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Liebe @Lavendula,
danke für dein Willkommen 😘 . Ich hatte mir ein Offline-Wochenende geschenkt/verordnet, daher komme ich heute erst zum antworten.
"Was habe ich falsch gemacht?" ... die Standardfrage schlechthin. Auch gern genommen in der (letztlich ja allem zugrundeliegenden) Form von "Was ist falsch mit mir/an mir?" Dank intensiver Therapie und schweißtreibender Reflektion weiß ich längst, dass die Wurzeln in der Kindheit liegen, wo mir ja genau das konstant signalisiert wurde (direkt oder indirekt, ausgesprochen oder nicht): "Mit dir stimmt doch was nicht! Du bist falsch, so wie du bist! Was du anpackst/denkst/fühlst stimmt nicht!"
Zu deiner abschließenden Frage: habe ich gelernt, damit umzugehen? Ja ... meistens ... Aber es ist eben nicht endgültig ausgerottet, so schön das auch wäre. Ich hatte schon öfter gedacht, jetzt hab ich es so tief verstanden, jetzt ist es durch, jetzt kommt es nicht mehr und ab jetzt lebe ich immer so, wie ich es mir so sehr wünsche: leicht, positiv denkend. Nur um irgendwann festzustellen: da isses ja wieder, da sind sie ja wieder, die uralten Strickmuster, die uralte bekannte Stimme in Kopf und Bauch. Und obwohl ich es ja wirklich weiß, also im Kopf verstanden habe, dass das alte Platten mit Sprung sind, packen sie mich. Je nach aktueller Verfassung eben mehr oder weniger (zur Zeit übrigens mal wieder mehr, darum habe ich mich hier angemeldet). Die internalisierte Stimme ist nachts natürlich besonders laut, mangels Ablenkung: "Ich wusste es, du kriegst es nicht auf die Reihe. Andere schaffen es doch auch. Was ist nur mit dir los? Stell dich doch nicht so an!(... übrigens DER Klassiker schlechthin ...) Jetzt reiß dich doch mal zusammen, anderen geht es doch viel schlechter und die jammern auch nicht!" Die Liste ließe sich problemlos verlängern.
Wenn es ganz dick kommt, kommt auch mal eine Panikattacke aus heiterem Himmel. Die Anzeichen dafür kenne ich und habe sie tatsächlich sofort im Griff durch simples "Stopp! Einatmen, ausatmen, was ist genau hier und jetzt?" Dann vergeht der Anfall innerhalb einer Minute. Das ist auch selten, aber dieses uralte Schema von "nicht (gut) genug" scheint unausrottbar. Ich saß auch mal wie ien Häufchen Elend beim Therapeuten und hab gesagt "werde ich das denn nie los?" und er meinte "vielleicht nicht, aber Sie werden damit leben lernen und tun das ja auch immer besser"
Darum schrieb ich: es geht ums Annehmen. Das 12-Schritte-Programm (was mir vor vielen Jahren als Angehörige eines Alk. mal immens geholfen hat und heute noch nachwirkt) bringt es auf die simple Formel: hinnehmen, was ich nicht ändern kann, ändern, was ich ändern kann, und das eine vom anderen unterscheiden (verkürzt wiedergegeben). Und wenn ich es nicht ändern kann, dass die alte Schallplatte mit Sprung in mir steckt, dann muss ich das hinnehmen. Dann kann ich nur ändern, wie ich damit umgehe. Und ich habe gelernt, dass ich sie nicht bekämpfen kann, denn gekämpft habe ich mein Leben lang und daraus resultiert die tiefe Müdigkeit und Erschöpfung. Die kommt immer dann, wenn ich wieder kämpfe. Kämpfe gegen Unabänderliches.
Es ging mir viele Jahre gut, eine depressive Episode war relativ leicht und relativ kurz da ich die Anzeichen ja kenne und früh genug gegengesteuert hatte. Gegensteuern heißt für mich: bewusst bei mir sein, was brauche ich jetzt, wie fühle ich mich, wann ist es zuviel, wann genau richtig, was tut mir gut und was nicht. Auch zulassen, dass da die alten Muster zu Besuch kommen und sagen "Hallo, wir kennen uns, danke, dass ihr vorbeischaut und mir zeigt, dass was in Schieflage ist. Aber ich habe die Botschaft verstanden und kümmere mich wieder darum, ihr dürft also wieder gehen".
Im Moment klappt das leider nicht, da durch die Pandemie plus einige zusätzliche Ereignisse (Autounfall, Krankheit, etc.) langsam meine Kräfte nachgelassen haben und ich die Schieflage nicht mehr durch meine üblichen Gegenmaßnahmen gerade biegen konnte. Aber auch das versuche ich jetzt erstmal anzunehmen wie es ist.
Ich merke gerade, ich schweife ab, ich hoffe, das ging nicht zu weit weg von deinem Thema.
Aber es hat auch viel mit Tagesablauf bei Erschöpfung zu tun. Ich habe gelernt: wenn ich erschöpft bin, hilft weiterpeitschen eben nur ganz kurzzeitig. Bin ich erschöpft, muss ich mir Auszeiten nehmen. Muss vielleicht mal eine Zeitlang auch über Tag einen kurzen Mittagsschlaf einbauen wenn möglich. Muss vielleicht einfach mal eine halbe Stunde irgendwo in der Sonne sitzen und gar nichts tun, nur schauen. Schaffe es eben nicht, die Bude zu putzen oder andere Dinge zu erledigen. Und das ist das eben so und ist auch in Ordnung so.
Und ehe ich jetzt weiter schreibe und schreibe, schicke ich es lieber ab und hoffe, bei meinen Gedanken und Erfahrungen ist etwas für dich dabei. Wenn nicht, lass es einfach stehen, dann ist auch das ok.
Liebe Grüße und hab einen schönen Tag - nur für heute 😌
Galicia
03.05.2021 09:44 •
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