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Ein anderer Weg statt Flucht

julienne

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Der Weg, den ich gewählt habe, bedeutet Kampf. Sehr widersprüchlich für jemanden, der unter Panikattacken leidet und somit Unterbewusstsein und Körper eher auf Flucht eingestellt sind.
Als vor zehn Jahren die Panikattacken mein Leben bestimmten und es soweit einschränkten, dass es nur noch drei, vier Tage im Monat waren, an denen ich das Haus verlassen konnte, musste etwas passieren. Ich erhielt Unterstützung von einem Psychotherapeuten und von einem Psychologen, der seinen eigenen Weg aus der Angststörung in einem Buch veröffentlicht hat.
Mein Therapeut setzte eine sehr knappe Frist fest, in der ich mir ein Zimmer - nur für mich - erschaffen sollte. Ein Ort, der mir Sicherheit geben sollte. Sicherheit, damit ich wieder schreiben konnte.
Mein zukünftiges Büro war noch längst nicht fertig, da setzte ich mich mit Bleistift und Block auf einen Karton, in dem ansonsten ausgeräumten Zimmer, und schrieb meinen ersten Text. Es gab mir ein unglaublich zufriedenes Gefühl.

Bevor ich einen passenden Therapeuten fand, hatte ich mehrere Ratgeber zum Thema Panikattacken gelesen. Sie beschrieben die Erkrankung sehr sachlich und distanziert - eher deprimierend. Dann fand ich jenen Ratgeber, der von einem Profi verfasst wurde, der über eigene Erfahrungen berichtete. Das war mal etwas anderes und vermittelte mit der lockeren, humorvollen Schreibweise etwas Hoffnung, dass es einen Weg aus der Hölle gibt.
Ich probierte es an einem günstigeren Tag dann auch mal mit Humor. Ein Frisörbesuch blieb mir aufgrund der Panikattacken bereits seit langem verwehrt. Nun raffte ich allen Mut zusammen und betrat einen Frisörsalon, bei dem man ohne Termin erscheinen konnte. Ich wollte gelassen bleiben und beruhigte mich damit, dass ich ja nur zum Trockenschneiden da sei . Die zehn Minuten schaffst du schon, sagte ich mir. Als ich dann auf dem Stuhl saß, den Umhang um den Hals geknotet bekam, fühlte ich mich plötzlich gar nicht mehr so mutig und gelassen . Aber ich wollte es ja mit Humor probieren. Also stellte ich mir vor, ich hätte Läuse. Diese Tierchen (in meiner Fantasie comic-haft gezeichnet) wollten auf gar keinen Fall entdeckt werden und flüchteten voller Panik, wenn der Kamm durch die Haare fuhr. Die Vorstellung, wie sie mit ihren verstörten Gesichtern und kurzen Beinen vor dem Kamm und den Fingern davonrannten, war so niedlich und komisch, dass es mich wirklich von meiner eigenen Panik ablenkte und ich die Prozedur durchhielt. Das machte mich zuversichtlich, dass ich auch andere Situationen auf diese Art meistern könnte.
Ich eroberte mir Stück für Stück mein Leben zurück. Die Strecken, die ich mit dem Auto zurücklegte, verlängerten sich. Die Aufenthalte in Supermärkten waren wieder möglich.
Nach einigen Jahren sollte ich in meinen Beruf zurück. Der Therapeut meinte, es sei unterstützend und wichtig für meine weitere Genesung.

15.05.2018 08:38 • x 2 #1


Saonserey

Saonserey

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Hallo Julienne,

es ist schön, auch mal so eine Geschichte wie von dir zu lesen, die Mut macht, dass eben nicht alles im vorgegebenen Fahrwasser ablaufen muss, sondern dass man, um bei der Methapher zu bleiben, das Ruder auch noch selbst in der Hand hat und gegensteuern kann. Es ist ok, sich ab und an treiben zu lassen und man muss auch nicht ständig kämpfen, aber es lohnt sich eben doch, wenn man mal neue Ufer ansteuert und sieht, dass es dort auch viel Schönes zu entdecken gibt. Toll!

Und weiterhin dir alles Gute.
Liebe Grüße
Saonserey

15.05.2018 09:57 • x 2 #2


robbi

robbi

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Bei Deiner Geschichte musste ich wirklich schmunzeln liebe Julienne. Du hast eine blühende Fantasie. Du solltest Bücher schreiben. Danke :)

15.05.2018 10:04 • x 2 #3


julienne


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@robbi
Danke. :) In meiner Jugend sagte mir ein Arzt, dass er bei meinen Symptomen eine Krankheit vermute, bei der ich in drei Monaten sterben würde. Er war dabei total aufgeregt und ich total ruhig. Ich nahm die Neuigkeit gelassen auf, da ich mich eh nach dem Tod sehnte. Im Krankenhaus fasste ich den Entschluss: Bevor ich sterbe, will ich noch eben ein Buch schreiben!
Ich fing sofort damit an.
Wenige Tage später hörte ich nach der OP: alles harmlos.
An meinem "Buch" schrieb ich weiter und fand großartige Mentoren, die mir das Handwerk Schriftstellerei sowie den Einsatz von Fantasie lehrten. Schnell erkannte ich, wie naiv und utopisch mein Entschluss war, in nur drei Monaten ein Buch zu schreiben - doch hatte mich das Schreiben gut durch die folgenden Jahre gebracht und zu Wertschätzung verholfen.
Ich vermisse das Schreiben sehr.

29.05.2018 09:56 • #4