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Therapeutin sucht Ursache in der Kindheit - sie irrt sich aber

Aita

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Hallo,

ich bin 60 Jahre alt und im August letzten Jahres wurde die Diagnose Depression / Burnout gestellt.

Ich war jetzt 4 x bei einer Therapeutin, ich komme ganz gut mit ihr klar und finde sie auch ganz sympathisch.
Aber irgendwie sucht sie dauernd nach meinen Problemen in meiner Kindheit mit meinen Eltern und meiner Schwester.
Meine Mutter ist vor 44 Jahren verstorben und mein Vater vor 10 Jahren.
Ich hatte in den letzten Jahren wenig Kontakt zu ihm, aber das hat mir nichts ausgemacht. Zu meiner Schwester hatte ich nie eine gute Beziehung, aber auch das war mir immer ziemlich egal.
Meine Kindheit war ganz normal und sehr schön, ich hatte da absolut keine Schwierigkeiten.
Nun bohrt und fragt die Therapeutin dauernd danach, obwohl das ganz sicher nicht mein Problem ist.
Außerdem will sie mir eine Reha schmackhaft machen, aber die will ich nicht.
Irgendwie finde ich die Stunde bei ihr dadurch verschwendet und nach meinen wirklichen Problemen wird nicht gesucht.

Meiner Meinung nach liegen meine Probleme eher in den Spannungen, der Überlastung und Mobbing an meinem Arbeitsplatz.

Soll ich meiner Therapeutin sagen, dass ich die Suche in meiner Kindheit für überflüssig halte?

27.01.2020 14:10 • x 3 #1


ViolettaM

Hallo Aita, genau das dachte ich auch, als ich nach Burnoutdiagnose ein Erstgespräch hatte. Allerdings ging es mir da auch schon wieder so gut, dass die Therapeutin keine Chance sah, eine Therapie von der Krankenversicherung bezahlt zu bekommen.
Und jetzt, da ich mit reduzierter Stundenzahl wieder arbeite und ich zeitweise schon den Abwärtstrend wieder sehe, habe ich mich trotzdem gegen eine Therapie entschieden, weil ich diese ganze Aufarbeiten alter Geschichten erstens vor langer Zeit schon hatte und zweitens für mich in meiner heutigen Situation nicht sinnvoll finde.

Auf jeden Fall würde ich die Therapeutin darauf ansprechen, dass du lieber deine aktuellen Probleme mit ihr bearbeiten möchtest. Sollte sich dabei herausstellen, dass du 'Altlasten' hast, die sich da auswirken, kann man immer noch in die Tiefe gehen.

Liebe Grüße
ViolettaM

27.01.2020 15:22 • x 3 #2


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111Sternchen222

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Es hängt ja auch immer vo der Therapieform ab, ob in der Kindheit gewühlt wird. Bei mir in der Verhaltenstherapie war in den 5 probatorischen Sitzungen auch In der Anamnese die Kindheit ein Thema, aber um auszuschließen,das ich nicht eher eine Tiefenpsychologische Therapie brauche.
Lg Sternchen und Knispel

27.01.2020 18:31 • x 1 #3


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Axel61

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Die Ki9ndheit mal abzuarbeiten ist Standard. War bei mir 2005 auch so. Wenn sich der Therapeut aber daran festbeist, sehe ich das Kritisch. Bei mir hat es einfach nur 3 Jahre Zeit gekostet. Leider habe ich damals nicht gleich auf die Bremse getreten. Die Medis haben halt gewirkt und 2 mal die Woche reden tat gut. Ich finde aber, man sollte es nach einiger Zeit mal ganz wertfrei hinterfragen.Wenn da keine Emotionen zu finden sind, wie bei mir, dann sind da halt keine.

27.01.2020 18:45 • x 2 #4


Aita

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Ich habe mit Therapien keine Erfahrung. Es ist das erste mal, dass ich so etwas in Anspruch nehme, deswegen weiß ich auch nicht wie so eine Therapie läuft. Ich war nur etwas erstaunt, dass in meinem Alter (fast 61) noch so in der Kindheit rumgestochert wird, zumal ich wirklich nur gute Erinnerungen daran habe, es gibt wirklich nichts was da schiefgelaufen wäre.

