Ängste bekämpfen und erkennen

David Spritz

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Momentan gehe ich gerade eine große Aufgabe in meinem Leben an, die ich lange vor mir her geschoben hatte. Ich hatte schon damit gerechnet, dass es mir währenddessen wieder ein bisschen schlechter geht, von daher kam es für mich nicht überraschend, dass ich momentan wieder vermehrt mit Ängsten zu tun habe.

Es ist nicht so, dass ich wieder Panikattacken bekomme, wie noch vor 5 Jahren, und es ist auch nicht so, dass ich das Gefühl hätte, ich kann die Ängste nicht aushalten. Ich kann sehr viel Angst aushalten und lasse mich davon auch nicht unterkriegen. Aber ein besonders angenehmes Gefühl ist das trotzdem nicht. Ich würde gerne, gerade jetzt in dieser für mich schwierigen Zeit, um so mehr versuchen, die innere Balance zu halten und mich nicht von der Angst verschlingen zu lassen.

Da sich bei mir aber oft die Gedanken im Kreis drehen und sich irgendwie verselbstständigen, stelle ich mir momentan die gleiche Frage, die ich mir auch schon vor 2 Jahren gestellt und nie wirklich befriedigend für mich beantwortet habe:

Wenn sich meine Gedanken so schnell im Kreis drehen und alle Gedanken zu einer undurchdringlichen Suppe verschmelzen, wie kann ich dann noch unterscheiden, welche meiner Ängste bloße Katastrophisierungsgedanken sind und welche real und möglicherweise durchaus berechtigt?

Oder anders gefragt: Wie kann ich mir mein Urteilsvermögen in schwierigen, turbulenten Zeiten erhalten?

20.10.2012 11:35 • #1


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Sarah

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Ich habe auch oft mit Ängsten und "Befürchtungen" zu tun, auch wenn sie sich bei mir nur sehr, sehr selten wirklich in Panik steigert.

Ich versuche immer, mich nicht in die Angst reinzusteigern und einen Schritt zur Seite zu treten. Mir hilft es oft mich zu fragen, was könnte im schlimmsten Fall passieren. Und wie wahrscheinlich ist es, dass das passiert. Und was könnte ich machen, um mich in der Situation zu "retten". In den meisten Fällen bin ich inzwischen so weit, dass ich irgendwann zu dem Ergebnis komme, dass ich mich der Angst stelle. Es ist OK, dass die Angst da ist und sie darf auch einen bestimmten Raum einnehmen. Durch die Therapie habe ich auch oft eine Ahnung, was diesen Ängsten zu Grunde liegt. Aber ich möchte mein Leben nicht mehr von meinen Ängsten bestimmen lassen. Und mit einem "Plan B" in der Hinterhand kann ich mich auch oft gut beruhigen.

Beim Hinterfragen der Angst komme ich meist zu dem Ergebnis, dass diese logisch betrachtet unbegründet ist. Mein Bauch denkt nur etwas anderes und ich lasse ihn. Denn jedes Gefühl hat eine Berechtigung und es zu unterdrücken macht es selten besser! Und gelegentlich lasse ich die Angst auch gewähren. Sie mag unberechtigt sein, aber dann bin ich halt im Moment noch nicht soweit, um mich dem entgegen zu stellen. Seis drum! Ich entwickel mich weiter und irgendwann wird das schon gehen.

Um welche Ängste geht es denn bei dir genau? Bei mir sind es meist soziale Ängste.

20.10.2012 13:02 • #2


David Spritz

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Die Ängste (oder "Sorgen"), die Du da beschreibst, hatte ich vor einigen Jahren auch noch. Meine Therapeutin hat mir sogar verordnet, ein Sorgentagebuch zu schreiben, wo ich diese Dinge ablegen kann, damit sie mich nicht den ganzen Tag beschäftigen. Damals haben meine Ängste auch tatsächlich negativen Einfluss auf mein Verhalten gehabt. Inzwischen ist das nicht mehr so.

Es ging damals meistens um äußere Dinge wie Geld, Ehe, Auto, Haus, Arbeit. Dinge, die mir soziales Prestige bringen, wenn man so will. Inzwischen, nachdem ich sehr viele dieser Dinge verloren habe, hänge ich nicht mehr so sehr an diesen äußeren Dingen, sondern sage mir, wenn ich irgendwann mal sterbe, kann ich davon ja eh nix mitnehmen, also was solls? Dadurch haben die Ängste auch automatisch weniger Einfluss auf mein Verhalten, denn ich weiß, mir kann im Grunde nix wirklich Schlimmes passieren.

