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Rückzug wird nicht akzeptiert, setzt mich unter Druck!

Schokolove20

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Hallo Zusammen,

Ich bin ganz neu hier und wollte mal was los werden und vielleicht hat jemand einen Rat oder Tipp für mich.

Ich habe bisher 1 Familienmitglied und 2 Freundinnen von der Diagnose Depression erzählt.
Bei der einen Freundin bereue ich es mittlerweile allerdings und sie bzw. die Freundschaft belastet mich jetzt noch zusätzlich.
Sie kann und will es einfach nicht akzeptieren, dass ich Ruhe, Zeit für mich, Rückzug brauche und ich einfach nicht mit ihr reden/schreiben möchte.
Ich habe es ihr u.a. überhaupt erzählt, damit sie eben Bescheid weiß, wenn ich mich mal eine Zeit lang nicht melde. Ich bin auch in keinster Weise suizidgefährdet.
Ich weiß sie macht sich bestimmt Sorgen, aber ich habe ihr schon mehrfach versichert, dass es mir mehr hilft, wenn man mich in Ruhe lässt. Ich komme dann schon von mir aus wieder. Mich stresst das und setzt das unter Druck, wenn Sie mir ständig schreibt wie es mir geht.

Achso und wir sind keine Teenies, wir sind Erwachsene Frauen, Ende 30. Und es wird nicht akzeptiert, dass ich mich mal 1 Woche nicht melde. Spätestens nach 3 Tagen bombardiert sie mich mit einer Nachricht oder einem Anruf.
Am Liebsten würde ich ihr gar nicht mehr antworten. Ich kann so nicht zur Ruhe kommen.

Versteht ihr mich? Wißt ihr was ich meine?
Habe gerade wieder seit Stunden eine Nachricht von ihr drauf, die ich noch beantworten "muss".

Danke fürs Lesen

07.10.2020 00:30 • x 2 #1


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Krizzly

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Hallo Schokolove 20 ,

schöner Name und willkommen im Forum Du schreibst mir förmlich aus der Seele. Ich hab genau so eine Freundin und wir kommen immer wieder an den Punkt, an dem wir über solche Dinge diskutieren müssen. Ich stelle mehr und mehr fest, dass unsere Definitionen von Freundschaft einfach sehr unterschiedlich sind und wir generell sehr verschieden sind. Sie ist wahnsinnig gesellig, hat immer gerne Menschen um sich, verarbeitet Dinge durch exzessives darüber reden und hat an enge Freundschaften hohe Erwartungen, die sich vor allem darauf beziehen, dass man viel Zeit verbringt, sich alles erzählt und nie irgendwas vor diese Freundschaft stellt. Ich hingegen bin gerne mal für mich, brauche diesen Rückzug gerade dann sehr, wenn es mir nicht gut geht und schätze an Freunden, wenn sie mir Raum lassen und akzeptieren können, dass ich manchmal einfach nicht genügend Energie und Zeit hab, um mich mehrmals die Woche intensiv auszutauschen.
Theoretisch würde ich jetzt sagen, es ist wohl die Kunst, wenn man so verschieden ist, Kompromisse zu finden, miteinander zu reden, die eigenen Grenzen aber auch klar zu machen. Praktisch scheitere ich immer wieder daran, dass ich zum einen auch dafür manchmal keine Energie und ehrlich gesagt auch nicht ständig Lust auf solche klärenden Gespräche hab und dass ich sie nicht vor den Kopf stoßen will. Ich kann dich also gut verstehen.

Hast du ihr mal gesagt, dass du in solchen Rückzugsphasen einfach auch mal nicht antwortest und sie dir das nicht übel nehmen soll? Und dann tatsächlich auch einfach nicht geantwortet? Vielleicht wär das ja mehr okay als du jetzt denkst.

Liebe Grüße

07.10.2020 00:53 • x 2 #2


Schokolove20

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Dankeschön für deine Antwort Krizzly

Ja, die Freundschaft ist grundsätzlich zu überdenken bzw meiner Meinung nach mittlerweile mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen verbunden. Sie ist meine längste Freundin und ich will sie eben auch nicht vor den Kopf stoßen, weil ich ja weiß, dass ich ihr am Herzen liege. Wir haben kürzlich erst drüber geredet. Ich hatte schon erwartet, dass die Freundschaft auseinander geht weil ich eben mal meine Meinung gesagt habe. Sie sagte dann, dass sie das versteht und es ok ist. Ich habe aber immer das Gefühl, dass ich mich bei ihr melden muss.
Nein, ich habe das noch nie durchgezogen, dass ich dann nicht antworte. Spätestens am nächsten Tag.. Weil ich immer das Gefühl habe ich muss mich rechtfertigen.
Vielleicht sollte ich es einfach mal tun und eben nicht antworten.

07.10.2020 01:06 • x 2 #3


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Krizzly

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Interessant eigentlich, bei mir geht es auch um die Freundin, die ich am längsten habe und wie du hab ich Angst, dass die Freundschaft vorbei ist, wenn ich meine Bedürfnisse klar äußere.

