51

Ich glaube mir selbst nicht

M99

4
1
4
Hallo! Ich habe heute diese Website entdeckt und mich an der Anonymität erfreut.
Ich bin M, weiblich, 20 Jahre alt und bin mit einer mittelschweren Depression und Akzentuierungen einer Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.
Ich bin seit 1,5 Jahren einmal die Woche in einer Verhaltenstherapie und seit dem vorletzten Besuch hab ich plötzlich den Draht zu meiner Therapeutin verloren. Einfach weg. Es war mir, ist mir, schrecklich unangenehm zu wissen, wie viel Blödsinn ich ihr so erzählt habe und dass sie sich das seit 1,5 Jahren alles anhört und sieht wie ich vor ihr Rotz und Wasser heule. Mir ist ja nicht mal was schlimmes widerfahren. Früher hatte ich da keine Scham, jetzt auf einmal ist sie da. Und was mich tierisch nervt ist mein Gewissenskonflikt: Ich glaube mir trotz Diagnose nicht, dass ich depressiv bin. Ich habe das Gefühl ich steigere mich in etwas rein, was ich gar nicht habe. Ich schaffe es ja nicht mal mich vernünftig selbst zu verletzen. Ich glaube nicht, dass ich krank bin, sondern einfach faul. Faul und egozentrisch. Ich habe auch das Gefühl, dass ich in 5 gleichen Unterhaltungen 5 mal was anderes sage. Ich lebe in dem Moment und vergesse so viele Stimmungen von mir. Und in dem Moment kommt mir nur dieser aktuelle Gedanke richtig vor. Obwohl ich jede Frage auch normal gesund beantworten könnte: Jeder Mensch ist gleich viel Wert. Auch ich. Leistung definiert nicht den Wert eines Menschen. Ich bin gleich viel Wert, egal ob ich an einem Tag 13 Stunden schlafe und trockene Haferflocken esse oder morgens früh aufstehe, Sport mache und mit Mutti telefoniere. Aber diese Antworten sind nicht echt. Ich weiß, dass sie wahr sind und jeder unterschreiben würde. Aber sie erreichen mich nicht. Und ich kann auch nicht erklären, warum es so ist. Das frisst mich innerlich auf. Trotz Einweisung in eine Klinik und dem neu angeschnittenen Thema Medikation (beides wollte ich mal vorschlagen, habe mich aber nicht getraut, weil ich mich wie gesagt wie eine Heuchlerin fühle beide Punkte kamen von meiner Therapeutin aus) glaube ich immer noch nicht daran, dass ich krank bin. Das wollte ich einfach mal loswerden. Vielleicht geht es jemandem auch so wie mir?

26.01.2020 21:47 • x 2 #1


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Krankheitsakzeptanz ist ein Prozess, der bei manchen eben sehr lange dauert.
Glaub mir, kein Arzt schlägt Klinikeinweisung und/oder Medikamente vor, wenn es nicht wirklich nötig wäre.
So ging es mir jahrelang mit meiner Essstörung. Weil ich kein krasses Untergewicht hatte, kam ich mir wie eine Heuchlerin vor. Dabei war mein Essverhalten total krank und der subjektive Leidensdruck sehr hoch. Und genau das ist bei psychischen Erkrankungen ausschlaggebend: Leidensdruck!

Wenn man aber selbst schon so lange in dieser Gedankenspirale (egal ob ES oder Depressionen) gefangen ist, erkennt man das nicht mehr.
Erst als mein Freund irgendwann zu mir sagte, dass er mich einweisen lässt, wenn ich nicht wieder anfange, zu essen, wurde mir klar, dass ich wirklich ein Problem habe.
Bis zu dieser Erkenntnis hat es 8 Jahre gedauert. Da war ich 20 (jetzt 27).
Mir ist in meiner Kindheit, außer Mobbing, auch nichts schlimmes widerfahren. Trotzdem bin ich mit 27 Jahren ein psychisches Wrack.

Es muss dir nicht peinlich sein, was du deiner Therapeutin erzählt hast. Ich habe in der Klinik auf dem Flur liegend geheult, Personal beschimpft und angeschrien und während ich fixiert war, die ganze Station zusammengebrüllt. Das ist mir im Nachhinein auch sehr peinlich.
Aber das ist für Therapeuten, Ärzte und Pflegekräfte in der Psychiatrie Alltag. Die können damit professionell umgehen.
Man macht das ja nicht aus Spaß an der Freude, sondern weil es einem schlecht geht.

