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Gedanken einer Angehörigen

KayKay

KayKay

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Hallo

Ich hatte gerade eine ziemlich schwierige Situation mit meinem Mann. Ihm geht es seit längerem nicht gut. Vorallem sein niedriges Selbstwerthefühl und sein Gedankenkreisen machen ihm zu schaffen. Er ist nun in der Warteliste für eine Therapie und darüber bin ich sehr froh.
Eigentlich möchte ich hier einfach nur meine Gedanken zum eben geschehenen teilen, um damit nicht so allein zu sein:

"In diesen Momenten weiss ich nicht, was du von mir erwartest. Du sagst, ich soll mit dir besprechen, wie es weiter geht, Lösungen für Probleme ausspucken, die ich nicht einmal begreifen kann. Du sagst, ich soll ehrlich sein, ohne meine aufrichtigen Worte hören zu können. Du sagst, ich soll dir helfen, wehrst aber jeden meiner Vorschläge ab. Du gibst mir das Gefühl, dass ich bei dir bleiben muss, weil ich dich sonst im Stich lasse. Du gibst mir das Gefühl wegrennen zu müssen, weil ich mich sonst selbst verliere. Du sagst so viele Dinge, die mich verletzen und ich schlucke alles runter, weil ich weiss, dass du gerade nicht kontrollieren kannst was du sagst. Du sagst, ich soll nicht weinen, weil du mich nicht
zum Weinen bringen möchtest.

Da sind so viele Dinge, die ich nicht verstehen kann, so viele Situationen, denen ich mit Geduld und Verständnis begegnen muss.
Und genau das tue ich so oft, weil ich dich liebe. Und doch fühlt es sich an Tagen wie heute an, als ob ich versagt habe. Weil ich gerade auch mit mir selbst kämpfe, weil ich gerade auch keine Kraft habe, weil auch meine Gedanken in meinem Kopf kreisen.
Und dennoch versuche ich ruhig zu bleiben, durchzuatmen, auf Pause zu drücken. Aber heute gelingt es mir nicht.
Mein Körper zittert und ich weiss, dass es nur zwei Optionen gibt:
Dich verletzen, weil ich aus purer Überforderung Dinge sage, die ich so nicht meine, oder dich alleine zu lassen. Alleine mit deinem Kopf, in dessen Inneres ich nicht schauen kann, alleine mit all dem Selbsthass und all der Angst, die dich auffrisst, alleine ohne Beistand, ohne Hilfe.

Mich heute zu entscheiden ist eigentlich unmöglich. Dir heute zu helfen ist eigentlich unmöglich. Mich nach dieser Entscheidung weiterhin genau so zu lieben, wie davor, ist eigentlich unmöglich."

Danke fürs "zuhören".
KayKay

10.09.2021 23:45 • x 7 #1


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Jedi

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Hallo @KayKay

Danke für Deine Offenheit, diesen Beitrag hier mit uns geteilt zu haben !

LG Jedi

11.09.2021 14:44 • x 1 #2



Hallo KayKay,

Gedanken einer Angehörigen

x 3#3


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maya60

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Ja, @KayKay , dem Dank schließe ich mich von Herzen an!

Und zwar als eine, die sich auch psychische Überlastungen selber viel von der Seele schreibt.

Dann finde ich deine Offenheit auch für uns Depressive sehr informativ und gut nachvollziehbar.

Und drittens war ich, bevor ich depressiv wurde, und parallel zur eigenen Erkrankung, Tochter,Nichte, Enkelin von Depressiven und damit furchtbar angestrengt und auch massiv überfordert und kann an deinen Worten von daher auch rege Anteilnahme im Herzen fühlen und Dankbarkeit eben, dass du so gute Worte gefunden hast.

Viel Kraft und genug Distanz wünsche ich dir!

Liebe Grüße! maya60

11.09.2021 15:30 • x 2 #3


KayKay

KayKay

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Danke @maya60

Es tut gut, zu hören, dass ich damit nicht alleine bin.

11.09.2021 22:07 • x 1 #4


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maya60

9415
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Zitat von KayKay:
Danke @maya60 Es tut gut, zu hören, dass ich damit nicht alleine bin.

Oh, absolut nicht bist du damit alleine!

Nur schreiben diejenigen Angehörigen, die mit ihren depressiven PartnerInnen noch zusammenleben, selten hier im Forum, scheint mir. Vielleicht haben die eigene Foren, habe ich mich schonmal gefragt, denn hier im Forum in dem Unterforum der Angehörigen finden sich viele, deren depressive Angehörige verschwunden sind, sich also abrupt getrennt haben oder zumindest vom gemeinsamen Daheim ausgezogen sind, scheint mir.


