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Therapie-Erfahrungen bei einer Hypochondrie

Hallo zusammen,

nach vielen Jahren des Leids habe ich mich letztes Jahr dazu durchgerungen, eine Verhaltenstherapie wegen meiner Angststörungen / Hypochondrie zu beginnen. Die Therapie mit wöchentlichen, einstündigen Sitzungen, hat mir bisher wenig gebracht. Sie ist nach etwa einem Dreivierteljahr leider noch nicht weit gekommen, da eine große Vorgeschichte besprochen werden musste, immer wieder Feiertage oder auch Urlaube dazwischenkamen und die Zeit sehr schnell rum ging. Gerne würde mich interessieren, ob es hier Erfahrungen mit einer derartigen Therapie gibt und ab wann mit Erfolgen zu rechnen ist.

Los ging es bei mir eigentlich schon im späten Kindesalter, als ich im Halsbereich Lymphknoten ertastete und immer wieder dran rumgespielt habe. Damals war das noch recht spielerisch, ich konnte die "Konsequenzen" noch nicht wirklich gut einschätzen und lebte mein Leben, auch wenn ich sehr oft an meine "Tumore" am Hals denken musste und sie täglich ertastet habe. Meine Eltern haben mich in dieser Sorge zwar ernst genommen, aber die Harmlosigkeit dessen, was ich da ertastet habe, wohl erkannt und keine weiteren Maßnahmen unternommen. Wie nahe mir das schon damals hin und wieder ging, haben sie nicht bemerkt.

Weiter ging es dann bei mir mit Haarausfall während der Abi-Phase (Angst vor Schilddrüsenerkrankung). Das erste Mal richtig schlimm wurde es nach dem Abi, als ich eine eher harmlose urologische Sache entdeckt habe und auch ambulant operiert werden musste. Seitdem war ich auf dem "Urologentrip", habe mir immer wieder Urintests in der Apotheke gekauft und ständig geringe Spuren von Blut nachweisen können. Von den Ärzten wurde ich immer wieder mit unauffälligen Ultraschalls oder Aussagen wie "ist bei jungen Männern hin und wieder normal" vertröstet. Mir reichte das nicht, die Angst vor Blasenkrebs wuchs immer weiter an. Schlussendlich kam ich die Jahre danach immer wieder damit in Berührung, da ich auch eine kurze Zeit wegen einer eher harmlosen Infektion / Geschlechtskrankheit wieder in urologischer Behandlung war und es lange dauerte, bis man etwas gefunden hatte. Da hatte ich dann das erste Mal auch Kontakt mit Nieren- und Prostatauntersuchungen: Wieder neue Unsicherheitsfaktoren in meinem Kopf für die Zukunft.

Schlussendlich kamen über die Jahre auch "harmlose" Wehwehchen im Enddarm dazu: Das Thema Darmkrebs und Endoskopien war plötzlich omnipräsent bei mir. Ich habe es lange Zeit so gehandhabt, dass ich durch googeln und "kritische Selbstreflektion" Gänge zum Arzt möglichst vermieden habe. Anders als bei vielen Hypochondern wollte ich gar keine Diagnose, sondern möglichst die Angst ausblenden und die Erkrankungen, die ich mir einbilde(te), irgendwie aussitzen. Den Arzt habe ich immer nur dann aufgesucht, wenn ein Symptom plötzlich extrem eindeutig wurde und auch Dr. Google keine andere Möglichkeit mehr zugelassen hat. Dann aber auch sofort, möglichst ohne Wartezeit, im Zweifel sogar in die Notaufnahme ("Blut im Urin") etc. Bloß möglichst keine Zeit verlieren, ich brauche dann immer die sofortige Abklärung und werde da mitunter auch kreativ, um diese zu bekommen. Neuerdings habe ich die Methode "Selbstzahler" entdeckt und kaufe mich bei Privatärzten teilweise innerhalb von Minuten ins Sprechzimmer ("Ich bin schon in der Nähe, könnte in 10 Minuten bei Ihnen sein").