Probier es doch einfach mal aus, dir diese Freiheit zu nehmen und nicht zu antworten. Du hast ihr ja gesagt, dass du Ruhe brauchst und setzt das damit eigentlich nur um. Und es kann ja sein, dass dieses Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen, tatsächlich mehr aus dir als von einer tatsächlichen Notwendigkeit kommt.
Vielleicht ist es befreiend und vielleicht reagiert die Freundin auch darauf verständnisvoller als du glaubst.

07.10.2020 01:15 • x 2 #4


Schokolove20

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Ja, das ist schon auch möglich. Ich bin generell eher so der Typ, der sich sehr viele Gedanken macht und manchmal vielleicht zu viele oder unnötige. Du hast recht , ich werde es jetzt einfach mal ausprobieren.
Ich danke dir für deine Antworten und Tipps um die späte oder frühe Uhrzeit. Dann werde ich jetzt mal mein Gedankenkarusell stoppen und endlich ins Bett gehen.
Wünsche dir eine gute Nacht.

Ich finde es übrigens auch sehr interessant wie ähnlich sich da unsere Freundschaften sind. Können wir ja bei Gelegenheit mal noch drauf eingehen!?

07.10.2020 01:27 • x 1 #5


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Krizzly

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Das geht mir ähnlich. Ich mach mir sicher auch oft zu viele Gedanken und verstricke mich in meinen Gedankenkreisen.
Ich drück dir die Daumen, dass der Versuch bestmöglich läuft.
Endlich ins Bett zu gehen, ist sicher auch für mich nicht verkehrt

Zitat von Schokolove20:
Ich finde es übrigens auch sehr interessant wie ähnlich sich da unsere Freundschaften sind. Können wir ja bei Gelegenheit mal noch drauf eingehen!?

Das können wir gerne machen

Ich wünsch dir auch eine gute Nacht

07.10.2020 01:37 • #6


Just_me

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Hallo ihr beiden,

Danke für eure Schilderung aus der Sicht des Betroffenen, ich finde dies sehr interessant.
Aus der Perspektive der Freundin kann ich nur dazu sagen, dass es auch für uns nicht immer einfach ist mir diesem Rückzug umzugehen. Man möchte helfen, da sein, macht sich zumindest zu Anfang immer Gedanken ob der andere gerade akut in Gefahr ist.... auch aus unserer Sicht kommt da einiges an Gedankenkarussell in Fahrt. Daher seid hier ein wenig nachsichtig. Beide Seiten müssen erst lernen mit der Situation zu leben.

Ich kann ja nur für mich sprechen. Der erste Rückzug meines Freundes dauerte 3 Monate, bis er sich wieder meldete und ich dachte damals oft, ich ertrage diese Ungewissheit nicht mehr. Dann ging es ihm besser, wir hatten wieder mehr Kontakt, viele Gespräche und er erklärte mir auch viel, so dass ich es besser einordnen konnte und ich auch verstand, dass dies nichts mit unserer Freundschaft zu tun hat.
Nun ist seit gut 4 Monaten wieder einmal absolute Funkstille, ich kann mich gut davon abgrenzen und habe ihm auch signalisiert das es ok für mich ist zu warten, bis er sich wieder danach fühlt sich zu melden. Kurz ich lebe mein Leben bis er wieder daran teilhaben möchte.
Das bedeutet aber nicht, das ich nicht täglich an ihn denke!
Und wenn mir danach ist ihm zu schreiben, dann mache ich das auch. Meist so 1x die Woche, er antwortet nicht darauf, aber da ich keine Fragen stelle sind auch keine Reaktionen darauf erforderlich. Im Gegenteil, da ich das bewusst per Email mache kann er selbst entscheiden wann und wieviel er liest.
Er soll sich zu nichts genötigt fühlen, aber manchmal hab ich für mich einfach das Bedürfnis ihm etwas mitzuteilen.
Also habt Nachsicht, eine Freundschaft ist für beide Seiten nicht immer einfach, aber möglich.
Den Erkrankten einfach fallen zu lassen weil er gerade nicht kann, wäre zwar der einfachere Weg, aber gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wer wirklich die Menschen sind, auf die man sich verlassen kann!

Liebe Grüße und alles Gute!
Just_me

07.10.2020 20:51 • x 2 #7


Schokolove20

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Danke just_me für deine Antwort und deine Sicht der Dinge.
Ich glaube dir, dass es als Freund/Partner/Angehöriger auch total schwer ist und einen das sehr belastet. Leider kann man als Betroffener nicht der Freund sein, der man sein möchte, immer war. Man hat dann auch ein schlechtes Gewissen. Aber man bzw in meinem Fall ich ziehe mich, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühle nur noch mehr zurück. Dass du dann monatelang nichts von deinem Freund gehört hast ist natürlich extrem und es war und ist bestimmt schlimm für dich. Weil man sich hilflos und abgewiesen fühlt. Bei mir ging es jetzt eher darum, dass ich nicht mal 1 Woche lang Abstand bekommen kann. Mir würde es schon sehr helfen, wenn sich meine Freundin so verhalten würde wie du. Ab und zu melden, aber keine Fragen stellen in einer akuten Phase. Generell denke ich dass diese bestimmte Freundschaft bei mir noch mit anderen Probleme behaftet ist und sie nur gerade extrem zum Vorschein kommen. Weil ich gerade nicht wie gewohnt funktioniere.
Ich finde es toll, dass du so "gut" damit umgehen kannst mittlerweile und deinen Freund nicht fallen lässt. Ich wünsche dir und eurer Freundschaft alles Gute.

