Belastungsgrenze nach Depression nicht mehr so hoch? Was meint ihr?

Anika

Anika

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Hallo,
es geht weiter gut und auch aufwärts. Beziehungsmässig, beruflich (habe eine Umschulung begonnen), soziale Kontakte.....ich fühle mich wohl. Oft denke ich: Ich bin ein glücklicher Mensch!

Und doch merke ich, dass ich lange nicht mehr so belastbar bin, wie früher. Manchmal werde ich von Gefühlen überrannt. Die kann ich auch benennen, muss sie aber dann bewusst bearbeiten und in geordnete Bahnen lenken, in dem ich meine Gedanken ändere. Das dauert manchmal. Manchmal geht es aber auch ganz schnell und leicht.

Auch körperlich bin ich einfach nicht mehr so stark.

Vielleicht war das schon immer so, aber früher habe ich das einfach verdrängt und gar nicht wahr genommen.

Wie empfindet ihr das Belastungsvermögen nach überstandener Depression? Habt ihr auch das Gefühl, dass die Belastungsgrenze nicht mehr so hoch ist?

Freue mich über einen Erfahrungsaustausch.

Anika

12.09.2010 21:20 • #1


FrolleinMau

Ich kann mich an einen Satz meiner Therapeutin in der Tagesklinik erinnern, sie sagte damals, ich werde nach der Erkrankung (meine 1. Depression) nie wieder die Kraft haben, wie vor Ausbruch. Das glaubte ich ihr nicht. Und wollte es mir unbedingt beweisen.

Jedoch wenn ich heute, nach acht Jahren, zurückblicke, hatte sie Recht. Die Grenze der Belastbarkeit verwischte sich, nach und nach. Zu Anfang versuchte ich immer wieder auf 150 % hochzuschrauben, scheiterte jedoch an mir selbst. Ging immer wieder über meine Grenzen.

Heute ist es so, dass ich meine Kräfte wirklich einteilen muß, im Vorfeld überlegen muß, in welche Richtung ich sie schiebe. Ich bin seit nun drei Jahren so gut wie kaum noch belastbar, weil ich die Worte meiner Therapeutin nicht Ernst nahm. Das Ergebnis habe ich nun. Wichtig ist einfach, schöne Dinge zu tun, sich des Lebens zu erfreuen, das bringt auch wieder einiges an Energie. Spass haben, lachen, sich einfach Gutes tun. Und immer darauf achten, dass die Grenze erreicht ist.

So erklärte es mir meine Therapeutin und ich denke, dass ich zuweilen schaffe, das gut umzusetzen.

Ansonsten ist Gedankenarbeit für mich mittlerweile genauso anstrengend wie Arbeiten gehen. Erwähnen muß ich zu meinem Statement jedoch, dass ich ja nun unter rez. Depression und einer weiteren Diagnose leide. Deshalb wahrscheinlich auch diese komplette Nichtbelastbarkeit.

Achte gut auf dich.

12.09.2010 21:54 • #2



Hallo Anika,

Belastungsgrenze nach Depression nicht mehr so hoch? Was meint ihr?

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GastAccount

Man muss ja auch folgendes bedenken, wenn unsere Belastungsgrenze tatsächlich so hoch gewesen wäre, so wie wir sie vor dem Zusammenbruch erlebt haben, dann wären wir doch nicht krank geworden. Ich will damit sagen, wir haben uns doch schon zuvor unendlich überlastet und sind schlussendlich daran zerbrochen. Es ist einfach nur ein gutes Zeichen, wenn der Körper jetzt viel schneller reagiert und gleich sofort sagt, wenn es zu viel wird.

12.09.2010 22:07 • #3


Anika

Anika

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Vielen Dank für eure Worte. Es ist hilfreich für mich, wenn ich weiss, dass es anderen auch so geht und dass es normal ist.

