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ADHS und die Wirkung auf Medikamente

maya60
Wer kennt das von euch auch? Kaffee und Cola beruhigen, Ritalin auch und aktivierende Antidepressiva auch. Dafür dreht mich diese beruhigende Spritze vor einer Vollnarkose auf und ob eine Lokalanästhesie überhaupt wirkt, ist nie gesagt.

Da ich hyperaktiv bin, macht es mir nichts aus, wenn mich stimmungsaufhellende Antidepressiva zusätzlich noch dämpfen. Aber es ist jedenfalls gut, dies über sich zu wissen.

Ich weiß nicht, ob es zur Symptomliste typischer ADHS-Symptome gehört, aber im ADHS-Forum ist diese paradoxe Medikamentenwirkung sehr verbreitet.

06.05.2019 18:13 • #1


Also auf mich trifft das gar nicht zu. Ich bin aber auch alles andere als hyperaktiv.
War jetzt nicht die Frage aber ich schreib trotzdem mal
Liebe Grüße

06.05.2019 18:17 • x 1 #2


maya60
Als mein Sohn im Alter von etwa 10 Jahren in der Augenklinik eine OP unter Vollnarkose hatte, hatte sich seine Hyperaktivität noch nicht ausgewachsen wie 2 Jahre später.

Er war so überdreht von der Beruhigungsspritze, dass er auf dem Weg vom Aufwachraum bis zu seinem Zimmer nur so um sich schlug. Die Schwester, die sein Bett schob war völlig entsetzt, er sollte doch sein Auge ruhig halten. "Was ist das denn?" rief sie, als Sohni Anstalten machte, wütend sein Bett zu verlassen. Also habe ich mich in die Fänge dieses tobenden Jungen begeben und auf mich einprügeln lassen, damit er nicht aus dem Bett fiel oder sprang. "Das ist die paradoxe Medikamentenwirkung" keuchte ich nur.

06.05.2019 18:34 • #3


maya60
Was auch zu diesem paradoxen Erscheinungsbild passt, ist, dass aufgrund meiner Hyperaktivität, Impulsivität des ADHS ich gleich beherzt und schnell und kraftvoll und temperamentvoll agiere, wenn ich denn in meiner Antriebslosigkeit agiere. Ich kann mich gar nicht vorsichtig und ruhig verhalten, dann muss ich mich die ganze Zeit bremsen.

Konkret bedeutet das, entweder komme ich gar nicht aus dem Bett oder ich springe raus.

Also liege ich an manchen Tagen viel im Bett, habe die typischen erbärmlichen Antriebsprobleme der Depression und des ADHS und trotzdem, was ich hinkriege, hat Tempo und Temperament und Humor. Nie hält mich jemand für krank. Es ist aber auch einfach paradox.

Abgesehen von meinen Krankheiten bin ich auch eh noch temperamentvoll.

Ohne Medikamente bin ich trotz der Erschöpfungszeiten im Bett soviel rumgefegt, dass ich Herz-Kreislaufwerte wie ein Spitzensportler hatte, ohne einer zu sein. Ich konnte einfach nicht langsam. Kann ich immer noch nicht gut. Obwohl meine Impulsivität zum Glück nie eine nervende war, sondern eher wie Spontaneität rauskam, also schon sinnvoll und belebend, trotzdem zappelig.

07.05.2019 16:19 • x 1 #4


Alexandra2
OHA, das kenne ich auch.
Mein Sohn hat mit 3 Jahren paradox auf eine Narkose reagiert und wenn wir ihn gelassen hätten, hätte er Alles zerlegt.
Mir gehts bei bestimmten Narkotika auch so, doppelte Dosis bitte.
Und das Switchen von antriebslos bis hyperaktik habe ich auch. Ritalin hat mir schwerste depressive Krisen (suizidal) beschert, Antibiotika auch. Jetzt versuche ich mich auf einem kleineren Stressniveau hinzuarbeiten, damit die Unruhe nachlässt und das zu unterdrücken nicht mehr nötig wäre.
Liebe Grüße
Alexandra

07.05.2019 20:56 • x 2 #5


maya60
Hallo Alexandra, die Wirkweise von "Ritalin" (oder anderen MPH-Medikamenten) ist knifflig, ich verstehe auch nicht, wie jemand da hohe Dosierungen vertragen kann.

