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Mein schwarzer Schatten begleitet mich schon lange

David89
Teil 2 Die Schule war vorbei aber das Gefühl blieb.

Irgendwann war meine Schulzeit vorbei.
Eigentlich könnte man denken, dass damit auch ein Stück von diesem ganzen Druck verschwunden wäre. Keine Lehrer mehr, keine Erziehungsschule mehr und nicht mehr jeden Tag dieses Gefühl, irgendwo zu sitzen und sowieso nicht richtig mitzukommen.
Aber so war es leider nicht.
Nach der Schule ging es für mich zum Arbeitsamt und dort musste ich verschiedene Eignungstests machen.
Und genau diese Zeit hat wieder einiges mit mir gemacht.
Die Frau, die mich damals getestet und anschließend mit mir gesprochen hat, hat mir ziemlich deutlich vermittelt, wie schlecht meine Chancen ihrer Meinung nach aussehen würden. Gerade was eine Ausbildung und meinen späteren Weg ins Arbeitsleben betrifft.
Das war nicht einfach nur ein sachliches Gespräch über irgendwelche Testergebnisse.
Ich habe mich von dieser Frau richtig runtergemacht gefühlt.
Bei mir kam an, dass aus mir nichts wird. Dass ich kaum eine Chance habe, eine Ausbildung zu schaffen und dass es für mich im Arbeitsleben sehr, sehr schwierig werden würde.
Und wenn du aus einer Schulzeit kommst, in der du sowieso schon ständig das Gefühl bekommen hast, dass du dumm bist und nichts kannst, dann sitzt so etwas.
Ich gehe davon aus, dass ihr damals auch Unterlagen über meine bisherige Schulzeit vorlagen. Was genau darin stand, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß aber, dass über mich in meiner Schulzeit Dinge festgehalten und erzählt wurden, die aus meiner Sicht teilweise überhaupt nicht gestimmt haben.
Und dann sitzt du da als Jugendlicher vor einer erwachsenen Person, die einen Test mit dir gemacht hat und dir anschließend im Grunde wieder genau das vermittelt, was du jahrelang vorher schon gehört hast.
Du kannst das nicht.
Eine Ausbildung wird schwierig.
Aus dir wird wahrscheinlich nichts.
Irgendwann glaubst du es einfach selbst.
Danach kamen verschiedene Maßnahmen und Kurse.
Auch dort habe ich versucht klarzumachen, dass ich bei bestimmten Dingen Probleme habe und teilweise einfach nicht mitkomme.
Ich wusste damals selbst nicht, warum mir manche Sachen so schwerfallen. Ich konnte niemandem sagen, ob dahinter eine Legasthenie, eine andere Lernproblematik oder sonst etwas steckt.
Ich wusste nur, dass ich Hilfe brauchte.
Trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass das niemand wirklich verstanden hat.
Ich wurde in Kurse gesteckt, in denen ich teilweise komplett überfordert war. Und damit kam wieder das alte Verhalten hoch, das ich schon aus der Schule kannte.
Ich versuchte mich rauszuboxen.
Ich machte Blödsinn.
Ich versuchte Situationen zu vermeiden.
Und natürlich konnte das von außen wieder so aussehen, als hätte ich einfach keinen Bock.
Aber genau das war nicht das Problem.
Ich wollte nicht ständig derjenige sein, der etwas nicht versteht.
Und in dieser Zeit habe ich dann auch zum ersten Mal außerhalb der Schule richtig erlebt, wie Menschen über meine Schwierigkeiten gelacht haben.
Ich habe mitbekommen, wie darüber gesprochen wurde, dass ich etwas nicht konnte.
So nach dem Motto
Wie, der kann das nicht?
Wie geht denn sowas?
Vielleicht hört sich das für jemanden, der solche Probleme nie hatte, nach einer Kleinigkeit an.
Für mich war es keine.
Denn genau davor hatte ich sowieso schon Angst.
Dass jemand merkt, dass ich etwas nicht verstehe.
Dass jemand merkt, dass ich beim Schreiben oder bei einer Aufgabe nicht mitkomme.
Und dass anschließend darüber gelacht wird.
Plötzlich war diese Angst nicht mehr nur in meinem Kopf. Ich hatte erlebt, dass Menschen tatsächlich so reagieren können.
Ich glaube, dass ungefähr in dieser Zeit auch psychisch etwas angefangen hat, sich bei mir zu verändern.
Mir ging es immer schlechter.
Ich fing an, mich für meine Schwierigkeiten zu schämen und mich immer mehr zurückzuziehen.
Und irgendwann hatte ich auch keine große Lust mehr, ständig wieder irgendwo hinzugehen und zu erklären, dass ich Hilfe brauche.
Denn aus meiner Sicht hatte ich das versucht.
Ich hatte gesagt, dass ich Probleme habe.
Ich hatte versucht klarzumachen, dass ich mit bestimmten Dingen überfordert bin.
Aber immer wieder landete ich trotzdem in Situationen, in denen genau dasselbe passierte.
Also fing ich irgendwann an, mein eigenes Ding zu machen.
Ich zog mich zurück und versuchte, irgendwie selbst klarzukommen.
Und aus dieser Zeit wurden irgendwann Jahre.
Das Verrückte daran ist, dass ich später immer wieder Dinge geschafft habe, die überhaupt nicht zu diesem Bild gepasst haben, das ich mittlerweile von mir selbst hatte.
Mein Führerschein ist dafür ein gutes Beispiel.
Ich hatte vorher wieder diese riesige Angst zu versagen. Ich war überzeugt davon, dass auch das schwierig werden würde.
Und dann habe ich die Theorieprüfung mit drei Fehlerpunkten bestanden und war sogar als Erster fertig.
Eigentlich hätte das ein Moment sein müssen, in dem ich mir sage
Siehst du, du kannst es doch.
Aber diese jahrelangen Selbstzweifel verschwinden nicht wegen einer bestandenen Prüfung.
Die Angst zu versagen war bei mir teilweise größer als die Freude darüber, etwas geschafft zu haben.
Und genau das begleitet mich teilweise bis heute.
Wenn ich etwas Neues anfangen möchte, denke ich nicht zuerst daran, was daraus Schönes entstehen könnte.
Mein Kopf ist sehr schnell bei der Frage, was passiert, wenn ich wieder etwas nicht verstehe.
Was passiert, wenn Theorie oder Unterricht dazukommen.
Was passiert, wenn andere schneller sind.
Was passiert, wenn jemand merkt, dass ich Schwierigkeiten habe.
Und was passiert, wenn wieder jemand darüber lacht.
Heute mit 37 verstehe ich langsam, dass ich wahrscheinlich sehr viele Jahre versucht habe, genau solchen Situationen aus dem Weg zu gehen.
Nicht unbedingt, weil ich nichts machen wollte.
Sondern weil ich irgendwann verdammt große Angst davor entwickelt hatte, mich wieder so zu fühlen wie damals.
Dumm.
Bloßgestellt.
Nicht verstanden.
Und irgendwann lieber gar nicht mehr anzufangen, als wieder erleben zu müssen, dass man angeblich sowieso keine Chance hat. Und ich glaube, das reicht auch für heute. Es war schon hart, das alles aufzuschreiben.

