Verhaltenstherapie vs. tiefenpsychologische Verfahren

Hallo zusammen,

ich habe bisher vier probatorische Sitzungen bei einem Therapeuten absolviert, der tiefenpsychologisch fundiert arbeitet. Irgendwie habe ich das Ziel dieser Therapie noch nicht so ganz verstanden und ich weiß nicht, obs nun an dem Therapieansatz oder an der Person des Therapeuten oder auch an mir liegt. Meistens rede ich, hin und wieder sagt er zwar auch was Sinnvolles, stellt aber dann irgendwelche abstrusen Spekulationen über Zusammenhänge in meinem Elternhaus her, scheint aber dann meine Version meiner Lebensgeschichte in Frage zu stellen. Insbesondere gelingt es mir nicht ihm klarzumachen, dass mich bestimmte Verhaltensweisen (z.B. mein chaotisches Wesen, meine Nachdenklichkeit und Grüblererei) behindern. Seine Vermutung ist eher die, dass ich mir das vielleicht auch nur einrede, weil ich mich in meiner Kindheit von Lehrern oft wegen meiner Träumerei und Unkonzentriertheiten kritisiert wurde... ich solle vielleicht eher lernen, mich so zu akzepieren wie ich bin.

Fakt ist, dass ich mich derzeit einfach nur mies fühle. Ein paar Tage gehts mal gut, dann falle ich wieder in ein Loch. Meine Wahrnehmung ist, dass ich mir ständig selbst im Weg stehe... was ich sowas von satt habe. Mein Leben dreht sich ständig im Kreis und das schon seit meiner Kindheit, wobei ich eine ständige Angst verspüre, ob ich denn gerade das richtige mache oder sage. Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen fällt mir schwer, wobei ich durchaus aktiv kommunizieren kann. Aber ich bin die Unsicherheit in Person.

Nun bin ich schwer ins Grübeln geraten, ob nicht doch ein verhaltenstherapeutischer Ansatz für mich besser wäre. Dieser scheint mir doch zielorientierter zu sein, während mir bei dem jetzigen Therapeuten das Ziel noch unklar zu sein scheint. Es kann aber auch sein, dass mich derzeit die Sehnsucht nach einer einfachen, schnellen Lösung umtreibt (wobei mir schon klar ist, dass eine Verhaltenstherapie nicht einfach ist, da es doch sehr konkret darum geht, mich meinen Ängsten zu stellen).

Was sind Eure Erfahrungen mit den genannten Therapieformen? Das scheinen ja doch die gängigsten Formen zu sein, von der klassischen Psychonanalyse mal abgesehen... was hat Euch geholfen (und was nicht)?

01.02.2010 23:51 • #1


melancholic
Hm, also ich weiß ja nicht... Vielleicht solltest du noch einen weiteren Therapeuten, der tiefenpsychologisch arbeitet, "ausprobieren". Ich bin mir nicht sicher, ob man nach so kurzer Zeit schon feststellen kann, ob die Therapieform die richtige ist.

Ich selbst hatte eine Verhaltenstherapie gemacht, die mir kurzfristig auch geholfen hat. Längerfristig gesehen jedoch nicht, weil es bei mir nicht so viel bringt, nur an Gegewärtigen Symptomen zu arbeiten. Da ist viel mehr in mir drin, was schwelt und glimmt und verarbeitet werden muss. Eben die Wurzel des Übels, die herausgerissen werden muss.
Natürlich solltest du jetzt nicht von mir auf dich schließen, die Therapieform kann bei dir ja auch ganz anders "wirken" als bei mir.

02.02.2010 00:05 • #2


Hallo odysseus79,
Ziel einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist es die Ursachen für depressives Verhalten herauszufinden. Man geht davon aus, dass frühere Erlebnisse das Verhalten auf Jahre prägen kann. Ein plattes Beispiel dafür wäre: Trotz (scheinbar) gesundem Selbstbewusstsein verhält man sich ausgesprochen defensiv bis eineschüchtert in Situationen mit Autoritäten, wie dem Chef oder so. Ursache könnte der autoritäre Vater in der Kindheit gewesen sein. Weiß man um solche ursächlichen Zusammenhänge, kann man den fehlgesteuerten Emotionen besser entgegentreten.