Im Alltag, der ja nun langsam wieder "normal" wird, fällt es mir nicht so leicht, mich selber zu schützen und liebevoll mit mir selber umzugehen. Ich werde das üben und kann daran nur wachsen, denke ich. Die Zeiten sind doch vorbei, wo ich stark tun muss.

Ich kann mittlerweile zu meiner Krankheit stehen und offen darüber reden. Das empfinde ich schon mal als grossen Schritt.
Der zweite ist wohl, in belastenden Situationen klar zu machen, dass ich nicht mehr so belastbar bin. Egal, ob andere denken, dass ich doch jetzt wieder gesund bin und "können muss".

Und auch gedanklich Situationen vorplanen und überprüfen, ob das zu viel sein könnte und dann "Nein" sagen. Einfach "Nein, das möchte ich nicht", auch wenn es für andere lächerlich wirkt.

Wünsche allen einen schönen Tag!! Ich muss nun zur Schule, das "muss" ich Ich möchte es ja auch......obwohl das Wetter so toll ist und ich viel lieber draussen wäre. Ich werde mir das einfach schön reden jetzt

14.09.2010 08:29 • #4


freieheide

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liebe anika,

oh ja.....kenne ich nur zu gut.
meine belastungsgrenzen, aber auch meine "verantwortungsgrenzen" sind nun ein gutes stück weiter unten angesiedelt. aber ich halte es wie meinte: diese (jetzigen) grenzen sind gut für mich. ich bemühe mich, sie nicht zu ignorieren, sondern wirklich darauf zu hören und mich dementsprechend zu verhalten (was mir nicht immer gelingt).
wenn mir jetzt jemand sagt: "was du alles machst - hut ab!" - so ist das für mich inzwischen nur noch tadel (früher freute mich so eine "bewunderung"). ich möchte nicht, dass mir mitmenschen sowas sagen, denn dann weiß ich, dass ich es falsch mache....für mich ungesund lebe....
ich will mich auch nicht mehr für alles verantwortlich fühlen (müssen). auch das gelingt mir zunehmend besser (erst heute wieder :-).
"Dann rette ich die Welt eben nicht!" - schrieb mir eine bekannte.
oh ja....das sage ich mir nun öfter.

meine belastungsgrenzen sind niedriger und ich freue mich darüber. weil ich weiß, dass ich nun sanfter mit mir umgehe.

viele grüße
freieheide

16.09.2010 20:51 • #5


Anika

Anika

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" Dann rette ich die Welt ebend nicht!" Das finde ich einen schönen Satz, den ich mir merken werde.

20.09.2010 11:13 • #6


Anika

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Unter "biologische Medikamente" habe ich von dem Progesteron geschrieben, das ich nun nehme und fühle, es macht mich ausgeglichen.

Wir planen einen Anbau an unser Haus, aber die Behörden finden immer wieder ein Geröll, dass sie uns in den Weg legen können. Gestern kam dann wieder so ein Brief mit einem "Geröll".

Ich bin mir sicher, dass mir das vor zwei Wochen noch eine schlaflose Nacht beschert hätte. Dass ich meine Gedanken nicht hätte beruhigen und stoppen können.

Nach dem Brief habe ich mir natürlich Gedanken gemacht und versucht Lösungen zu finden. Ich habe mich auch aufgeregt über Tag, was mich aber dazu trieb, mich zu erkundigen, mit Leuten zu reden, um Lösungen zu finden. Sicher wirke ich bei solchen Dingen manchmal wie eine aufgescheuchte Henne, aber das ist auch einfach ein Charaktermerkmal von mir Ich bin selten "die Ruhe selbst".

Abends legte ich mich dann ins Bett und merkte auf einmal, wie ich die Aufregung beiseite legen konnte. Ohne viel Mühe. Einfach beiseite packen. Los lassen von den anstrengenden Gedanken. Ich habe wunderbar geschlafen und heute wieder die Kraft, Lösungen zu finden.

