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Tagesklinik Erfahrungsbericht - aller Anfang ist schwer

Hallo,

bin seit Donnerstag in einer ambulanten Psychosomatischen Klinik, 2 Wochen stationär danach Tagesklinik wegen Angststörung/Burnout. Seit 8 Wochen krank geschrieben, die letzten 2 Wochen ging es mir deutlich besser mit Autosuggestion, Muskelentspannung, Spazieren gehen. Aus der Grübelei war ich raus und konnte wieder schlafen. Der Start in der Klinik war sehr belastend, bin jetzt wieder in eine Gedankenspirale gekommen und die Unruhe ist wieder da. Die vielen Eindrücke waren hart , die Situation der Mitpatienten, das viele negative Denken das geballt aufeinander trifft. Durch 2 Bett Zimmer keine Rückzugsmöglichkeit. Viele Patienten, die schon mehrfach dort waren. Das hat mich sehr runter gezogen.

Kennt jemand diese Startschwierigkeiten? Momentan hab ich eine Heidenangst dass es schlechter wird statt besser und ich wieder in den Anfangszustand zurück komme. Musste die letzte zwei Tage auch weinen, wegen Anspannung und Heimweh, obwohl wir am Wochenende nach Hause dürfen.

Lg ilse77

03.08.2019 09:55 • x 1 #1


Alexandra2
Liebe Ilse,
Ja das kenne ich. Reizüberflutet und mich kaum abgrenzen können. Das habe ich in der Therapie angesprochen und Möglichkeiten gefunden, Distanz herzustellen. Wie das gehen kann, kannst Du ja besprechen. Und dann ausprobieren zB lange Spaziergänge, sich zurückziehen etc
Liebe Grüße Alexandra

03.08.2019 13:21 • x 1 #2


Eis
Hallo Ilse

Eine stationäre Klinik kenne ich nicht, habe nur Erfahrungen aus der Reha, dort hatte ich aber ein Einzelzimmer. Die fehlende Rückzugsmöglichkeit ist für Depressive was besonders schlimmes, darum kann ich sehr gut verstehen, wie Du Dich fühlst. Ich brauche das heute immer noch und habe u.a. aus diesem Grund die Teilnahme an der MUTtour der deutschen Depressionsliga, auf die ich mich so gefreut hatte, abgesagt. Ich kann dir auch nur den Tip mit den Spaziergängen geben, vielleicht hast du auch ein Rad dort und kannst ein bisschen rum fahren und die Gegend erkunden. Wenn du gern Musik hörst würde ich mir einen Kopfhörer mitnehmen und im Zimmer Musik hören. Es sind nur 2 Wochen, das schaffst du.
Wie geht es Dir denn sonst so in der Klinik? Bist oder wirst du grad medikamentös ein- oder umgestellt? Wie ist deine Erfahrung mit den Einzel- und Gruppentherapien? Versuch nicht, die negativen Gedanken der anderen Patienten zu nah an dich herankommen zu lassen.
Ich habe anfangs in der Reha auch viel geweint, ich denke das ist normal. Du musst nicht fürchten, dass es deshalb wieder bergab geht. Lass dich darauf ein und Versuch dich auf Dich zu konzentrieren. Das hat mir sehr geholfen. Die Frage was möchte ICH gerade? Spazierengehen und meine Ruhe, ein gutes Buch lesen, in die Cafeteria gehen und einen Gesprächspartner suchen (kam eher selten vor), Musik hören, mich auf eine Bank im Park setzen und heulen. Sich endlich einmal für sich selbst Zeit nehmen ohne immer nur für andere da zu sein.
Vielleicht könnte ich dir ein kleines bisschen weiterhelfen.

