Depressionen am Arbeitsplatz - Angst vor finanzieller Zukunft

Vor ca. 10 Jahren erlebte ich das erste mal Depressionen. Einen konkreten Grund gab es damals nicht (wie z.B. äußere Umstände). Aber nur kurz, alles war nach ein paar Wochen wieder ok. Vor rund 2 1/2 Jahren ging es erneut los. Kompletter Zusammenbruch. Diagnose: Depressionen + Burnout. Es folgte Psychotherapie und Medikation (u.a. Venlafaxin 150 mg) sowie 8 Monate Arbeitunfähigkeit.

In diesem Zusammenhang kündigte ich (auf Rat meines Psychiaters) den Job. Ich entschloss mich zur beruflichen Selbstständigkeit.
Durch das Gelernte aus der Psychotherapie, einer etwas anderen Lebensauffassung sowie durchgängige Medikation (zum Schluss 1x tägl. Valdoxan 25 mg) war ich 1 1/2 Jahre relativ zufrieden (und auch erfolgreich) und es ging mir gut. Durch meine gute Zuarbeit erhielt ich von einem Kunden ein attraktives Angebot für eine Festeinstellung. Vor einem halben Jahr entschloss ich mich dieses Angebot anzunehmen. Ich erhoffte mir so in "ruhigeres Fahrwasser" zu gelangen, bessere finanzielle Sicherheit, geregeltere Arbeitszeiten und Urlaub etc. Halt das was man als Selbstständiger nicht unbedingt immer hat.

Doch vor ein paar Tagen kam ich kaum mehr aus dem Bett. Es ist wie ein Deja Vu. Vieles hat sich plötzlich wieder eingeschlichen, ich wollte es nicht wahr habe. Hatte es mehrere Wochen erfolgreich verdrängt. Ich werde wie von einer großen dunklen Kugel aus meiner "Wohlfühlzone" gedrängt. Egal wie ich damit umgehe, die "Macht der dunklen Kugel" ist größer.

*Angst zu versagen, Verzweiflung, Scham und Angst wieder Probleme zu haben, trotz Medikamente, trotz geändertem Leben, trotz geändertem Job. Der Gedanke und das Gefühl „in einer Sackgasse zu sein".
*eigentlich ununterbrochen ausgelaugt, abgeschlagen, lustlos
*andauerndes nachdenken, ständig über alles Mögliche, oft in Verbindung mit Job und den Konflikten und über alles Mögliche, lässt sich kaum in Worte fassen, meist auch komplexe Gedankengänge
*Einschlafprobleme, Gedanken stehen nicht still, auch wenn ich ihnen ihren Raum gebe. Entweder ganz schwere Probleme einzuschlafen. Oder ich werde bereits um 3 - 4 Uhr wache und finde dann keinen Schlaf mehr. Bin den ganzen Tag extrem gerädert.
*vollkommen die Motivation, die Lust, die gewisse Freude an meinem Job verloren. Ich bekomme regelrecht keine Luft mehr wenn ich an meinem Arbeitsplatz bin. Alles erdrückt mich.
*Stimmungsschwankungen, Wut, Traurigkeit, Angst, Scham überwiegend. Jedoch Freud + Glück empfinde ich „aufgesetzt“. Freude, Schönes, Leckeres kann ich schwer empfinden, prallt an mir ab, kommt nicht richtig an mich ran. Wenn ich mal lache wirkt es „oberflächlich“ auf mich selber. Es kommt nicht "von innen heraus".
*ungeduldig und gereizt
*Wunsch nach Ungestörtheit und Einsamkeit und gleichzeitig doch nach meinem Partner.
*Schwierigkeiten auch nur einfache Entscheidungen zu treffen
*Das Gefühl den ganzen Tag nicht ich zu sein

Mir war klar das es so nicht weiter gehen kann, ging also zu meinem Psychiater. Diagnose: wieder Depressionen. Darauf folgte jetzt Arbeitsunfähigkeit für 14 Tage und tägl. 1x Venlafaxin 75 mg.

Ich habe dann lange darüber nachgedachte und lange mit mir gerungen wie ich mich gegenüber meines Arbeitgebers verhalte. Habe mich dann dazu entschlossen zu erklären was los ist (ging zum Glück per eMail). Eine konkrete Reaktion habe ich (noch) keine darauf.

Hatte eigentlich gedacht alles im Griff zu haben, alles für mich unternommen zu haben um den notwendigen Ausgleich zu haben, um meine innere Balance zu behalten, um nicht aus meiner “Wohlfühlzone” zu rutschen. Aber mein neuer Job, von dem ich eigentlich dachte er ist ein Fortschritt für mich, schlaucht mich sehr. Ich gewinne immer mehr den Eindruck als wäre ich für den Job und die Branche nicht geeignet. Wie ein Teufelskreis.

Durch langjährige Berufserfahrung und meiner Zusammenarbeit mit vielen Handwerksbetrieben in der Zeit meiner Selbstständigkeit weiß ich das in der Branche viel Zeitdruck, viel Stress und viel Eigenverantwortung und nach Möglichkeit jederzeitige Erreichbarkeit mehr oder weniger üblich ist.

In mir toben jetzt viele Gedanken und Überlegungen.

Ich schäme mich gegenüber meiner Kollegen sie im Stich zu lassen!
Wie verhält sich jetzt mein Arbeitgeber, wie verhalte ich mich jetzt ihm gegenüber?
Wie geht es in 14 Tagen weiter?
Sollte ich auf die Suche gehen nach einem anderen Job, nach einem anderen Beruf?
Wie sollte ich das bloß realisieren (finanziell und mit 35 Jahren noch sinnvoll?)?
Im Moment bin ich absolut ratlos wie es weiter geht.