Und DAS kenne ich von mir nicht. Es hat mich fast erschrocken, wie gelassen ich sein konnte

Klar ist Progesteron kein Wundermittelchen. Obwohl.....im Moment empfinde ich es für mich so.

08.10.2010 09:40 • #7


Anika

Anika

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Gestern bin ich dann wieder an meine Grenze gestossen, auf der Arbeit. Ich arbeite als Aushilfe in einem Touristenbetrieb. Mein Job ist im Service, was eine ständige Konzentration fordert und auch körperliche Anstrengung bedeutet. Gestern war der Bär los. Auf dem Oktoberfest kann es wohl nicht schlimmer sein.

Irgendwann hatte ich mit dem Chef abgemacht, dass ich nicht mehr als 4 Stunden arbeite. Nun ist der Chef im Urlaub und hat seine Vertretung wohl nicht darüber informiert. Und es ist auch meine eigene Schuld, dass ich ihm letzten Monat nicht genau aufgeschrieben habe, wie viel Tage und wann ich diesen Monat frei haben möchte. So weit es geht, richtet er den Arbeitsplan dann nach den Wünschen der einzelnen. Mich hat er Mangels Information von meiner Seite sehr oft eingesetzt.

Und wenn dann so viel los ist wie gestern, mag ich meine Arbeitskollegen nicht einfach mit der Arbeit alleine stehen lassen.

Wenn dann nicht mal eine kleine Pause möglich ist, fühle ich mich zunehmend wütender. Ja, Wut kommt hoch innerlich. Am besten spricht man mich dann nicht an......

Geschlafen habe ich auch nicht sonderlich gut, weil meine Gedanken dann zu sehr um den Tag kreisen und dann kommt auch Trauer auf.

Wie kann ich das ändern?

Ich werde der Vertretung heute sagen, dass diese 4 Stunden mit dem Chef abgesprochen sind und wenn er ihr das nicht gesagt hat, sei das wirklich bedauerlich, aber es sei nun mal so und es gehe auch nicht anders.

Es gibt nämlich andere Aushilfen, die schon mit den Worten: "Um die oder die Zeit muss ich aber weg," die Arbeitsstelle betreten. Da sollte ich mir doch ein Beispiel dran nehmen und das auch mal versuchen. Ich traue mich das nämlich nicht.

Für heute habe ich mir vorgenommen, das mit den 4 Stunden ganz deutlich auszusprechen und auch zu fordern. Egal, was andere denken. Und heute "muss ich dann halt auch mal um eine bestimmte Zeit weg".

Für den nächsten Monat werde ich meinem Chef meine Freiwünsche ganz genau aufschreiben. Noch heute werde ich die mail fertig machen.

Wenn ich mich nicht selber schütze, dann rutsche ich wieder abwärts, und DAS darf nicht passieren!!!!!

10.10.2010 09:50 • #8


Hüpfburg

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Das klingt sehr sehr gut!!!!!!!
Ich habe aus euren Beiträgen viel entnommen, besonders was die Gedanken angeht. Diese können genauso stressig sein und einem körperlich kaputt machen wie eine wirklich körperliche Arbeit. Ausserdem machen schlechte Gedanken bei mir den Kopf sofort zu.
Liebe Grüsse Hüpfi

10.10.2010 11:11 • #9


Anika

Anika

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"Hüpfburg"....netter Nickname

Die Gedanken sind wohl das schlimmste und belasten sehr. In der Therapie habe ich gelernt, meine Gedanken zu ändern, sie neue Wege gehen zu lassen, um Stress abzumildern oder zu vermeiden. Oft funktioniert das aber in Stresssituationen nicht sofort. Und wenn es schlimm kommt, bleiben die Gedanken auch noch eine Weile negativ. So, wie es mir gestern passiert ist.

Heute habe ich freundlich darauf hingewiesen, dass abgemacht ist, dass ich nur 4 Stunden arbeite.

