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Ich bin ein richtig seltsamer Mensch / Ungewissheit

AmyAluka13
Hallo Forengemeinde,

ich mache mir gerade Gedanken darüber, warum ich so "seltsam" bin. Und zwar geht es um ein paar Dinge, welche mir schon seit Jahren an mir auffallen. Um vorweg eines zu schildern: Bei mir wurde in der Kindheit ein Asperger-Autismus diagnostiziert, da ich aber mit der Zeit eine "Borderline-Persönlichkeitsstörung" entwickelt habe, geraten die Ärzte in ihren Diagnosen oft in Uneinigkeiten. Auch hatte ich keine schöne Kindheit, - und diese Formulierung ist noch schlichtweg untertrieben. Ein paar Menschen meines Umfelds meinen, ich sei von meiner Vergangenheit traumatisiert. Ich besitze eine Akte, in denen mir sogar gleich mehrere Diagnosen unterjubelt werden, wie z.B. "Schizophrenie". Hier und da entdecke ich tückische Fehldiagnosen, welche in meinen Augen eigentlich nur noch der reinste Schmarrn sind.

Zu mir: Ich leide seit meiner Kindheit unter Dyskalkulie (für User, die den Begriff nicht kennen: Es ist eine Rechenschwäche.) Bis heute komme ich einfach nicht wirklich mit Zahlen klar, ich besitze zwar ein paar laienhafte Grundkenntnisse, aber mehr ist da nicht. Und wenn ich einmal auf eine mathematische Rechenaufgabe stoße (wie z.B. bei so einem Eignungstest beim Jobcenter) dann gerate ich massiv unter Druck - weil ich diese ganzen Zusammenhänge nicht verstehe. Ich werde regelrecht wütend, weil sich in binnen von Sekunden negative Energie in mir aufstaut. Und somit lasse ich es - zumindest bei den Rechenaufgaben - ganz bleiben, und streiche einfach alles durch. Und so war es auch in der Schule. Die Schule war für mich - abgesehen von Mathematik - die HÖLLE. In meinem Realschulzeugnis habe ich in Mathematik trotz regelrecht aufopferndem Lernen eine 5 im Zeugnis stehen. Ich musste sogar noch vor drei Lehrern einen Vortrag von irgendeiner Rechenart halten, und diese dann anhand eigenen Beispielen erklären. In der Grundschule wurde ich sogar bei jeder Mathestunde von einzelnen Schülern in das Lächerliche gezogen - weil ich die einfachsten Aufgaben nicht lösen konnte.

Auch habe ich ein erhebliches Problem im zwischenmenschlichen Umgang, was auf insgesamt 8 Jahren Mobbing an drei verschiedenen Schulen, zurück zu führen ist. Ich verspüre einen enormen Hass auf Menschen. Deshalb kann ich bei jedem zwischenmenschlichen Umgang nur noch distanziert und kühl agieren. Wenn ich z.B. jemanden anspreche, dann wird das Angesprochene oftmals nicht verstanden (obwohl ich mich immer klar und verständlich ausdrücke.) Das Gleiche habe ich, wenn ich z.B. Gruppenräume betrete. Kaum betrete ich ein soziales Umfeld, werde ich in binnen von Sekunden so genervt, dass ich krampfhaft versuche, mich irgendwo in das Abseits zu stellen. Mein Leben ist im Grunde genommen von erheblichen Konflikten geprägt, welche sich oftmals nicht immer vermeiden lassen. Ich ecke immer und überall an, egal wo. Und das nicht gerade deshalb, weil ich andere Menschen grundlos beleidige und angehe, sondern, weil ich "so bin wie ich bin." Ich rede z.B. den ganzen Tag mit niemanden, weil ich es schwer habe, einen richtigen Gesprächspartner zu finden. Ich habe z.B. ein enormes Problem damit, andere Menschen zu grüßen oder mit ihnen Smalltalk zu führen. Ich wurde sogar einmal in einem fahrigen Ton auf meine Verhaltensweise angesprochen, und darauf musste ich demjenigen erst einmal erklären, dass ich Smalltalk und Grüßen banal finde, und ich eben ein sehr ehrlicher Mensch bin, der niemanden in den Ar*** kriechen möchte. Dies hatte aber dann nur zu einer recht penetranten Diskussion geführt. Ich habe grundsätzlich ein großes Problem mit gesellschaftlichen Traditionen, weil ich diese Traditionen jedes mal auf das Neue hinterfrage. Auch habe ich es sehr schwer, Freunde zu finden. Denn die meisten Menschen finden meine Interessen seltsam, oder können damit nichts anfangen. Und meistens kann auch ich selbst nichts mit meinem Umfeld anfangen, da ich mehr auf tiefe Gespräche aus bin, als auf dieses gekünstelte Smalltalk. Momentan bin ich mit dieser Gesellschaft so durch den Wind, dass ich jegliche soziale Formen - und das schon seit Jahren - meide. Denn wenn ich einmal mit anderen Menschen ein tieferes Gespräch führe, dann werde ich erst recht nicht verstanden. Ich werde schief beäugt, begutachtet und dann abgestempelt. Und somit habe ich mein Interesse (abgesehen von meinen äußerst schlechten Erfahrungen) verloren. Und wenn ich einmal doch auf irgendjemanden eingehe, dann kommt am Ende immer wieder dasselbe heraus: Eine hitzige Diskussion über mein Verhalten. Ich habe darauf keine Lust mehr.