Ich vertrage nur ganz niedrige, also 2 x tgl. 10 mg Medikinet erwachsen. Die machen aber den Unterschied zwischen erschöpft und nicht erschöpft. Seit 10 Jahren. So niedrig dosiert merke ich gar nicht groß den Wirkungsbeginn und das Wirkungsende, aber wenn ich sie einige Wochen nicht nehme, fühle ich mich wie ein immer fadenscheinigerer löchriger Mantel, durch den jeder kleinste Gegenwind mich umbläst.

Gegen die starke Überreizung hilft mir mein Antidepressivum Venlafaxin gut.

Bei den MPH-Medikamenten berichten ja viele, dass Überdosierung genauso schlimm ist wie zuwenig, schon 1 Höherdosierung kann alle Erfolge knicken.

Dann ist da noch das Problem, dass selbst retard-MPH-Medikamente nur stundenweise wirken und je höher sie dosiert sind, desto stärker schrecklich ist der Rebound, also das Rausfallen aus der Wirkung. Sowas geht bei mir gar nicht. Auf und Ab von Medikamentenwirkungen hauen mich voll in die Depression. Und wenn Schüler nur morgens Medikamente nehmen sollen, damit sie nicht unter Schlaflosigkeit und Appetittlosigkeit leiden, dann gehts ihnen doch nachmittags viel miserabler als ohne Rebound.

Also, das ist für mich noch nicht ausgereift, bin aber dankbar für die Wirkung, die da ist.

08.05.2019 16:02 • x 1 #6


Alexandra2
Hallo Maya,
Nachdem Medikinet und Ritalin ein Flop waren, erhöhte meine Ärztin Elontril auf das Doppelte, 300mg. Später erfuhr ich, daß dieses Medikament hilfreich sei bei Antidepressivas/ADHS, amphetaminähnlich. Das erklärt auch die positive Wirkung bei mir, das Antidepressivum wirkt besonders bei Erschöpfung. Da Beides auf mich zutrifft, habe ich Glück gehabt.
Allerdings machen mir viele Symptome des Antidepressivas Probleme: die massiven Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Das Chaos, Reizüberflutung kommen noch dazu. Sobald es mir schlechter geht, verstärken sich die Symptome des Antidepressivas und der Depression gegenseitig. Damit bin ich überfordert und ich habe noch keinen Weg gefunden, die Symptome des Antidepressivas klein zu halten, vielleicht geht das auch gar nicht. Ich mag die Vorstellung nicht, daß die Krankheiten mein Leben bestimmen.

Für Kinder und Jugendliche können die Medikamente ein Segen sein, wenn sie eine Parallelbehandlung bekommen. Und mit ihren Symptomen umgehen lernen.
Ich brauchte Jahre, verlorene Jahre, die für meinen Sohn richtige Diagnose zu bekommen. Außer 4wöchentlichen Arztgesprächen gabs keine Behandlung. Es war sehr schwer, das zu akzeptieren, weil mein Sohn täglich verbal ermahnt wurde. Er sprang im Unterricht auf wegen der Reizüberflutung, konnte sich nicht konzentrieren, das hat niemanden in der Schule veranlasst, nachzufragen. Damit verfestigte sich seine Rolle als Störenfried und er gab sich auf, unfähig zu lernen. Das interessierte den Arzt nicht.
All das, was Lernen interessant macht, Erfolge haben, sich vertiefen können, Austausch haben, sich entwickeln wurde ihm vorenthalten. Nur vor den Hauptschulprüfungen bekam er Medikinet und war stundeweise in der Lage, am Platz zu bleiben und tatsächlich zu arbeiten. Die Ergebnisse reichten gerade so aus, daß er für den mittleren Schulabschluss lernen durfte. Den hat er ziemlich schlecht, aber bestanden. Damit war die berufliche Laufbahn kompliziert. Aber er ist in Ausbildung und auch dort fällt seine Vergesslichkeit auf, dafür hat er in der Berufsschule angegeben, Antidepressivas zu haben. Das freut mich sehr, die Persönlichkeitsstruktur akzeptieren und vielleicht annehmen zu können. Ob er irgendwann wieder Medikinet möchte, muss man sehen. Jedenfalls finde ich es gut, das Medikament punktuell einzusetzen und noch besser, Tipps und Tricks, wie man gut mit sich umgehen kann, zu kennen. Das wird bei der Medikation schnell vergessen.
Wie wir im Zusammenleben damit zurechtkommen, eher nicht zurechtkommen, steht auf einem anderen Blatt.
Liebe Grüße
Alexandra