Hoffe daher hier vielleicht Anregungen und vielleicht Denkanstöße zu finden mit "Gleichgesinnten".

30.09.2013 12:07 • #1


Knoten
Hallo fry123,

Es ist gut, dass du den Weg hierher gefunden hast.

Du machst gerade eine schwere Zeit durch. Das Wichtigste tust du ja bereits, du bist in Psychiatrischer Behandlung. Das Medikament braucht in der Regel 2-3 Wochen, um seine volle Wirkung zu entfalten. Gib dir die Zeit und schau wie du dich dann fühlst.

Deine Fragen würde ich allesamt erst einmal hinten anstellen.
Die Entscheidung zu treffen einen anderen Job zu suchen, ist im Moment bestimmt nicht gut. Dafür solltest du aus der Depression heraus sein. Mein Psychiater hatte mir das deutlich gemacht, Entscheidungen niemals in einer Depression zu treffen, als ich in einer Situation wie die deine war.
Deine Kollegen im Stich lassen... Jeder kann krank werden und für längere Zeit ausfallen. Für einen reibungslosen Ablauf auf der Arbeit zu sorgen ist nicht dein Problem, sondern das Problem deines Chef`s.

Es ist sicher gut erst einmal zu schauen, warum sich eine Depression erneut in dein Leben schleichen konnte. Hast du die Möglichkeit in eine Therapie ( mit einem Psychotherapeuten ) zu gehen?

Grüßle,
Knoten

30.09.2013 19:34 • #2


Hallo Knoten,

Dankeschön für deine Antwort. Es beruhigt mich ein wenig, dass ich mit den Ängsten, Gedanken und Gefühlen nicht alleine bin, sondern dass es vielen hier auch so geht. Habe nicht mehr ganz so das Gefühl wieder ein Aussätziger zu sein.

Mein Psychiater verschrieb mir nur die Tabletten. Wegen einer Therapie muß ich mal fragen. Als es mir damals wieder besser ging bekam ich keine weiteren Sitzungen mehr beim Therapeuten, nur weiterhin die Tabletten.

Inzwischen habe ich eine Reaktion von meinem Arbeitgeber auf meine Krankmeldung und mein Outing zu den Depressionen. Unterschwellig läßt man mich verstehen das Depressionen ja keine echte Krankheit sind und Burnout sei ja nur eine Modeerscheinung. Man wünscht mit mir ein 4-Augen-Gespräch in dieser Woche, da man an die Firmenplanung denken muß.
Ich bin fix und fertig nach dieser Nachricht. Ich bin am zittern. Ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Ich habe einfach nur Angst. Wie verhalte ich mich jetzt? Ich habe Angst vor dem Gespräch.

01.10.2013 10:26 • #3


Knoten
Hallo fry123,

Solange du Arbeitsunfähigkeit geschrieben bist, kann dein Arbeitgeber dich nicht unter Druck setzen.
Er kann auch nicht von dir Verlangen, dass du zu einem Gespräch in die Firma kommst. Du musst nicht einmal mit Ihm Telefonieren, Mailen oder Sonstiges. In deinem jetzigen "Zustand" würde ich jeglichen Kontakt ablehnen. Wie ich schon schrieb: Entscheidungen in einer Depression zu treffen ist fatal. Du bis angreifbar und verletzlich.

Wenn er deinen Krankheitszustand überprüfen will, muss er schon den MDK damit beauftragen dich zur Untersuchung einzuladen.
Das Outen deiner Diagnose war nicht so gut, aber geschehen ist geschehen.

Ich hoffe dein Psychiater wird den Druck von deinen Schultern nehmen und dich weiterhin Arbeitsunfähigkeit schreiben. Sprich so schnell als möglich mit deinem Psychiater über diesen Druck der auf dich aufgebaut wird und sag ihm auch klar, dass du dich dem im Moment nicht gewachsen fühlst.

Tabletten helfen dich zu stabilisieren. Mein Psychiater ist der Meinung, dass die Syptome einer Depression meist nur mit Medikamenten in den Griff zu bekommen sind, die Therapie jedoch hilft die Ursachen zu erkennen. Damit kann man dann arbeiten. Manche schaffen es auch ohne Medikamente, ob du dazu gehörst, kann ich natürlich nicht sagen, denn Diagnosen können nur von Ärzten und/oder Therapeuten gestellt werden.

Also meine nächsten Schritte wären ein Termin beim Psychiater, um das Problem zu besprechen und kein Kontakt zum Arbeitgeber.
Ob du diese Schritte durchführst muss du ganz alleine entscheiden!

Grüßle,
Knoten

01.10.2013 12:40 • #4


hallo fry
habe deine Geschichte gelesen.
Hatte auch einen BO mit Angststörung und einige jahre später eine raektive Depression.
Nach einigen Monaten ging es wieder. Arbeite nun seit 3 Jahren wieder. Nur mal so als Hoffnungsschimmer.

Kann dich gut verstehen. Hoffnungsvoll denkt man, es ginge alles ganz i.O. plötzlich geht es ab.

ghg
col

09.10.2013 22:38 • #5


Hallo fry,
auch ich bin ein "Leidensgenosse". Knoten hat sehr guten Rat gegeben, ich kann dem nur zustimmen. LG Petra

11.10.2013 14:05 • #6




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