Außerdem finde ich sinnlose Geräusche massiv störend. Es handelt sich um lautes Türenknallen, schmatzen beim Essen, Husten, Finger schnippsen, sinnloses herum klatschen etc. Ich werde durch diese ganzen Zwischengeräusche "wahnsinnig". Momentan bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich einen Tag lang nichts mehr hören möchte. Ich höre jedes noch so kleine Geräusch, und die meisten Geräusche empfinde ich als massiv belästigend. Meistens werde ich da auch sehr schnell wütend. Grundsätzlich fehlt mir auch eben zu diesen ganzen banalen Gesten (wie z.B. das Fingerschnippsen oder Lieder pfeifen - warum macht man sowas?) das Verständnis.

Mein aller größtes Problem habe ich aber mit Autoritäten, Gesetze, Regeln und Vorschriften. Dieses große Problem damit habe ich schon seit meiner Jugend. Es ist genau das Problem, weshalb ich in meinem ganzen Leben immer wieder in die tiefsten und fragwürdigsten Konflikte gerate. Mittlerweile versuche ich Gesetze, Regeln und Vorschriften so genau wie möglich zu analysieren, und immer wenn ich das tue, fallen mir sehr widersprüchliche Dinge auf, weshalb ich mich dann oft nicht wirklich an Regeln halte. - Und dann meistens maßlose Kritik einkassiere. Oft lasse ich mir auch einfach nichts sagen, denn ich hasse das Gefühl, von jemand anderem dirigiert zu werden. Meistens sage ich dann einfach: "Ich kann selbst denken und brauche hier für keine Vorschriften" aber genau das ist es ja, womit die meisten Menschen ein Problem haben. Und oftmals leide ich dann eben auch unter Hitzewallungen, obwohl ich körperlich keine wirklichen Beschwerden habe. Es sind einzelne Hitzeschübe, welche ich über den Tag verteilt bekomme. Dafür friere ich "fast nie". Oder zumindest müsste ich mich hierfür im Hochwinter draußen im Tshirt befinden. Ich kann Hitze überhaupt nicht ertragen, und manchmal wünschte ich, dass ich frieren würde (um meine Hitzeschübe besser vermeiden zu können.) Auch habe ich festgestellt, dass ich eher mal im Sommer krank werde, als im Winter. Und auch das finde ich mit der Zeit sehr anstrengend. Denn ich fange einfach wegen jedem Mist an zu schwitzen, während ich das erwünschte frieren nie wirklich erreichen kann, da ich schon als Kind ein gemildertes Kälteempfinden besitze. Oft gehe ich dann z.B. manchmal im Winter im Tshirt heraus, aber auch da fange ich nach einiger Zeit - je nach Temperaturen - an, zu schwitzen, während mich andere Menschen entsetzt begaffen.