x 5 #16


Dys
Puh, viel Text und ich bin mir sicher, vieles ist trotzdem ungesagt geblieben. Aber Biografien sind nunmal Umfangreich. Das soll jetzt auch keine Kritik sein. Würde ich mein Leben erzählen, würde das den Rahmen sprengen, aber das nur am Rande bemerkt.

Die gute Nachricht ist, Du bist erst 37 und reflektiert, bezüglich einiger Persönlichkeitszüge, die es Dir offensichtlich schwer machen. Das Problem ist glaube ich, dass die Bewertungen, die Du dazu heranziehst, auf dem beruhen, was Andere über Dich denken könnten oder vielleicht auch tatsächlich denken. Das ist aber eher kontraproduktiv, wenn es an Deinem Selbstvertrauen und Selbstwert kratzt, was es meiner Meinung nach tut.

Und ein Mangel an Selbstvertrauen und Selbstwert führt gerne mal zu einem weiteren ungünstigen Verhalten im Bezug auf das Selbst. Es fördert unbewusst oder manchmal auch bewusst Selbstmitleid und in einem Solchen kann man sich schnell heimlich fühlen. Nun ist aber auch Selbstmitleid nichts Verwerfliches, aber es blockiert eher, als dass es einen Nutzen generiert.

Du schreibst, dass Du irgendwie Dinge wie beispielsweise den Führerschein geschafft hast, trotz Legasthenie und das wundert mich nicht. Meine Frau ist auch Legasthenikerin und hat das ebenso vollbracht und Ihre Ausbildung bewältigt und Ihren Job tätigt sie aktuell auch noch. Diesen Umstand verdankt sie nicht zuletzt Ihrem Selbstvertrauen und ihrem Selbstwert, den sie sich zugestehen kann. Auch Sie hatte immer damit zu kämpfen, dass sie durch dieses Manko falsch beurteilt wurde, von Lehrern und Anderen, denen es möglich war, sie zu beurteilen. Die Legasthenie macht Ihr heute immer noch Probleme und das wird sich nicht ändern. Aber Sie hat einen Umgang damit gefunden, bei dem sie sich nicht noch zusätzlich selbst entwertet. Und Dumm ist sie nicht, im Gegenteil, manchmal löst sie ein Problem eher unkonventionell, was ja beweist, es gibt immer mehrere Möglichkeiten ein Problem zu lösen.

Du hast ja vieles Erkannt, das in Deiner Biografie begründet ist und nun könnte es durchaus hilfreich sein, mal das vermeintlich (und auch das offensichtlich) Negative, als lehrreiche und erkenntnisreiche Erfahrung für positive Ansätze zu nutzen. Verschiedene Blickwinkel zuzulassen und auch positive in Betracht zu ziehen.

Die Ängste, die Du beschreibst, die Scham, etwaige Blamagen die einem passieren können, das sind völlig normale Empfindungen die entsprechende Gedanken hervorrufen und die haben auch nicht psychisch Erkrankte, bei konkreten Situationen und gegenüber Ihren Mitmenschen. Die Frage ist, muss man das rechtfertigen? Und die Antwort ist, das muss man selbst entscheiden. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Denn was dem einen blamabel erscheint, ist dem anderen vielleicht völlig Wurscht. Wofür sich der eine schämen mag, findet ein Anderer vielleicht sogar als „mutig“ im Sinne, der traut sich was.

Du dürftest meiner Meinung nach nicht nur Stimmungsmäßig besser fahren, wenn Du Dir mehr Vertraust und den Fokus darauf lenken kannst, dass Du es Dir auch wert bist. Denn das Standardargument von Therapeuten ist ja auch überwiegend, wenn der mangelnde Selbstwert und das fehlende Selbstvertrauen thematisiert wird (was immer irgendwann so geschieht in einer Therapie), „Denken sie auch so über Ihre Mitmenschen?“ und dann ist die Frage, tut man das? Wenn man es mit Ja beantworten kann, dann ist offensichtlich das Menschenbild, dass man hat, ein generell abwertendes und dann ist es eigentlich logisch, das man diesen Maßstab auch bei sich anlegt, da man ja ein Mensch ist.

Wäre die Antwort aber ein Nein, dann stellt sich die Frage, warum macht man es bei sich selbst dann überhaupt. Wenn man Anderen einen Wert beimessen kann und ein gewisses Vertrauen entgegenbringen und damit meine ich nicht, sich jedem gegenüber gleich total nackisch zu machen, dann ist man dazu in der Lage. Also kann man es logischerweise auch bei sich und sollte mal überlegen, warum man es dann nicht tut.