Nach 3,5 Stunden habe ich wieder diese Wut gespürt und sofort um 5 Minuten Pause gebeten. Abseits, ein Kaffee und ein Zigarettchen. Ich konnte mich entspannen und danach weiter arbeiten. Durfte dann auch bald nach hause.

Ich merke, dass es wichtig ist, meine Bedürfnisse zu spüren und diese einzufordern. Wenn ich das nicht tue, bin ich selber Schuld. Niemand kann erahnen, wenn es mir nicht gut geht und dann kommt es zu dieser Wut. Manchmal muss ich auch meine Bedürfnisse etwas aufschieben, klar, aber im Auge behalten, dass ich sie mir schnellstmöglich erfülle. Egal, was andere darüber denken.

Es gibt ja auch Mitarbeiter, die arbeiten endlos und scheinbar ohne Erschöpfung. Ich kann das nicht (mehr) und darf mich trotzdem wertschätzen. Das ist ganz, ganz wichtig.

Körperliche Arbeit tut mir gut, denn ich bin ein "Bewegungstyp". In einem Büro sitzen und mich nur wenig bewegen, das wäre gar nicht gut für mich. Über Bewegung baue ich sehr viel Negatives ab.

10.10.2010 17:40 • #10


Hüpfburg

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Ja, da hast du recht. Wir müssen ganz arg auf uns achten. Auch ich habe eine liebe Freundin die sich wahrscheinlich in nächster Zeit kaputtschuftet. Sie ist Krankenschwester und gibt zuhause 100%. Und ständig höre ich von ihrem Mann was sie so alles wieder geschafft hat. Man geht ja nie aus dem Haus, ohne dass die Betten gemacht sind usw. Ganz ganz schrecklich. Ich warte förmlich darauf bis sie leider am Ende ihrer Kräfte ist. Aber es geht weiter und weiter. Schon jetzt sind die Weihnachtsplätzchen ein Gesprächsthema bei jedem Treffen. Sie ist das beste Beispiel für mich wie man es nicht machen sollte. Ich mache auch immer wieder die ERfahrung, dass diese Menschen eigentlich nur Lob und Achtung wollen. Hab ich zwei Körbe Wäsche gebügelt ist das ganz toll und der Ehemann lobt dieses Engagement.
Mir ist es inzwischen egal was andere denken. Zum Glück habe ich es soweit geschafft. Ich muss anderen nichts mehr beweisen. Das war mal und ich war sehr unglücklich damit. Das ist ein Lernprozess.
Bezüglich der Gedanken möchte ich noch anmerken, dass ich bei einer Dame war die energetisches Heilen verspricht. Nicht schlecht kann ich nur sagen. Sie meinte, bei mir ginge alles ungesiebt in den Kopf und da hatte sie vollkommen recht.
Jetzt trainiere ich die schlechten Gedanken nach unten wie durch einen Trichter rauszulassen. Da ist was dran.
Die Dame hat mir wirklich imponiert. Klar muss man abwägen und das Beste für sich rauszuholen.
Ich drück dir die Daumen dass du weiterhin so gut dabei bist. Deine Beiträge lesen sich sehr positiv.
Gruss Hüpfi

10.10.2010 19:29 • #11


Anika

Anika

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Das ist doch super, dass du nicht mehr von der Anerkennung von Aussen abhängig bist. Das ist ein riesiger Schritt. Ich denke, das ist wirklich eine Art Abhängigkeit und kann zu einer Art Sucht werden. Und man will immer mehr Anerkennung und Lob von Aussen, damit man sich was wert fühlt. Und man fühlt sich minderwertig und unsicher, wenn das Lob ausbleibt.

Das sehe ich bei vielen Menschen, mit denen ich zu tun habe und bei mir war das früher auch so. Dadurch habe ich mich dann auch kaputtgerackert, und war dann zusätzlich noch sauer auf die Leute, die meine "Leistungen" nicht gesehen haben.