. Manchmal habe ich das Gefühl, ein völliger Unmensch zu sein. Das ich heute Gelder vom Jobcenter beziehe und obdachlos bin, ist für mich die reinste Hölle. Ich würde so gerne irgendeinen passenden Beruf aus üben, aber davor brauche ich einen festen Wohnsitz, welcher mich entlastet. Und wenn ich mir z.B. diesen ganzen Hartz IV-Mist durchlese, dann werde ich einfach nur noch wütend. Denn auch hier versuche ich die möglichen Hintergründe zu analysieren. Und manchmal frage ich mich, warum der Mensch überhaupt existiert. Es ist eine Frage, welche ich deshalb stelle, weil ich die Existenz der Menschheit als fragil empfinde. Ich weiß nicht, was mit mir ist und was eines Tages noch aus mir werden soll. Ich fühle mich wie ein "Systemfehler". Meine Geburt war eher Zufall als das reine Glück eines Wunsches, ich werde ständig und überall hintergangen, mir wurde schon 5 mal hintereinander das Herz gebrochen, und überall werde ich wie eine "Außerirdische" behandelt. Momentan habe ich das reine Lebensgefühl der totalen Inexistenz. Wenn ich irgendwann keine Wohnung und eine passende Arbeit finde, dann kann ich mein Leben irgendwann in die Tonne werfen. . Ich wünsche mir in meinem Leben nicht einmal einen teuren Luxusurlaub oder eine Familie mit Kindern, nicht einmal das. Ich habe einfach nur noch das reine Bedürfnis meiner geistigen Entfaltung, aber ich kann mich in dieser Welt - so wie ich bin - einfach nicht ausleben. Und mit Hartz IV, diesen ganzen fragwürdigen Vorschriften und einer Notunterkunft, welche in meinen Augen eher ein tristes Endlager darstellt, schon gar nicht.

Vorweg möchte ich schildern, dass ich keine möglichen Diagnosen erwarte, sondern eher einen Austausch zwischen Menschen, welche sich in ein paar Stichpunkten meines Textes wider finden. Denn oftmals fühle ich mich rein von meiner Person aus betrachtet, allein auf dieser Welt. Und selbst wenn mir gegensätzliche Fakten vermittelt werden, kann ich das ständige Gefühl dieses "Fehler im System-seins" nicht abschalten. Es ist und begleitet mich überall. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und hinterfrage meinen eigenen Wert. Und dasselbe tue ich, wenn ich dabei die heutige Gesellschaft in Betracht ziehe. Ich kann einfach nichts mehr empfinden. Und wenn ich einmal etwas empfinde, dann ist es nur noch Melancholie, Hass, Zynismus und reine Satire. Nichts anderes habe ich für diese Welt noch übrig.

LG Amy

25.05.2019 19:43 • x 2 #1


Flocon_de_Neige
Zitat von AmyAluka13:
Außerdem finde ich sinnlose Geräusche massiv störend. Es handelt sich um lautes Türenknallen, schmatzen beim Essen, Husten, Finger schnippsen, sinnloses herum klatschen etc. Ich werde durch diese ganzen Zwischengeräusche "wahnsinnig". Momentan bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich einen Tag lang nichts mehr hören möchte. Ich höre jedes noch so kleine Geräusch, und die meisten Geräusche empfinde ich als massiv belästigend. Meistens werde ich da auch sehr schnell wütend. Grundsätzlich fehlt mir auch eben zu diesen ganzen banalen Gesten (wie z.B. das Fingerschnippsen oder Lieder pfeifen - warum macht man sowas?) das Verständnis.


Hallo Amy,

genau auch mein Problem. Ich werde teilweise innerlich aggressiv, merke wie sich das anstaut, je mehr die Geräusche werden.
Das passiert häufig im Alltag.

Wenn es mir zusätzlich noch schlecht geht, bin ich generell geräuschempfindlich und habe das Gefühl, bei diversen Geräuschen (alle Geräusche, die Lärm verursachen) durchzudrehen. Es ist schwer, da rauszukommen und sich innerlich zu beruhigen.

(Habe auch Borderline-Persönlichkeitsstörung)

Mag keine Ratschläge geben weil ich selbst dafür keine hab und es für mich ein ständiger Kampf ist.

