Freund hat psychische Probleme - wie ihm helfen?

Hallo!

Ich fürchte, das hier wird ein monströs langer Text und ich hoffe, dass der ein oder andere von euch sich trotzdem die Zeit nimmt, ihn zu lesen und mir vielleicht weiterhelfen kann.

Ich bin 31 Jahre alt, seit 3,5 Jahren in einer Beziehung mit einem 4 Jahre jüngeren Mann und mein Partner zeigte von Anfang an Tendenzen, die mich vermuten ließen, dass er psychisch krank ist. Er ist ein misshandeltes Kind, aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, der Vater Alk., der sowohl seine Mutter als auch die Kinder (wenn die Mutter nicht greifbar war) wiederholt verprügelt hat. Als er Teenager war haben seine Eltern sich getrennt...sein Vater starb kurz darauf bei einem Wohnungsbrand ausgelöst durch eine Zig. im Bett. Mein Partner hat wiederholt geäussert, dass er sich schuldig am Tod seines Vaters fühlt, weil er nicht da war, um ihm die Zig. aus dem Mund zu nehmen wie er es so viele Male vorher getan hatte. Zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters war er 14 Jahre alt und lebte bei seiner Mutter. Er glorifiziert seinen Alk., prügelnden Vater aber heute regelrecht.

Seine Mutter hatte laufend wechselnde Partner, ist nicht in der Lage, eine Beziehung konstant aufrechtzuerhalten. In den 3,5 Jahren, die ich sie kenne, hat sie sich geschätzte 9 Mal von ihrem Ehemann getrennt und ist wieder zu ihm zurück gekehrt.

Mit 17 ist er nach einem Streit mit seiner Mutter von zu Hause ausgezogen und hatte jahrelang keinen Kontakt zu ihr. Hat sich mit Mühe und Not von seinem Gehalt als Auszubildener über Wasser gehalten.

Ich weiss, dass er früher öfter Dro. genommen hat. Das letzte Mal wohl kurz bevor wir uns kennengelernt haben.
Er hatte ständig wechselnde Freundinnen, die er immer gleich heiraten und mit ihnen eine Familie gründen wollte...und nach einigen Wochen war er ihnen dann überdrüssig und hat sich wieder getrennt. Ich bin die erste Frau seit langem, die er nicht vom Fleck weg heiraten wollte (ich werte das mal als gutes Zeichen) und die deutlich länger als nur ein paar Wochen "bleiben durfte".

Die ersten Probleme traten bei uns nach etwa 6 Monaten auf. Als ich ihn kennenlernet war er jedes Wochenende unterwegs, ständig am Feiern, eigentlich immer gut gelaunt. Nach etwa 6 Monaten bemerkte ich eine Veränderung. Er wirkte müde und ausgezerrt. Zog sich immer mehr auf sich zurück, wollte nicht mehr weg gehen, sondern lieber abends zu Hause sitzen. Unser S. kam fast vollständig zum Erliegen. Er meinte damals, er sie unglücklich in der Stadt in der wir wohnten - zu dem Zeitpunkt noch in getrennten Wohnungen aber faktisch war er immer bei mir - und er würde gerne wieder in seinen Heimatort ziehen. Dort würde er sich zu hause und wohl fühlen. Also entschieden wir uns, gemeinsam dorthin zu ziehen.
Wir zogen um und ein paar Wochen lang war alles gut.

Dann fing es wieder an, dass er unruhig wurde. Wieder müde wirkte, zum Teil Schlafstörungen hatte, zu nichts mehr Lust hatte, unser S. starb völlig. Nach der Arbeit saß er oft stundenlang alleine in seinem Arbeitszimmer, hat irgendwelche Serien auf dem Rechner geschaut, gegrübelt und war überhaupt nicht ansprechbar. Schuld, so meinte er, sei seine Arbeit...also hat er alles daran gesetzt, von seinem Arbeitgeber gekündigt zu werden. Dann war er erstmal wieder glücklich...ungefähr 6 Wochen später fing das Spiel von vorne an. Besonders markant war wieder das stundenlange alleine im ARbeitszimmer sitzen, grübeln und fernsehen. Ich habe in dieser Zeit gearbeitet, mich in der MKIttagspause um unseren Hund und des Haushalt gekümmert, abends gekocht, etc...er hat gar nichts gemacht...wenn er mal mit dem Hund rausgehen sollte, dann war das schon eine totale Zumutung und er bekam schlechte Laune.

