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Depression und Vergesslichkeit / schlechtes Kurzzeitgedächtnis

Alexandra2
Ach ja, dieser Aspekt der Depression grätscht mir in jede aber auch jede Alltagssituation. Das erschreckt mich immer wieder, macht mutlos und ich kann mir nicht vorstellen, daß das mal besser wird. Ich habe resigniert.
Etwa 2 Sekunden weiß ich was ich wollte, dann ist das Vorhaben verloren gegangen im Nichts. Mein Kurzzeitgedächtnis ist genauso schrecklich. Das Vertuschen kostet viel Kraft und alles viel Zeit. Bspw, war ich 4x in einem Geschäft, weil ich immer wieder etwas Wichtiges vergaß, (immer dasselbe!) . Da fiel mir keine Ausrede mehr ein. Und der Humor ist bemüht.
Ich vergesse Gespräche, Termine, Vorhaben. Und ich darf mich nicht aufregen, dann wird es schlimmer. Obwohl das nicht möglich ist. Schlimmer geht's nicht mehr.
Übungen setzen mich unter Druck, das geht auch nicht. Die massiv gestörte Aufmerksamkeit läuft parallel immer mit. Die im Fronthirn fehlenden Neurotransmitters (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) können medikamentös nicht ersetzt werden. Medikinet wirkt nicht und Ritalin löst schwere Krisen aus. Elontril nehme ich schon in Höchstdosis.
Was ist nur aus mir geworden, mir fehlen die ehemals mühelosen Worte und Formulierungen. Sprache ist nun befremdlich geworden, wo ich sie doch liebte.
Das alles macht mich so traurig. Es sind jetzt 5 Jahre Qual. Und all die anderen Symptome erschweren auch noch die Tage.
Was sind Eure Erfahrungen? Was hilft Euch?
Liebe Grüße Alexandra

21.06.2019 21:58 • x 9 #1


Eis
Das mit dem Gehirn Ist tatsächlich schwierig. Ich hatte heute erst wieder eine Diskussion mit meinem Mann, weil er etwas wissen wollte, mir aber das Wort nicht eingefallen ist. Ich war genervt, er war genervt weil er keine Antwort bekam. Das ganze ist dann in einen schönen Streit ausgeartet, bloß weil ich nicht zugeben konnte/wollte, dass mein Gehirn immer noch nicht funktioniert. Natürlich Ist es bei mir schon viiiel besser als am Anfang, da hatte ich das Gefühl, ich habe einen Reset-knopf gedrückt. Es war alles weg. Ich erinnere mich noch mit Schrecken, als ich wieder angefangen habe zu arbeiten und mein Chef mir wirklich unsere Computerprogramme detailliert erklären musste, obwohl ich jahrelang damit gearbeitet habe. Alles war wie gelöscht. Ich hab mir das alles aufschreiben müssen. Und wenn mich Kunden zu Produkten was fragten auf die ich mich nicht vorbereitet hatte, war alles weg. Kürzlich hat mich ein Kunde "angepflaumt", dass er nicht soviel Zeit hat, ich solle schneller reden. Da hab ich ihn angeschaut und nur gesagt, "dann hören wir jetzt hier auf, wenn Sie keine Zeit haben". Schnell reden und denken geht nicht mehr. Ich hatte in der Anfangszeit lange Angst, dass ich eine Demenz habe und mein Gehirn permanent schlechter wird, ein furchtbarer Gedanke. Ich vergesse auch immer noch viel, beim Einkaufen schreibe ich alles in eine Einkaufsapp, sonst würde ich nur die Hälfte mit heinbringen.
Aber Alexandra, 5 Jahre sind schon eine sehr lange Zeit, ich kann deine Verzweiflung absolut verstehen. Ich kann dir wirklich nur den Tipp mit Aufschreiben geben. Ich hab für alles eine App und mach mir Notizen. Pingeliges Führen des Kalenders erleichtert auch einiges. Man muss dann nur noch regelmäßig reinschauen, da haperts auch manchmal. Und es ist schon peinlich, wenn man den Werkstatttermin erst eine Stunde später im Kalender entdeckt.

Ich wünsche Dir, dass es bald mal aufwärts geht. Gib die Hoffnung nicht auf und tu dir gutes. Du gibst anderen Mitgliedern im Forum immer so tolle Ratschläge und Tipps. Beherzige das auch für dich.