26.01.2020 22:59 • x 3 #2


Avatar

Rose1005

3
1
5
Ich bin zwar auch ganz frisch hier aber die Gefühle die du hast kenn ich zu gut,
ich fühle mich ähnlich. Anfangs war ich vielleicht Depressiv aber mittlerweile kann ich da auch nicht mehr so ganz dran glauben. Es fühlt sich wie eine Ausrede an die mein Kopf sucht, wieso ich Dinge nicht tue will.

Das mit dem selbstverletzten hatte ich auch. Ich habe mit immer gedacht wenn es mit wirklich schlecht geht dann muss das doch anders sein.

26.01.2020 23:02 • x 4 #3


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Rose1005:
Das mit dem selbstverletzten hatte ich auch. Ich habe mit immer gedacht wenn es mit wirklich schlecht geht dann muss das doch anders sein.


Das dachte ich, als ich nach jedem überlebten Su***dversuch. "Nicht mal das bekommst du richtig hin!"

26.01.2020 23:29 • x 1 #4


M99

4
1
4
Heftig. Ich bin immer davon ausgegangen, dass alle Bescheid wissen. Nur ich nicht. Aber schon echt dämlich wütend auf sich zu sein, weil man sich nicht erfolgreich SV bzw. umg*bracht hat. Man will sich irgendwie immer beweisen, obs vor einem selber oder vor anderen ist.

26.01.2020 23:44 • x 1 #5


Avatar

Rose1005

3
1
5
Ich glaube tatsächlich das liegt auch daran das uns selbst die Depression als eine Art Konzept in Büchern und Filmen gezeigt wird. Du bist depressiv wenn und selbstverletzten ist so und so.

Dieses Vorhaben sind uns vielleicht dann nur Unterbewusst klar aber daran misst man sich dann. Ich habe manchmal das Gefühl als wäre alles Simulation weil es nichts so und so ist. Das ist natürlich Quatsch aber es ist so.

27.01.2020 14:31 • x 1 #6


M99

4
1
4
Zitat von Rose1005:
Ich glaube tatsächlich das liegt auch daran das uns selbst die Depression als eine Art Konzept in Büchern und Filmen gezeigt wird. Du bist depressiv wenn und selbstverletzten ist so und so.

Dieses Vorhaben sind uns vielleicht dann nur Unterbewusst klar aber daran misst man sich dann. Ich habe manchmal das Gefühl als wäre alles Simulation weil es nichts so und so ist. Das ist natürlich Quatsch aber es ist so.


Stimmt, über diesen großen Teil habe ich mir noch keine aktiven Gedanken gemacht. Depressionen wirken dort immer so begehrenswert

27.01.2020 20:53 • #7


Avatar

maya60

6640
31
10038
Hallo M99 und Willkommen hier im Forum! Ich bin sicher, mit deiner Situation, schwer krank zu sein und dich trotzdem noch für die größte Simulantin der Welt zu halten, bist du hier im Forum absolut nicht allein!

Und auch unter den "Normalos" nicht, denn so geht einer der Erziehungsinhalte der nicht weg zu kriegenden schwarzen Pädagogik der Leistungsgesellschaft. "Stell dich nicht an, du hast doch gar nichts." "Du willst dich ja nur vor der Arbeit drücken." "Was bist du denn für eine eingebildete Kranke?" "Hast wohl Faulfieber, was?"

Mit sowas sind viele von uns aufgewachsen und diese Sätze sind dann fein als Selbstkommentierungen bei uns eingezogen, weil wir sie so gelernt haben. Wie viele Menschen rumlaufen und denken: "Wie lange das wohl noch gutgeht, bis die merken, welche Niete ich in Wirklichkeit bin."

Und natürlich ist es auch noch ein Symptom der Depression, Selbstzweifel und Selbstverachtung zu haben, weil die Depression unsere Wahrnehmung verdüstert, unser Fühlen und Denken.

Darum ist die Psychotherapie und sind Medikamente auch bei vielen einfach nötig.

Und dass du deine Therapeutin so anders wahrnimmst, das kann gut mit zum Therapieprozess gehören, ich würde ihr das mal erzählen.