LG

26.05.2019 11:15 • x 2 #2


MelodieSyren
Hallo Amy,

das mit der Dyskalkulie kenne ich auch!

Ist bei mir zwar keine festgestellte Diagnose - aber ich bin mir 100%tig sicher dass ich das auch habe! Bis zur 7. Klasse hatte ich in Mathe immer 3er. Ab der 8. ging es dann Berg ab. Erstmal waren es nur 4er.

Aber dann ab der 9. Klasse, eine 5 nach der anderen. Ich konnte machen was ich wollte, lernen wie blöd, es mir zig mal erklären lassen, ich hab gerechnet gemacht getan, aber meine Ergebnisse waren IMMER falsch, immer. Das hat mich so wahnsinnig gemacht. Ich bekam Arbeiten zurück: 5. Und ich dachte: Ich hab doch so viel gelernt warum? Ich hab mich selbst so sehr dafür fertig gemacht, mir eingeredet ich sei einfach zu dumm ums zu kapieren, aber es ging nicht!

Irgendwann war der Punkt erreicht, wo Mathe an mir einfach nur noch vorbei ging. Ich hab keine Hausaufgaben mehr gemacht, nicht mehr für die Arbeiten gelernt, warum auch? Wäre eh nur vergeudete Zeit gewesen!

Dann kam die Abschlussprüfung. Nicht für gelernt, warum auch?

Ich saß da, ich habs echt versucht, krampfhaft, ich wollte unbedingt ein richtiges Ergebnis raus kriegen bei den Aufgaben. Aber es ging einfach nicht. Egal was ich rechnete, es ergab keinen Sinn. Ich verstand nicht wieso. Egal was ich machte, es klappte nicht. Ich stand echt damals so kurz davor einfach vor Verzweiflung los zu heulen und musste mich so sehr zusammenreißen um es eben nicht zutun. Es war die Hölle. Ergebnis war klar: 5.
Heute denke ich, ich hätte in der Mathe Prüfung auch nur meinen Namen hin schreiben können und dann gleich abgeben und gehen sollen. Es hätte sowieso zum gleichen Ergebnis geführt und ich hätte mir Zeit und Frust erspart.

Auch auf weiterführenden Schulen und bis heute zieht es sich durch, ab einem gewissen Punkt verstehe ich Mathe einfach nicht mehr. Ich werde heute wenn jemand mit mir darüber redet richtig wütend und agressiv. Ich will nichts davon hören oder was damit zutun haben. Mathe stresst mich immens!

Ich krieg das kotzen wenn Leute meinen: Ja du hast es nur nicht richtig erklärt bekommen, guck mal das geht so und so.

Ich weiß sie meinen es gut - aber nein! Ich will es nicht hören! Ich verstehe es nicht und Ende. Mein Gehirn schaltet bei Mathe mitlerweile einfach sofort ab. Ich seh zwar die Zahlen an der Tafel, aber sie ergeben keinen Sinn oder haben irgendeine Bedeutung für mich.

Aber es will mir einfach niemand glauben dass ich es nicht kann. Alle denken immer ich sei einfach zu faul dazu es zu lernen. Aber ich KANN es nicht. Mein Gehirn versteht es nicht - und dafür kann ich rein gar nichts. Das hat nichts damit zutun dass ich faul bin oder es nicht lernen will, ich kann es nicht.


Sorry für den langen Post. Aber ich glaube allein daran sieht man wie sehr mich das Thema *beep*.