LG Eis

04.08.2019 06:11 • x 4 #3


Liebe EIS,

die eigentliche Therapie startet erst nächste Woche, hier sind aber immer Ansprechpartner da. Bin in ein Loch gefallen und weine viel. Kopfhörer habe ich und kann mich damit etwas abschotten. Das Depressive das jetzt rauskommt erschreckt mich, ich denke zuhause hab ich es unterdrückt um meine Angehörigen nicht zu belasten. Schlaflosigkeit ist wieder heftig. Am Montag will ich mit den Ärzten reden wegen Medikamenten. Die Mini Dosis die zuhause ausreichend war, ist es hier anscheinend nicht mehr. Bin kraftlos und lerne gerade zu erkennen: Ich bin krank. Und trotz 2-Bett-Zimmer wohl richtig, wo ich bin. Es ist wie wenn eine Maske gefallen ist, hier kann ich den Schmerz zeigen. Hart ist die Unwissenheit, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Ich bin derzeit dankbar für jeden Bericht, jede Geschichte wo Menschen sagen: Das geht vorbei, die Lebensfreude kommt zurück und die Kraft ein Stück weit auch.

Lg

Ilse

04.08.2019 08:27 • x 2 #4


PS: Ich überlege bei meinem derzeitigen Zustand, ob ich stationär nicht sogar verlängere

04.08.2019 08:29 • x 1 #5


Eis
Hallo Ilse

Schau dir doch mal die ersten Tage an und entscheide das dann erst. Mir ging es in der Reha ähnlich, da muss man nicht immer trotz Erkrankung wenigstens noch ein bisschen funktionieren, sondern kann einfach mal man selber sein. Ich persönlich, aber das kommt immer auf die eigene Lebenssituation an, halte nicht viel von ambulanter Tagesklinik, bzw. ich kenne es nur als ambulante Reha. Ich hatte sowas im orthopädischen Bereich, ein paar Monate vor meinem psychischen Zusammenbruch. Für mich war das Stress pur, weil wenn du heimkommst liegt ja die ganze Arbeit noch da, die Familie erwartet ein Essen und du musst trotzdem wieder funktionieren. Das war für mich mehr Stress als wenn ich gearbeitet hätte. In der stationären Rehe habe ich wirklich mal nur für mich gelebt, habe gesehen, wie schnell Wäschewaschen geht, wenn es nur dein eigenes Zeug ist, musste mich nicht um putzen und kochen oder einkaufen kümmern. Also wirklich mal erholen. Ich war 6 Wochen dort und es war die beste Entscheidung meines Lebens.

Ilse, es wird vorbeigehen, es wird Dir wieder besser gehen und du wirst auch wieder glückliche Momente haben, aber du brauchst viel Geduld. Es ist ein langer harter Weg.

Ich hab mir das immer bildlich vorgestellt: ich bin viele Jahre auf die Klippe zugerutscht, das Tempo wurde immer schneller und irgendwann konnte ich es nicht mehr stoppen und bin die Klippe hinabgestürzt in ein furchtbar tiefes Loch. In den ersten Wochen und Monaten habe ich keinen Ausgang gefunden, ich steckte fest, ein furchtbarer Zustand, weil man meint das ändert sich nie mehr. Zur Zeit meiner Reha, nach etwa 5 Monaten habe ich eine Treppe gefunden und bin ganz langsam Schritt für Schritt hochgeskrochen. Ich bin auch oft wieder zurückgerutscht. Mit den Antidepressiva, die ich dann bekommen habe, habe ich es besser geschafft und war irgendwann oben. Aber der Weg, den ich noch gehen musste hat viele Schlaglöcher, kleine und große. In manche bin ich sehenden Auges hineingetappt, wenn ich mir zum Beispiel keine Pausen gegönnt habe. In manche bin ich aber auch einfach so reingefallen. Aus manchen Löchern bin ich schneller rausgekommen wie aus anderen. Der Weg geht bis heute immer noch bergauf, kostet Kraft und Mühe, aber es werden weniger Schlaglöcher und sie sind nicht mehr so tief. Das ist mein JETZT-Zustand nach etwa 2 Jahren. Das sind Bilder, die z.T. von mir stammen und z.T. mit meiner Psychotherapeutin, ohne die ich es nicht geschafft hätte, entstanden sind. Das war für mich sehr wertvoll, solche Bilder zu haben.

Also Kopf hoch und mach dich auf die Suche nach der Treppe, sobald du genug Kraft getankt hast.