Liebe Grüße! maya

27.01.2020 21:11 • x 3 #8


Avatar

Lilly-18

930
2
1402
Hallo M99, ich finde dein Thema sehr interessant. Jeder glaubt ja irgendwie, normal zu sein, krank sind nur die anderen. Und man hat irgendwelche Vorstellungen davon, wie das sein muss, wenn man krank ist. Schnupfen oder Husten ist ja was greifbares, aber eine Depression?
Ich hab auch lange gebraucht bis mir bewusst wurde, dass etwas nicht stimmt mit mir. Erst meine Therapeutin hat mich (vor vielen Jahren) darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht normal ist, sich jeden Vormittag wieder ins Bett zu legen, wenn die Kinder in der Schule sind. Ich dachte auch, ich bin einfach nur müde. Und die Gedankenkreise, die mich schier wahnsinnig gemacht haben. Ich dachte auch, ich bräuchte die nur stoppen. Ging aber nicht.
Und meine Ängste nehme ich auch noch nicht so lange als solche wahr. Weil ich es immer irgendwie schaffe, drüber zu gehen.
Andererseits denke ich mir, hat der Mensch ein angeborenes Recht auf psychische Gesundheit? Und was bedeutet das? Fast jeder hat irgendeine Macke. Es gibt sicher eine Grauzone, die noch nicht richtig krank ist, aber schon gestört.
Gibt es den fröhlichen, unbeschwerten, glücklichen Menschen überhaupt? Der alles im Griff hat, der mit jedem Unbill des Lebens zurecht kommt? Ich glaube , dass wir oft ein Idealbild im Kopf haben, das es gar nicht gibt.
Manchmal kommen wir nicht umhin, das zu glauben, was uns die Ärzte diagnostizieren. Auch wenn wir das selber oft anders wahrnehmen. Wir kennen ja den Unterschied nicht, deshalb halten wir vieles für normal, was es gar nicht ist.

28.01.2020 08:06 • x 4 #9


Hope38

14
1
23
Hallo zusammen,

ich habe mich gestern im Burnoutforum vorgestellt und habe beim Recherchieren irgendwann diesen Artikel gefunden.

@lilliy-18 ich kann so sehr nachempfinden was du schreibst.

Ich habe mittlerweile so viele Artikel gelesen, dass ich gar nicht mehr weiß wo oben und unten ist. Irgendwie kann ich alle möglichen Psychischen Erkrankungen von denen ich gelesen hab nachempfinden. Langsam glaube ich, umso mehr ich mich informiere, desto mehr habe ich. Was ja wiederum einen Hypochonder ausmacht. Und so verstrickt sich das dann von einer Krankheit zur nächsten. Manche beschriebene Situationen kenne ich zb aus der Kindheit / aus der Jugend wie zb soziale Phobien die ich auch heute noch in geringerem Maß empfinde und manches kenne ich eben von heute. Dann frage ich mich, sind es normale Verstimmungen, die halt jeder mal hat, die im Alter nachlassen, weil man sich weiterentwickelt. Schließlich würden die Phasen ja nicht einfach wieder gehen ohne Therapie und sich in neue Störungen "verwandeln" oder suche ich einfach nur eine Ausrede damit ich endlich nicht mehr zu meinem eigentlichen Problem, meiner Arbeit muss und früher war es zB die Schule? Schon damals hieß es schließlich " stell dich nicht so an, du bist nicht krank, ab zur Schule" .

Bis zu welchem Grad ist es "normal" und ab wann ist es krankhaft?
So habe ich zb auch seit Kindertagen einen leichten Kontrollzwang und Angst vor Elektrogeräten, dass diese brennen könnten.
Wo wir schon bei der nächsten Störung wären, ich habe vor allen möglichen Situationen Angst oder habe ich einfach nur ein geringes Selbstwertgefühl? Fragen über Fragen.

Für einige Verhaltensweisen kenne ich auch die Auslöser, bzw. Meine sie zu kennen.
Was ja wiederum zeigt, dass ich sehr Selbstreflektiert bin. Schaffe ich es also mir durch jegliche Recherchen und vermeintliche Zusammenhänge aus meinem Leben, alles nur einzureden? Schlieslich gibt es Phasen in denen fühle ich mich eigentlich ganz gesund und habe alles im Griff. Würde man dann nicht auch sein Testergebnis bei einem Therapeuten verfälschen?