Meine Ängste heute sind mehr so Urängste, z.B. vor Prügelstrafe oder vor Nicht-Geliebt-Werden. Oder dass mir jemand nachdrücklich und überzeugend Beweise vorhält, warum ich als Person wertlos bin. Solche Ängste! Aber die kommen oft nicht in ihrer reinen, klaren Form, sondern projizieren sich auf andere Dinge im Alltag, so dass ich sie nicht immer sofort erkennen kann. Aber ich will jetzt nicht einfach pauschal sagen, dass jede Alltags-Angst aus dieser Ecke kommt, denn es kann ja auch mal sein, vielleicht in 10% der Fälle oder so, dass eine Alltags-Sache mir zurecht Angst macht, und dass ich gewarnt sein und vorsichtig vorgehen sollte. Aber es verschwimmt wie gesagt alles zu einer Suppe, und es ist für mich schwer zu differenzieren.

21.10.2012 10:05 • #3


David Spritz

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Kleiner Nachtrag, der Vollständigkeit halber:

Inzwischen habe ich festgestellt, was ich eigentlich schon vor 2 Jahren festgestellt und nur wieder vergessen hatte, nämlich dass es am besten ist, einfach so hinzunehmen, dass das Urteilsvermögen nun mal getrübt ist, so lange man in der Angst drinsteckt. Erst wenn die Angst wieder vorbei ist, kann man auch wieder klar denken und sich fragen: Sollte ich wirklich Angst haben oder besteht keine reale Bedrohung? Meiner Erfahrung nach besteht in ca. 90 % der Fälle *keine* reale Bedrohung. Aber das zu beurteilen, während man noch akut in der Angst drinsteckt, ist sehr schwierig bzw. manchmal sogar unmöglich. Daher hilft (jedenfalls mir) in Angstsituationen nur abwarten und Tee trinken.

Mein Motto also: Don't Panic! Bring Ruhe in Dein Leben, schaffe Dir Oasen der Erholung und des Nichts-Tuns, betäube Deine Gefühle nicht und lauf nicht vor ihnen davon, sondern schreite mutig durch sie hindurch. So praktiziere ich es jetzt seit einigen Wochen wieder, und es geht mir jetzt viel, viel besser als in meinem ersten Beitrag in diesem Thread vor 4 Wochen. Die große Aufgabe, von der ich geschrieben hatte, ist zwar noch nicht erledigt, aber ich habe jetzt gelernt, die Unsicherheit ein wenig besser auszuhalten und mich damit abzufinden und damit zu leben, dass es noch ein wenig dauern wird, bis die Situation überstanden ist. Das allein hilft mir schon enorm.

14.11.2012 12:27 • #4


byron

Hallo!

Da kann ich fast jedes Wort nachvollziehen! - Auch wenn du inzwischen deine Herangehensweise gefunden hast, vielleicht trotzdem ein paar Gedanken dazu:

(Erst mal: "don't panic" ist ein schönes Motto, wenn einen akut diffuse Ängste runterziehen ... Also bei mir würde das an solchen Tagen nicht hilfreich funktionieren! )

Ich versuche immer dreierlei in solchen Phasen:

Zitat von David Spritz:
(...) dass es am besten ist, einfach so hinzunehmen, dass das Urteilsvermögen nun mal getrübt ist, so lange man in der Angst drinsteckt. Erst wenn die Angst wieder vorbei ist, kann man auch wieder klar denken und sich fragen: Sollte ich wirklich Angst haben oder besteht keine reale Bedrohung?

Genau, das ist das erste: der richtige Zeitpunkt, oder die richtige Verfassung! Ich sage mir dann auch "Es hat jetzt im Moment keinen Zweck, Lösungen oder Antworten finden zu wollen. Das geht jetzt nicht in diesem momentanen 'Gemütszustand'!". Dann versuch ich ganz bewußt, durch Ablenkung und Verdrängung erst mal Abstand zu gewinnen. Stunden oder Tage später merkt man automatisch, dass man wieder die Kraft hat, objektiver und klarer zu denken - und dann erst bringt es auch in konstruktivem Sinne etwas, nachzudenken oder gar zu handeln.

Als zweites hilft mir in solchen angstvoll-grübelnden Phasen oft auch Kommunikation: verwörtern wirkt befreiend, und zudem nimmt man aus einem Gespräch oft auch wenigstens eine Anregung oder zumindest eine minimale Bestätigung mit, die dann wieder "entkrampfend" und etwas beruhigend wirken. Es relativiert sich oft alles nach einem Gespräch und beruhigt sich.

Das dritte, womit ich seit Jahren gut fahre...: sobald wieder etwas Kraft und Energie spürbar ist, sofort anpacken und zu regeln versuchen, was möglich ist! In solchen Phasen nicht mehr aussitzen, sondern sich selbst erste Bestätigung holen durch kleine Fortschritte, Teilerfolge und Problemlösungen. Das erlebe ich immer wie ein Wundermittel gegen Angst!