Eine Verhaltenstherapie versucht durch gezielt abgesprochenen Vorgehensweisen das Verhalten zu ändern, das immer wieder zu Problemen führt. In meinem Beispiel würde z.B. die Situation mit dem Chef theoretisch durchgespielt und dann konkret in der Praxis eingeübt.

In der Tat kann die Verhaltenstherapie schneller zu Ergebnissen führen, diese Therapieform ist meistens auch kürzer. Aber wie melancholic schon geschrieben hat, kann es sein, dass es Einem am Ende möglicherweise nicht ausreicht, weil man wissen möchte, warum man sich so oder so verhält.

Hast du dich denn mit einem Psychiater schon mal beraten? Dieser könnte dir auch Hilfestellung bei der richtigen Therapieauswahl geben. Und wenn du dich mit dem jetzigen Therapeuten nicht wohl fühlst, dann such dir einen anderen. Denn selbst wenn du die richtige Therapie gewählt hast, für den Erfolg der Therapie ist auch das Verhältnis zum Therapeuten sehr wichtig. Der Therapeut sagt dir auch manchmal unangenehme Dinge, und um diese annehmen zu können und darüber nachdenken zu können, ist es unabdingbar, dass das Verhältnis Patient-Therapeut stimmig ist.

02.02.2010 09:20 • #3


Danke erstmal für Eure Antworten.

Wirklich beraten habe ich mich mit niemandem. Zwar hat mir meine Hausärztin vor einem halben Jahr eine Psychotherapie nahegelegt, weil sie mich wegen meiner Schlafstörungen auf alle möglichen organischen Ursachen abgeklopft hat und - welch Überaschung - nichts gefunden hat. Damals war ich aber noch nicht so weit. Kurz vor Weihnachten war ich aber derart verzweifelt, dass ich mir von der Informationsbörse Psychotherapie in Köln (falls hier noch jemand aus dem Raum Köln einen Therapeuten sucht: http://www.kvno.de/buerger/zip.html) drei Nummern habe geben lassen und zum ersten Therapeuten gegangen bin, der mir einen Termin noch in der selben Woche gegeben hat.

Mein Fehler war, dass ich nicht gleich zu mehreren gegangen bin... nunja, ich war ja froh, schnell einen Termin bekommen zu haben. So habe ich natürlich keinen Vergleich. Woher weiss ich denn, ob schon ein Antrag gestellt wurde? Gesagt wurde mir nämlich nichts...

Ich frage mich halt, ob es denn so viel bringt, bis ins kleinste Detail zu wissen, warum man depressiv ist. Mein Onkel beispielsweise behauptet, dass ihn seine jahrelange Psychoanalyse nur noch mehr verunsichert hat und führt seinen Kontrollzwang teilweise darauf zurück. Therapien können ja auch Nebenwirkungen haben.

Ich selbst sehe die Ursache meiner Depression in einem niedrigeren Selbstwertgefühl. Fragt sich natürlich, weshalb ich kein Selbstwertgefühl habe... da kann ich natürlich mal meine Kindheit aufarbeiten: ich konnte mich in der Grundschule schlecht in den Schulalltag einfügen, war ständig unkonzentriert und damals schon auf Anraten einer Kinder- und Jugendpsychologin eine Ergotherapie gemacht. Außerdem hatte ich motorische Entwicklungsstörungen und hatte regelrecht Angst vor dem Sportunterricht, wo ich mich natürlich von Mitschülern zurückgesetzt gefühlt habe. Meine Eltern haben sich viel gestritten, weshalb bis heute extrem konfliktscheu bin. Nicht zuletzt ist meine Mutter wenig auch selbstbewusst. Ich denke zumindest, dass ich schon einiges über mich weiß - die Frage ist nur wie ich das bewerte.