Gestern 08:30 • x 2 #10


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Hallo Hope,
Zitat von Hope38:
Bis zu welchem Grad ist es "normal" und ab wann ist es krankhaft?

zu diesem Punkt hat einer meiner Dozenten in der Krankenpflegeausbildung mal gesagt: "Psychische Erkrankungen sind hauptsächlich subjektiv. Krankhaft wird es also dann, wenn der Betroffene und/oder sein Umfeld unter der Erkrankung Leidensdruck empfinden."

Ich finde, diese Aussage trifft es ziemlich gut. Natürlich gibt es auch für psychische Erkrankungen objektive Tests u.ä.
So kann z.B. jemand ein zwanghaftes Verhalten zeigen, das man vielleicht objektiv als krankhaft einstufen würde.
Wenn es den Betroffenen (und sein Umfeld) aber nicht beeinträchtigt und er nicht darunter leidet, dann empfindet er es auch nicht als krankhaft.

lg

Gestern 13:10 • x 4 #11


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Hope38:
Schlieslich gibt es Phasen in denen fühle ich mich eigentlich ganz gesund und habe alles im Griff. Würde man dann nicht auch sein Testergebnis bei einem Therapeuten verfälschen?

Ein guter Therapeut wird erkennen, dass es normal ist, dass man sich phasenweise besser fühlt und in diesen Phasen vielleicht nicht mal mehr die offizielle Kriterien der Erkrankung erfüllt.

So erfülle ich z.B. nicht offiziell die Kriterien einer Magersucht.
Obwohl ich viele Jahre lang extrem darunter gelitten habe und alle anderen Kriterien (u.a. zwanghaftes Kalorien zählen, täglich mehrfach wiegen usw.) vorhanden waren, wurde die Diagnose bei mir nie gestellt.
Statt dessen wurde EDNOS (Eating disorder not otherwise specified) diagnostiziert
Für die Diagnose "Magersucht" hat mir nämlich ein wichtiges Kriterium "gefehlt": Ich war nie im Untergewicht. Immer nur so kurz davor, wie jetzt auch.

Das meine ich auch mit subjektivem Leidensdruck: Die Diagnose wurde nie gestellt, weil ein Kriterium fehlte. Trotzdem habe ich schrecklich unter all den anderen Symptomen gelitten.
Und auch darunter, dass man mir das alles oft nicht geglaubt hatte, weil ich ja noch Normalgewicht hatte/habe.

Mittlerweile erfülle ich auch das zwanghafte Kalorien zählen und Wiegen nicht mehr. Ich esse ausreichend und auh "böse" (=ungesunde) Lebensmittel. Mein Essverhalten ist trotzdem alles andere als normal, aber der Leidensdruck ist nicht mehr so stark, vor ein paar Jahren.

Natürlich gibt es auch Phasen, in denen der Leidensdruck hoch ist, aber eben auf einem anderen Niveau, als früher.
Ich habe mich halt so damit arrangiert, dass ich die meiste Zeit über im Alltag damit klar komme.
Ein schlechter Therapeut/Arzt würde mir sagen, dass ich doch keine ES haben kann, wenn ich ausreichend esse und NG habe. Ein guter Therapeut glaubt mir und erkennt, dass ich trotzdem immer noch eine ES habe.

lg

Gestern 13:28 • x 3 #12


Robbe

129
202
Hallo Irgendeine,
das ist total interessant was du da geschrieben hast, Danke!
Wie schön dass du mittlerweile mit deiner ES umgehen kannst, zumindest viel besser als früher.
Liebe Grüße, Robbe

Gestern 13:48 • x 2 #13


Hope38

14
1
23
@Irgendeine das war wirklich aufschlussreich erklärt, so habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Das ist ein echt sehr komplexes Thema und kostet viel Kraft. Danke für deine Mühe.

Durch diesen von mir beschrieben Kontrollzwang habe ich kaum Beeinträchtigungen. Ich brauche zwar etwas länger, bis ich das Haus verlassen kann, weil ich zb den Herd 5 x kontrolliere, aber es hält sich noch in Grenzen. Mein Freund belächelt mich zwar, aber dann sage ich, wenn er die Schuld auf sich nimmt falls es mal brennt, höre ich auf zu kontrollieren.

Zitat von Irgendeine:
Ein guter Therapeut wird erkennen, dass es normal ist, dass man sich phasenweise besser fühlt und in diesen Phasen vielleicht nicht mal mehr die offizielle Kriterien der Erkrankung erfüllt.


