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Depressionen Kultur / Gesellschaft

Sifu

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Wenn in einer Stammeskultur ein Sensibler depressive Züge zeigt, "therapiert" der Schamane den Stamm, nicht den einzelnen Symptomträger.

Warum sind Depressionen in der westlichen Welt Volkskrankheit Nr. zwei oder sogar Nr. eins ?

Wo sieht es besser aus ? Islam, China, Japan, Südamerika oder wo und warum ?

Welche politischen/kulturellen Gruppierungen bei uns würden Verbesserungen bringen ? Die Kirche hat ja offensichtlich versagt. .

03.09.2018 17:38 • #1


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CeHaEn

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Zitat von Sifu:
Warum sind Depressionen in der westlichen Welt Volkskrankheit Nr. zwei oder sogar Nr. eins ?

Ich gehe davon aus, dass das gestiegene Verständnis eine große Rolle spielt. Das betrifft einerseits das Verständnis für die Krankheitsbilder an sich, deren Ursachen und Behandlung. Andererseits betrifft es das "gesellschaftliche" Bewusstsein darüber, dass es diese Krankheitsbilder gibt. Da ist freilich noch Luft nach oben, aber in vergangenen Jahrzehnten war sogar noch mehr "stell dich nicht so an". Man Dinger nur erfassen, wenn man ein Konzept davon hat.
Neben den offenen Augen heutzutage hört man auch oft die Annahme, wir stünden in unseren Gesellschaften unter immer höherem Druck. Globalisierung, Arbeitsplätze, Hunde und Katzen leben zusammen... Da müsse man doch psychische Krankheiten entwickeln! Wobei ich persönlich eher vemute, dass sich die auslösenden Faktoren schlicht verschoben haben. Früher mag die jahrzehntelange Beschäftigung im selben Unternehmen fast selbstverständlich gewesen zu sein. Dafür war es für den Einzelnen weitaus schwieriger, sich bspw. als gleichgeschlechtlich zu outen. Dies scheint sich heutzutage fast umgekehrt zu haben. Andere Belastungen haben sich dagegen kaum verändert. Leistungsdruck allgemein; reale oder vermutete Ansprüche der Umwelt an den Betroffenen, Konfliktsituationen, spürbares (aber im Grunde völlig harmloses) Abweichen von gesellschaftlichen Normalitäten...
Zumal sich die Lebensumstände (im Durchschnitt) stark verändert haben. Wir leben heute in einer Welt mit speziellen Backrezepten, weil manche Leute ihren Hunden tatsächlich einen eigenen Kuchen zum Geburtstag präsentieren. Für unsere Freizeit bringen wir Ressourcen auf, deren Umfang weit über vergangenen Standards liegt. Wir (gemeint ist der Durchschnitt; nicht vergessen!) können es uns leisten. Wir leisten uns regelrechte Fetische für Autos, Videospielplattformen - ja sogar Werkzeugmarken. Es gibt mehr Platz für's Ich, für die Entdeckung und Inszenierung - aber auch für das wachsame Auge darauf.
Daran mag vor 40, 60 Jahren nicht zu denken gewesen sein. Die Freizeit wurde stärker improvisiert, selbst gemacht. Das Geld brauchte man für Waschmaschinen, ein eigenes Badezimmer in der Wohnung oder manchmal überhaupt für ein Klo im Haus. Die (Ur-)Großeltern mögen Kind & Kegel über den Krieg gebracht und ihre Stadt neu aufgebaut haben. Unter all dem Anpacken war allerdings nicht so viel Platz für den Rest, wie heute. Spuren hat es dennoch hinterlassen, aber diese wurden oftmals mit keiner Silbe hinterfragt. Das meinte ich oben mit dem Bewusstsein und dies war sicherlich auch oft genug ein Grund dafür, diese Spuren aktiv zu verdrängen. Was sollen denn die Leute denken?

Und genau aus diesem Grunde denke ich auch nicht, dass es in anderen Kulturen derzeit besser aussehen könnte. Kulturen, in denen (Achtung, Klischeedenken) der eigene Gesichtsverlust oder die "Schande über die ganze Familie" noch stärker präsent sind; wo etwa die Kinder ein noch wichtigeres Aushängeschild für ihre Eltern darstellen; wo ein noch größerer Wert auf überlieferte Ehrenkodizes und die Unterwerfung unter ebenjene gelegt wird. Aus meiner Sicht spielt es auch kaum eine Rolle, ob es nun darum geht, ein guter Untertan, ein frommer Muslim, ein anständiger Deutscher, eine sozialistische Persönlichkeit, ein echter Renault-Fahrer... zu sein. Viel zu umfassende Absolutheitsansprüche.