07.10.2020 22:08 • x 2 #8


Just_me

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Liebe @Schokolove20

danke dir, ich finde deinen Nick übrigens auch klasse.
Es stand und steht für mich niemals zu Debatte meinen Freund fallen zu lassen. Wir sind seit mehr als 20 Jahren befreundet, ich vertraue ihm wirklich blind und er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Da lasse ich mich doch von dieser gemeinen Krake in seinem Kopf nicht vertreiben. Für mich sind das irgendwie 2 unterschiedliche Dinge die ich kenne. Einerseits er, andererseits dieses Monster das sein eigentliches Ich von Zeit zu Zeit verdrängt und ihn so handeln lässt. Wäre er gesund würde er niemals so sein.
Ich hoffe jetzt mal dass das irgendwie verständlich ist was ich meine.
Derzeit gibts ihn halt nur so, dann müssen wir halt da durch....

07.10.2020 22:32 • x 1 #9


Schokolove20

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Liebe @Just_me

Das klingt nach einer tollen Freundschaft und dein betroffener Freund ist sicher froh, eine solche liebe und verständnisvolle Freundin wie dich zu haben.
Ich verstehe gut was du meinst.

07.10.2020 22:43 • x 1 #10


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DownTown

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Guten Abend,
ja ich kenne es auch. Und besonders nervig finde ich auch die Frage nach dem "Warum" und gut gemeinte Ratschläge.
Als ob man das "Warum" einfach ändern müsste und dann wäre wieder alles in Butter. Und so Ratschläge wie "du musst einfach mal wieder was für dich tun, Wellness oder so, fahr mal weg"...ich kann nicht verlangen, dass andere sich hineinversetzen können, wie eine Depression ist. Dass aber nach einer jahrelangen immer wieder auftauchenden Depression etwas Wellness nicht die Lösung sein kann, sollte einem klar sein. Ich fühle mich da einfach nicht für Voll genommen.
Ich habe aber auch die andere Seite schon kennengelernt. Der Cousin einer sehr guten Freundin kam plötzlich bei einem Motorradunfall ums Leben. Meine Freundin signalisierte, für mich unmissverständlich, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Dass sie zu sich finden muss, trauern und nur die Familie um sich haben will. Ich habe mich weitgehend daran gehalten. Einmal in der Woche telefoniert oder mal noch eine SMS, WhatsApp gab es noch nicht. Die Zeit ging ins Land. Man hatte wieder mehr miteinander zu tun. Aber irgendwie war der Wurm drin. Es kam zu einem Streit. Bei dem schmierte sie mir auf Brot, dass ich in ihrer schlimmsten Phase nicht da gewesen wäre. Ich hätte mich nicht bemüht und so. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Wir näherten uns wieder an aber letztlich zerbrach unsere Freundschaft.
Es ist nicht immer einfach sich richtig zu verhalten. Die Menschen wissen nix über Depressionen. Sie werden unsicher und wissen nicht, wie sie einem begegnen sollen. Und dann haben sie mich Angst...Angst einen wichtigen Menschen zu verlieren.
Ich versuche niemanden einen Vorwurf zu machen. Aber manchmal fühle ich mich schon so, als ob die Menschen meinen würden, dass ich dumm sei.

07.10.2020 23:05 • x 1 #11


Just_me

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Liebe/r @DownTown ,

Ich denke es ist wirklich eine schwierige Situation für beide Seiten. Auch als Freund/Angehöriger musst du erst einmal lernen und verstehen das Depressionen viel mehr als nur schlecht-drauf-sein heißt.
Zu Beginn habe ich z.B. vieles unterschätzt, auch was für Ausmaße diese Krankheit im Leben des Erkrankten einnimmt. Aber je mehr man sich damit befasst, desto besser kann man auch als Angehörige helfen. Vor allem die Sache, das es wirklich eine Krankheit ist. Danach wird man auch im Umgang miteinander sicherer.
Und in einem bin ich mir ganz sicher, niemand der sich damit beschäftigt hat wird dich für dumm halten! Ganz im Gegenteil, ich habe höchsten Respekt vor all den Betroffenen. Mit so einem miesen Gegner im Kopf sich jeden Tag aufraffen und weiter kämpfen, dazu gehört so viel Mut und Kraft!

Liebe Grüße und alles Gute für dich
Just_me

07.10.2020 23:21 • x 1 #12

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