Er fand dann nach gut 3 Monaten endlich eine neue Arbeit und es ging bergauf...aber nicht lange. Er meinte, die neue Arbeit würde ihn so stressen und fiel wieder in das bereits bekannte Loch...und diesmal war dann letzten Endes ich diejenige, die "dran glauben" musste (das war vor etwa 1,5 Jahren). Er sagte mir, er würde mich lieben und er würde die Beziehung zu mir auch wollen aber seine Gefühle hätten sich irgendwie verändert und er sei nicht sicher, ob das das richtige sei mit mir. Ich bin daraufhin eine Woche zu meinen Eltern gegangen. In dieser Woche hat er sich nicht gemeldet - nur ich habe den Kontakt gesucht. Er hat sich nicht bei seinen Freunden gemeldet, sondern (mal wieder) seine gesamte Freizeit im Arbeitszimmer grübelnd beim Serienschauen verbracht, sah völlig fertig und krank aus und nach einer Woche habe ich dann entschieden, dass ich wieder einziehe. Danach wurde erstmal alles gut, wir waren glücklich, er zeiget wieder deutlich seine Liebe zu mir - nur der S., der war im grunde genommen nicht existent.

Dann kam seine nächste Krise...schuld waren diesmal unsere teuflischen Nachbarn...es war klar, wir müssen wieder umziehen, er konnte da nicht länger mit diesen Menschen unter einem Dach leben...die "Symptome" waren die gleichen wie bei allen seinen "Phasen".

Im letzten Jahr hatten wir viel um die Ohren. Ich habe mich anfang 2011 selbstständig gemacht, wir sind umgezogen in ein großes Haus, er hatte die nächste "Sinnkrise", schuld war die neue Arbeit und hat es fertig gebracht, nur 2 Monate nach dem Start meiner Selbständigkeit und gerade als wir umgezogen waren, seinen Chef davon zu überzeugen, ihn zu kündigen und sich auch selbständig zu machen...dann geschah der "Supergau", er wurde schwer krank, musste ins Krankenhaus, wurde an der Lunge operiert und kam erst nach vier Wochen wieder nach Hause. Ich bin jeden Tag zu ihm gefahren, hab seine Wäsche gewaschen, alles was er brauchte organisiert, hab mich um alles gekümmert und hab es sogar hingekriegt! Nach der Entlassung durfte er aber weitere 6-8 Wochen nicht arbeiten...seine Laune wurde entsprechend...die nächste Krise kam und ging zum Glück auch wieder.

Kurz nach seiner Entlassung starb meine Großmutter ganz plötzlich und unerwartet. Ein harter Schlag, da ich bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Dann starb mein Patenkind 3 Wochen vor dem Geburtstermin im Mutterleib. Am letzten Novemberwochenende 2011 starb dann noch mein Großvater. Parallel dazu erfuhren wir, dass sein Großvater Kehlkopfkrebs hat.

Am Tag der Beerdigung meines Großvaters hatten wir einen Streit. ich weiss nichtmal mehr, wie es dazu kam...ich war ehrlich gesagt ziemlich betrunken und wütend auf ihn, weil er mich abends zu Hause alleine gelassen hatte. Ich habe schon gesehen, dass es ihm an diesem Tag nicht gut ging. Er meinte abends, er hätte redebedarf und würde sich mit seiner Mutter treffen wollen und fuhr weg. Ich war so traurig und verletzt und wütend, ich hab alleine zu hause gesessen udn wein getrunkenund irgendwann hab ich ihn angerufen und er kam heim und wir haben uns gestritten.

Am nächsten Tag meinte er, so ginge das nicht weiter. Er wüsste nicht mehr, was er tun soll. Es sei alles einfach zuviel. Er sagte er liebt mich und er will mich aber seine Gefühle wären irgendwie anders und er wüsste nicht mehr, was richtig und was falsch ist.

Wir einigten uns darauf, dass er erst einmal zu seinem Bruder geht und wir ein bisschen Abstand bekommen und jeder mit sich selber klar kommen kann. Bevor er ging setzte er sich noch neben mich, weinte fürchterlich und sagte mir, dass er mich liebt und mich will und dass er hofft rauszufinden, was eigentlich sein Problem ist.

Eine Woche hörte ich nichts von ihm, dann kam er wieder und teilte mir mit, dass er sich von mir trennt. Rumms, das saß! Ich hatte irgendiwe mit allem gerechnet aber damit nun gar nicht.

Die nächsten 4 Wochen waren die Hölle, es gab Gespräche, in denen er mir sagte, dass es ihm furtchtbar schlecht geht. Er hat nicht gegessen, nicht geschlafen, seine Freunde vernachlässigt, immer wieder bekam ich zu hören, dass er ja noch Gefühle für mich habe aber er habe keine Lust, daran zu arbeiten. Die Worte "ich hab keine Lust" habe ich in dieser Zeit zig mal gehört.

