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Freund hat kein Selbstbewusstsein und Depressionen

TaleTellHeart

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Hallo, ich bin neu hier und brauche dringend Rat.
Mein Freund ist depressiv und befindet sich gerade in einer Krise. Er steht am Ende des Studiums und zweifelt an allem. Er hat vor allem Berufsvorstellungen in zwei Bereiche für die er sich sehr begeistert und die man auch gut miteinander verbinden könnte. Er meint aber immer wieder, dass er für nichts gut genug ist und eh nie was reißen wird. Wenn ich ihm sagen, dass er gut ist und das, was er noch nicht so gut kann, schnell lernt und es nur eine Übungsfrage ist, dann wird er sauer und ist dann oft echt gemein.
Er will ständig meine Meinung zu allem möglichen, aber wenn er die nicht gut findet oder sie seiner Meinung entspricht, dann wirft er mir vor keine bzw. eine dumme Meinung zu haben.
Gestern waren wir auf einem Konzert. Währenddessen war er relativ gut drauf, hat mitgesungen und so. Danach haben wir auf dem Heimweg über alles mögliche geredet und er fing dann plötzlich an, sich selbst fertig zu machen und mal wieder zu sagen, dass er nichts kann und er auch nie irgendwas leisten wird, dass er seit Jahren keine Leidenschaft mehr hatte und ihn alles ankotzt. Ich weiß, dass das zu seinem Depressionsbild gehört, allerdings verzweifle ich immer daran, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll. Meistens sage ich nur das stimmt nicht! oder hör auf!
Das macht ihn dann immer wütend, weil es blöde leere Worte sind, die nichts ändern. Wenn ich ihm sage, was er alles kann, dann wird er noch wütender.
Ich bin sehr nah am Wasser gebaut und fange auf Frust und Überforderung dann an zu weinen. Gestern hat ihn das so aufgeregt, dass er schon wieder Schluss machen wollte. Was er nicht wirklich will, das weiß ich, aber es ist dann, wie eigentlich jede Reaktion in dem Moment, aus seiner Laune heraus. Seine Vorwürfe waren dann, dass er sich noch schlechter fühlt, wenn ich weine und dass ich ihn nicht verstehe, was aber okay sei, denn er verstehe sich ja selbst gar nicht.
Ich versuche immer wieder mein Ding zu machen, mich nicht von dem ganzen runterziehen zu lassen, aber es ist manchmal so schwer und ich will einfach nur die richtigen Worte finden, um ihm zu zeigen, dass ich für ihn da bin und dass er wertvoll ist. Kann mir hier vielleicht jemand helfen und einen Rat geben, was ich ihm sagen kann?

08.11.2018 08:42 • #1


JuliaW

JuliaW

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Hallo TaleTellHeart,

ich finde es toll, dass Du Dich auf die Suche nach einer Lösung machst. Diese zwei Aussagen von Dir
Zitat von TaleTellHeart:
Wenn ich ihm sage, was er alles kann, dann wird er noch wütender.

Zitat von TaleTellHeart:
...und ich will einfach nur die richtigen Worte finden, um ihm zu zeigen, dass ich für ihn da bin und dass er wertvoll ist

haben mich an ein Buch erinnert, das ich neulich gelesen habe. Es geht darin um das Thema Selbstwert und ich fand die Sichtweise des Autors sehr interessant, weil er zwischen "Selbstvertrauen" und "Selbstwert" unterscheidet. Er schreibt, dass Selbstvertrauen auf unseren Fähigkeiten (was wir können) basiert und der Selbstwert auf den Eigenschaften von uns Menschen (wer wir sind). Das heißt aus seiner Sicht, dass es für die Stärkung des Selbstwertes notwendig ist, die Eigenschaften des Menschen hervorzuheben (wer er ist, was ihn einzigartig macht) anstatt zu sagen, was derjenige alles kann. Der Autor vergleicht das mit einem Haus: Der Selbstwert ist das Fundament, die Basis, und das Selbstvertrauen (in unsere Fähigkeiten) baut darauf auf. Wenn das Fundament nicht trägt, dann kann es sein, dass alles andere zum Einsturz kommt, obwohl derjenige viel kann. Möglicherweise reagiert Dein Freund deshalb so? Viele Menschen werden für ihre Fähigkeiten gelobt; viel seltener sprechen wir darüber, wie gern wir jemanden haben, weil er der ist, der er ist - einzigartig und ein liebenswerter Mensch. Das machen wir nicht so, weil wir es böse meinen, sondern weil uns das schlicht und einfach zu wenig bewusst ist. Genau da ist ein Ansatzpunkt: Im Prinzip geht es darum, die eigene Kommunikation anzupassen. Das Buch heißt: "Du bist einzigartig": Starker Selbstwert - starkes Kind von Dan Svarre. Ich könnte mir vorstellen, dass Du dort einen Teil der Antwort findest, die Du suchst. Falls Du es ausprobierst, wäre es toll, wenn Du uns irgendwann an Deinen Erfahrungen damit teilhaben lassen würdest. Das wäre bestimmt für viele hier interessant.

Achte weiterhin gut auf Dich.