Diagnosen wie ADHS, Legasthenie, Asperger und vorhandene Persönlichkeitszüge, welche nicht eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung darstellen, sind bei einem vorhandenen Leidensdruck natürlich als Erkrankung zu betrachten. Sie müssen aber per se nicht als krankhaft bewertet werden, wenn man mit seinem „Manko“ gut leben kann. Neurodiversität ist da das Zauberwort, auch wenn „Normalos“ damit nichts anfangen können, weil sie davon noch nie was gehört haben, oder es schlicht nicht verstehen. Die könnte man dann ja auch als Dumm bezeichnen, was zu dem Schluss führen könnte, zu akzeptieren dass die Menschheit eben dumm ist. (Persönlich gehe ich von mindestens 50% aus, die es sind, aber das ist meine Ansicht).

Ich merke gerade, ich glaube ich schweife ab. Worauf ich hinaus möchte ist, die eigene Biografie zurande zu ziehen um Erklärungen für sich zu finden, ist gut, wenn sich daraus Lösungsansätze generieren lassen, welchen Umgang man damit pflegen möchte, mit dem was das Leben einem abfordert, oder auch an schönen Dingen bereitstellt.

Ich denke aber auch, es ist gut, sich mal etwas oder vielleicht auch alles von der Seele zu schreiben, weil das ja schon befreiend wirken kann und wenn man sich etwas befreit fühlt, ist da vielleicht wieder Platz für andere Gedanken.

#17


A


Hallo David89,

Mein schwarzer Schatten begleitet mich schon lange

x 3#3


Ell
Danke für das Teilen deiner Geschichte! Sie berührt mich...

#18


Ell
....und ich kenne Minderwertigkeitsgefühle, abwertende Menschen, die das verstärken können und das vertuschen von Schwächen. Ich hatte anders als du an entscheidenden Punkten nur die "richtigen" Lehrer, die mich unterstützten in dem was ich gut konnte.

Aber manches sitzt sehr tief und aufschreiben hilft mir hier oder für mich oder ein Buch ..

x 1 #19


Anne_S
Zitat von Dys:
Und ein Mangel an Selbstvertrauen und Selbstwert führt gerne mal zu einem weiteren ungünstigen Verhalten im Bezug auf das Selbst. Es fördert unbewusst oder manchmal auch bewusst Selbstmitleid und in einem Solchen kann man sich schnell heimlich fühlen.
Nun ist aber auch Selbstmitleid nichts Verwerfliches, aber es blockiert eher, als dass es einen Nutzen generiert.


Das deckt sich mit meiner Erfahrung.
Es geht wohl um eine gute Balance *) zwischen Annahme eigener Schwächen und gesunder Abgrenzung diesbezüglich;
vor allem bezogen auf das eigene- aktuelle -Leben.

*)Wie diese genau aussieht muss wohl jeder für sich entscheiden.

x 1 #20


Oli
Hallo, David,

vielen Dank fürs Teilen Deiner Lebensgeschichte, die viele Hindernisse beinhaltet!

Du bist recht weit damit gekommen, wenn man bedenkt, welche Erschwernisse Du meistern musstest. Kommt dazu, dass sich Resignation breit machen muss, wenn man die Erfahrung macht, dass das, was wir in unserer Gesellschaft als gerecht ansehen, nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Ich möchte Dir etwas von mir erzählen, was evtl auch für Dich interessant sein könnte.

Die landläufige Meinung über Depression ist, dass sie weg muss. So wie ein Pickel oder eine Grippe. Das ist für viele Menschen auch sicherlich eine realistische Sichtweise, weil deren Depression sich irgendwann ins Leben geschlichen hat oder durch ein Ereignis aufgetreten ist. Und für diese Menschen mag es tatsächlich eine gute Möglichkeit sein, dem schwarzen Schatten davonzulaufen, um ihn loszuwerden. Und wenn das geschafft ist, kann die rasende Fahrt weitergehen. (Kennst Du die Bücher „Leben mit dem schwarzen Hund“? Da gibt es einen Band für Betroffene und einen für Angehörige. Im Prinzip lesenswert, aber dann ist letztlich doch das Ziel, den schwarzen Hund loszuwerden.)

Bei mir hat bislang nichts davon funktioniert. Meine Depression ist da, solange ich denken kann - und daher gehe ich davon aus, dass sie irgendwie vorher auch schon da war.

Die systemische Sichtweise auf eine Depression ist jene, dass sie für Dich wie eine Warnlampe fungiert.

Diese Warnlampe auszubauen und wegzuwerfen löst das Problem nicht. Wenn die Benzinwarnlampe im Auto angeht, kannst Du sie rauswerfen. Aber das verhindert nicht, dass Du bald ohne Sprit stehen bleibst.

Man IST nicht die Depression. Aber: sie ist eine Seite von einem, so wie man auch andere Seiten hat. Und je mehr man die Depression unterdrücken will, desto größer und lauter wird sie - wie ein Kind, das einem unbedingt etwas erzählen will, wenn man telefoniert. Aber wenn man der Depression Aufmerksamkeit schenkt und sich fragt, was dieses Warnsystem einem sagen will, dann lässt es sich immerhin etwas leiser drehen. Und manchmal ist das auch bei einer Depression tatsächlich so wie bei einem Kind: es langt schon, dem Kind zu verstehen zu geben, dass man es gehört hat (manchmal ist das auch schon alles), so dass das Kind es schafft zu warten oder sich gar anderen Sachen widmet. Der Depression den Raum zu geben, damit Dein Körper das Signal bekommt, dass Du ihn verstanden hast und Dich dem Problem widmen wirst, kann schon helfen. Klar, dann sollte man auch irgendwann anfangen, die Ursache anzugehen (beispielsweise sich selbst erlauben so zu sein, wie man halt ist, oder sich mehr abgrenzen) oder zunächst erstmal die Symptome anzuerkennen (beispielsweise mehr Pausen machen).