26.05.2019 11:37 • x 2 #3


Alexandra2
Liebe Amy, einiges das Du beschreibst, kenne ich.
Ich war unerwünscht, wurde gemobbt und vom Mathelehrer vorgeführt. Ich dachte immer, ich kann nicht rechnen und bin doof. An einer anderen Schule machte ich, das verängstigte Mathehäschen-, die Erfahrung, gar nicht so falsch zu sein. Der dortige Lehrer schätzte mich mit der Note 4 ein, der vorherige mit Note 6. Diese Ungerechtigkeit habe ich ihm beim Klassentreffen um die Ohren gehauen, das war befreiend.
Ich hatte sehr früh aufgegeben, mit anderen Kindern zurecht zu kommen, war entsetzlich einsam. Irgendwann begannen meine Aggressionen, Ergebnis meiner Haltung. Introvertiert rebellisch und zeitweise aggressiv. Wenn andere sich gestört fühlen von meiner Art, ist das OK und kein Anlass, etwas daran zu ändern. Ich muss niemandem gefallen. Falls es zu Diskussionen kommt, ziehe ich mich zurück. Ich lasse mich nicht angreifen, belehren und bekehren, wenn andere das wollen. Und wenn ich mich nicht zurück ziehen kann, werde ich aggressiv.
Inzwischen weiß ich, dass diese Dünnhäutigkeit vom chronischen Streß bereits vor meiner Geburt und vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom kommt. Reizüberflutung führt zwangsläufig dazu, ausfallend zu werden, wenn kein Rückzug möglich ist. Ich habe keinen Filter, um Reize auszublenden.
Mit Hitze und Kälte geht es mir genauso wie Dir. Manchmal denke ich, dass auch das Temperaturzentrum vom Streß fehl geschaltet ist.
Liebe Grüße Alexandra2

26.05.2019 12:20 • x 1 #4


charmed
Hallo,

ich fande es gerade wirklich interessant, deinen Text zu lesen. Ich finde mich selber in einer Menge Punkte wieder. Du wirkst, bezüglich dem, was ich anhand deines Schreibstils analysieren kann, intelligent.
Als du deine Probleme mit Normen und Vorschriften beschrieben hast, konnte ich mich dort sehr gut wiederfinden. Die meisten Leute hinterfragen nicht. Und Menschen sind Gewohnheitstiere. Viele würden ihre Bequemlichkeit nicht für das aufopfern, was Sie sich insgeheim fragen oder wünschen. Bei mir fing es im Schulalter an, auffällig zu werden. Ich habe viele Regeln nicht verstanden, nicht, weil ich schlicht zu blöd war Sie zu begreifen, sondern weil ich diese 'Regeln' analysiert hatte und den Sinn so mancher Vorschriften nicht gesehen habe. Das fühlt sich für mich so an, als würde ich, wenn die 'Anderen' noch in ihrem Denksystem bei Schritt 1 sind, schon um Zwei Ecken bei Schritt 10 sein und bereits in meinem Denken Verknüpfungen getroffen habe, dessen Theorie die 'Anderen' nicht im Ansatz verstehen würden der könnten. Dies führt dann auch häufig dazu, dass ich das grössere Ganze in Frage stelle.

Auch den Punkt mit dem 'Kühl Reagieren' auf jegliche menschliche Interaktion wie z.B. nicht nötiger Smalltalk, empfinde ich ebenso. Da ist dann einfach so eine Art. 'Innere' Resistenz, die sich dem entgegenstellt und sagt: 'Das führt zu nichts. Die Menschen sagen dir sowieso nie, was Sie wirklich denken. Das ist alles gekünstelt, oberflächlich und ehrlich gesagt nimmt es mir einfach einen Teil meiner Lebenszeit.'

Ich wünsche mir im Inneren manchmal, dass die Menschen, egal wie verletzend die Wahrheit sein kann, diese immer sagen würden. Weil es einem einfach auch so viel spart. Die Tiefgründigkeit, die Tiefgründigkeit fehlt mir. Und meistens sind es die Tiefgründigen Menschen, die am meisten seelisches Leid ertragen.

Bezüglich der Geräuschkulissen im Alltag kann ich auch meine Meinung darlegen. Oft bin ich gereizt, wenn ich versuche, Handlungen von Menschen zu analysieren, die diese nur ausführen, da Sie sich gerade 'danach fühlen' oder warum auch immer. Wie zum Beispiel das mit dem Pfeifen. Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht wirklich erklären, warum ich auf so etwas gereizt reagiere. Vielleicht, weil ich so etwas, nicht kenne und es deswegen nicht verstehen kann, aber das wäre nur ein rationaler Erklärungsversuch.