11.05.2019 10:03 • x 2 #7


Mandinka
Ich habe auch eine A-D-S Diagnose im Erwachsenenalter erhalten, nachdem mein Sohn positiv darauf diagnostiziert wurde. Unsere Symptome neigen allerdings auch stark Richtung Asperger und dies steht auch in seinem Bescheid wegen der 50%igen Schwerbehinderung.
Trotzdem konnte ich schon paradoxe Wirkungen bei mir feststellen bzw. daß Medikamente bei mir anders wirken als bei anderen Menschen.

Die Schullaufbahn meines Sohnes war auch sehr frustrierend, obwohl er ein wissbegieriger und äußerst belesener Typ ist. Frustrierend ist auch, daß es so schwer ist, Ärzte zu finden, die diese Problematik überhaupt anerkennen und sich damit auskennen. Mich hat man damals bei meiner Diagnosestellung für eine Studie "benutzt". Eine Zeitlang bekam ich dort noch weiter Unterstützung und Rezepte. Aber dann hieß es auf einmal, suchen sie sich einen niedergelassenen Arzt (es war eine Klinikambulanz). Bis heute habe ich nie wieder einen Arzt gefunden, der sich damit auseinandersetzen wollte. Ich fand nur einen Arzt, der Depressionen behandelt bzw. Rezepte ausstellt für Antidepressiva und ggf. Überweisungen gibt für Therapeuten. ADS-Medis hat er mir verweigert, weil er sich damit angeblich nicht auskenne. Ich habe allerdings den Eindruck, daß er diesbezüglich einfach eine starke Abneigung hat. Leider hat er mir das nicht näher erläutert, damit ich das besser nachvollziehen kann.

Mein Sohn wollte schon in der Pubertät keine ADS-Medis mehr nehmen, was ich dann auch akzeptiert habe. Als ich selbst sie noch verschrieben bekam, fand ich sie hilfreich und setzte sie auch oft nur punktuell ein, wenn ich eben wußte, ich habe ein Meeting, bei welchem ich ruhig und konzentriert bleiben muss. Das Methylphenidat hat auf mich eine beruhigende Wirkung gehabt, weniger ablenkbar usw.

26.06.2019 08:49 • x 1 #8


maya60
Hallo Mandinka, ja, bei mir wirkt Methylphenidat (der Wirkstoff in Ritalin - für MitleserInnen) auch beruhigend im Sinne von fokussierend und nicht aufputschend wie es bei Menschen ohne ADHS oder A D S wirkt.

ÄrztInnen mit Ahnung von ADHS oder A D S bei Erwachsenen findet man oft nur unter denen, die sich darauf spezialisiert haben oder in einem ADHS-Zentrum. Ist auch für uns Betroffene sicherer.

Mein Sohn hat auch ADHS, aber es hat sich in seiner Jugendzeit so sehr verbessert, dass er keine Medikamente mehr braucht, anders als bei mir.

Allerdings vertrage ich nur eine niedrige Dosis Medikinet erwachsen mit demselben Wirkstoff, denn zu hoch dosiert geht nach hinten los.
Aber diese niedrige Dosis hat meinen am Ende allabendlichen Erschöpfungsanfall beendet.

Gegen mein Hauptsymptom, die Reizoffenheit, wirkt das höher dosierte Antidepressivum Venlafaxin gut, das brauche ich dringend.


Hallo Alexandra

Es hat bei mir 10 Jahre gebraucht, um die richtige Dosierung und die richtigen Medikamente rauszufinden und ich bastele immer noch manchmal mit meinen Arzt dran rum.

