, was mir daran gut gefällt, ist das Bild mit der Tonfolge bzw. Melodie. Aber im Übrigen empfinde ich es voll von beissender, latenter Aggressivität und Zynismus.

Prof. Hofmann nimmt vermutlich das "Jetzt" allzu wörtlich. In dem Zusammenhang, in dem ich das "Jetzt" auch für mich sinnvoll empfinde, ist es lediglich ein Versuch, etwas in Sprache zu kleiden, was sich damit eigentlich nicht fassen lässt, aber mangels besserer Alternativen versuchen wir es halt doch und finden dann Begriffe, die, nimmt man sie wörtlich, nicht wirklich passen. Und dann geraten sich Menschen darüber in die Haare. Vgl. all die religiös motivierten Konflikte und Kriege rund um "Gott" - jeder klammert sich an das Bild, das er oder sie sich davon macht, und grenzt sich gegen andere Bilder ab, bis hin zum gnadenlosen Kampf dagegen. Vielleicht kennt ihr das Gleichnis vom Elefanten und den 7 Blinden. Das sagt eigentlich alles.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten "Hier und Jetzt". Natürlich verstehen das viele in dem Sinn, den Prof. Hofmann kritisiert. Was aber nichts über den eigentlichen Sinn davon aussagt. Für mich sind im "Hier und Jetzt" alle erlebten und noch kommenden Augenblicke und Erfahrungen mit enthalten. Und ich glaube, so meinen es jene Weisen auch, die es als Wortvehikel mit spiritueller Bedeutung verwenden. Es lässt sich, wie alles, was mit der letzten Wahrheit zu tun hat, schlicht und ergreifend nicht mit dem Verstand und seiner Sprache fassen. So wenig wie man den Geschmack eines Apfels mit einer Abhandlung darüber fassbar machen kann.

x 1 #3


Dys
Zitat von Sifu:
Ich bin ja selbst ein großer Fan von Eckhart Tolles Methoden der Achtsamkeit, aber dieser Psychologe hier gibt mir zu denken.

Wie kann man das verstehen? Bei Tolles Narrativen hast Du das Denken abgelegt?
Vielleicht hilft der Gedanke, dass wenn jemand etwas, was auch immer das sein mag, in höchsten Tönen lobt und als non plus Ultra wähnt, es immer jemanden geben wird, der das genaue Gegenteil behauptet. Die Wahrheit und deren Gehalt für einen selbst und Andere, dürfte irgendwo dazwischen liegen.

#4

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