Lange Zeit waren die Arztbesuche, auf die es früher oder später sowieso immer hinauslief, für mich die große Erlösung. Meist war ich danach wie neugeboren, der Zustand hielt auch oftmals lange (Wochen oder Monate) an. Ich wollte meine Hypochondrie nicht wahrhaben, aller Hinweise oder Empfehlungen für eine Therapie habe ich abgelehnt. Meine Arztbesuche waren/sind ja auch nie komplett unbegründet, habe ich mir eingeredet, also wozu eine Therapie machen, die mich womöglich dazu bringt, ernsthafte Symptome zu verharmlosen?! Es ging mir ja nach den Untersuchungen immer blendend, ich blüte wieder auf, belohnte mich selbst mit allerlei Dingen und startete im Leben wieder voll durch. Ich dachte, wenn endlich mal alle theoretischen Krankheitsherde untersucht / abgeklärt waren, könnte ja nichts mehr Schlimmes passieren, dann hätte ich ja Sicherheit. Also lebte ich Jahre lang so weiter, erlebte regelmäßig neue Ängste und Paniken, schob sie auf die lange Bank, ließ sie irgendwann abklären und hakte diesen und jenen Krebs von meiner Liste ab. Natürlich war das ein dummer Trugschluss, denn selbst die abgeklärten Ängste kamen irgendwann wieder zurück, so dass ich verschiedene Untersuchungen immer regelmäßiger durchführen lassen musste, weil ich die Symptome meiner harmlosen Wehwehchen lernte, chronisch überzuinterpretieren. Zu dieser Zeit begann auch das Misstrauen gegenüber dem Urteil der Ärzte. Ich stellte teils eigene Theorien auf, verknüpfte sie mit anderen, holte mir im Internet die Bestätigung zu meinen Vermutungen etc.

Ich habe auch viele dieser Probleme in meine langjährige Beziehung mit reingebracht, "nutze" meine Freundin immer wieder als Rückversicherung, suche Bestätigung für Theorien oder hole mir von ihr eine Rückversicherung. Flehe sie an, für mich Arzttermine zu machen oder Dinge zu recherchieren, da mir oft der bloße Gedanke an eine Krankheit unglaubliche Sorgen bereitet. Da fällt es mir oft sehr schwer, mich damit zu beschäftigen, das Telefonat mit der Sprechstundenhilfe ist da manchmal schon zu viel für mich. Ich sperre auf Facebook panisch alle Nachrichtenmeldungen, die einen Krankheitsbezug haben, ich summe laute Melodien, wenn z.B. im Zug sich Leute über Krankheiten unterhalten, um es nicht hören zu müssen. Das Intro der Apothekenrundschau-Werbung im Radio ist für mich ein automatisches Signal, sofort das Radio auszuschalten.

Ich hasse es so sehr. Vor etwa zwei Jahren wurde es mir dann zu viel. Ich suchte panisch nach einer Therapie, ich wollte endlich Erlösung von diesen Ängsten. Natürlich war der Wunsch nach einem "sofortigen" Therapieplatz Utopie, also wählte ich die Möglichkeit, als Selbstzahler eine Kurzzeittherapie in einem Sanatorium zu machen. Leider war ich damals noch nicht so weit, mich wirklich auf diese Therapie einzulassen. In erster Linie wollte ich erstmal einfach raus, eine Veränderung und mich in professionelle Hände begeben. Ich wollte in Obhut sein, mich in der Nähe der betreuenden Ärzte sicher fühlen und hatte dabei natürlich auch einen Hintergedanken: Neben der psychologischen Gespräche könnte ich mich körperlich noch mal richtig durchchecken lassen: Ultraschall, Lunge, Blut, Urin - es waren ja genügend Ärzte vor Ort, nirgendwo musste ich lange Termine vorab machen. Fazit des Ganzen: Ohne körperliche Befunde fuhr ich nach Hause - und hatte durch die regelmäßigen Therapiesitzungen erkannt, dass ich meine Krankheit dringend auch durch diesen Weg angehen musste.

Zu Hause angekommen habe ich es dann dennoch noch knapp ein Jahr ohne fortsetzende Therapie versucht. Es kamen auch ein paar andere, nicht-medizinische Themen dazu, die meine Aufmerksamkeit brauchten. Aber natürlich wurde ich wieder rückfällig, also habe ich tatsächlich eine langfristige Verhaltenstherapie begonnen. Angefangen haben wir aber mit meiner Backgroundstory, auch mit den nicht-medizinischen Dingen, und wie eingangs beschrieben, zieht es sich einfach hin. Wirklich geholfen hat mir das Dreivierteljahr Therapie bislang nicht. Wir fangen erst jetzt wirklich an, mein Verhalten zu analysieren.