Dementsprechend möchte ich mich auch nicht so sehr auf große Gruppen, ob politisch oder kulturell, verlassen. Den Weg, den wir im Hinblick auf Depression, PTBS und sonstige Störungen gehen, finde ich schon nicht verkehrt. Mehr geht immer, aber das braucht auch Zeit. Zeit, um die Zusammenhänge besser zu erforschen und Zeit, um als Betroffener an sich arbeiten zu können. Das finde ich wichtig, weil viele Betroffene lernen müssen, authentisch für sich selbst einzustehen; zunächst gegenüber ihren Familien und Kollegen, im größeren Rahmen aber auch gegenüber der restlichen Gesellschaft. Wobei ich mich schwer tu, die Gesamtheit der Betroffenen als homogene Masse zu sehen. Trotz aller Gemeinsamkeiten haben die Krankheitsbilder schließlich eine große individuelle Komponente - und auf Kollektivismus reagiere ich sowieso allergisch.

03.09.2018 21:57 • x 2 #2


Sifu

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Ja, das ist alles sehr komplex...... Mir fällt und fiel früher auf meinen Reisen nur immer wieder auf, das spirituelle/religiöse Menschen im Schnitt glücklicher sind. Weniger Moslems oder Katholiken, aber z.B. Hindus und Buddhisten. Ich habe in Indien strahlende Menschen im größten materiellen Elend gesehen.


Gehirnwäsche ?

04.09.2018 15:09 • #3


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CeHaEn

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Ich denke, dass Gehirnwäsche hier ein zu negativ konnotierter Begriff ist. Im Grunde stimmt es aber schon: Das Denken wird bewusst in eine bestimmte Richtung gelenkt und diese Richtung hängt von der jeweiligen Philosophie ab. Im Buddhismus ist die Überwindung des Leids ein zentraler Bestandteil. Denken und Handeln sollen kein weiteres Leid hervorrufen. Deswegen sind Meditation und Achtsamkeitsübungen in der Therapie psychischer Leiden ziemlich beliebt. Sie sollen den Patienten ins Hier-und-jetzt bringen, wenn er über die Vergangenheit oder Zukunft grübelt. Außerdem soll er das Hier-und-jetzt so anerkennen, wie es ist - nicht so, wie es sein sollte. Die Bewertung soll entfallen.
Spirituelle und Religiöse Bewegungen stellen auch oftmals eine "Belohnung" zum späteren Zeitpunkt in Aussicht: Die Erlösung im Jenseits. Es ist ein Ziel, auf welches man hin arbeitet; daraus zieht man den Sinn seines Handelns.
Das gibt es im Weltlichen natürlich auch. Lebensträume, eine Beförderung im Beruf... Aber auch nichtmaterielle Ziele wie die Familie, Freunde, oder auf dem Sterbebett sagen zu können "ich hab's richtig gemacht".

Dabei halte ich es für wichtig, seine weltlichen Ziele realistisch zu setzen. Sie sollten zur eigenen Persönlichkeit passen. Materielle können überraschend flüchtig sein und hinterher mag man sich fragen, "und jetzt?". Sie taugen meines Erachtens nach eher als Nebenziele oder kleine Belohnung. Grundsätzlich sollten Ziele aber auch erreichbar sein. Ansonsten läuft man Gefahr, diese Ziele nicht oder nur sehr sehr schwer zu erreichen und sich auf dem Weg dorthin selbst unglücklich zu machen.
Und dann können diese Ziele, weil sie sehr individuell sind, einer Vielzahl von Bewertungen durch andere Menschen ausgesetzt sein. Neid, Missgunst, andere Werte... Möglicherweise fällt diese Bewertung in Religionen nicht so gravierend aus, weil augenscheinlich viel mehr Menschen im selben Boot sitzen und die Ziele auf breiterer Ebene anerkannt werden.
Das heißt ja nicht, dass eine "Verfehlung" automatisch sanfter bewertet wird und innerreligiöse Konflikte haben wir überall gesehen.