Und in den allermeisten Unterforen sind hier im Forum natürlich, da es ja ein Depressionsforum ist, die Depressiven selber Thema. Aber seltsamerweise so gut wie nie das Leiden der Angehörigen. Un die Anerkennung der Angehörigen, die treu bei uns bleiben, kommt da auch deutlich zu kurz! Eher finden sich völlig überzogene Ansprüche an die armen Überlasteten!
Natürlich, weil das eigene Leid so umfassend und alle Kräfte verzehrend schlimm ist. Darum trennen sich ja offenbar auch so viele nach Ausbruch ihrer Depression oder verkriechen sich in ihrer eigenen Wohnung, wenn immer mehr im Alltag nicht mehr funktioniert, nur noch der Beruf womöglich.

Meine eigenen Erfahrungen als Angehörige, bevor ich selber depressiv wurde, sind, weil ich ein von meinen depressiven Verwandten abhängiges Kind war, natürlich besonders hart, sogar traumatisch, weil da einfach keine gesunde Emotionenwelt war.
Das hat auch meine Familie nicht weiterbestehen lassen und meine Schwestern und ich haben, seit wir Erwachsene sind, immer Distanz gesucht zu uneinsichtigen Kranken, die sich nicht behandeln ließen und im Gegenteil ihr depressiv-pessimistisches Grübeln noch für intellektuellen Tiefgang erklärten, während Gesundheit als Oberflächlichkeit gedisst wurde.


Wenn da nur nicht die LIEBE wäre. . . .

Eine meiner Schwestern bekam durch die Kriegstraumata meiner Mutter und deren Todesängste, auch ganz normal in meiner Kindheit, ziemlich früh schon eine "Herzneurose". Und wer musste dann auch die schwesterlichen Panikanfälle nachts beruhigen? ICH!

Erst als ich Mitte dreißig war, fand ich die Kraft, gegen die Krankheitsuneinsichtigkeit meiner Schwester stark zu bleiben und auf Distanz zu gehen.

Aber rigoros wurde ich erst gegenüber Mutter und Schwestern als bei mir keinerlei Kraft mehr da war mit 57 Jahren.

Und wer mich immer noch aus letzter Kraft helfen ließ, war meine LIEBE. Die konnte ich mir irgendwann aber schlicht nicht mehr leisten, denn ich habe ja auch noch einen behinderten Adoptivsohn daheim, der mir aber viel Freude und Glück bedeutet nach langen schweren Jahren auch mit ihm.

Nun erlaube ich mir, meine Verwandten zu lieben ohne ihnen weiter zu helfen! Ich verbiete mir aber nicht die Liebe, denn die Depression machte schon oft genug ganz alleine eine Emotionenleere, aber was bin ich ohne Emotionen? Was bin ich gar ohne Liebe?

Was will ich damit sagen? Dir sagen?

- Traue deiner Wahrnehmung, du hast Recht, und nimm dir selber psychologische Hilfe als unterstützende Begleitung!

- Wenn es dein Herz und deine Liebe zulässt, gehe auf Distanz, denn eine Depression ist kein Freischein für schlechtes Benehmen!

- Lebe mehr d e i n Leben und nicht das Leben deines kranken Partners! D u kannst, darfst und sollst ihn gar nicht heilen. Das kann nur eine fachliche Behandlung!

Liebe Grüße! maya60

12.09.2021 16:18 • x 2 #5


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Jedi

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@KayKay

Zitat von maya60:
denn die Depression machte schon oft genug ganz alleine eine Emotionenleere,
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aber was bin ich ohne Emotionen?
Was bin ich gar ohne Liebe?

Ich finde, dass @maya60 zwei Fragen aufgeworfen hat, die sich Angehörige v. depressiv Erkrankten u.
auch an Depression Betroffene sich einmal mit beschäftigen sollten !
Wie ich finde, zwei absolut wichtige Fragen, die in dem ganzen Chaos, indem Angehörige , wie auch Betroffene stecken,
auch zu einer neuen Perspektive führen können.
Danke maya für diese zwei Fragen
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Zitat von maya60:
- Traue deiner Wahrnehmung, du hast Recht, und nimm dir selber psychologische Hilfe als unterstützende Begleitung!

- Wenn es dein Herz und deine Liebe zulässt, gehe auf Distanz, denn eine Depression ist kein Freischein für schlechtes Benehmen!

- Lebe mehr d e i n Leben und nicht das Leben deines kranken Partners! D u kannst, darfst und sollst ihn gar nicht heilen. Das kann nur eine fachliche Behandlung!

Mehr gibt es zu diesem zitierten Abschnitt nichts weiter hinzuzufügen, kann jeden Satz nur dick u. fett unterstreichen !

12.09.2021 16:52 • x 1 #6

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