LG Eis

21.06.2019 22:53 • x 7 #2


Alexandra2
Liebe Eis,
Es beruhigt mich ein wenig, daß es Dir ähnlich ging/geht. Obwohl das auch nicht schön ist. Die Resettaste trifft es richtig gut. Das leergefegte Gehirn und für andere schwer vorstellbar, daß es so etwas gibt.
Eine App würde mich nervös machen im Geschäft, ich kann mich dort erst Recht nicht konzentrieren und bin ruckzuck reizüberflutet. Aber es ist für spätere Zeiten eine gute Idee.
Mein Kalender ist zu klein für eine Art Erinnerungstagebuch, das lässt sich ändern. Ein Versuch ist es Wert.
Meine Ärztin bezeichnete die Vergesslichkeit als Demenz in der Depression. Und anfangs besänftigte ich die aufkommende Panik, es wird besser dachte ich immer wieder - als Mantra. Das wurde es auch, gefühlt von 0 auf 20% Steigerung. Vielleicht ist das schon alles?
Ich weiß mir keinen Rat, Neurofeedback ist wohl zu früh. Also werde ich mich bei meinen Fachleuten auch umhören.
Es ist mir sehr wichtig, von Euren Erfahrungen zu lesen.
Nur als letztes noch:eine Freundin rief mich an und wollte wissen, warum ich angerufen habe. Seit 1 Woche wühle ich in meinem Gehirn, und kann mich weder an einen Anruf noch Absicht erinnern. Ohgottohgott. Peinlich und niederschlagend, ja genau das.
Man will ja seine Würde bewahren. Deshalb verstehe ich nur zu gut, daß Du Deinem Mann gegenüber nicht zugeben mochtest, daß Dir das Wort nicht einfiel.
Die Reaktion dem Kunden gegenüber finde ich super. Du bist ein Mensch und keine Maschine (wer singt das noch?).
Liebe Grüße Alexandra

22.06.2019 06:24 • x 6 #3


Resi
Ich bin jetzt gerade richtig froh gewesen, daß ihr das angesprochen habt- ich hatte echt ein bißchen Angst, daß meine Hirn nicht mehr funktioniert.
Mir fallen Worte und Begriffe nicht ein, ich versuche dann, mit (witzigen) Beschreibungen darüber hinwegzutäuschen- irgendwann kommt der Begriff dann schon wieder, aber erst dann, wenn ich ihn gar nicht mehr brauche.
Ich weiß halt, wie es "davor" war- ich war zwar nicht "the brain", aber ich hatte ein Gedächtnis, das wirklich so gut war, ich konnte wunderbar formulieren- heute muß ich manchmal sogar die Rechtschreibung nachschlagen

Ja, ich schreibe auch ständig Zettel, Listen, auch auf der Arbeit.
Auch ich habe einen kleinen Kalender, in dem ich eine Art von "Tagebuch" schreibe, was ich wann erledigen muß- fand ich früher extrem lächerlich, da hatte ich alles im Kopf, auch jeden Geburtstag- das kannst vergessen, ich bin froh, wenn ich meine eigenen Termine geregelt bekomme.
Auf der Arbeit schreibe ich seitenweise, manchmal einzelne Arbeitsschritte, auf, weil ich mir die Bedienung der Programme nur so irgendwann merken kann.
Dazu kommt noch, daß ich mir manchmal nicht sicher bin, ob ich etwas wirklich real erlebt oder lediglich geträumt habe

Ich weiß nicht, ob das wieder "wird".aber ich bin wirklich erleichtert, daß es nicht nur mir so geht.

22.06.2019 08:14 • x 5 #4


Ylvi13
Hallo zusammen,
in euren Beiträgen finde ich mich ja sowas von wieder. Für mich war es ganz furchtbar, wenn meine Tochter mit irgendwelchen Fragen kam und ich konnte nix hervor zaubern. Es war ja alles da, das wusste ich, aber abrufen, no way.
Insgesamt war das so, an Erlebnisse erinnern, hm, Orte, so nach dem Motto "hier waren wir schon mal", auch ganz schlecht oder habe ich das so gesagt oder nicht , furchtbar, von den Wortfindungsstörungen mal ganz abgesehen. Die Angst an Demenz erkrankt zu sein, lähmend.
Für mich wurde es einfacher, als ich wirklich akzeptiert hatte, an Depression erkrankt zu sein, das als Symptom zu verstehen und mir klar zu machen, es ist nicht in ein paar Wochen vorbei, den Druck rauszunehmen.
Ich spiele mit offene Karten, wie man so schön sagt. Ob andere das nun verstehen, ist mir so ziemlich egal. Zu Hause versuchen wir locker damit umzugehen, ich kann zugeben, wenn ich was vergessen oder nicht weiss. Ich kenne den Grund und ausgesucht habe ich mir den S.c.h.i.e.t . auch nicht.
Es ist nicht mehr so schlimm, wie am Anfang und ich hoffe, da geht noch was.
Das Aufschreiben und Kalender führen ist auch mein Hilfsmittel. Je nach Tagesform ist der Zettel kürzer oder länger und was vergessen wurde ist vielleicht auch nicht ganz so wichtig.
Alexandra, ich möchte versuchen dir etwas Mut zu machen. Ich bin jetzt wissentlich 7 Jahre krank und ich frage nicht mehr, ob ich jemals wieder ganz gesund werde. In den letzten drei Monaten hatte ich zum ersten Mal in den ganzen Jahren keinen schweren Absturz ( ich gehe alle drei Monate zum Psychiater, daher schaue ich immer über ein viertel Jahr). Ich kann es selbst nicht glauben und trau dem Frieden nicht, aber es ist so. Nach so langer Zeit endlich ein Schritt nach vorn. Das lässt mich anders in die Zukunft schaun.
Liebe Grüsse