28.01.2020 08:42 • x 1 #5


TRx-M

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Hallo, Aita,

ich bin erst seit kurzem in diesem Forum unterwegs. Therapieerfahrung habe ich (noch) nicht, aber in letzter Zeit zwei Bücher zum Thema "Depression" gelesen. Das erste fand ich nicht so ansprechend, deswegen habe ich weiter nach anderen Büchern Ausschau gehalten und folgendes entdeckt: Josef Giger-Bütler "Depression ist keine Krankheit - Neue Wege, sich selbst zu befreien" (BELTZ-Verlag).
Sein Ansatz ist, dass er eine Depression nicht als Krankheit, sondern als Summe von angeeigneten Denk- und Verhaltensmustern betrachtet, die ständig auf das Wohl anderer Menschen ausgerichtet sind, aber nie auf das eigene Wohl. Er vertritt zwar den Standpunkt, dass die Ursachen dafür fast immer in der Kindheit zu finden sind. Giger-Bütler räumt aber auch ein, dass man nicht zwingend die Ursachen ergründen muss, sondern auch damit beginnen kann, diese Denk- und Verhaltensmuster bei sich zu erkennen und durch gesündere Muster zu ersetzen.
Das ist jetzt meine ganz kurze laienhafte Zusammenfassung. Für mich sind seine Bücher ein Volltreffer. Vielleicht könnte das auch für dich hilfreich sein?

Viele Grüße

05.02.2020 22:32 • x 2 #6


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maya60

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Hallo Aita, es stimmt, was Sternchen schreibt. Und darum sind ja auch die ersten Termine einer Psychotherapie Probetermine, damit beide Seiten schauen, ob die Chemie stimmt.
Du kannst offen sagen, dass du eine Therapie suchst, die mehr auf die gegenwärtigen Stressoren eingeht und z.B. eine Verhaltenstherapie versuchen.

Liebe Grüße! maya

06.02.2020 07:59 • x 1 #7


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maya60

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Hallo TRx-M, die Buchinhalte, die du nennst, sind Altbekanntes, aber vernebeln die Unterschiede zwischen schwer leidenden Kranken und Gesunden, die trotzdem alle die gesellschaftlich verbreiteten selbstschädigenden Glaubenssätze schon als Kind lernten und weiterleben.
Anders herum wird ein Schuh daraus: Bestimmte selbstschädigende Erziehungsinhalte sind krankmachend.

Die Grenzen zwischen krank und gesund zu vernebeln, riskiert hohes unbehandeltes Leid und finde ich daher gefährlich und unseriös.

Lerntheorie und Kognitve Theorie, also Erziehungswissenschaft und Psychologie, wissen das schon seit Jahrzehnten, wie man Glaubenssätze bei Kindern prägt und schon vor 40 Jahren lernte ich das im Leistungskurs Pädagogik. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts dachte man nämlich, man könne alles, was man will, aus jedem Menschen machen wie am Fließband, die leistungsstarken Helfer, heute werden die Folgen therapiert.

Dass die gesellschaftlichen Normen solche selbstsabotierenden Glaubenssätze einer Leistungsgesellschaft stützen und vermitteln und in der Erziehung geprägt werden, das ist bekannt und das führt ja zu der starken Zunahme von Stresserkrankungen wie Burnout und Depressionen.

Selbst "Gesunde" sind heute übermässig gestresst und oft genug krankheitsgefährdet. Die gesellschaftlichen Normen sind also krankmachend.

Deshalb liegt trotzdem eine Krankheit vor, wenn ohne psychotherapeutische Behandlung und (je nach Stärke der Depression auch Medikamenten) die depressiven Symptome schweres unerträgliches Leiden erzeugen und arbeitsunfähig machen.

Und deshalb können die Erkrankten auch nicht nach der Gesundung wieder genauso weitermachen wie zuvor. Die erlernten und oft unbewussten falschen Denkmuster und Verhaltensweisen müssen in der Psychotherapie umstrukturiert werden. Dafür ist die auf Lerntheorien und Kognitiver Psychologie basierende Verhaltenstherapie hilfreich.

