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Umgang mit depressivem Bekannten

Hannes13

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Hallo, ich habe Folgendes Problem:

In meinem Fitnessstudio habe ich vor etwa 4 jahren einen Mann kennengelernt. Ich habe mich mit ihm immer nett unterhalten und zusammen mit anderen Freunden aus dem Fitnessstudio sind wir ab und zu feiern gegangen oder zusammen Essen gegangen. Vor etwa sechs Monaten hat mir dieser Freund letztenendes
anvertraut, dass er sich schon seit Jahren einsam fühle und deshalb oft depressive Verstimmungen verspürt. Diese hätten sich insbesondere in den letzten Wochen stark verschlimmert und er wisse nicht, wie er damit umgehen solle. Ich habe mich darauf hin häufig mit ihm über dieses Thema unterhalten und ihm insbesondere bezüglich der Einsamkeit einige Tipps gegeben. Unter anderem meinte ich zu ihm, dass er sich beispielsweise Hobbys suchen soll, die er neben dem Fitnesstraining ausüben solle.
Unter anderem schlug ich vor, dass er einmal wandern gehen solle, sich ein Rad kaufen solle, oder sich einfach so mal Intensiver mit sich selbst beschäftigen solle. Auch dass er sich auf die Suche nach einem Partner machen könnte war einer Erwägung. Auf meine Ratschläge reagierte er jedoch nur wenig und schmetterte meine Vorschläge mit der Aussage ab, dass das für ihn nicht in Frage käme, weil es quatsch sei. Das eigentliche Problem bei dieser Thematik aber ist, dass ich mittlerweile regelmäßig Nachrichten von ihm bekomme in denen er mir vor Vorwirft, dass ich nicht genug mit ihm machen würde und keine Zeit mehr für ihn hätte. Tatsache ist jedoch zum einen: ich habe mit diesen Mann nie eine Freundschaft gepflegt, sondern es war immer nur eine Bekanntschaft im Rahmen des Fitnessstudios, und auch wenn es immer ganz nett war, sich mit ihm zu unterhalten und ab und zu in einer Gruppe, in der auch er dabei war, wegzugehen, habe ich ihn nie als richtigen Freund wahrgenommen, sondern eben nur als Bekanntschaft. Auch wenn sich das hart anhört, so ist es nun mal. Ich selbst habe einen Beruf, indem ich Schicht arbeite, mein Arbeitsweg beträgt 1 Stunde einfach, ich mache einen Sport, der mich viel Zeit kostet, ich habe eine Freundin mit der ich viel und gerne Zeit Verbringe, und eine Handvoll (sehr wenige) Freunde, mit denen ich meine Freizeit ab und zu verbringe. Selbst bei diesen engen Freunden ist es so, dass ich sie sehr häufig über mehrere Monate bis hin zu einem halben Jahr nicht siehe. So ist das nun mal wenn man voll im Arbeitsleben ist und außerdem einen Sport leidenschaftlich betreibt und glücklich vergeben ist, ich habe im Alltag wirklich nicht die Zeit. Ich bin sicher, viele in diesem Forum können das Nachvollziehen. Trotzdem will ich ihm irgendwie helfen, Auch, weil ich das Gefühl habe, dass nur ich sein Vertrauen genieße, und mich dadurch in gewisser Weise verantwortlich fühle. Auch wenn ich nie um diese Verantwortung gebeten habe.
Mein Problem ist, und es belastet mich zunehmend, dass ich nicht weiß, wie ich meinen Bekannten helfen kann. Zwar hat er schon einen Hausarzt aufgesucht, der ihm dann eine Überweisung zu einem Psychiater gegeben hat, aber ich habe die Befürchtung, dass dieser Psychiater ihn nicht weiterhelfen wird, und die Nachrichten, die mir mein Bekannter schickt werden nicht aufhören. Ich habe zunehmend ein schlechtes Gewissen, weil ich mangelnde Fachkompetenz habe, um ihm Adäquat zu helfen. Auf der anderen Seite habe ich aber auch einfach nicht die Zeit und Kapazitäten, mich immer mit ihm zu treffen. außerdem glaube ich, dass das auch gar nicht gut ist, weil ich das Gefühl habe, dass die Treffen mit ihm, die schon häufig aufgrund der Nachrichten, und somit gezwungen zu Stande gekommen sind, ihm nur als kurzfristige Linderung seiner psychischen Probleme dienen, ihm aber nicht substanziell weiterhelfen. Meine Frage an das Forum ist nun: wie erkläre ich meinem Bekannten dass es immens wichtig ist dass er zunächst lernt sich selbst die Zuneigung und Nähe zu geben, die er braucht um alleine im Leben klar zu kommen?
Das Problem ist zudem auch einfach, dass er einfach sehr wenig Eigeninitiative bezüglich der Lösung seines psychischen Problems zeit. ich weiß, ich kann es nicht beurteilen, da ich selbst nicht in seiner Haut stecken. aber auf der anderen Seite kann ich halt auch nicht mehr machen, als mich genau so wie immer ab und zu, in Unregelmäßigen Abständen auf Spontaner Basis mit ihm zu treffen und mich mit ihm zu unterhalten.
Mit seiner Familie will er über das Problem auch nicht reden. ich bin wirklich ratlos, ich hoffe, dass ich in diesem Forum eine Antwort darauf finde, wie ich ihm helfe, ohne mich selbst weiter damit zu belasten. ich habe einfach das Bedürfnis, mit ihm wieder ein Normales Bekanntschaft zweitens zu führen kommen ohne mich ihm gegenüber verpflichtet zu fühlen.
Meine Schlimmste Angst ist, dass er sich Tatsächlich eines Tages das leben nimmt, beispielsweise weil ich eben gerade wirklich gar keine Zeit habe, etwas mit ihm zu machen, oder ihn nicht pünktlich zurückschreibe.
Ich denke, dass das ganze Ziemlich ernst ist. ich habe auch schon gesehen, Dass er sich mal geritzt hat. leider habe ich ihn nicht darauf angesprochen komme weil ich verunsichert war. Ich wusste nicht, was klüger wäre. ihn darauf ansprechen oder nicht. ich erhoffe mir wirklich einige antworten in diesem Forum und bedanke mich unendlich für jede Antwort.