LG Eis

04.08.2019 09:42 • x 2 #6


Hallo ihr Lieben, heute startet meine 3. stationäre Woche. Es kommen ab uns an kleine Tiefs aber insgesamt geht es mir besser. Mein Körper zeigt mir, wenn etwas zu viel war, die ganzen Therapuen sind sehr anstrengend, mein Schlaf ist wieder besser. Ich weiss jetzt definitiv, dass ich auf meine alte Stelle nicht zurück möchte. Ansonsten schaue ich von Tag zu Tag und versuche aufkommende Gefühle zu akzeptieren. Ich habe tolle Achtsamkeitsmeditation, die ich vertiefen möchte und gehe viel spazieren. Sport ist mir noch zu viel. Ich übe mich in Geduld. Ein Therapeut wollte mich schon zur Entscheidungsfindung drängen wegen Job. Er war zum Glück nur Urlaubsvertreter für meine eigentliche Therapeutin hier. Druck kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.ich vermisse mein Zuhause.lg Ilse77

16.08.2019 12:39 • x 1 #7


Eis
Hallo Ilse
Schön, wieder von dir zu hören. Es freut mich, dass sich nach anfänglichen Schwierigkeiten jetzt doch alles eingependelt hat. Versuch dich jetzt nur darauf zu konzentrieren, was DU möchtest und das auch in DEINEM Tempo.
Weiterhin alles Gute
Eis

17.08.2019 21:50 • x 2 #8


Liebe EIS,

in meinem Tempo, du schreibst es so schön und ich ertappe mich immer wieder dabei, das so nicht anzunehmen. Ich hab mir wieder viel zu viel Druck gemacht, schnellstmöglich gesund zu werden. Ein Teil von mir will dir Erkrankung einfach nicht akzeptieren, ein anderer schnellstmöglich aus der Klinik raus. Gestern war ich mutig auf einem Geburtstag, 3 1/2 Stunden. Ergebnis: 3 Stunden Unruhe, stark gestörter, viel zu kurzer Schlaf, Angst vor einem Rückfall. Ab Freitag bin ich tagesklinisch mit gemischten Gefühlen. Ich freue mich unheimlich darauf, wieder zuhause zu sein und nicht mehr im 2 Bett Zimmer schlafen zu müssen. Nach diesem Wochenende aber Bammel, dass ich vielleicht gar nicht mehr schlafen kann zuhause. Ich hoffe es lag wirklich nur an dieser Feier. Das letzte Wochenende hab ich so gut geschlafen. Seh heute gar keine Fortschritte und wieder nur Probleme. Was für ein Auf und Ab. Aber es sind ja auch erst 3 Monate . Hab echt erwartet diese Klinik macht mich ratzfatz gesund.

Lg
Ilse77

25.08.2019 07:04 • x 1 #9


Eis
Hallo Ilse,

Wenn man etwas in der Depression lernen muss, dann ist das Geduld, denn die Krankheit geht nicht innerhalb weniger Monate einfach vorbei, und Akzeptanz. Aber das geht nicht einfach von heute auf morgen, das dauert seine Zeit. Gib dir diese Zeit, und schau einfach auf DICH, was dir guttut.

3 1/2 Stunden auf einer Geburtstagsfeier überhaupt auszuhalten ist ein sehr guter Fortschritt, das hätte ich nach 3 Monaten nicht geschafft. Aber du machst was ganz typisches für die Depression, du siehst nur das Negative: Unruhe, stark gestörter Schlaf, Angst vor einem Rückfall. War denn auch ein bisschen Freude dabei, diese Menschen wiederzusehen? Du kannst stolz sein, dass du das geschafft hast.

Die Angst vor einem Rückfall wird dich noch lange begleiten. Bei JEDEM schlechten Tag wirst du dich fragen, "ist das nur ein schlechter Tag, oder fängt das Ganze jetzt wieder von vorne an?". Aber es wird noch sehr sehr lange, auch wenn du wieder gesund bist aufs und abs geben. Auch das wirst du lernen zu akzeptieren. Aber genau dafür sind die Therapeuten da, dir diese Unsicherheiten zu nehmen. Glaub an dich, auch wenn es im Moment schwer ist, es wird besser werden. Irgendwann.