Ich mache hier mal willkürlich einen Schnitt, da ich nur darauf hinweisen möchte, dass es Unterschiede darin gibt, wie man mit so einem schwarzen Schatten umgehen kann. Will man wie Lucky Luke schneller ziehen als der eigene Schatten und diesen killen oder versucht man sich so hinzustellen, dass der Schatten im Licht der Laterne möglichst klein wird, aber als Teil von einem selbst auch akzeptiert wird?

Auf bald!
Oli

x 2 #21


David89
Teil 3 Zwischen Verantwortung und einem Verlust der alles verändert hat
Mit ungefähr 18 oder 19 Jahren war meine Schulzeit zwar vorbei, aber vieles von dem, was sie mit mir gemacht hatte, war natürlich nicht einfach verschwunden.
Ich habe weiterhin versucht, irgendwie meinen Weg zu finden. Ich habe Maßnahmen mitgemacht und auch wieder versucht, Hilfe anzunehmen. Immer wieder habe ich versucht zu erklären, dass ich bei bestimmten Dingen Schwierigkeiten habe.
Und trotzdem hatte ich am Ende wieder dieses Gefühl, fallengelassen zu werden.
Mit 21 Jahren wurde ich zum ersten Mal Vater.
Und plötzlich waren meine Selbstzweifel nicht mehr nur auf mich selbst bezogen.
Ich hatte Gedanken wie
Was kannst du deinem Kind überhaupt bieten?
Wie soll das alles funktionieren?
Was wird aus dir überhaupt noch?
Diese Gedanken waren da. Trotzdem habe ich weitergemacht und versucht, Verantwortung zu übernehmen.
Ein Jahr später wurde ich noch einmal Vater.
Leoni war damals nicht geplant.
Und ich möchte das ganz deutlich sagen, weil mir dieser Satz alleine viel zu kalt vorkommt.
Ich bereue keinen einzigen Moment, dass sie auf die Welt gekommen ist.
Ich liebe meine Kinder über alles. Sie sind mein Ein und Alles und haben mir in meinem Leben auch unglaublich viel Kraft gegeben.
Dass ein Kind nicht geplant war, bedeutet nicht, dass es nicht geliebt wird.
In dieser Zeit gab es außerdem einen Menschen in meinem Leben, der für mich eine ganz besondere Bedeutung hatte.
Sebastian.
Ich hatte ihn 2008 kennengelernt und er wurde mein bester Freund.
Bei ihm passierte etwas, das mir sonst unglaublich schwerfiel.
Ich öffnete mich.
Ich erzählte ihm von meinen Problemen und zeigte ihm Seiten von mir, für die ich mich eigentlich geschämt habe.
Und natürlich hatte ich auch bei ihm diese Angst.
Was denkt er jetzt über mich?
Hält er mich jetzt für dumm?
Bin ich für ihn weniger wert?
Stößt er mich vielleicht irgendwann deswegen ab?
Aber nichts davon passierte.
Sebastian nahm mich so, wie ich war.
Meine Schwierigkeiten waren für ihn kein Grund, mich anders zu behandeln.
Vielleicht war er einer der ersten Menschen, bei denen ich wirklich erfahren habe, dass ich jemandem meine Schwächen zeigen kann, ohne anschließend dafür fertiggemacht oder abgewertet zu werden.
Dann kam der 23. Juni 2011.
Sebastian nahm sich an diesem Tag das Leben.
Am nächsten Tag erfuhr ich davon.
Und genau an diesem Tag hatte ich mit meiner damaligen Frau noch einen wichtigen Untersuchungstermin wegen Leoni, mit der sie zu diesem Zeitpunkt schwanger war.
Bei dieser Untersuchung wurde uns gesagt, dass Leoni noch an diesem Tag zur Welt kommen müsse.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich diese Gefühle vernünftig beschreiben soll.
Innerhalb kürzester Zeit war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben plötzlich nicht mehr da und gleichzeitig sollte ein anderer unglaublich wichtiger Mensch in mein Leben kommen.
Da war Trauer.
Da war Freude.
Da war wahrscheinlich auch völlige Überforderung.
Und irgendwie war alles gleichzeitig da.
Ich hatte gerade meinen besten Freund verloren und sollte gleichzeitig Vater einer Tochter werden.
Wie soll man sich in so einem Moment fühlen?
Ich weiß es bis heute nicht.
Ich glaube aber, dass genau dort etwas in mir angefangen hat, wirklich bergabzugehen.
Denn mit Sebastian verlor ich nicht nur meinen besten Freund.
Ich verlor auch einen der wenigen Menschen, bei denen ich mich damals wirklich geöffnet hatte.
Einen Menschen, dem ich meine Schwierigkeiten gezeigt hatte und der mich trotzdem genauso genommen hatte, wie ich war.
Natürlich war meine damalige Frau ebenfalls für mich da und nahm mich so, wie ich war.
Aber die Beziehung zu einem Partner und die zu einem besten Freund sind für mich zwei unterschiedliche Dinge.
Und plötzlich war dieser Freund weg.
Nach außen habe ich trotzdem weitergemacht.
Ich war Vater.
Meine Tochter war gerade auf die Welt gekommen.
Da waren Verantwortung und ein Leben, das weitergehen musste.
Aber innerlich hatte ich gleichzeitig einen Menschen verloren, der für mich unglaublich wichtig gewesen war.
Vielleicht war genau das der Punkt, an dem aus den Selbstzweifeln und Problemen, die ich sowieso schon jahrelang mit mir herumgetragen hatte, langsam etwas Größeres wurde.
Damals hätte ich wahrscheinlich noch nicht sagen können, was mit mir passiert.
Ich habe funktioniert.
Ich habe vieles versteckt.
Und ich habe weitergemacht.
Aber rückblickend glaube ich, dass 2011 für mich ein Wendepunkt war.
Und danach wurde es langsam immer schwieriger.
Eine Sache möchte ich an dieser Stelle aber unbedingt noch sagen.
Ich habe wirklich alles gelesen, was ihr bisher unter meiner Geschichte geschrieben habt, auch wenn ich noch nicht jedem einzeln geantwortet habe.
Ich möchte nicht, dass bei irgendjemandem der Eindruck entsteht, dass ich eure Antworten überlese und einfach nur Teil für Teil meine Geschichte hier reinstelle.
Das Gegenteil ist der Fall.
Ich lese eure Gedanken, eure eigenen Erfahrungen und auch die kritischen Sachen. Manche Beiträge bringen mich selbst zum Nachdenken.
Ich bin durchaus kritikfähig und möchte auch gar nicht, dass mir hier jeder nur nach dem Mund redet. Wenn jemand etwas anders sieht oder bei mir etwas erkennt, was ich selbst vielleicht nicht sehe, darf er mir das auch sagen.
Meine Geschichte ist allerdings noch lange nicht fertig.
Manche Dinge, über die ihr geschrieben habt, werden vielleicht mit den nächsten Teilen verständlicher. Es gibt vieles, was ich bisher noch überhaupt nicht erzählt habe.
Und ich möchte euch wirklich danken, dass ihr euch die Zeit nehmt, diese teilweise sehr langen Texte überhaupt zu lesen und darauf zu antworten.
Eigentlich wollte ich heute noch Teil 4 schreiben.
Aber ich merke gerade, dass ich das nicht kann.
Teil 3 aufzuschreiben hat emotional wesentlich mehr mit mir gemacht, als ich vorher gedacht hätte.
Gerade die Erinnerungen an Sebastian und diese völlig gegensätzlichen Gefühle rund um seinen Tod und die Geburt meiner Tochter haben gerade wieder sehr viel in mir ausgelöst.
Beim Schreiben sind mir auch die Tränen gekommen und ich merke gerade selbst, dass meine Gefühle ziemlich verrücktspielen.
Deshalb mache ich für heute an dieser Stelle Schluss.
Teil 4 kommt auf jeden Fall noch.
Aber nicht mehr heute.