Sicherlich freue ich mich über ein Lob, aber irgendwie ist es mir auch egal. Ich mache so wie so meistens nur noch das, was ich tun möchte. Und wenn ich Weihnachstplätzchen backe (ich kaufe die lieber fertig ), dann, weil ICH Lust habe zu backen. Wenn ich Glück habe, schmecken sie gut, und ich kann andere damit erfreuen.

Es läuft nicht immer alles so wunderbar und ich falle auch in alte Muster. Ich erkenne diese aber meistens ziemlich schnell und kann dann gegensteuern.

Nobody ist perfect

Manchmal möchte ich andere schütteln, wenn ich sehe, wie sie sich kaputt machen. Ich habe gemerkt, dass "missionieren" nichts bringt. Wenn mir jemand sein Leid klagt, erzähle ich von mir und wie ich meines geändert habe. Anderen Leuten einen Spiegel vorhalten, ist heikel, und wahrscheinlich würde deine Freundin es als Kritik sehen, wenn du ihr sagen würdest, was du siehst, oder?

10.10.2010 22:56 • #12


Hüpfburg

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Sie rief mich vor einer Woche an und heulte. Allerdings wegen Geldproblemen. Das ist auch so ein Thema. Ihr Mann ist ein rüstiger Rentner der sich einen 1600 qm grossen Garten zugelegt hat. Das Geld ist knapp schon wegen dem Kauf der Eigentumswohnung. Ja, und dieser niedliche Garten musste dann sofort mit einem neuen teuren Gartenhaus ausgestattet werden. Dann kamen wichtige oder unwichtige Dinge. Man sagt ja zu allem ja, nur um Ruhe zu haben. Und jetzt ist das Geld alle.
Ich möchte nochmal erwähnen, dass sie mir sehr am Herzen liegt und ich sie sehr schätze. Und sie mir immer einen Spiegel vorhällt, wie man es nicht machen sollte. Es würde mir sehr leid tun wenn sie unter diesem ständigen Druck zusammenbricht.
Aber aus diesem Schleuderkreis rauszukommen ist schwer und ich glaube, man muss mit kleinen Schritten anfangen. ABer die Menschen können das schwer. Ich seh es ja an mir. Helfen kann ich hier nicht und probiere das auch nicht. Ihr Mann sieht in mir dann sofort eine Freundin die nicht gut tut. Und da wir ein schöner Freundeskreis sind möchte ich das nicht.
Jeder muss letztendlich sehen, wie er zu Rande kommt. Natürlich blocke ich nicht ab und höre mir die Sorgen an.
Glaubt mir, vor Jahren hätte ich ihr sofort Geld angeboten, hätte sie so bei mir gejammert. ABer nein, das ist vorbei.
Wach bin ich eigentlich geworden als wir auf einem Fest waren und am Tisch nette Leute kennengelernt haben. Ja, und da wurde ich vorgestellt als Mutter Theresa. Mein Gott war das frustrierend. Oh Gott hat mich das verfolgt.
Und jetzt nehme ich mich zurück und glaubt mir, es fällt oft schwer.
Seid lieb gegrüsst
Hüpfi

11.10.2010 08:22 • #13


Celia

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Mir geht es genauso.

Ich habe mich insgesamt dreimal aus der Depression gekämpft (einmal "normale" Depression, zweimal Wochenbettdepressionen), das ich für mich viel eher die "Notbremse" ziehen muss.

Gerade jetzt, wo es meinem Mann auch oft schlecht geht, merke ich, dass ich gefühlsmäßig viel leichter zusammenbreche.

11.10.2010 19:42 • #14


Anika

Anika

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Hallo Hüpfi, ich empfinde das genau richtig, wie du das mit deiner Freundin machst. Zuhören, aber nicht "Mutter Theresa" sein wollen. Sich abgrenzen von den Problemen anderer. Das heisst ja nicht, dass man nicht für sie da ist.