Bei traumatischen frühkindlichen Entwicklungsschädigungen dann wieder die tiefenpsychologische und entwicklungspsychologische Psychotherapie. Ich finde ja beide Therapieformen wichtig.

Liebe Grüße! maya

06.02.2020 08:20 • x 3 #8


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Jedi

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Zitat von maya60:
Selbst "Gesunde" sind heute übermässig gestresst und oft genug krankheitsgefährdet.

Stimmt !
Das bekomme ich gut mit, wenn ich mal wieder an Waldbaden-Seminare teilnehme.
Die Stille u. das einmal ganz auf Sich zurückgeworfen zu sein, halten so manche Teilnehmer nicht aus u.
brechen auch vorzeitig an.
Sind nicht selten Menschen, die zwar etwas verändern wollen, dann sich zum Waldbaden anmelden,
aber auch da nicht aus ihrem Hamsterrad raus können u. ihren immer hohen Stresspegel nicht senken können.
Zitat von maya60:
krankheitsgefährdet

Absolut, so haben manche extrem hohe Blutdruckwerte, selbst noch nach einiger Zeit im Wald,
weil ihre Gedanken weiter auf volle Pulle laufen u. der Stresslevel, sich dann so auch nicht wirklich senkenl lässt.
Zitat von maya60:
Deshalb liegt trotzdem eine Krankheit vor, wenn ohne psychotherapeutische Behandlung und (je nach Stärke der Depression auch Medikamenten) die depressiven Symptome schweres unerträgliches Leiden erzeugen und arbeitsunfähig machen.

Da stimme ich Dir voll u. ganz zu !
Zitat von maya60:
Und deshalb können die Erkrankten auch nicht nach der Gesundung wieder genauso weitermachen wie zuvor.

Ein ganz wichtiger Hinweis vonDir maya !
Zitat von maya60:
Die erlernten und oft unbewussten falschen Denkmuster und Verhaltensweisen müssen in der Psychotherapie umstrukturiert werden. Dafür ist die auf Lerntheorien und Kognitiver Psychologie basierende Verhaltenstherapie hilfreich.

Stimmt
Zitat von maya60:
Bei traumatischen frühkindlichen Entwicklungsschädigungen dann wieder die tiefenpsychologische und entwicklungspsychologische Psychotherapie. Ich finde ja beide Therapieformen wichtig.

Dafür sind die Vorgespräche u. die 5 probatorischen Sitzungen nötig.
Da kann geklärt werden, welche Therapieform, am besten dem Klienten helfen kann.
Auch kann festgelegt werden, wenn zwei unterschiedliche Therapieformen sinnvoll sein können, wie das Folgerichtig
geplant werden kann.
Auch ein passender Therapeut, mit dem entsprechenden Schwerpunkt, sollte ausgesucht werden.

LG Jedi

12.02.2020 17:38 • x 2 #9


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ClaraFall

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Ich glaube, dass das Standard ist. Dies war bei mir 2001 in der stationären, sowie 2002 in der ersten ambulanten so. Aber auch in den 2 folgenden 2016 und 2018. Gelandet bin ich immer wieder bei den Eltern, da findet einfach die prägende Phase statt. Und sie ist ursächlich für unsere Lösungsstrategien. oder das, was wir für sie halten.


Allerdings ist man ja immer frei, mit zu entscheiden, wie die Therapie verlaufen soll sie fokussiert sich m. E. eh von selbst auf das Grundlegende.

Ich halte es für ungut, wenn der Therapeut ( geschlechtsneutral )einen Weg vorgibt, den er - unbedingt gehen will

25.02.2020 15:41 • #10


stamilung

hhm, wann endet bei dir denn die kindheit?
mit 16 die mutter zu verlieren und den vater in seinen letzten jahren nicht zu vermissen? ich kann deine therapeutin verstehen das sie da sucht!

öffne dich

26.02.2020 14:01 • x 1 #11


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ClaraFall

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Aber ggf kommt eine Öffnung erst mit der Zeit . Ein wildes darauf pochen könnte noch mehr verschließen, denke ich.

26.02.2020 14:57 • x 1 #12

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