Hallo zusammen,
Einige wissen ja hier schon, dass ich in der Pharmabranche arbeite. Jetzt würde ich gerne mal ein paar Fakten bringen. Ohne aussagekräftige Studien zur Wirksamkeit wird ein Medikament erst gar nicht zugelassen. Dies bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass jedes Präparat Jedem hilft. Da die Depression verschiedene Ursachen und Begleiterkrankungen hat sind manche Antidepressiva bei dem einen Patienten gut, beim nächsten nicht geeignet oder wirksam. Nebenwirkungen und Wechselwirkungen müssen auch NACH Zulassung von den Herstellern dokumentiert werden. Jeder Arzt und Angehörige eines Heilberufs ist gesetzlich verpflichtet, dies dem Hersteller zu melden. Dort wird es dokumentiert und weitergemeldet. Wenn entsprechend eine große Zahl mit v.a. schwerwiegenden Nebenwirkungen dokumentiert wird, dann muss dies in den Beipackzettel aufgenommen werden. Hier gibt es sehr harte gesetzliche Bestimmungen. Wenn es also so viele ganz bestimmte Nebenwirkungen gibt, warum werden sie nicht gemeldet?
https://nebenwirkungen.pei.de/nw/DE/home/home_node.htmlHier kann jeder Betroffene die Nebenwirkungen melden.
Ich bin auch der Meinung, dass v.a. Hausärzte zu oft bei leichten Depressionen Antidepressiva verschreiben, aber ab einem gewissen Leidensdruck bleibt dir keine Wahl mehr. Da heißt es dann Nebenwirkungen in Kauf nehmen, um ein gewisses Maß an Lebensqualität oder überhaupt Leben zurück zu erhalten.
Zur Aufklärung des Arztes möchte ich auch gerne den Ball an uns Patienten zurück spielen. JEDER hat das Recht und ich meine auch die Pflicht, den Arzt nach Nebenwirkungen zu fragen. Wir sind erwachsen und haben einen Mund zum Sprechen, was hindert uns also daran, den Arzt auf mögliche Nebenwirkungen anzusprechen? Man kann die Verantwortung für sein Leben nicht immer anderen zuschieben und dann auf ihnen herumtrampeln, wenn sie es nicht so machen, wie wir es gerne hätten. Eine Ausnahme gibt es natürlich bei sehr schweren Depressionen, wenn jemand für ein solches Gespräch nicht mehr in der Lage ist. Aber da erübrigt sich die Frage nach Nebenwirkungen, weil der Patient sonst keine Chance auf ein (lebenswertes) Leben hat.
Hier im Forum ist vermutlich kaum jemand, der nicht schon mal Antidepressiva nehmen musste oder muss. Viele haben es nicht gern getan, machen es aber, weil sie sich nach langem Leidensdruck wieder wie "normale" Menschen fühlen wollen. Für viele ist die Entscheidung zum Antidepressiva alternativlos, auch wenn sie es nicht gern nehmen. Es gibt kaum jemanden, der nicht gern seine Antidepressiva los wäre, sie aber schweren Herzens nimmt, damit er nicht in sein Loch zurückfällt, aus dem er sehr mühsam herausgekrabbelt ist, oder das er noch gar nicht geschafft hat zu verlassen.
Viele kämpfen schon mit sich selbst, dass sie Antidepressiva nehmen müssen, gegen ihre Umgebung, weil es immer noch blöde Bemerkungen gibt, wenn man sagt, dass man Antidepressiva nimmt. Da ist es natürlich nicht verwunderlich, wenn man gerade hier so massiv gegen Antidepressiva wettert, dass man dann das Gefühl bekommt, "alle gegen einen". Du hast deine Meinung, das ist okay. Niemand wird dich hier überreden, Antidepressiva zu nehmen. Aber versuch bitte nicht, uns zu "bekehren". Kampf haben wir oft genug im wahren Leben. Das brauchen wir hier nicht. Du kannst gern deine Geschichte erzählen, mit uns diskutieren, aber lass bitte Jeden hier seine Entscheidung selbst treffen.
Auf ein friedliches Miteinander
VG Eis