x 4 #22


David89
Teil 4 Ich funktionierte weiter, aber innerlich wurde es immer schwerer.

Nach dem Tod von Sebastian und der Geburt meiner Tochter ging das Leben natürlich weiter. So einfach dieser Satz klingt, so schwierig ist es für mich heute, auf diese Zeit zurückzuschauen. Ich hatte gerade meinen besten Freund verloren und gleichzeitig war ich Vater geworden. Da waren meine Kinder, meine damalige Frau, Verantwortung und ein Alltag, der weiterlaufen musste. Also habe ich weitergemacht. Ich glaube, genau dieses Weitermachen zieht sich durch einen großen Teil meines Lebens. Nach außen funktionieren und irgendwie versuchen, alles hinzubekommen. Was in mir selbst los war, habe ich meistens mit mir ausgemacht.
Ich kann heute auch nicht sagen, dass nach 2011 plötzlich alles zusammengebrochen wäre. So war es nicht. Es gab normale Zeiten. Es gab schöne Zeiten. Es gab meine Familie und meine Kinder. Es gab Dinge, über die ich lachen konnte, und natürlich bestand mein Leben nicht nur aus schlechten Tagen. Aber diese ganzen alten Sachen waren eben trotzdem noch da. Die Schulzeit, die Erfahrungen danach, das Gefühl, nicht richtig zu sein, die Angst davor, etwas nicht zu können, die Scham wegen meiner Schwierigkeiten und das Gefühl, anderen Menschen immer irgendwie hinterherzuhängen. Und dann auch noch der Verlust eines Menschen, bei dem ich mich zum ersten Mal wirklich geöffnet hatte. Vieles davon hatte ich nie richtig verarbeitet.
Ich hatte irgendwann gelernt, Dinge mit mir selbst auszumachen. Wenn es mir schlecht ging, habe ich versucht, es mir möglichst wenig anmerken zu lassen. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich lieber versucht, irgendwie selbst klarzukommen. Wenn ich Angst hatte, mich zu blamieren, habe ich Situationen lieber vermieden. Und wenn ich Hilfe gebraucht hätte, war da gleichzeitig immer diese riesige Hürde, überhaupt danach zu fragen. Denn Hilfe anzunehmen bedeutet für mich auch, jemandem zeigen zu müssen, dass ich etwas nicht schaffe. Und genau damit hatte ich schon immer ein Problem.
Nicht weil ich keine Hilfe wollte. Ich habe in meinem Leben oft versucht, welche zu bekommen. Aber ich hatte eben auch oft genug erlebt, wie es sich anfühlt, seine Probleme zu erklären, Hoffnung zu bekommen und am Ende trotzdem wieder dazustehen und nicht wirklich weiterzukommen. Irgendwann verändert einen das. Man versucht immer mehr alleine zu schaffen, erzählt weniger und versteckt mehr. Irgendwann wissen die Menschen um einen herum vielleicht gar nicht mehr, wie es einem wirklich geht.
Ich glaube, genau das habe ich jahrelang ziemlich gut hinbekommen. Diese Maske, über die ich schon geschrieben habe, entstand nicht plötzlich. Sie wurde über Jahre immer besser. Man kann lachen, obwohl es einem nicht gut geht. Man kann Witze machen, mit anderen Menschen reden, für seine Kinder da sein, am Computer sitzen, spielen oder sich mit irgendwelchen Dingen beschäftigen. Und trotzdem kann es innen ganz anders aussehen.
Ich habe mich außerdem immer mehr in die Welt zurückgezogen, in der ich mich sicher gefühlt habe. Computer waren schon lange ein großer Teil meines Lebens. Dort konnte ich vieles selbst lernen. Dort musste niemand meine Handschrift sehen. Ich konnte Texte korrigieren, Dinge noch einmal lesen, mir Zeit lassen und wenn ich etwas nicht wusste, konnte ich versuchen, es selbst herauszufinden. Das Internet und der Computer waren für mich deshalb nicht nur Zeitvertreib. Es war auch ein Ort, an dem viele meiner Unsicherheiten weniger sichtbar waren.
Im echten Leben konnte das ganz anders aussehen. Da reicht manchmal schon eine Situation, in der man etwas lesen, schreiben oder vor anderen Menschen machen soll. Für andere vielleicht eine Kleinigkeit. Bei mir kann sofort dieser alte Film im Kopf anfangen. Was ist, wenn du es nicht kannst? Was ist, wenn die anderen es merken? Was ist, wenn jemand lacht? Was denken die jetzt über dich? Und das Verrückte daran ist, dass die anderen vielleicht überhaupt nichts denken. Vielleicht lachen sie über etwas völlig anderes. Vielleicht interessiert es niemanden. Aber im eigenen Kopf fühlt es sich trotzdem so an, als würden plötzlich alle genau auf die Sache schauen, für die man sich selbst am meisten schämt.
Mit den Jahren wurde mein Leben dadurch immer kleiner. Nicht unbedingt so, dass ich morgens aufgewacht bin und gesagt habe, heute ziehe ich mich zurück. Das passiert schleichend. Man macht bestimmte Sachen einfach nicht mehr. Man geht Situationen aus dem Weg, redet sich ein, dass man sowieso keine Lust darauf hätte, verschiebt Dinge und bleibt lieber dort, wo man sich sicher fühlt. Irgendwann merkt man vielleicht gar nicht mehr, wie viel man eigentlich vermeidet.