Liebe Grüße,
Julia

08.11.2018 09:32 • x 2 #2


TaleTellHeart


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Danke für die Antwort!
Tatsächlich hat er gestern auch gesagt, dass er nicht mehr weiß, wer er ist. Was mich unendlich traurig gemacht hat. Ich habe ihm schon oft gesagt, wie toll er ist, was ich an ihm liebe und schätze und das war früher auch gut. Heute wirkt das nicht mehr.
Ich sollte dazu erwähnen, dass er im März seine Antidepressiver abgesetzt hat, weil er schlimme Nebenwirkungen hatte und zusätzlich schlicht nicht sein ganzes Leben lang Tabletten nehmen wollte. Anfangs hat er immer wieder überlegt, sie doch wieder zu nehmen. Heute sagt er, sie hätten ihn daran gehindert traurig zu sein und man müsse doch auch manchmal traurig sein. Problem ist, dass er nur noch traurig ist und keine Berührungen mehr mag, nicht schlafen kann und dann morgens nicht hoch kommt.
Ich kenne das alles auch. Ich bin selbst nicht ganz frei von Depression, aber wenn es am schlimmsten ist, dann tritt mein Selbsterhaltungsdrang in Kraft. Das passiert bei ihm nur manchmal.
Als ich das Thema Tabletten oder andere Therapie mal angesprochen habe, ist er sauer geworden. Er lässt mich nicht an sich ran und gleichzeitig entlädt er seinen gesamten Frust bei mir. Was ja auch okay ist, aber ich komme manchmal einfach nicht dagegen an. Wenn ich ihm liebe Worte sage, blockt er ab, er erträgt so was nicht. Ich habe ihm Briefe geschrieben, in denen ich all seine guten Eigenschaften aufgezählt habe, aber er wollte die letzten beiden nicht mehr lesen.
Er meint, ich stelle ihn und die Beziehung über alles und vergesse mich selbst dabei. Das stimmt aber nicht. Ich war erst letzte Woche verreist mit Freunden und mache viel für mich, das kriegt er nur nicht mit. Er kriegt nur mit, dass ich traurig bin, weil es ihm schlecht geht und ich Angst habe ihn zu verlieren.

08.11.2018 09:51 • #3


JuliaW

JuliaW

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Hallo TaleTellHeart,

wohl dem, der so eine Freundin wie Dich an seiner Seite hat... Zu dem, was Du schreibst, sind mir zwei weitere Ideen gekommen:

In einem kostenlosen eBook zum Thema Mitgefühl gibt es einen interessanten Beitrag mit dem Titel "Mitgefühlsbasierte Therapie: Umgang mit aufkommenden Ängsten und Widerständen". In dem Beitrag geht es darum, dass es manchen Menschen schwer fällt, Mitgefühl anzunehmen und manche eine regelrechte Angst davor zu haben scheinen. Soweit ich das verstanden habe ist der Autor Therapeut. Er ist diesem Thema auf den Grund gegangen und legt in diesem Beitrag (kein Fachchinesisch, sondern sehr gut lesbar) auf sieben Seiten seine Erkenntnisse dar. Als Ursachen sieht er beispielsweise eine unverarbeitete Wut gegenüber anderen und auch Scham, die mit Selbstablehnung oder sogar Selbsthass einhergehen kann. Möglicherweise findest Du dort einen Ansatzpunkt oder eine Erklärung, die für Dich etwas Licht ins Dunkel bringt? Das Buch heißt: Mitgefühl. In Alltag und Forschung von Tania Singer und Matthias Bolz.

Die zweite Idee ist ein Buch von einem langjährigen Therapeuten, der sich auf Depressionen spezialisiert hat. Er vertritt eine etwas andere Sicht auf Depressionen als der Mainstream und ist der Meinung (wohl auch auf seiner therapeutischen Erfahrung basierend), dass man aus Depressionen aussteigen kann. In seinem Buch Depression ist keine Krankheit: Neue Wege, sich selbst zu befreien beschreibt der Autor Josef Giger-Bütler drei Phasen der depressiven Entwicklung. Ich hab das Buch bisher nicht vollständig gelesen, doch ich könnte mir vorstellen, dass Du dort Hinweise auf die Themen "nicht mehr wissen, wer man ist", "fehlender Selbsterhaltungsdrang" und auch die Aussage "Beziehung über alles stellen und sich selbst dabei vergessen" finden könntest - und vor allem auch relevante Informationen, um dort wieder herauszukommen.

Zuletzt noch ein Gedanke zu der Selbstwert-Buch-Empfehlung: Vielleicht könnte es hilfreich sein, wenn Du es Dir anschaust? Du scheinst schon viel davon umzusetzen und gleichzeitig findest Du möglicherweise noch eine kleine Anregung, die Du bisher noch nicht kennst, und die einen Unterschied macht?

Ich finde es bemerkenswert wie gut Du das hinzubekommen scheinst: für Deinen Freund da sein und auch etwas für Dich machen. Ich wünsche Dir sehr, dass Du einen Weg findest zu Deinem Freund durchzudringen, so dass er für sich vielleicht auch wieder Möglichkeiten sehen kann, um sich Lebensqualität zurückzuholen.

Liebe Grüße,
Julia

09.11.2018 16:49 • x 1 #4


TaleTellHeart


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Vielen Dank! Ich habe mir die beiden Bücher besorgt und werde sie mal nach und nach durchlesen.
Tatsächlich hat sich seit vergangener Woche viel getan. Er ist zwar immer wieder so deprimiert, aber er reflektiert sein Verhalten beinahe im selben Moment. Das hat viel damit zu tun, dass ich seit Freitag einen kleinen Hund habe und er darin aufgeht, mit dem Hund das Hunde 1x1 zu üben.
Auch redet er gerade wieder viel über eine gemeinsame Zukunft und Ziele. Allerdings dann immer wieder mit der Überforderung durch das Nicht-Entscheiden-Können und den Studiumsschulden. Aber er gibt sich wirklich Mühe und lässt auch wieder ein ganz bisschen Nähe zu.

Ich hoffe, die Bücher geben mir wirklich etwas Einblick und Einsicht.
Danke noch mal, für deine Antworten. :)

Vor 38 Minuten • #5