Leider bin ich im Laufe der Therapie tatsächlich auch noch sensibler geworden für Krankheiten aller Art. Ich habe jetzt in den letzten Monaten die mit Abstand härteste Phase der ganzen Erkrankung hinter mir. Magenspiegelung, komplette Darmspiegelung, Blasenspiegelung. Entfernung eines Nierensteins, zwei kleine OPs. Endoskopien im Nasen-Rachenraum, Ultraschall hier und dort, ich lag in der CT-Röhre, war in diesem Jahr (inklusive Therapiesitzungen und Krankenhausaufenthalten) rund 30x beim Arzt. Keine Krebsfunde, keine Verdachtsmomente oder ähnliches. Es ist das Szenario, das ich mir Jahre zuvor als großes Finale ausgemalt hatte: Jeder Winkel des Körpers zu Ende untersucht, hier und da vielleicht etwas Harmloses gefunden um diverse Symptome zu erklären. Eigentlich alles gut. Doch mein Problem ist: Ich fühle mich alles andere als gut. Teilweise fürchte ich die Arztbesuche auch gar nicht mehr so sehr, da ich das Ergebnis ja eigentlich schon kenne: "Alles in Ordnung, bleiben Sie gesund!". Und ich fühle mich danach mieser als zuvor, google manchmal auf dem Parkplatz vor der Praxis direkt nach dem nächsten Leiden oder "kontrolliere" die Aussage des Arztes. Hinterfrage, ob ich ihm wirklich alle Details korrekt genannt habe, ob ich irgendetwas Entscheidendes vergessen habe, was seine Diagnose vielleicht hinfällig macht! Ich weiß, es ist verrückt, aber es bestimmt mein Leben. Es belastet meine Beziehung, es schadet meiner Gesundheit: Ich schone mich wo ich nur kann (betätige mich kaum noch körperlich), mache seit Monaten nur noch das Nötigste, nutze kurzfristige Hochphasen, um schnell alles Liegengebliebene abzuarbeiten, um mich danach wieder in den langen Tiefphasen im Bett verkriechen zu können.

Meine Therapeutin weiß davon. Sie lehnt eine Medikation aber beispielsweise ab. Vielleicht auch, weil ich - abgesehen von diesem verdammten Problem in meinem Leben - echt ziemlich selbstsicher auftrete und auch eher nicht der Therapiepatient bin, der jede Sitzung in Tränen ausbricht, sondern ziemlich reflektiert und geradlinig auftrete. Meine Therapeutin weiß, dass das nur Selbstschutz ist und ich vertraue ihr auch zu 100%, dass sie mein echtes Befinden einschätzen kann. Sie tut auch ihr Bestmögliches. Leider habe ich das Gefühl, dass mir das aber auf Dauer nicht viel hilft und die "Schulmedizin" bzw. die klassische Verhaltenstherapie zu wenig für mich ist. Ich habe Angst, dass ich so ein krasser Härtefall bin, dass die Therapie bei mir versagt, auch wenn sie noch gar nicht richtig los ging.

Was meint ihr, wie wird es in der Therapie weitergehen? Ist das überhaupt das Richtige für mich?

Vielen Dank, ich freue mich wirklich auf eure Antworten!

28.04.2019 19:08 • x 1 #1


Alexandra2
Lieber Oktomartin,
Es gibt ja viele Gründe, Angst zu haben vor Krankheiten, vor Unglück, vor dem Leben selbst usw.
Mir fällt auf, daß Du Experten anscheinend keinen/wenig Glauben schenkst; ist mal etwas vorgefallen, das Dich da so vorsichtig sein lässt? Oder hat Dein Körper Dich mal "im Stich gelassen"?
Eine grundlegende Skepsis halte ich persönlich für angebracht, erst Recht wenn Du schlechte Erfahrungen gemacht haben solltest. Dennoch ist für uns alle schwierig, das richtige Maß zu finden, das Maß, das uns fördert und nicht schädigt. Wir sind kribbelig, ungeduldig, wollen daß es uns schnell besser geht. Das ist verständlich- und leider leider kontraproduktiv. Denn jeglicher Stress verhindert eine Besserung. Ungeduld gehört auch dazu, und ich kenne die Macht der Ungeduld, ähnlich wie der innere Antreiber, will sie etwas, das vielleicht jetzt nicht passt. Dass gerade die Besserung bei psychischen Krankheiten ewig lange dauern kann, muss ich immer noch lernen. Ich bin ungeduldig.
Das gilt auch für Therapien, nach dem Kennenlernen gehts langsam los, wie bei Dir. Da kann die Zeitspanne vom Beginn bis zu ersten kleinen Erfolgen schon lange dauern. Deshalb würde ich sagen, ja, das ist normal, das es so lange dauert, bis Du einen benefit hast. Die Seele lässt sich nicht drängen, braucht ihre Zeit. Die solltest Du Dir und dem Therapeuten einräumen.
Liebe Grüße
Alexandra

29.04.2019 10:48 • x 2 #2




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