04.09.2018 16:03 • x 1 #4


Sifu

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Mir fällt auf (ich bin früher sehr viel gereist), das in Kulturen, in denen sich der wissenschaftliche Materialismus in Form von Medien Kapitalismus oder den linken/rechten Ideologien des 20. Jahrhunderts noch nicht vollends ausgebreitet hat, die Menschen glücklicher sind und das trotz größerer Armut, Krankheiten und Lebensrisiken als bei uns. Da wo uralte Religionen noch mit der Kultur und Gesellschaft verwoben sind, scheint das Leben der Menschen mehr Sinn zu haben. Die immer stärker grassierenden Stresskrankheiten wie Depressionen, Ängste, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Beschwerden usw. sind in diesen alten Kulturen deutlich geringer. Es scheint als wenn diese alten Weisheitslehren, Rituale, heilige Plätze und Bauten, Gebet oder Meditation, gemeinsame Jahreszeitenfeste und Werte, Pilgerstätten- und wegen tiefer und stärker wirken als das Wissen/Bildung, Verstand, Intelligenz da mithalten könnten. Bemerkennswert dabei ist, das die durch Führungs - und Orientierungslosigkeit erzeugte Verhaltensunsicherheit und Überindividualisierung ebenso wie die Vorliebe der Medien für die negativen Seiten unseren Daseins bis hin zu sensationslüsternen Auswalzung eventueller künftiger Gefahren nur zu eine geringen Teil von unseren Bewußtsein defensiv oder aggressiv verarbeitet wird; vielmehr werden die damit heraufbeschworenen ungelösten oder gar unlösbaren Probleme in das Unterbewußtsein verdrängt, wo sie dann im endokrinen Bereich der Psyche unkontrolliert weiterwirken. Eine solche Schwächung läßt sich beispielsweise in Tierversuchen dadurch auslösen, das man die Tiere stresst, sie also einer auswegslosen Situation aussetzt, aus der sie sich dann über Krankheit zurückziehen. Ihr Leben ist sinnlos geworden.

22.04.2021 22:05 • #5


Anna875

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@Sifu ich glaube, wenn ich hier etwas hinzufügen kann, dass nicht nur der kulturelle Materialismus sondern auch der starke Wandel zum Individualismus und die hohen Anforderungen an das selbst, Etwa Ressourcen zu erlangen, sogar die messbare ressource der Zufriedenheit!, hängt damit zusammen. Die Bindungen, so wie sie im guten Fall in der Familie und der Kindheit, der Schule gefestigt werden, gehen verloren, und an ihrer stelle tritt leere, sinnsuche usw.
Meine Depression verschwindet sobald ich in guter Gesellschaft bin, Menschen, die sich für einander interessieren, anstatt konstant nur ans Netzwerken zu denken. Ich glaube nicht das Depression eine Erkrankung, sondern ein Symptom dieser Einsamkeit und dieser Entwicklung ist. Natürlich empfindet das jeder Mensch anders. Aber ich denke das urbedürfnis ist uns allen gemein, gesehen, verstanden, geliebt zu werden. Vg

22.04.2021 22:36 • x 1 #6


Sifu

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Zitat von Anna875:
@Sifu ich glaube, wenn ich hier etwas hinzufügen kann, dass nicht nur der kulturelle Materialismus sondern auch der starke Wandel zum Individualismus und die hohen Anforderungen an das selbst, Etwa Ressourcen zu erlangen, sogar die messbare ressource der Zufriedenheit!, hängt damit zusammen. Die Bindungen, so wie ...

Ja Anna, das sehe ich genauso. Ich komme aber aus einer extrem autoritären katholischen Familie und hatte nur noch den Wunsch nach Freiheit und Individualität........jetzt wo ich älter bin werde ich aber immer einsamer.

Der Zwangskollektivismus im Sozialismus hat auch nicht funktioniert.......aber in Klöstern aller Religionen "scheint" es zu klappen ?

Wie findet man denn Gemeinschaft ohne hierarchische Unterdrückung mit Freiheit - zumindest Meinungsfreiheit ? Gibt es Gesellschaften die es uns vormachen ? Stammeskulturen vielleicht ?

22.04.2021 22:48 • #7

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