22.06.2019 08:33 • x 6 #5


Alexandra2
Liebe Resi, liebe Ylvi,
Ich brauchte viel Zeit, um den Mut aufzubringen, von diesem Problem zu berichten. Ich schäme mich manchmal sehr, vor allem wenn ich eine schlechte Phase habe. Manchmal im Freundeskreis hilft Humor sehr. Wir spielten einmal zu Viert Karten und jedesmal wenn ich dran war, hatte ich die Spielregeln vergessen und fragte nach. Meine Powerfreundin war lammfromm geduldig, hat alles wieder und wieder erklärt. Ziemlich bald haben wir Tränen gelacht, ich aus Verzweiflung heraus. Danach war meine Freundin viel ruhiger und aufmerksamer mit mir. Das ist großartig, bringe mal eine Schildkröte mit einem Puma zusammen.
Ich glaube es geht fast allen Depressiven so, die kognitiven Fähigkeiten sind ausradiert. Und weil einem vor Schreck die Worte fehlen, wird kreativ vertuscht. Man muss ja sein Gesicht wahren.
Die 1/4jährliche Betrachtung ist eine gute Idee Ylvi. Ich betrachte gar nicht, sondern stürze plötzlich ab und wundere mich, wieso und wodurch wieder ein Tief da ist. Rückblickend kann ich einiges feststellen. Weil ich alles verdränge, fehlt mir der Zugang für den Augenblick. Verdrängung als uraltes Muster, um den Wahnsinn auszuhalten. Das tut nun gar nicht gut. Diese neue Erkenntnis muss ich erstmal verarbeiten.
Ein Tief nicht als lebensbedrohlich zu nehmen und als vorübergehend zu sehen, fällt mir sehr schwer. Ich erinnere mich nicht (sofort) an die Auslöser, Dauer und Bewältigung des vorherigen Tiefs. Ob es nützt, das zu notieren oder weiter stresst? Im Kalender zu notieren, würde mir leichter fallen. Vielleicht lässt sich ein Rhythmus feststellen.
Es tut einfach gut, sich über die Problem auszutauschen.
Liebe Grüße Alexandra

22.06.2019 09:42 • x 5 #6


Blume71
Guten Morgen,

"Reset gedrückt" beschreibt dieses Gefühl tatsächlich recht gut.

Ich weiß noch, als ich in meiner "schlimmen" Phase im Garten saß und mit der Nachbarin sprach und mir der Name ihrer Tochter nicht einfiel. Ich sagte dann voller Verzweiflung, einfach: "Dein Mädchen", nachdem ich vorher bemüht war, dass der Name mir doch noch einfiel.
Es erschreckte mich und ich realisierte, dass irgendwas da oben nicht mehr richtig funktionierte.
Es ist besser geworden. Aber ich muss zugeben, dass Namen schon immer etwas schwieriger für mich waren.
Auch heute noch, fallen mir Namen manchmal nicht ein, oder ich vertausche sie.

Ohne Einkaufszettel geht bei mir überhaupt nichts. Ich habe eine Tafel in der Küche, wo ich nach und nach die Dinge aufsschreibe, welche im Haushalt fehlen und diese übertrage ich dann auf den Einkaufszettel.

Ausserdem habe ich einen megadicken Papierkalender, wo alle Termine drin stehen, wann ich wie arbeite, wann die Kleine wo ist, was bis dahin zu besorgen/erledigen ist, wann Urlaub, welche Arzttermine wann?

Ohne wäre ich völlig aufgeschmissen und selbst jetzt passieren immer noch Missgeschicke.

Aber dann ist es eben so, ich kann es nicht ändern.