Ich fühle mich ausserdem nie irgendwo zugehörig. Meistens ist es so, dass ich wenn ich in einer Situation bin, in der alle Anderen Glück oder Freude empfinden und es rational keinen Grund gibt, in Melancholie zu zerfallen und traurig oder genervt zu werden, ich genau dies tue. Die alleinige Tatsache, dass ich mich zB. bei einem Treff von Menschen die ich oberflächlich kenne, befinde, bei dem absolut oberflächliche Sätze und Worte wie auch Themen geäussert werden, bewegt mich in der Situation dazu, alles zu analysieren, was vor sich geht. Ich befinde mich dann in einer Art. Situationsverarbeitungsprozess. in dem ich alles, jeden Satz oder Wortwahl, Erscheinungsbild und Handlung verknüpfe und versuche: zu verstehen. Es ist wie eine Automatik und dann bin ich plötzlich nur noch in Gedanken und in meinem Kopf, und alles andere ist belanglos. Wenn Andere zum Beispiel über Gesagtes lachen, versuche ich rational herauszufinden, warum das Gesagte als lustig 'empfunden' wird, aber selber empfinde ich in dem Moment keine Art von Freude. Ich frage mich wirklich, ob es mir nur alleine so geht.

'Sich wie ein Ausserirdischer fühlen'. das passt ganz gut. So fühle ich mich 24/7. Und das macht ziemlich einsam.

By the way, bei mir wurde ebenfalls eine Rechenschwäche festgestellt. Ich komme damit klar, weil ich merke, dass mich Mathe an sich, runterzieht, und ich mich deswegen auch einfach nicht damit beschäftigen will. Dafür bin ich sprachlich begabt, und ich denke, du hast ebenfalls ein anderes Fach, was dir anstatt dessen liegt.

Auch wenn man es immer denken mag, nur weil einem im Alltag Menschen begegnen, mit denen man 'nichts anfangen' kann, heisst es nicht, dass es nicht auch interessante, 'Gleichgesinnte' da draußen gibt. as gibt mir immer Hoffnung (:

06.07.2019 22:57 • x 4 #5


Mandinka
Ich kann mich in vielem selbst wiederfinden, was du beschreibst.
Beziehungweise finde ich den jungen Menschen darin wieder, der ich mal war.

Der Umgang mit Autoritäten war für mich ganz oft auch ein Problem. Bis heute kann ich es kaum verbergen, wenn ich mit einem übergeordneten Kollegen oder Vorgesetzten ein "Problem" habe oder ich ihn nicht für voll nehme. Ich habe aber im Laufe meines Lebens gelernt, besser damit umzugehen und es sehr oft mit Humor zu nehmen. Mein jetziger Vorgesetzter ist im Grunde ein sehr netter Kerl, der nur leider gezwungen ist, gewisse Dinge durchzusetzen, weil man die ihm auch nur von "oben" aufdrückt. Wenn er also wieder einmal meine Nerven strapaziert mit gefühlten Sinnlosigkeiten, lasse ich immer noch sehr oft durchblicken, was ich von der Sache an sich halte - aber das tue ich mit einer gehörigen Prise Humor und bemühe mich, ihm zu verstehen zu geben, daß ich nicht ihn persönlich dafür verantwortlich mache, sondern daß es mir um die Sache geht. Machen muß ich es dann ja meist trotzdem und ich will ja auch meinen Job behalten. Manchmal glaube ich, er mag meine Art mittlerweile sogar, weil er wahrscheinlich vieles selber gaga findet, was er so von "oben" diktiert bekommt.

Was das Grüßen betrifft, habe ich dagegen seit meiner Kindheit eine gewisse Aversion entwickelt, weil meine Mutter mir deswegen ständig in den Ohren lag. Auch ich grüßte z.B. die Nachbarin,die ich nicht leiden konnte, aus blankem Trotz nicht und bekam dann deswegen prompt entsprechende Reaktionen.
Später als Erwachsene bekam ich oft Probleme bzw. litt ich oft unter Reaktionen, bei welchen ich gar nicht verstand, woher die rührten. Viel später bemerkte ich dann im Erwachsenenalter, daß ich ein ziemliches Problem damit habe, mir Gesichter zu merken und deswegen natürlich Menschen oftmals nicht wiedererkenne - was zur Folge hat, daß ich die natürlich dann auch nicht grüße. Viele Menschen - auch ich selbst natürlich - reagieren stark irritiert und zum Teil verletzt, wenn sie nicht gegrüßt werden. Gerade die, die einem täglich begegnen (z.B. im Job die Kollegen).