Ok, das verstehe ich. Aber meine Sorge ist, dass ich ja jetzt durch die ganzen Recherchen eine gewisse Selbstdiagnose im Kopf habe.
(Jeder Arzt schlägt jetzt die Händer über dem Kopf zusammen)
Zb denke ich, dass ich einen anfangenden Burnout haben könnte, aber auch eine Angststörung würde zutreffen, Soziale Phobie und manchmal glaube ich sogar, dass ich meine damalige Therapie nicht komplett verarbeitet habe und ein gewisser Teil findet bestimmt auch in meiner Kindheit seinen Ursprung. Auf diese Ideen bin ich ja aber nur durch Recherchen und Bücher gekommen. Vielleicht ist das ja auch alles gar nicht richtig oder relevant und ich mache mich nur unbegründet verrückt und alles ist "normal" Ich sollte nur mal abschalten und mich nicht immer so anstellen... Inception ist ein Schei* gegen meine seltsamen Gedankengänge, gell..

Gestern 14:21 • x 1 #14


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Hope38:
Durch diesen von mir beschrieben Kontrollzwang habe ich kaum Beeinträchtigungen. Ich brauche zwar etwas länger, bis ich das Haus verlassen kann, weil ich zb den Herd 5 x kontrolliere, aber es hält sich noch in Grenzen. Mein Freund belächelt mich zwar, aber dann sage ich, wenn er die Schuld auf sich nimmt falls es mal brennt, höre ich auf zu kontrollieren.

Ich habe auch solche Zwänge. Bei mir müssen z.B. Handtücher auf eine ganz bestimmte Art gefaltet werden und natürlich alle gleich. Wenn mein Freund die Wäsche "falsch" zusammenlegt, macht micht das kirre.
Das ist smzwar schon irgendwie zwanghaft und manchmal nervig (auch für mich selbst), aber es beeinträchtigt mich nicht wirklich.
Zitat von Hope38:
Ok, das verstehe ich. Aber meine Sorge ist, dass ich ja jetzt durch die ganzen Recherchen eine gewisse Selbstdiagnose im Kopf habe.

Recherche und sich informieren ist ja per se nicht schlecht. Nur sollte man sich halt dessen bewusst sein, dass sich irgendwann darin "verlieren" kann.
Besagter Dozent sagte diesbezüglich (eher im Spaß natürlich) mal: "Am Ende ist es laut Dr. Google immer Krebs!"
Zitat von Hope38:
Auf diese Ideen bin ich ja aber nur durch Recherchen und Bücher gekommen. Vielleicht ist das ja auch alles gar nicht richtig oder relevant und ich mache mich nur unbegründet verrückt und alles ist "normal" Ich sollte nur mal abschalten und mich nicht immer so anstellen... Inception ist ein Schei* gegen meine seltsamen Gedankengänge, gell..

An deiner Stelle würde ich das bei deinem Therapeuten und/oder Arzt ansprechen. Du bist nicht der Einzige, dem es so geht.
Das Problem bei solchen Recherchen ist, dass man gewissen Infos als medizinischer Laie oft nicht wirklich einschätzen/richtig "deuten" kann. Wie auch, wenn man Laie ist. Das meine ich nicht böse oder überheblich, es ist nur meine Erfahrung aus der Praxis.
Natürlich gibt es auch Fälle, wo Pat. den Therapeuten/Arzt dadurch auf die richtige "Fährte" bringen. Deswegen finde ich es um so wichtiger, das anzusprechen. Es kann ja durchaus sein, dass der Therapeut/Arzt gewisse Aspekte nicht so im Fokus hat. Das sind schließlich auch nur Menschen.
Aber da ich aus eigener Erfahrung, dass besonders Ärzte sich bei so was oft auf die Füße getreten fühlen, gebe ich dir den Tipp, das Ganze nicht als Aussage, sondern eher als Frage zu formulieren.

Wenn ich in so einer Situation bin, sage ich dann z.B.: "Ich habe da letztens in einem Artikel (oder wo auch immer) gelesen, dass Medikament X bei Symptom Y hilft. Wäre es möglich, dass ich das mal ausprobiere?"
Ich will damit nicht sagen, dass ich alles besser weiß, aber wie ich schon schrieb, ist es manchmal nicht so falsch, demjenigen mal so einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben.

Ich hoffe, du verstehst, wie ich das meine.