Mir geht das zur Zeit so mit einer Freundin, die Krebs hat. Als ich das erfuhr, ging es mir sehr schlecht und ich dachte, ich muss nun alles für sie tun und meinen Alltag so gestalten, dass ich ihr möglichst viel helfen kann. Dann spürte ich, dass es mir dadurch schlecht ging und sich meine Gedanken nur noch ständig um ihr Schicksal drehten.
Habe dann begonnen, mich innerlich abzugrenzen, indem ich mir sagte, dass es ihre Krankheit ist und ihr Schicksal. Ganz klar bin ich für sie da. Ich helfe auch, aber nur so, wie es mir in meinen Alltag passt. Sie darf ihren gedanklichen Ballast bei mir abladen, aber nur so viel, wie ich auch tragen kann.
Das abzuwägen ist nicht immer einfach.

Liebe Celia, das kann ich mir vorstellen, dass es schwierig ist sich abzugrenzen, wenn es dem Partner schlecht geht. Hast du Strategien für dich entwickelt, damit du nicht ins "Loch" rutscht?

Gestern sah ich einen Beitrag im Fernsehen, wo es um Depressionen ging. Es fiel der Satz, dass Depressionen nicht heilbar sind, dass man aber Symptomfreiheit erlangen kann und dass es das Ziel ist, diese zu erhalten.

Zum einen ist das erschreckend, dass man nicht "geheilt" werden kann. Auf der anderen Seite hat es mich angespornt, wirklich dafür zu sorgen, dass ich symptomfrei bleibe. Ich habe gedacht: Ja, ich habe das Recht dazu. Genau, wie jeder andere Kranke habe ich das Recht dazu, mich vor Krankheitsauslösern zu schützen. Wie ein Allergiker, wie ein Magenkranker oder was weiss ich.

Leider sind die Krankheitsauslöser bei mir genau die Dinge, die einem die soziale Anerkennung der Gesellschaft bringen. Viel arbeiten, perfekt arbeiten, für andere da sein, fröhlich und lustig sein, immer lieb und nett.

Wenn ein Magenkranker sagt, er dürfe keinen Kaffee trinken, wird das jeder verstehen.

Wenn ich mal wortkarg bin, mich zurück ziehe, nicht so fröhlich bin, aber das auch nicht lang und breit erklären mag, dann fragen sich andere gleich, was mit mir los ist.

Und noch schlimmer, wenn ich meinem Chef sage, dass ich überlastet bin und ich einfach nicht so viel arbeiten kann, dass ich Pausen brauche......puh!

14.10.2010 08:19 • #15


Anika

Anika

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Ich merke immer stärker meine Grenzen. Zum Glück spüre ich es und jetzt kann ich noch etwas dagegen unternehmen.

Seit dem burn out arbeite ich nicht mehr in meinem alten Beruf, sondern in einer ganz neuen Tätigkeit. Das ist gut so und auch eine Entlastung. Allerdings bin ich trotzdem nicht wieder voll einsatzfähig. 4 Stunden gehen, aber auch nicht jeden Tag. Wenn ich zu viel arbeite, dann "vergesse" ich mich selber und meine Gedanken rutschen ins Negative. Automatisch. Es fällt mir sehr schwer, den Gedanken eine andere Richtung zu geben. Irgendwie gleite ich durch Überbelastung ganz weit weg von meinem Zentrum. Es braucht viel Energie, damit ich mich zentriere in solchen Zeiten, meine Gedanken ordne und meine Gefühle ausdrücken kann.

Das macht mir schon Angst zweitweise. Es fühlt sich dann so schwer an.

18.10.2010 10:41 • #16


Anika

Anika

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Schon einen Monat her, dass ich hier geschrieben habe.