Dazu kamen immer wieder diese Selbstzweifel. Was hast du eigentlich erreicht? Was kannst du überhaupt? Was soll aus dir noch werden? Andere Menschen gehen arbeiten, machen eine Ausbildung, bauen sich etwas auf. Und ich hatte immer wieder dieses Gefühl, irgendwo stehengeblieben zu sein. Das hat mich besonders getroffen, weil ich Vater war. Denn damit kamen wieder diese Gedanken zurück, die ich schon kannte. Was kannst du deinen Kindern bieten? Bist du überhaupt ein gutes Vorbild? Was denken sie irgendwann über dich? Heute weiß ich, dass der Wert eines Vaters nicht daran hängt, welchen Beruf er hat oder wie viel Geld er verdient. Aber so vernünftig habe ich damals nicht über mich selbst gedacht. Ich war mit mir selbst wesentlich härter.
Und trotzdem habe ich weitergemacht. Vielleicht ist das etwas, was von außen schwer zu verstehen ist. Ein Mensch kann lange funktionieren und trotzdem innerlich immer weiter abrutschen. Es muss nicht diesen einen Tag geben, an dem plötzlich alles kaputtgeht. Bei mir war es eher, als hätte sich über Jahre immer mehr angesammelt und vieles davon habe ich einfach irgendwo in mir verstaut. Bloß nicht darüber reden. Bloß niemandem zeigen, wie unsicher man eigentlich ist. Bloß nicht wieder irgendwo sitzen und das Gefühl bekommen, der Dümmste im Raum zu sein. Bloß nicht wieder enttäuscht werden. Also weiter. Immer weiter.
Heute frage ich mich manchmal, wie lange ich eigentlich geglaubt habe, dass das funktioniert. Denn irgendwann fordert der Körper und vor allem der Kopf seinen Preis. Aus Rückzug wird immer mehr Rückzug. Aus Müdigkeit wird irgendwann das Bedürfnis, einfach nur schlafen zu wollen. Aus fehlender Motivation wird Antriebslosigkeit. Dinge, die früher vielleicht noch Spaß gemacht haben, lösen immer weniger aus. Und aus dem Gedanken, dass morgen bestimmt wieder ein besserer Tag wird, kann irgendwann die Frage werden, wann dieser bessere Tag eigentlich kommen soll.
Ich möchte dabei aber etwas deutlich machen. Ich schreibe diese Geschichte heute rückblickend. Vieles kann ich heute anders einordnen als damals. Damals saß ich nicht da und dachte jeden Tag darüber nach, ob meine Schulzeit, Sebastian oder irgendwelche anderen Erfahrungen gerade für mein Verhalten verantwortlich sind. Ich habe gelebt. Ich habe funktioniert. Und ich habe versucht, irgendwie klarzukommen. Erst heute, mit 37 Jahren, versuche ich überhaupt, diese ganzen einzelnen Teile meines Lebens nebeneinanderzulegen und zu verstehen, wie ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich heute stehe.
Und genau da wird es für mich schwierig. Denn wenn mich heute jemand fragt, was mir eigentlich fehlt oder was ich mir für mein Leben wünsche, habe ich darauf teilweise keine Antwort mehr. Nicht weil mir meine Kinder oder andere Menschen nichts bedeuten. Ganz im Gegenteil. Sondern weil da in mir inzwischen eine Leere entstanden ist, die ich selbst kaum erklären kann. Ich weiß manchmal selbst nicht mehr, wonach ich eigentlich suche. Ich weiß nur, dass ich so, wie es momentan ist, nicht dauerhaft weitermachen möchte.
Vielleicht ist genau deshalb dieses Aufschreiben hier für mich so wichtig geworden. Nicht damit mir jemand sagt, dass ich recht habe. Nicht damit mich jemand bemitleidet. Und auch nicht, weil ich für alles, was in meinem Leben passiert ist, andere Menschen verantwortlich machen möchte. Ich versuche zum ersten Mal wirklich zu verstehen, wie aus dem Kind von damals der Mann geworden ist, der heute hier sitzt und diese Geschichte schreibt.
Und ich merke dabei, dass es keine einfache Antwort gibt. Es war nicht nur die Schule. Es war nicht nur meine Legasthenie beziehungsweise meine Schwierigkeiten beim Lernen und Schreiben. Es war nicht nur der Verlust meines besten Freundes. Es war nicht nur das Gefühl, beruflich nie richtig angekommen zu sein. Und es waren auch nicht nur die Dinge, die später noch passiert sind. Es ist wahrscheinlich die Summe aus sehr vielen Jahren.
Und genau bei diesen späteren Jahren wird meine Geschichte im nächsten und letzten Teil weitergehen. Denn es kamen noch Dinge, bei denen ich heute sagen würde, dass sie mein ohnehin schon angeschlagenes Vertrauen in andere Menschen noch einmal richtig erschüttert haben. Aber das ist eine eigene Geschichte.

x 1 #23


David89
Teil 5 Als irgendwann nichts mehr ging und wo ich heute stehe.