Nicht zuletzt ist mir erst mal wichtig, meinen Alltag ordentlich bewältigen zu können. Ich kann nicht jedesmal eine Stunde rumgrübeln, bevor ich mal anfange, meine Wohnung zu putzen. Meine Arbeitsleistung ist in letzter Zeit unterirdisch, weil ich nichts mehr auf die Reihe bringe (was natürlich mein Chef auch sieht). Und die Energie mir einen anderen Job zu suchen bringe ich derzeit nicht auf (habe ja eh schon Schwierigkeiten, mich gut zu verkaufen; jeder Personaler würde mir das auf 100 m Entfernung ansehen)... darum wäre schnelle Hilfe erstmal wichtig, auch wenn die Gefahr besteht, dass ich was "übersehen" habe.

Zitat:
Der Therapeut sagt dir auch manchmal unangenehme Dinge, und um diese annehmen zu können und darüber nachdenken zu können, ist es unabdingbar, dass das Verhältnis Patient-Therapeut stimmig ist.


Gerade das ist mir wichtig - der Therapeut muss bohrende Fragen stellen und die Finger in die entsprechenden Wunden legen, damit ich mich meinen Ängsten stellen kann. Der jetztige Therapeut stellt für meine Begriffe zu wenig Fragen, sondern hört zu und kommentiert. Für ihn spricht, dass er an sich ein netter Kerl ist bei dem man sich auch wohl fühlen kann... aber wenn ich das suche, kann ich meinen Kummer auch meiner besten Freundin beichten.

02.02.2010 23:19 • #4


Zitat von odysseus79:
Woher weiss ich denn, ob schon ein Antrag gestellt wurde?
In dem du ihn unterschrieben hast. Einen Antrag auf Psychotherapie stellst du nämlich selbst. Der Psychotherapeut hilft in der Regel beim Ausstellen des Formulars. Die ersten 5 Therapiesitzungen werden aber ohne speziellen Antrag von der Krankenkasse übernommen. Erst dann erfolgt der Antrag auf Therapie durch den Patienten.

03.02.2010 08:16 • #5


Offensichtlich ist nicht jeder Psychologe so offen wie Deiner, Moonlightwoman... mir ist jedenfalls nicht klar, ob er mich und mein Problem versteht. Morgen habe ich einen Termin, dann werde ich versuchen ihm meine Bedenken mitzuteilen... wobei ich leider immer die Tendenz habe, "zu nett" zu sein und niemanden vor den Kopf stoßen zu wollen.

Ansonsten werde ich wohl eine Bauchentscheidung treffen müssen... momentan tendiere ich stark zur VT weil ich mir davon eine schnellere Stabilisierung erhoffe. Ich versuche halt händeringend, mein "normales" Leben weiterzuführen, d.h. zu arbeiten, mit meiner meiner Diss voranzukommen und mit Freunde was zu unternehmen (wobei die zunehmend merken, dass mit mir was nicht stimmt). Langfristig geht es natürlich auch darum, meine sozialen Ängste aufarbeiten... da könnte natürlich auch TP helfen.

Meine Krankenkasse (Techniker) meinte, man kann den Therapeuten auch problemlos wechseln, wobei dem neuen PT dann die verbliebenen Stunden gutgeschrieben werden. Nur um die Therapieform zu wechseln macht es natürlich Sinn, erstmal eine Therapie zu beenden...

04.02.2010 21:22 • #6


Albarracin
Hallo odysseus,

die Entscheidung über die richtige Therapieform solltest Du mit einem Facharzt für Psychiatrie besprechen. Das ist der richtige Ansprechpartner.

By the way: Ich habe auch eine Reha gemacht mit Schwerpunkt VT, weil ich dachte, das gibt sich dann mal viel schneller. Am Ende der Reha stand auch die ausdrückliche Empfehlung, eine ambulante tiefenpsychologische Therapie zu machen und es hat sich am Ende als Segen erwiesen. Außerdem sind viele Therapeuten in beiden Verfahren geschult und können problemorientiert Methoden mixen. Und wenn dann wirklich ein Erfolg steht, mußt Du ja nicht die bewilligten Stunden mit Gewalt "abarbeiten".