Ich ließ nicht locker, konnte das alles nicht verstehen...seine Worte und sein verhalten passten nicht zusammen, nichts ergab einen Sinn, ständig verwickelte er sich in Widersprüche und wurde wütend, wenn ich sie aufdeckte. Am 02.01.2012 schließlich kam er unangekündigt zu mir nach Haus eund sagte, er hätte absolut keine Gefühle mehr für mich. Er hätte mich nur nicht verletzen wollen. Es gäbe keinen Weg zurück und kein "uns" mehr für ihn. Wir führten ein sehr langes Gespräch und auch hier verwickelte er sich immer wieder in Widersprüche, die einfach nicht zusammen passten und keinen Sinn ergaben.
2 Tage nach unserem Gespräch bekam ich eine Nachricht von ihm, dass er über unser Gespräch nachdenken würde...und dass schon seit er von mir weggefahren war. Er schrieb, er sitze eigentlich den ganzen Tag zu Hause und denke nach. Mittags schrieb er, er müsse unbedingt mit mir reden.

Also trafen wir uns Donnerstag bei uns zu Hause. Als ich heim kam saß er auf der Couch, hat fürchterlich gewient und gesagt, er habe den größten fehler seines Lebens gemacht. Er sate, er liebt mich und wolle zurück kommen und er sei einfach nur weggelaufen weil alles zuviel wurde. Und dann erzählte er mir, dass er seit kurz vor Weihnachten eine andere Frau hatte. Dass er ein paar Mal mit ihr geschlafen hatte und das schrecklich war, weil er die ganze Zeit an mich gedacht hat dabei und dass die ersten Male auch nicht so richtig funktioniert haben - S. ist bei uns ja nunmal ein ziemliches Problem gewesen.
Er erzählte, dass er nicht schlafen und nicht essen kann, dass es ihm furchtbar geht, dass er über alles mögliche nachdenkt und dass viele Dinge aus seiner Kindheit wieder hochkommen.

Ich sagte ihm, er könne zurück kommen...aber nur wenn er eine Therapie macht.

Er kam zurück, die ersten Tage waren okay, dann ging es wieder steil bergab. Er lebt zu Hause aus dem Koffer weil er sagt, er kann seine Sachen einfach nicht auspacken. Er fühlt sich schuldig mir gegenüber wegen der anderen Frau (die beiden arbeiten leider zusammen) und dass er sich zu Hause nicht wohl fühlt. Er schläft schlecht und isst sehr wenig, seine Augen sind trüb, sein Gesicht wirkt eingefallen und grau. er meint, er fühlt sich als würde er im völlig leeren Raum hängen. Vor 4 tagen eröffnete er mir erneut, dass er mich liebt und mich will, unsere Beziehung und unser Leben will aber dass er nicht weiß, ob das alles so richtig für ihn ist...

Ich kann bald nicht mehr, weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß und bezweifle absolut nicht, dass mein Partner mich liebt. Aber ich glaube, er selber fühlt im Moment einfach gar nichts. Alles ist leer und sinnlos.

Und ich habe auch riesen Fehler gemacht seit er wieder da ist weil ich einfach überhaupt nicht mehr zurecht komme. Ich kann ihn nicht einschätzen, hab ständig Angst, dass er wieder geht.

Er sitzt stundenlang zu Hause und grübelt, sieht schlecht aus, fühlt sich verloren.
Vor 3 Tagen war er bei einem Therapeuten. Ich weiss nicht, wie es war, er hat nichts erzählt. Zu fragen traue ich mich aber nicht weil da leider von meiner Seite aus ganz mächtig was schief gegangen ist im Bezug auf diesen Psychologen :-(
Oh Gott, jetzt habe ich so viel geschrieben und dabei schon die Hälfte weg gelassen. Ich hoffe, einer von euch kann mir zumindest ein bisschen helfen :-(

20.01.2012 12:07 • #1


achtsamkeit
Hallo Kaley,
nun hast du eine Menge geschrieben undmir erscheint diese Beziehung die ihr habt nicht klar.
Das ist doch bisher eine sehr einseitige Sache. Du nimmst beständig Rücksicht auf die Gefühle und Stimmungen deines Freundes.
Er ist sich seines Gefühlslebens scheinbar nicht klar schwankt ständig hin und her, hat keine sichtbaren Ziele die er verfolgt.
Anscheinend sind auch immer die äußeren Umstände oder andere personen an seinen Gemütszuständen schuld. Ich habe keinen Ansatz erkennen können wo er zeigt, dass er wirklich etwas dauerhaft verändern will und auch an sich arbeiten will.
Wie lange willst du dieses Hin und Her ertragen? Es wird sich nichts ändern scheint mir.
Du solltest konsequent erst einmal wirklich von ihm Abstand nehmen und in dieser Zeit sehen wie du damit klar kommst.
Und du bist für sein Leben nicht verantwortlich!!!! Das muss er schon selbst in die Hand nehmen!