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen letzten Teil anfangen soll. Vielleicht ist das Problem, dass meine Geschichte kein richtiges Ende hat. Ich kann nicht schreiben, dass irgendwann alles gut geworden ist, und ich kann auch nicht behaupten, dass ich inzwischen verstanden habe, warum alles so gekommen ist. Denn genau an diesem Punkt bin ich noch nicht. Aber ich kann erzählen, was in den letzten Jahren passiert ist und warum ich heute überhaupt hier sitze und diese Geschichte aufschreibe.
In den letzten zwei Jahren gab es noch einmal eine Zeit, die mich emotional sehr verändert hat. Es gab einen Menschen in meinem Leben, der mir unglaublich wichtig geworden ist, und gleichzeitig spielte ein damals guter Kumpel von mir eine Rolle in dieser Geschichte. Ich möchte hier bewusst keine Namen nennen und auch nicht jedes Detail öffentlich machen. Aber ich habe mich am Ende von Menschen, denen ich vertraut habe, ziemlich hintergangen und verarscht gefühlt. Es gab Nähe, Hoffnung, dann wieder Abstand. Es gab Dinge, die gesagt wurden, und andere Dinge, die passiert sind. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, woran ich eigentlich bin. Trotzdem habe ich lange festgehalten, wahrscheinlich viel zu lange. Heute kann ich zumindest sagen, dass ich emotional wesentlich tiefer in dieser Geschichte gesteckt habe, als mir damals selbst bewusst war. Als ich nach und nach Dinge erfahren und verstanden habe, hat das etwas in mir kaputtgemacht.
Dabei möchte ich etwas ganz deutlich sagen. Diese Menschen haben nicht meine Depression verursacht. Meine Geschichte begann schließlich viele Jahre vorher. Wer Teil 1 bis hierher gelesen hat, weiß inzwischen, dass ich schon einen ziemlich vollen Rucksack mitgebracht habe. Aber ich glaube, dass diese letzten Erfahrungen etwas getroffen haben, was sowieso schon angeschlagen war. Mein Vertrauen. Dieses Vertrauen war durch viele Erfahrungen meines Lebens ohnehin nicht besonders stabil, und plötzlich war dieses alte Gefühl wieder da. Du hast jemandem vertraut, du hast jemanden an dich herangelassen und am Ende tut es wieder weh. Ich glaube, das hat mir emotional irgendwann den Rest gegeben.
Seitdem fällt es mir noch schwerer, Menschen wirklich an mich heranzulassen. Gerade bei Frauen merke ich das sehr deutlich. Nicht weil ich glaube, dass alle Frauen gleich sind. Das wäre völliger Quatsch. Aber mein Kopf hat offenbar gelernt, vorsichtig zu sein, vielleicht manchmal viel zu vorsichtig. Sobald mir jemand näherkommt, kommen diese Gedanken. Kannst du diesem Menschen wirklich vertrauen? Was passiert diesmal? Wann wirst du wieder enttäuscht? Also macht man wieder das, was man jahrelang gelernt hat. Man hält Abstand, zieht sich zurück und setzt die Maske wieder auf.
Nur funktioniert diese Maske bei mir inzwischen nicht mehr so gut wie früher. Meine Depression hat in letzter Zeit wieder sehr viel Raum eingenommen. Es gibt Tage, an denen ich unglaublich viel schlafe, kaum Antrieb habe und mich am liebsten einfach zurückziehen und nichts von der Welt mitbekommen möchte. Und dann gibt es diese Leere. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste für mich zu erklären. Wenn mich jemand fragt, was mir fehlt, kann ich darauf teilweise keine Antwort geben. Wenn mich jemand fragt, was ich unbedingt machen möchte, weiß ich es manchmal ebenfalls nicht. Und genau das macht mir Angst.
Ich bin 37 Jahre alt und ein Teil von mir möchte noch etwas machen. Ich möchte nicht mein restliches Leben einfach nur zu Hause sitzen. Ich habe darüber nachgedacht, vielleicht mit einem kleinen Minijob wieder anzufangen, ein paar Stunden, einfach wieder rauskommen und einen Alltag bekommen. Ich habe überlegt, ob Arbeiten mit Maschinen vielleicht etwas für mich sein könnte. Es gibt also durchaus diesen Teil in mir, der noch sucht und noch nicht aufgegeben hat. Aber gleichzeitig gibt es diesen anderen Teil, der morgens manchmal keinen richtigen Grund findet aufzustehen, außer dass bestimmte Dinge eben gemacht werden müssen. Meine Kinder, mein Hund, meine Familie, Verantwortung. Und dann funktioniert man eben wieder.
In den letzten Tagen habe ich allerdings gemerkt, wie tief diese Depression momentan tatsächlich sitzt. Ich hatte Gedanken darüber, was das alles eigentlich noch für einen Sinn macht. Nicht in dem Sinne, dass ich einen Plan habe, mir etwas anzutun. Den habe ich nicht. Aber ich hatte diesen Gedanken, wie ruhig es wäre, einfach zu schlafen und nicht mehr aufstehen zu müssen. Das aufzuschreiben fällt mir nicht leicht und ich möchte damit auch niemanden erschrecken. Aber wenn ich diese Geschichte hier ehrlich erzählen möchte, kann ich nicht ausgerechnet an dieser Stelle anfangen, wieder eine Maske aufzusetzen. Denn genau darum ging es in diesen fünf Teilen immer wieder.
Jahrelang habe ich Dinge versteckt. Jahrelang habe ich versucht, irgendwie zu funktionieren. Jahrelang habe ich mich für Sachen geschämt, für die ich heute langsam versuche, mich nicht mehr zu verstecken. Und trotzdem gibt es etwas, das ich bei all dem nicht vergessen möchte. Ich bin noch hier. Das meine ich nicht als irgendeinen tollen Motivationsspruch und auch nicht so, als wäre plötzlich alles wieder schön. Im Moment ist es das nämlich nicht. Ich weiß gerade selbst nicht richtig, wo ich in meinem Leben stehe. Ich weiß teilweise nicht einmal, was mir eigentlich fehlt. Aber vielleicht muss ich diese Antwort heute auch noch gar nicht haben.
Was sich verändert hat, ist etwas anderes. Ich rede darüber. Ich habe angefangen, meine Geschichte aufzuschreiben. Ich erzähle Menschen mittlerweile, dass ich Legastheniker bin und Schwierigkeiten mit Dingen habe, die für andere selbstverständlich erscheinen. Ich kann sagen, dass ich Depressionen habe. Und ich versuche wieder, Hilfe anzunehmen. Allein diese fünf Teile hier zu schreiben wäre für mich früher wahrscheinlich kaum vorstellbar gewesen.
Ich habe auch jede einzelne Antwort unter diesem Thema gelesen, auch die kritischen, selbst wenn ich nicht jedem persönlich geantwortet habe. Manche Antworten haben mich beschäftigt, bei manchen habe ich mich verstanden gefühlt und andere haben mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht sehe ich manche Dinge anders als derjenige, der mir geschrieben hat, und das darf auch so sein. Ich habe diese Geschichte nicht geschrieben, damit mir jeder zustimmt oder damit mich jemand bemitleidet. Ich wollte einmal erzählen, wie mein Leben aus meiner Sicht verlaufen ist.
Vom Kind, das irgendwann glaubte, es sei dumm. Vom Jugendlichen, der immer mehr versuchte, seine Schwierigkeiten zu verstecken. Von einem jungen Mann, der Vater wurde und gleichzeitig immer größere Zweifel an sich selbst bekam. Von einem Menschen, der seinen besten Freund verlor. Von jemandem, der über viele Jahre irgendwie weiterfunktionierte. Und schließlich von einem 37-jährigen Mann, der gerade merkt, dass dieses Funktionieren alleine nicht mehr reicht.
Ich weiß nicht, wie meine Geschichte weitergeht. Das ist wahrscheinlich die ehrlichste Antwort, die ich momentan geben kann. Vielleicht finde ich irgendwann wieder etwas, auf das ich mich freue. Vielleicht finde ich eine Aufgabe, die zu mir passt. Vielleicht lerne ich irgendwann, Menschen wieder etwas mehr zu vertrauen. Und vielleicht lerne ich vor allem, mit mir selbst anders umzugehen als die Menschen, die mir früher eingeredet haben, aus mir würde sowieso nichts werden. Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es wenigstens versuchen herauszufinden.
Damit endet meine Geschichte hier erstmal. Nicht weil alles erzählt ist und schon gar nicht, weil alles gelöst ist. Sondern weil ich glaube, dass diese fünf Teile ziemlich gut erklären, wie ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich heute stehe. Wie es von hier aus weitergeht, weiß ich selbst noch nicht. Vielleicht muss genau das jetzt der nächste Teil meines Lebens werden. Nicht mehr nur herauszufinden, was damals alles schiefgelaufen ist, sondern langsam herauszufinden, wer ich heute eigentlich bin und was ich mit den Jahren, die noch vor mir liegen, anfangen möchte.
Und wenn ihr bis hierhin wirklich alles gelesen habt, dann möchte ich euch einfach Danke sagen. Mehr kann ich dazu gerade eigentlich nicht sagen.