Auf den Punkt bringt es m.E. die schlaue Aussage Furcht ist schlimmer als das, was du fürchtest! - Keine Ahnung, ob das mal ein weiser Mensch gesagt hat...: ich hab's aus einem Donald-Comic, wo er das als gerahmten Spruch in der Diele hängen hatte Aber es ist so was von wahr!

LG,
byron

14.11.2012 21:44 • #5


David Spritz

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Inzwischen habe ich meine "Don't panic"-Strategie noch weiter praktiziert, mit wechselndem Erfolg. Wenn die Angst kommt, dann versuche ich, nicht dagegen anzukämpfen, sondern sie durch besonders tiefe Atemzüge noch zu verstärken. Das kostet Mut, weil die Angst ja behauptet, es bestünde eine reale Bedrohung, draußen in der realen Welt. Dann genug Vertrauen zu haben, um zu sagen: "Die Angst will mich nur verarschen. Ich konzentriere mich jetzt auf mein Inneres.", das ist jedes Mal wieder ne ziemlich Überwindung. Bei meinen täglichen Bahnfahrten gelingt mir das manchmal sehr gut, weil ich dort die nötige Ruhe habe, und weil es dort mit allergrößter Wahrscheinlichkeit keine realen Bedrohungen gibt. Ebenso nach der Arbeit zu Hause auf der Couch versuche ich, mir so oft es geht die Zeit zum Atmen und Fühlen zu nehmen.

Wenn ich die Angst auf diese Art angenommen habe und auch ganz, ganz ehrlich nicht das Motiv habe, die Angst bloß "wegzumachen", wenn ich mich also mit Haut und Haar auf sie eingelassen habe, dann verschwindet sie manchmal schneller wieder als mir lieb ist, denn dann beginnt die Angst, eine Art interessantes und spannendes Forschungsprojekt zu werden, bei dem sich das Forschungsobjekt aber verflüchtigt, bevor man es richtig untersuchen kann. Die Angst verwandelt sich dann in ein warmes und beruhigendes Gefühl in der Brust, das durch mich hindurchströmt.

Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass das nur funktioniert, wenn man einigermaßen mit sich selbst im Reinen ist und keine unangenehmen Dinge verdrängt oder vor sich hergeschoben hat. Habe ich noch Leichen im Keller, die ich mangels Mut noch nicht in der Lage war zu beseitigen (z.B. wichtige Entscheidungen zu treffen), dann gibt es kein angenehmes warmes Gefühl, sondern dann bleibe ich in der Angst, und die Gedanken fangen an zu kreisen und lassen sich auch nicht mehr stoppen. Komme ich aber in das strömende Gefühl, sind die Gedanken sofort stumm und alle Ängste sofort weg.

Ergibt das irgendeinen Sinn für irgendjemanden hier? Oder spinn ich jetzt schon total?

11.02.2013 21:56 • #6


monty

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Es ist ein sehr interessanter Gedanke, bzw. ja doch wohl eher deine Erfahrung!
Nach ähnlichem Prinzip versuche ich zu verfahren, wenn ich absolut nicht schlafen kann, unruhig bin.
Dann hilft es mir meist auch, wenn ich versuche diesen Umstand einfach zuzulassen.
Es ist, wie es ist, ich bin unruhig, kann nicht einschlafen... Und dann schlafe ich ein.
Keine Ahnung, ob man das miteinander vergleichen kann...

13.02.2013 15:26 • #7


David Spritz

David Spritz

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Wahrscheinlich schon! An Schlaflosigkeit habe ich früher auch gelitten, und dadurch, dass ich sie über-dramatisiert habe, habe ich es noch schlimmer gemacht. Irgendwann habe ich dann angefangen zu sagen: "schei. drauf, dann liege ich eben wach!" Ich habe mir sogar manchmal abends schon Filme oder Hörbücher bereit gelegt, für die ich sonst nicht genug Zeit hatte, und mich auf den Zeitpunkt gefreut, wenn ich endlich aufwache, meistens morgens um 4.

Seit ich das getan habe, passierte es aber, o Wunder, plötzlich viel seltener, und wenn doch, dann meistens erst viel später, so gegen halb 6, wo ich vor der Arbeit schon keinen kompletten Film mehr schaffen kann. Aber zumindest eine 60-minütige Entspannungs-CD ziehe ich mir dann noch rein, wenn ich mal vorzeitig wach werde. Manchmal schlafe ich aber sogar dabei wieder ein und werde erst zur regulären Zeit durch den Wecker wieder wach.

Wenn man loslässt bzw. zulässt, scheint Vieles auf einmal viel einfacher zu sein! Ich werde versuchen, weiter in diese Richtung zu arbeiten und die nötige Überwindung und den Mut so oft es geht aufbringen.

16.02.2013 13:00 • #8

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