Ein normales Leben geht damit bei weitem immer noch nicht, dazu war ich zulange ohne Behandlung und dazu ist mein ADHS auch wohl zu stark. Aus meinem ADHS-Forum weiß ich, dass es vielen noch viel schlechter geht als mir trotz Medikamenten.

Denn diese Medikamente sind, obwohl so segensreich und wichtig für mich, nicht besser als Krücken, denn wenn ich nicht mein Leben mit psychologischer Unterstützung an meine Krankheiten anpasse, helfen sie auch nichts und ich falle wieder in Überreizung und schwerere Depression.

Liebe Grüße! maya

26.06.2019 10:30 • #9


Mandinka
Hallo maya, selbst in einer Großstadt wie meiner ist es echt schwierig, Ärzte mit dieser Spezialisierung zu finden und wenn man sie gefunden hat, ist es fraglich, ob sie einen noch annehmen bzw. wartet man natürlich ewig auf Termine. Ich war da eher der Typ, der in der Hinsicht einfach aufgegeben hat. Da man mich bei Check ups immer wieder auf irgendeine Rhythmus-Anomalie an meinem Herzen aufmerksam machte, die aber laut Kardiologen nicht bedenklich sein soll, habe ich auch Bedenken entwickelt, ADHS-Medis zu nehmen und mich so auch ein bisschen darüber hinweggetröstet, daß ich mangels Arzt an keine Rezepte mehr kam.

Das mit der Reizüberflutung kenne ich nur zu gut. Es gibt Situationen, die ich immer wieder meide. Das betrifft eben auch ganz banale Dinge wie Einkäufe an Orten, wo viel los ist. Vieles in meinem Leben habe ich nach und nach verändert. Wenn man weiß, was mit einem los ist und woher zum Beispiel diese Erschöpfung kommt, kann man viel besser etwas dagegen tun, finde ich. Früher habe ich immer dagegen angekämpft, fühlte mich als Versagerin, weil ich ja auch nicht begriff, warum mir manche Dinge so schwer fielen. Heute entlaste ich mich, wo ich nur kann und versuche immer wieder, genau zu überlegen, was ich mir zumuten will und was nicht.

26.06.2019 10:51 • x 1 #10


maya60
Genau, Mandinka, ich finde auch, es geht darum, seinen besten Weg zu finden. Mein Spezialisten-Doc nimmt mittlerweile auch keine neuen PatientInnen mehr an, es besteht wirklich ein Mangel an spezialisierten ÄrztInnen und die anderen scheinen oft zu meinen, zu dieser Diagnose ihre Privatmeinung über klare Richtlinien der Fachärztlichkeit stellen zu können, ein Unding.

Auch betrifft es nur einen kleinen Teil der Betroffenen, dass sie mit medikamentöser Unterstützung ein ganz normales Leben leben können.

Auch, was meine zweite Erkrankung betrifft, das Kriegstrauma meiner Mutter geerbt zu haben, dieses Wissen und die fachliche Beachtung ist ebenfalls bis heute immer noch in den Expertenkreisen viel zu gering, ich denke, da wirkt noch eine breite Verdrängung weiter nach dem Krieg bis heute, ebenso wie die Traumata selber.
Die Betroffenen von ADHS und auch dieser Traumata sind auf sich selber angewiesen, das Richtige und Wichtige für sich zu finden.

Auch bei unserem Sohn war ich es, die um eine ADHS-Diagnostik und später um eine Autismus-Diagnostik in der Uniklinik bat, beides wurde klar diagnostiziert. Und dann musste ich darum kämpfen, dass unser Sohn nicht unter dem Autismus-Etikett zu sehr aus der Normalität gezogen wurde. Denn auch zu Autismus stellen sich viele entscheidungsbefugten Experten einfach "Rainman" vor und handeln dementsprechend.

Ich frage mich oft, ob die Experten auch so uninformiert in anderen Belangen sind, dann Herzlichen Glückwunsch!

Liebe Grüße! maya

26.06.2019 11:02 • x 1 #11




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