Gestern 14:40 • x 3 #15


Hope38

14
1
23
Jaaaaaa Handtücher und vorallem die Decke auf der Couch und die Kissen auf der Couch und Tischdecken müssen akkurat liegen. Einen Putzfimmel habe ich übrigens auch noch dazu. Ein Alptraum wenn Gäste unangekündigt kommen. Es ist nicht so schlimm, dass ich gerade keinem Besuch empfangen darf wegen Corona... ich habe gerade echt keine Kraft für nen Großputz...

Die Erfahrung, dass sich Ärzte auf den Schlips getreten fühlen kenne ich nur zu gut. Darum habe ich ja unter anderem solche Angst überhaupt mal zu einem Arzt zu gehen.

Ich habe durch die Recherchen auch das Gefühl verdrängte Schubladen zu öffnen, die ich evtl alleine nicht mehr geschlossen bekomme.

Ja, auf die Sprünge zu helfen, wäre ja optimal, aber ich habe eher Angst den Therapeuten in die falsche Richtung zu lenken und dann in einer Geschlossenen zu landen... Wieso muss ich mich denn auch immer so Hinterdenken? Ich war noch nicht mal bei meinem Hausarzt und Plane gedanklich schon meine Therapie durch...

Gestern 14:57 • x 1 #16


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Hope38:
Die Erfahrung, dass sich Ärzte auf den Schlips getreten fühlen kenne ich nur zu gut. Darum habe ich ja unter anderem solche Angst überhaupt mal zu einem Arzt zu gehen.

Probier es doch einfach aus. Was soll denn passieren?
Zitat von Hope38:
Ja, auf die Sprünge zu helfen, wäre ja optimal, aber ich habe eher Angst den Therapeuten in die falsche Richtung zu lenken und dann in einer Geschlossenen zu landen... Wieso muss ich mich denn auch immer so Hinterdenken? Ich war noch nicht mal bei meinem Hausarzt und Plane gedanklich schon meine Therapie durch...

So einfach landet man nicht auf einer Geschlossenen. Dafür muss eine Selbst- und/oder Fremdgefährdung vorliegen.

Gestern 15:02 • x 2 #17


Hope38

14
1
23
Zu verlieren hätte ich EIGENTLICH nix, aber meine Erfahrung sagt, schlimmer geht immer. Meine größte Angst ist es, dass ich mich nicht verständlich erklären kann oder auf Fragen keine klare Antwort habe, schließlich geht es um eine Krankheit die man nicht sieht.
Mir fiel es damals schon bei Rückenschmerzen schwer, diese genau zu erklären. Die Frage ob es ein stechender, brennender oder dumpfer Schmerz ist, konnte ich nicht beantworten. Es tat halt weh und was bedeutet "dumpf " überhaupt...

Was ist wenn ich wegen solcher Kommunikationsproblemen nicht ernst genommen werde oder gar als simulant abgestempelt werde, der sich lediglich vor seinen Aufgaben drücken will. Hier anonym und vor meinem Freund kann ich mich erklären, aber vor fremden nicht.

Gestern 15:11 • x 1 #18


Avatar

maya60

6640
31
10038
Hallo @Hope und Willkommen hier im Forum!

TherapeutInnen sind es gewöhnt, dass wir, die wir zum ersten Mal zu ihnen kommen, uns oft gar nicht gut auszudrücken meinen, wie es uns geht und sogar Angst haben, für Simulanten gehalten zu werden.
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, spüre ich noch heute das ganze Chaos damals in mir.

Aber keine Sorge! Die TherapeutInnen sind das gewohnt und wissen, was für sie klare Leidensanzeichen sind und was einfach individuelle Besonderheiten, die keinen Menschen stören. Hauptsache, du erzählst von dir frei heraus. Wenn du nur schweigst oder versuchst, keine Probleme zuzugeben, sind die Fachleute natürlich auch keine HellseherInnen.
Wenn du dir nicht sicher bist bei einer Antwort, z.B., wie du einen Schmerz eher beschreiben würdest, dann sage auch das deutlich. Unsicherheit gehört ja mit zu dem Ganzen. Sag alles ehrlich wie du es in dem Moment meinst.
Du kannst ja auch alles wieder korrigieren, wenn dir im Nachhinein noch was einfällt.

Nach einiger Zeit wirst du selber erfahrener darin, in dir Unterschiede zu erkennen zwischen "krank leidvoll" und "gesund leidvoll", denn die Grenzen sind ganz klar, sonst käme niemand auf den Gedanken, sich überhaupt zu fragen, ob das noch gesund ist.