05.02.2010 14:54 • #7


Anima
Ich hänge mich hiermit mal an dieses Thema dran, hoffe, das ist so in Ordnung.

Bisher hatte ich immer Gesprächstherapie oder so was wie Verhaltenstherapie, den Unterschied habe ich irgendwie nie gemerkt. Fakt ist, dass es mir schlechter geht als vor einem Jahr.
Denke ich zurück, so war ich vor allem zu erst in einer Klinik, wo man wenig Zeit für den Einzelnen hatte. Die Gespräche haben mir selten wirklich gefallen, aber ich dachte, es liegt einfach an mir selbst und meiner Einstellung. Ich war jedes Mal angespannt und verkrampft. Ich solle mir mehr Ausgleich im Privatleben holen usw. Niemand hat mit mir einmal über meinen Tagesablauf gesprochen oder Ängste, die ich seit der Jugend in mir trage, insbesondere den Bezug zu meinem Körper. Nur gelächelt und - das geht weg, wenn ich mehr Sport als Ausgleich mache.

Wäre jetzt nicht ein Coach bei mir gewesen, der früher genauso krank war, wäre mir das nie bewusst gewesen. Im Grunde hatte ich keine Chance, ich bin einfach in das alte Leben so zurück geschmissen worden, ruhig gestellt mit Medikamenten. Ich bin so weit mir zu zugestehen, dass ich einfach nicht gesund bin. Aber noch einmal das selbe wie letztes Jahr mitmachen, das möchte ich nicht, denn im Nachhinein war es nicht gut für mich.

Niemand konnte mir sagen, warum ich z. B. in der Körperwahrnehmung ständig geheult habe, niemand ist darauf eingegangen. Ich weiß es selbst nicht, spüre aber, dass ich das noch immer in mir trage. Deswegen habe ich mich wieder einfach über die Arbeit definiert, was völlig falsch war.

Ich fühle mich ausgelaugt, ich sehe aus wie eine vertrocknete Primel - und irgendwie auch alleine.

Irgendwie komme ich mir gerade vor, nach der Stecknadel im Heuhaufen zu suchen, ich will gesund werden, meinen Alltag wieder leben können und zwar zunehmend mit Glücksgefühle, das wäre toll.
Was ist nun besser? Wonach richtet sich die richtige Therapieform?

29.10.2011 09:48 • #8


Hallo Anima,

du solltest das mal mit deinem behandelnden Arzt besprechen und er wird dir dann ja auch eine Überweisung für einen Therapeuten geben.

Ein guter Therapeut wird dir nach der ersten Probesitzung sagen, welche Therapieform für dich die Beste ist.

Mir ist es so ergangen, dass ich auf der Therapeutensuche schon am Telefon von den Therapeuten befragt wurde und sie machen sich dann
schon ein Bild welche Therapieform infrage kommt.

29.10.2011 10:19 • #9


Anima
Das Witzige ist eben, dass ich ja gerade in Therapie bin und mir die Verhaltenstherapie empfohlen wurde. Ich entdecke aber keinen Unterschied zur Gesprächstherapie. Manchmal wecken die Gespräche nur Unmut und Langeweile in mir. Und dass es mir schlechter geht als nach dem letzten Klinikaufenthalt ist auch irgendwie nicht so prima. Seit über einem Jahr baut sich wieder etwas anderes auf.

Ich will gesund werden und nicht mehr weiter rum eiern....ich merke, dass ich mein Umfeld verunsichere.

29.10.2011 10:29 • #10


Hallo Anima,

genauso wie du das hier geschrieben hast, solltest du das in der Therapie sagen und du wirst sehen, es wird sich was ändern. Du bist schließlich "der Kunde".

29.10.2011 12:15 • #11


Anima
Ganz ehrlich? Ich habe kein großes Vertrauen mehr, das wird das Problem sein
Immer habe ich geglaubt, was die Profis sagen, aber genützt hat es leider nichts.

29.10.2011 17:21 • #12





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