03.09.2022 00:02 • #1


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Lilly-18

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Hallo Hannes13, erstmal herzlich willkommen hier im Forum.
Ich habe mir gerade deine Geschichte durchgelesen und in einigen Punkten mich selbst wieder erkannt, denn ich bin auch jemand, der immer versucht, anderen zu helfen. Ich bin auch sehr gutmütig und gehe dabei oft über meine Grenzen.
Und das ist das Stichwort. Das Verhalten deines Bekannten ist absolut grenzüberschreitend und du musst deine Grenzen deutlich vertreten. Ich weiß, das sagt sich leicht. Aber du bist nicht verantwortlich für seine Probleme und du wirst ihm auch nicht helfen können. Er benötigt fachkundige Hilfe, einen Therapeuten, eventuell auch Medikamente wenn die Depressionen sehr schlimm sind.
Du hast ihm so viele Vorschläge gemacht, was er tun könnte, um seine Situation zu verbessern. Er hat nichts angenommen, also bist du raus. Ganz ehrlich, das Verhalten deines Bekannten ist perfide. Er setzt dich unter Druck.
Ok, ich halte ihm zugute, dass er scheinbar wirklich niemanden außer dir hat und auch seine Erkrankung spielt eine Rolle. Du hast ihm den kleinen Finger gereicht, er versucht die ganze Hand zu nehmen.
Hier hilft nur absolute Offenheit. Schildere ihm genau das, was du oben geschrieben hast. Du kannst dich nicht von ihm vereinnahmen lassen, dafür ist dein Leben schon zu voll und du kannst nichts dafür, dass ihm seines zu leer ist.
Ich hatte auch mal eine Bekannte, die sehr einsam ist und versucht hat, mich zu vereinnahmen. Sie wollte mir vorschreiben, wie oft wir uns treffen sollen, sie stand oft ungefragt vor meiner Tür, hat sich selbst zum Essen bei mir zuhause eingeladen, weil sie sowas wie Familienanschluss suchte. Ich konnte und wollte das aber nicht.
Leider musste ich sehr deutlich werden, weil mir diese Bekannte mehr und mehr die Luft nahm und auf keinen Einwand von mir reagierte. Inzwischen habe ich gar keinen Kontakt mehr und ich bin so froh darüber. Auch wenn ich noch manchmal Mitleid verspüre, aber das ist doch keine Basis für eine Freundschaft.