Weil es eben unsichtbar ist, aber wir vielleicht schon länger damit leben und es für uns so gesehen "normal" war, krank zu sein, darum brauchen wir eben auch Fachleute dabei, zu lernen, da zu unterscheiden zu lernen in unserem Fühlen.

Fühlen ist unsichtbar, aber eben nicht unfühlbar. Fühlen ist ja ebenso ein Wahrnehmungssinn wie Sehen oder Hören.

Und Fachleute s e h e n uns übrigens auch unser Leid an, sehr oft. Es gibt aber auch immer wieder, dass es uns innerlich total mies geht und alle Welt sagt: "Nein, wie siehst du gut aus!" Ja, auch das gehört mit dazu. Dann sind wir immer noch nicht SimulantInnen. Dann passen nur äußere Fassade und inneres Fühlen nicht zusammen wie bei so vielen Menschen.

Das hat dann auch wieder mit den Rollen zu tun, die wir spielen, wo wir uns eine gute Fassade zulegen müssen oder dass wir, so schlecht wie es uns innerlich geht, nicht noch leisten können, auch äußerlich so schlecht auszusehen oder vieles andere.

Sich selber und seine unsichtbaren Gefühle gut zu kennen und zu beachten und fürsorglich mit ihnen umzugehen, haben die meisten von uns nie gelernt, dabei ist die unsichtbare Welt unserer Gefühle, Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen sowie Einstellungen genauso groß wie die sichtbare, mindestens.

Nur interessiert sich der gesellschaftliche Alltag fast nur für alles Sichtbare. So kommt es, dass auch wir das Unsichtbare missachten, bis wir krank werden vor lauter Missachtung.

Und dann kommen wir uns wie SimmulantInnen vor, ist ja klar. Kennen viele.

Liebe Grüße! maya

Gestern 15:25 • x 2 #19


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Hope38:
Zu verlieren hätte ich EIGENTLICH nix, aber meine Erfahrung sagt, schlimmer geht immer. Meine größte Angst ist es, dass ich mich nicht verständlich erklären kann oder auf Fragen keine klare Antwort habe, schließlich geht es um eine Krankheit die man nicht sieht.

Du sagst es selbst: Du hast nichts zu verlieren.
Ja, schlimmer geht immer. Aber was wäre, wenn es funktionieren würde?
Nimm dir vorher Zeit und schreibe dir all deine Fragen auf einen Zettel.
Zitat von Hope38:
Was ist wenn ich wegen solcher Kommunikationsproblemen nicht ernst genommen werde oder gar als simulant abgestempelt werde, der sich lediglich vor seinen Aufgaben drücken will.

Ich hatte schon sehr viele Ärzte und Therapeuten. Viele Ärzte haben mich nicht ernst genommen. Wenn das bei dir der Fall sein sollte, suchst du dir eben einen neuen. Ich weiß, wie anstrengend das ist. Aber mal ehrlich: Was ist denn die Alternative? Es geht dir nicht gut und das wird wahrscheinlich auch nicht einfach so verschwinden.
Also ist der einzige Weg "Try and error".

Ich war schon bei 7 Psychiatern und 6 Therapeuten. Die ganzen Ärzte und Therapeuten während der Klinikaufenthalte nicht mitgezählt.
Jetzt hat mich meine 6. Therapeutin "gekickt", weil sie nicht weiß, wie sie mir helfen soll. Das ist frustrierend und demotivierend ohne Ende. Aber was bringt es mir, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken (was ich wirklich oft am liebsten tun würde)? Nichts. Mir geht es weiterhin schlecht. Also probiere ich jetzt eben die 7. Therapeutin, wahrscheinlich bald den 8. Arzt und wenn nötig das 32. Medikament aus. In der Hoffnung, dass ich irgendwann jemanden finde, dem meine ganzen Diagnosen nicht zu "schwierig" sind und der mich nicht mit "austherapiert" abstempelt.
Ja, vielleicht kann mir diese 7. Therapeutin und dieser 8. Arzt auch nicht helfen. Dann suche ich eben weiter.
Das kostet Kraft und ich war schon sehr oft davor aufzugeben bzw. habe es schon sehr oft versucht aufzugeben (ich denke, man versteht, was letzteres bedeutet...).
Aber aktuell will ich leben, nicht nur überleben. Also kämpfe ich weiter.
In der Hoffnung, dass ich irgendwann leben kann.

Tut mir leid, dass ich jetzt so viel von mir geschrieben habe, aber vielleicht hilft es dir ja...