LG Eis

25.08.2019 09:28 • x 2 #10


Liebe EIS,

Du hast absolut Recht. Diese Konzentration auf das Negative ist nicht hilfreich und gehört aber wohl dazu. Das Wort Depression ist so erschreckend für mich. Ich sage deshalb lieber Burnout weil es sich für mich mehr nach etwas anhört, was man überwinden kann. Ich hab mich sehr gefreut die Familie zu sehen, es war durchaus auch schön. Noch vor 2 Monaten hätte ich maximal 30 min. ausgehalten, wenn überhaupt. Es gibt Fortschritte, und nur weil ich nicht im Turbotempo gesund werde, ist die Klinik ja nicht schlecht. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass ich nach Abschluss der Tagesklinik weiter arbeitsunfähig sein werde. Ich werde Zeit brauchen das alles zu verarbeiten und mich zu erholen. Mein Gefühl.

Ganz liebe Grüsse und vielen Dank für deine Antwort.

Ilse77

25.08.2019 09:55 • x 1 #11


Eis
Liebe Ilse

Ich habe einige Monate gebraucht, bis ich mir selbst und auch anderen gegenüber von Depression sprechen konnte. Auch ich habe mich in den burnout-Begriff geflüchtet. Er ist einfach in der Gesellschaft positiver belegt als die Depression. Das ist völlig in Ordnung, dadurch fällt es einfach leichter, darüber zu sprechen und es zu akzeptieren. Ich hab das burnout immer als Weg in die Depression betrachtet, denn das Ende eines burnouts ist immer die Endstation Depression.

LG Eis

25.08.2019 10:08 • x 2 #12


Hallo ihr Lieben,
es ist inzwischen September geworden. Am Donnerstag bin ich 6 Wochen stationär und wechsel dann zu teilstationär. Eine sehr therapieintensive Zeit liegt hinter mir, ich war quasi komplett *beep* und bin langsam dabei, mich wieder anzuziehen. Manches lag mir sehr, anderes weniger. Die Gruppentherapie ist mir ein Graus, auch weil mir der Therapeut nicht liegt. Aber ich muss nicht alles gut finden. Habe nächste Woche Vorgespräch für meinen Anschlusstherapieplatz. Ich freue mich sehr auf mein Zuhause, meinen Partner, die Familie. Und auf einen sonnigen Herbst. Lg ilse77

10.09.2019 09:02 • #13


Hallo ihr lieben,

meine Klinikzeit neigt sich dem Ende, was mit vielen Gefühlen verbunden ist. An manchen Tagen überwiegt Freude und auch stolz über den gegangenen Weg. Heute Traurigkeit und ein Stück weit Angst, wie es weitergehen soll/wird. Rückfallangst, Zukunftsangst, einige Mitpatienten werde ich vermissen. Die
Möglichkeit immer offen mit seinen Gefühlen umzugehen. Woher weiß ich, ist das jetzt ganz normale Traurigkeit oder die Depression? Sind das typische Gefühle am Ende eines Klinikaufenthalts? Heute bin ich wieder im negativen Denken verhaftet, das war die letzten Tage definitiv besser. Lg Ilse77

22.09.2019 11:59 • x 1 #14


111Sternchen222
Liebe Ilse 77 , ich habe nach 9 Wochen Klinik ( 6Wo.Stationär 3 Wochen Tagesklinik) auch große Zweifel gehabt "wie geht es weiter?" Kann ich das schaffen?" Und muss sagen, es hat auch zu Hause noch eine Weile gedauert, bis ich meinen Weg damals fand.Bis ich wieder orientiert war und bis es richtig wieder oben auf war. Aber ich hatte 7 gesunde Jahre.Für die ich sehr dankbar bin.Jetzt muss ich leider einen Rückschlag hinnehmen aber Hey, ich hab's schon mal geschafft! Dir wünsche ich alles gute und dass du zu Hause gut auf dich acht gibst.

22.09.2019 14:10 • x 2 #15




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