LG Pelle

20.01.2012 12:55 • #2


Hallo Pelle,
das was ich geschrieben habe ist tatsächlich sehr einseitig. Das liegt zum einen vermutlich daran, dass ich gerade sehr mit mir selber beschäftigt bin, zum anderen habe ich wirklich versucht, mich möglichst kurz zu fassen...und das war ja schon ein halber Roman.
Mein Partner ist druchaus ein Mensch, der mir ganz viel gibt. Als ich anfang letzten Jahres meine Praxis eröffnet habe, hat er wochenlang seine gesamte Freizeit geopfert, um mich zu unterstützen. Er hat in der letzten Woche vor der Eröffnung sogar die Nächte ohne mich durchgearbeitet, damit alles rechtzeitig fertig wird. An erster Stelle stehe eigentlich immer ich. Er geht selten einkaufen ohne etwas mitzubringen von dem er glaubt, dass ich mich darüber freue. Als im November der erste (und scheinbar letzte) Frost kam, hat er postwendend im Internet eine Schutzplane für mein Auto bestellt, damit ich morgens nicht kratzen muss...und noch so vieles mehr. Er ist jeden Tag, an dem er nicht gearbeitet hat, bei mir auf der Arbeit vorbeigekommen, um mich zu besuchen. Und auch wenn das S. bei uns ein absolutes Problem ist, er hat mich bis zum Tag der Trennung ganz oft in den Arm genommen, gekuschelt, mich geneckt, mir gesagt, dass er mich liebt.
Auf der anderen Seite ist er ein Mensch, der nie mit dem zufrieden ist, was er hat. Er ist nie stolz, wenn er seine Ziele erreicht hat, sondern glaubt es muss noch besser, tolle, höher oder schöner werden. Er hat nie gelernt, mit sich glücklich zu sein. Er hat nie vermittelt bekommen, dass er ein toller Mensch ist, sondern es wurden immer nur noch höhere Ansprüche gestellt, denen er dann versucht hat, gerecht zu werden.
Er hat ganz große Probleme damit, sich von materiellen Dingen zu trennen...sein Kleiderschrank platzt aus allen Nähten weil er nicht in der Lage ist, Sachen auszusortieren.

Wie es mir ohne ihn geht habe ich ja in den vier Wochen der Trennung gemerkt und ich kann für mich ganz klar sagen, dass das nicht das ist, was ich will oder brauche. Ich fühle mich nur "halb" wenn er nicht da ist. Dann mache ich lieber das hier mit und hoffe darauf, dass seine Therapie ihm hilft und alles wieder gut wird, als mich von ihm zu trennen.
Und ich gebe schon auch acht darauf, dass ich Dinge tue, die mir gut tun und die ich bewusst nur für mich alleine mache.

20.01.2012 13:39 • #3


Und er hat von sich aus eingesehen, dass er professionelle Hilfe braucht und sich auf die Suche nach einem Therapeuten gemacht...etwas, das ich ihm schon seit 2 Jahren nahe lege.

20.01.2012 13:41 • #4


Hallo kaley,

Zitat:
Ich fühle mich nur "halb" wenn er nicht da ist. Dann mache ich lieber das hier mit und hoffe darauf, dass seine Therapie ihm hilft und alles wieder gut wird, als mich von ihm zu trennen.


dann hast Du es doch bereits entschieden.

Und wie sollen wir Dir jetzt helfen?

Viele Grüße
Scorpio

20.01.2012 13:48 • #5


Ja, entschieden, dass ich diese Beziehung will habe ich...ich hab nur keine Ahnung, wie man mit einem Menschen umgeht, der selber sagt er weiß nicht was er fühlt und was er will.
Dieses hilflose Danebenstehen während es ihm so schlecht geht ist einfach ´ne ziemlich üble Nummer. Ich hatte die Hoffnung, dass ihr vielleicht ein paar Tipps habt, wie man eine solche Situation händelt. Wie ich das schaffe, ohne mich selber dabei zu verlieren und was ich tun kann, um ihn zu unterstützen.

20.01.2012 13:53 • #6


Seine fast täglichen Meinungswechsel beuteln mich einfach ziemlich. Und meine Freunde sind nicht gerade eine Hilfe, die stehen genauso ratlos da, wie ich.

20.01.2012 13:54 • #7