Ich bin wesentlich älter als du und ich muß sagen, daß mich das Leben in einem gewissen Maße Demut lehrte. Das heißt eben auch, daß ich gelernt habe, zu aktzeptieren, daß es gewisse soziale Regeln oder Bräuche gibt und daß diese eben doch einen zwischenmenschlichen Sinn und Nutzen haben.
Wenn ich von anderen Menschen irgendwann einmal Hilfe in der Not erfahren möchte oder auch einfach nur, daß diese sich mir zwischenmenschlich zuwenden, werden sie dies eher tun, wenn sie vorher Gelegenheit hatten, in einem bestimmten Rahmen Vertrauen zu mir aufzubauen. Das fängt bei diesen einfachsten Dingen wie dem Grüßen an. Auch daß ich mich mal "herablasse", mir morgens ein kurzes Geplänkel über das Wetter oder ein Erlebnis am Wochenende etc. anzuhören, gehört dazu. Ich habe es sogar inzwischen gelernt, dankbar diese kleinen Small talks anzunehmen (auch wenn sie mich manchmal überfordern bei Menschen, mit denen ich nicht so vertraut bin). Ich freue mich sogar jeden Morgen auf meinen Lieblingskollegen und unser kleines Begrüßungsritual. Ich habe gelernt, das zuzulassen und daß diese Dinge mir etwas sehr Wichtiges zurückgeben. Früher hasste ich Small talk genau so wie du, und es kostete mich Überwindung, mich in der Hinsicht zu öffnen. Das heißt ja nicht, daß ich nun die Kontrolle abgebe. Ganz im Gegenteil.

Ebenso ist es mit dem bewußten Einsetzen der Mimik. Früher wurde ich oft darauf angesprochen, warum ich so ernst aussähe. Das hat sofort in mir Abwehr erzeugt und mich enorm genervt. Ich fühlte mich von solchen Aussagen angegriffen. Hier kommt wieder ins Spiel, daß ich eine gewisse Demut lernen mußte.
Ich wurde verlassen nach zwanzig Jahren Beziehung, war dann auf einmal alleinerziehend und mußte auf einmal sehr viele Probleme alleine bewältigen. In der schwersten Phase waren dann aber z.B. Familienangehörige, die ich vorher oft im Innersten von mir gewiesen hatte, für mich da - indem sie mir zuhörten und mich trösteten. Das war für mich überraschend, und ich begriff, daß ich ihnen und anderen Menschen vorher Unrecht getan hatte, indem ich sie ja in meinem Innersten im Grunde abwertete und mir auf Abstand halten wollte. Klar, war und bin ich mit diesen Familienmitgliedern beispielsweise nicht immer in allem einer Meinung, aber in dieser schweren Zeit meines Lebens reichten sie mir die Hand. Das hat mir wirklich so etwas wie Demut und die Bereitschaft, mehr auf die Menschen und zwischenmenschliche Regeln einzugehen, beigebracht.

Wenn ich heute meine Kollegen grüße, versuche ich dabei auch öfter zu lächeln oder wenn mir zum Beispiel unterwegs jemand den Vortritt läßt oder auch nur Blickkontakt sucht, versuche ich jetzt bewußt, daran zu denken, auch mal ein Lächeln aufzusetzen. Ich merke sehr oft, wie gut es tut, wenn das Gleiche dann zurückkommt. Ich muß denjenigen deswegen ja nicht heiraten oder zu mir einladen oder soetwas. Aber dieses bewußte freundlicher sein und die Reaktionen darauf, hellen das Leben wirklich um ein ganzes Stück auf. Es kommt wirklich auch darauf an, was ich selbst aussende.
Da ich selbst Asperger-Züge habe, mußte ich viele dieser Dinge erst einmal lernen, bewußt zuzulassen.

07.07.2019 18:25 • x 2 #6