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O
🍀🍀🍀

#25


Nuance
Um Mitternacht wurde der Hunger zu groß. Zu groß um einschlafen zu können.
Immerhin - eine 12h Essenspause.
Ich aß den üblichen, großen, bunten Salat mit 2 Eiern.
Erneut versuche ich, bis mindestens 12 Uhr heute Mittag durchzuhalten - ohne Essen.
Ich versuche Kaffee - den ich ja meist mit MCT Pulver trinke - durch Pfefferminztee zu ersetzen.
Ob ich durchhalte? Ich spüre doch Hungerwellen. Gerade habe ich wieder eine.
Solche Qualen werde ich langfristig nicht durchhalten.
Nun ja, in 2,5h ist es 12 Uhr...

Statt 37 nehme ich wieder 50 mcg. Mal sehen, ob mein BD ansteigt...
Der Quark hat mich wirklich sehr lange gesättigt. Und man vermeidet Salz.
Wurst und Käse haben trotz erhöhtem Salzbedarf bei Keto anscheinend doch zu viel.

Wie wird man Artherosklerose - Plaque in den Arterien los? Ist doch Wahninn: Man kann sie loswerden.
Jesse Chappus interviewt mal wieder einen sehr interessanten Gast. Wirklich sehr interessante Neuigkeiten!
DE Audiotrack.

What's REALLY Destroying Your Arteries & The New Science of Reversing Plaque Dr. Anthony Jay

#26


A


Hallo David89,

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Dys
@David89
Vertrauen ist halt immer eine Vorschussleistung. Ob Du die erbringen kannst oder willst, liegt somit ausschließlich bei Dir. Ein Grundvertrauen ist aber schon notwendig um überhaupt vertraulich mit jemandem umzugehen. Es ist ja auch nicht nötig, sich gleich völlig zu offenbaren.

#27

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