Gestern 16:32 • x 2 #20


Hope38

14
1
23
@maya60 danke, das war verständlich.
Ja klar, warum eigentlich nicht einfach ehrlich sagen "Entschuldigung, ich weiß gerade nicht wie sie Xy meinen und wie ich es erklären soll" gehört ja auch dazu... stimmt.

Das wird ne lange Reise... Heute ist mir zwar bewusst, dass ich sie antreten muss, aber wie es morgen aussieht, wenn ich mit meinem Arbeitgeber und dem Hausarzt Telefonieren muss... mir ist ganz übel. Ich hoffe, ich kann mir eure Ratschläge morgen merken wenn sich die Angst breit macht. Aber mit Stift und Zettel will ich auch nicht zum Arzt, nachher denkt er noch ich habe etwas auswendig gelernt und ein Skript geschrieben. Ok, ich weiß selbst, dass solche Gedanke unnötig sind... aber sie sind nun mal da...

@Irgendeine du musst dich doch nicht entschuldigen, dass du von dir schreibst. Das hier ist doch ein Forum für jeden und außerdem ist das hier nicht mal mein Thread.
Dein Weg hört sich sehr anstrengend an, ich bewundere dich für deine Kraft, dein Durchhaltevermögen, für deinen Willen und dafür, dass du trotz deiner eigenen Probleme auch noch anderen hier so viele tolle Hilfestellungen und Denkanstöße gibst. Mir hast du damit schon weitergeholfen, ich hoffe sehr, dass dir auch bald jemand weiterhilft. Vielleicht ja schon der nächste Arzt/Therapeut

Gestern 16:43 • x 4 #21


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610
Zitat von Hope38:
Aber mit Stift und Zettel will ich auch nicht zum Arzt, nachher denkt er noch ich habe etwas auswendig gelernt und ein Skript geschrieben. Ok, ich weiß selbst, dass solche Gedanke unnötig sind... aber sie sind nun mal da...

Da kann ich dich beruhigen. Niemand wird dich dafür verurteilen, dass du deine Fragen vorher aufgeschrieben hast und mit Zettel da sitzt.
Ich sage meinen Pat. immer wieder, dass sie sich ihre Fragen vor der Visite aufschreiben sollen.
Zitat von Hope38:
Dein Weg hört sich sehr anstrengend an, ich bewundere dich für deine Kraft, dein Durchhaltevermögen, für deinen Willen und dafür, dass du trotz deiner eigenen Probleme auch noch anderen hier so viele tolle Hilfestellungen und Denkanstöße gibst. Mir hast du damit schon weitergeholfen, ich hoffe sehr, dass dir auch bald jemand weiterhilft. Vielleicht ja schon der nächste Arzt/Therapeut

Danke. Glaub mir, ich habe schon oft aufgegeben. Aber irgendwie ging es doch immer weiter. Es ist anstrengend und ich trauere oft der verlorenen Zeit nach, die "normale" Menschen mit Leben verbracht haben, während ich in der Psychiatrie saß und mit Überleben beschäftigt war. Aber hey, ich habe überlebt. Und das ist eine Leistung.
Ich bin eben in der Hinsicht nicht "normal". Das musste und muss ich mir immer wieder bewusst machen.
Und da gibt es eben nur 2 Möglichkeiten: Aufgeben (ich denke, du verstehst, was das in diesem Kontext heißt) oder sich weiter durchkämpfen.
Aktuell habe ich mich fürs Kämpfen entschieden, aber ich weiß, dass es wahrscheinlich auch wieder Zeiten geben wird, in denen ich Ersteres "bevorzugen" würde.

Also trau dich. Es könnte ja gut werden

Gestern 16:53 • x 2 #22


Avatar

Irgendeine

1391
10
1610


Ich weiß nicht, ob du das Lied kennst. Der Text ist einfach so unglaublich treffend, deswegen poste ich es hier.

"Immer vorwärts Schritt um Schritt
Es geht kein Weg zurück
Was jetzt ist wird nie mehr ungeschehen
Die Zeit läuft uns davon"

"Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her
"

Diese Zeilen bringen mich jedes Mal wieder zum Weinen.
Die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen, aber man kann aus ihr für die Gegenwart und die Zukunft lernen.

Gestern 19:07 • x 3 #23

Pfeil rechts




Ähnliche Themen

Hits

Antworten

Letzter Beitrag