Gestern war ich spontan mit der Kleinen im Kino. Und was passiert? Wir kommen ca. eine 3/4 Std. zu spät, weil ich die Anfangszeiten von 2 Filmen im Geiste vertauscht hatte. Das hat mich erst geärgert, aber es lässt sich dann auch nicht mehr ändern.

Das o. g. Beispiel beschreibt aber ganz gut, was so richtig typisch für mich ist.

Ich weiß auch nicht, ob man mit Training so etwas ändern kann.

Mir ist es auch schon öfter passiert, dass ich mich an einem Tag zur selben Uhrzeit mit 2 unterschiedlichen Menschen verabrede, auch noch mehrmals mit ihnen darüber spreche und kurz vor dem Termin, fällt mir auf, dass ja beides zur selben Zeit stattfindet.

Das war auch schon zeitweise vor dem BO so. Ich fand mich immer etwas zerstreut und verpeilt bzw. verträumt.

Vielleicht ist es am leichtesten, wenn man es als liebenswerte Eigenschaft von sich sieht.

Fühlt Euch verstanden

22.06.2019 10:01 • x 6 #7


Liebe Alexandradas Thema finde ich ganz ganz wichtig und wie Schuppen fällt mir von den Augen, wie sehr ich darunter leiden, dass ich mich unter der Krankheit bezüglich der kognitiven Fähigkeiten verändert habe. Doch erstmal wollte ich einbringen: Medikamentenwirkungen können sich wenn über längere Zeit genommen auch ins Gegenteil verkehren: müde machen und unkonzentriert wo vorher fokussieren. Also das Temesta, ein schlechtes Beispiel, weil es ja keine Fauermedikation sein sollte bei mir aber war, hat bei mir zuerst fokussieren geholfen und als die psychische Komponente, die Aufregung besser war, mich denk-langsam gemacht. Aber der Arzt hat es nicht gewusst, erst nach Reduktion kann ich nun wieder etwas schneller denken. Darum finde ich ein wichtiges Thema, auch die Sog. Nebenwirkung immer zu überprüfen und die Dosierung.

Liebe Grüsse Lisa

22.06.2019 10:02 • x 5 #8


mutmacher
Ihr lieben Damen, nur mal kurz ne Frage in die Runde: Denkt Ihr dran, genug zu trinken bei der Hitze ?
Ihr habt sicherlich auch die Kanzlerin bei ihrem Zitteranfall gesehen-- nichts anderes als Wassermangel!
Hat wirklich enorme Auswirkungen auch gerade aufs Gehirn.

22.06.2019 10:38 • x 4 #9


Alexandra2
Ja, ich komme auf bis 3l. Aber trotzdem ein guter Tipp, Danke

22.06.2019 10:54 • x 3 #10


Resi
Zitat von mutmacher:
Ihr lieben Damen, nur mal kurz ne Frage in die Runde: Denkt Ihr dran, genug zu trinken bei der Hitze ?
]

Scherzkeks

Na klar trinke ich viel, diese Ausfälle hab ich seit einiger Zeit, auch im Winter, da habe ich quasi eine Dauerleitung zu meiner Teetasse , auf der Arbeit lacht man mich ob meines Trinkverhaltens manchmal aus.

22.06.2019 11:04 • x 3 #11


mutmacher
3 l ! Alexandra, da kannst Du ja den Freischwimmer machen.

22.06.2019 11:21 • x 6 #12


Mayke1
Drei Liter müssten machbar sein, oder? In 12 Stunden jede Stunde einen Viertelliter zu trinken, das kann ich auch ohne Durstgefühl schaffen.
Doch danke für den Tipp, denn gerade, wenn ich wieder einmal NICHT bei mir oder im Jetzt bin, vergesse ich das Trinken.

22.06.2019 12:13 • x 3 #13


Alexandra2
Ich hatte mal 10l- einsamer Rekord zur Vorbereitung einer Untersuchung. Ich war immer satt

22.06.2019 12:14 • x 3 #14


Oh nur kurz: als Krankenschwester möchte ich sagen: ein bis zwei Liter entspricht dem Normalbedarf eines mittelgrossen mittelschweren Menschen. Weniger ist nicht gut und mehr auch nicht susser bei sportlichen Höchstleistungen oder starker Hitze. Liebe Mayke, bei Herzerkrankungen müsste eventuell der Arzt gefragt werden, wenn Du ohne Durst trinkst. Die Flüssigkeit muss umgepumpt werden und das könnte zu einer Überlastung führen. Einfach ich würde nur ganz langsam über einen Monat steigern und schauen, was das Gewicht macht dabei.wieder mal spricht die Krankenschwester aus mir. und die ist auf Vorsicht getrimmt.
Liebe Grüsse Lisa

22.06.2019 12:26 • x 6 #15





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