Das Leben besteht aus Wellenbewegungen, das spüre ich deutlich. Das ist für jeden Menschen so. Ich frage mich, ob man das nach einer Depression ängstlicher beobachtet? Kaum wird der "Wellengang" mal etwas wilder, ängstige ich mich gleich und denke, ich könne wieder in ein Loch rutschen. Ich sage mir zwar, dass es am nächsten Tag schon wieder gut sein wird, glaube mir aber in solchen Momenten selber nicht so ganz. Erst, wenn meine Gedanken sich beruhigt haben, kann ich erkennen, dass es ein normales Auf und Ab gibt. Auch für mich!

Ich denke, die Angst spielt eine grosse Rolle.

22.11.2010 13:20 • #17



Hallo Anika,

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Anika

Anika

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So ewig lange nicht geschrieben. Die Zeit rast wirklich dahin.

Wenn ich meine letzten Beiträge lese, dann merke ich, dass mein Zustand weiterhin stabil ist und ich zu meinen zeitweise psychischen "Schwächen" stehen kann, ohne mich zu schämen. Und es mir lange Phasen auch richtig gut geht.

Zur Zeit beende ich meine Umschulung und merke: Umgang mit Stress ist nach wie vor ein riesiges Problem für mich. Auch Ängste. Kurz nach Beginn der Umschulung bekam ich Panikanfälle beim Fahren auf der Autobahn und traue mich auch zur Zeit noch nicht auf die Autobahn. Letztens hatten wir die erste Prüfung und ich stand so richtig neben mir. Das war ganz furchtbar. Ich sagte mir: Da musst du jetzt durch. Du musst! Du musst! Und das, wo ich doch das "ich muss" aus meinem Leben verbannt habe. In dem Moment konnte ich es nicht in ein "ich darf" umwandeln.

Nach der Prüfung bekam ich körperliche Symptome und meine Ärztin meinte: Ganz klar Stresssymptome!! Wobei ich spüre, besser kommt es raus aus mir, zeigt sich das am Körper, als in der Seele und empfinde das sogar als einen Fortschritt für mich.

Im Juni folgt die letzte Prüfung. Ich merke, dass mich diese ganze Umschulung ganz enorm belatet hat und auch jetzt gerade zur Prüfung hin da noch ein riesiges Paket Belastung drauf gekommen ist. Ich habe doch geübt, "achtsam" zu sein und "im Moment zu leben". Das gelingt mir zur Zeit überhaupt nicht. Wenigstens ist es mir bewusst, dass es mir nicht gelingt. Es zeigt sich auch wieder stärkere Unsicherheit anderen Menschen gegenüber. Misstrauen. Wut.

Bearbeiten kann ich das durch Schreiben. Das hilft mir nach wie vor sehr. Ich hoffe, dass sich nach der Prüfung dieser "Brocken", der auf mir lastet, löst und einfach abfällt

Nun, das war jetzt so das Negative.

Positiv ist, dass ich viel öfter und besser mein Bauchgefühl spüre und auch darauf höre und danach handle. Kann schneller Entscheidungen treffen. Ich kann mich besser durchsetzen und anderen auch mal meine Meinung direkt sagen, ohne hinterher in Selbstzweifel oder Grübelei zu verfallen, ob das richtig war oder nicht. Mich besser abgrenzen. Da denke ich manchmal schon, ob ich eine "Schreckschraube" geworden bin aber lieber bin ich eine solche, als das ewig "liebe Kind"

Auch habe ich einen langjährigen Kontakt abgebrochen, wo ich spürte, dass er mir schadet. Habe neue Kontakte geknüpft, wo ich merkte, dass sie mir gut tun.

Habe abgenommen und meine Ernährung umgestellt. Kümmere mich allgemein mehr um meinen Körper bzw. meine Gesundheit.

Ich bin "auf dem Weg". Zur Zeit etwas "neben der Spur", aber in ein paar Wochen, nach der Prüfung, habe ich dann sicher wieder festen Boden unter den Füssen

Liebe Grüsse von Anika

16.05.2012 10:30 • #18

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