Manchmal ist es hart, sich zu wehren, weil man ja niemandem weh tun möchte. Aber wenn du das nicht tust, bleibst du selbst auf der Strecke. Bedenke das. Und du hast es auch nicht verdient, ausgenutzt zu werden. Du hast das Recht, dir deine Freunde selbst auszusuchen und wenn du schon genug hast, dann ist das deine Entscheidung.

03.09.2022 09:06 • x 3 #2



Hallo Hannes13,

Umgang mit depressivem Bekannten

x 3#3


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Rahel

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Hallo Hannes13,
ich kann mich dem, was Lilly-18 geschrieben hat, nur anschließen.
Du hast nicht die Verantwortung für das Leben anderer. Aus Selbstschutz musst du ganz klare Grenzen ziehen und diese kommunizieren.
Ich weiss, es sagt sich leicht, du musst dich von dem Gedanken verabschieden, dass du in irgendeiner Weise Schuld tragen könntest, wenn dein Bekannter sich das Leben nimmt. Die Entscheidung liegt ganz bei ihm.
Vielleicht magst du mal zu Robert Enke googeln.

03.09.2022 12:54 • x 2 #3


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Jedi

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Zitat von Hannes13:
und zusammen mit anderen Freunden aus dem Fitnessstudio sind wir ab und zu feiern gegangen oder zusammen Essen gegangen.

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Zitat von Hannes13:
dass er sich schon seit Jahren einsam fühle

Nun, wenn er diese Aktivitäten dann auch mitmacht, kann es sich nicht um eine Einsakeit handeln,
villt. eher ein Gefühl des Alleisein.
Je nach Schweregrad der Depression, kann natürlich ein Gefühl der Einsamkeit schon bei ihm vorherrschen.
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Zitat von Hannes13:
oft depressive Verstimmungen verspürt.

Wäre ein mögliches Indiz dafür ?
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Zitat von Hannes13:
Überweisung zu einem Psychiater gegeben hat, aber ich habe die Befürchtung, dass dieser Psychiater ihn nicht weiterhelfen wird,

Wie kommst Du darauf ? - Wie sind da Deine Erfahrungen, dass ein Psychiater, möglicherweise nicht helfen könnte ?
Bei einer Depressionserkrankung braucht es aber den Facharzt ! Und sicher auch eine Therapie !
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Zitat von Hannes13:
Dass er sich mal geritzt hat.

Ist sicher ein Zeichen dafür, dass er professionelle Hilfe braucht.
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Zitat von Hannes13:
Ich wusste nicht, was klüger wäre.

Natürlich kannst Du ihn darauf ansprechen, manchmal hilft es Menschen, dann ihr Schweigen aufzugeben.
Andere versuchen es weiter zu verbergen.
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Zitat von Hannes13:
Meine Schlimmste Angst ist, dass er sich Tatsächlich eines Tages das leben nimmt,

Nun, dass ist u. bleibt seine persönliche Entscheidung.
Angst ist bei Dir dabei ein schlechter Ratgeber u. versuchst eine Verantwortung zu übernehmen, die Du nicht hast !
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Zitat von Hannes13:
Auch wenn ich nie um diese Verantwortung gebeten habe.

Eben u. darum löse Dich von Deinem Helfersyndrom.
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Zitat von Hannes13:
Trotzdem will ich ihm irgendwie helfen,

Warum ? - Was ist Dir daran so wichtig ? - Was hat es villt. mit Dir selbst zutun, andere retten zu wollen ?
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Zitat von Hannes13:
Das Problem ist zudem auch einfach, dass er einfach sehr wenig Eigeninitiative bezüglich der Lösung seines psychischen Problems zeit.

Es ist sein Problem u. bitte versuche es bei ihm zulassen.
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Zitat von Hannes13:
habe ich aber auch einfach nicht die Zeit und Kapazitäten, mich immer mit ihm zu treffen.
#Dnn sag ihm das auch so !
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Zitat von Hannes13:
Auf meine Ratschläge reagierte er jedoch nur wenig

Weißt Du, Deine Vor- u. Ratschläge alles schön u. gut, doch können Ratschläge auch wie Schläge bei manchen
wirken, insbesondere bei depressiv Erkrankten.
Du kannst Mitgefühl haben u. wenn er Dich um eine Unterstützung bittet, kannst Du schauen, was bei Dir
möglich ist.
Ansonsten sorge Du gut für Dich u. bleibe in Deinen Angelegenheiten !

03.09.2022 15:59 • x 1 #4

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