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Depression oder Essstörung - oder beides?

Akritis

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Hallo liebes Forum,

ich bin neu hier, habe mich vor wenigen Minuten registriert. Ich denke schon seit Tagen darüber nach, meinen Fall in einem Forum zu veröffentlichen, weil ich mich meinen Freunden, Familie und nicht mal meiner Therapeutin richtig öffnen kann.
Ich bin tatsächlich schon seit 3 Jahren in therapeutischer Behandlung. Davor auch schon als Teenie, davor auch schon als Kind. Ich bin es also eigentlich gewohnt aber da ist ein Thema, welches ich mich nie getraut habe anzusprechen.

Ich habe es ehrlich gesagt nie wirklich als Problem angesehen. Diese Einsicht oder diese Awareness kam erst in den letzten 4 Jahren. Da hatte ich nämlich meinen letzten. "Anfall"? Ich weiß nicht wie ich es nennen kann.
Nun, es muss etwas passieren, damit ich zu diesem Punkt gelange. Etwas emotionales, eine große Veränderung, ein neuer Lebensabschnitt. Und das ist genau das, was gerade stattfindet. Mein Studium ist vorbei, ich habe eine neue (fern-)Beziehung und ich beginne nächste Woche meinen ersten richtigen Job.

Was genau dieser "Anfall" ist: ich kann es gar nicht so wirklich erklären, was da in mir vorgeht. Es ist eine Art anorektisches verhalten. Ich reduziere mein Essen drastisch - das ist sozusagen mein Ziel. Von Tag zu Tag immer weniger, ich mache mir Listen in denen ich ganz genau aufschreibe, was und wieviel ich davon Esse (aber ich zähle keine Kalorien). Ein Menü, welches normalerweise ein Mittagessen ist, wird zu zwei Mittagessen. Ich überlege mir ganz genau, wann ich auf essen verzichten kann und wann mich das zu schwach machen würde ( da ich z.b. mit dem Fahrrad irgendwo hin muss). Ich beschäftige mich so intensiv damit, dass ich alles um mich herum vergesse. Also eben genau das, was mich emotional sonst beschäftigen würde. Und es erfüllt mich mit Stolz, wenn diese Tage "gut" laufen.
Dabei geht es primär gar nicht um den Gewichtsverlust. Den kontrolliere ich zwar, um mir dann zu zeigen, dass es "funktioniert" aber es ist nicht mein Ziel, mich auf irgendein bestimmtes Gewicht herunter zu bringen. Ich verstecke eigentlich sogar meinen Körper besonders in diesen Phasen - dicke Pullis, lockere Anziehsachen. Schwimmen gehen? Absolutes no-go. Nichts, wo andere Menschen das mitbekommen könnten. Ich verzichte auch nicht wirklich auf bestimmte Lebensmittel. Ich habe generell eine sehr gesunde und abwechslungsreiche Ernährung, koche und backe viel. Es gibt nichts, was ich dann komplett aus meiner Ernährung streiche (bis auf gluten, da unverträglich). Ich komme auch nie zu dem Punkt, einen Tag lang gar nichts zu essen. Eben nur sehr wenig.
Und deswegen denke ich mir dann manchmal: ist das dann überhaupt krank? Klar, ich BIN untergewichtig. Bin ich eigentlich immer, ich bin ein kleiner Mensch und mag diesen Körper nicht auf den vom BMI vorgegebenen "Normalgewicht". Ich war schon oft über diese Grenze, also im Normalgewicht, aber ich mag mich so einfach nicht ansehen. Wenn ich dann diese Anfälle oder Phasen habe, dann kann es schon ungesund werden. Aber nie war ich "gefährlich dünn" - oder sehe ich das selbst nicht? Naja, darauf angesprochen hat mich, bis auf mein Exfreund (aber das ist ein anderes Thema) niemand, also gehe ich mal davon aus, dass es nie super drastisch war.

Ich erinnere mich nach und nach, welche anderen Situationen mich zu diesen Phasen gebracht haben und es ist ein Muster zu erkennen. Als meine erste Beziehung ernst geworden ist (also so mit 16 Jahren) habe ich das das erste Mal gemacht, als wir in eine neue Stadt gezogen sind, Mobbing in der Schule (da war es sogar ziemlich extrem aber ich kann mich an mein Aussehen nicht erinnern), dann Schulwechsel, beginn des Studiums, Ende von Beziehungen. Diese Anfälle/Phasen gehen in der Regel nicht über Jahre, eher Wochen oder Monate. Außer vielleicht in der Mobbingzeit. ich weiß es nicht mehr so genau.
Körperlich-gesundheitlich scheint es bisher nicht so viel Schaden angerichtet zu haben. Bis auf meinen sehr unausgeglichenen Hormonhaushalt, aber da steht immer noch offen, ob nicht die Pille immernoch ihre Finger im Spiel hat (habe sie vor Jahren abgesetzt).

Ich spüre, wie es mich aktuell so sehr dahin zieht, vielleicht hat es sogar schon begonnen. Und ich will es nicht, denn es bedeutet Leid für mich. Es bedeutet Hunger, jeden tag, Wut wenn ich mich nicht an meine Listen halte. Ich will es nicht aber ich will es auch nicht los lassen, denn irgendwie brauche ich das ja.
Ich habe Angst vor der Zukunft, ich war 8 Jahre lang ein Student. Und jetzt muss ich mir langsam mal Gedanken machen, wie es mit meinem Leben weiter geht. Ich bin 28 Jahre alt. Alle Freunde sind grade am heiraten und bekommen Kinder. Und ich? Ich überlege mir, ob ich heute etwas zu Abend essen werde. Ich habe zwar schon Pläne, aber diese sind ziemlich groß und nicht so einfach umzusetzen. Ich möchte in ein anderes Land auswandern und seit dem Frühling habe ich dort auch einen Freund. Also der Druck ist groß, das alles auf die Reihe zu bekommen.

Nun, liebes Forum, ich bedanke mich an allen, die sich die Zeit genommen haben das hier zu lesen. Und ich bedanke mich auf für jede kommende Antwort. Ich weiß gar nicht, was ich hier von euch erwarte bzw. jetzt hören oder lesen möchte. Ich denke, ich möchte es einfach nur einmal raus lassen. Ich habe es schon zig mal in Tagebüchern geschrieben und das kann schon befreiend sein. Aber vielleicht gibt mir das hier noch mehr. Stellt mir ruhig Fragen oder erzählt mir von euren Erfahrungen, ich würde mich freuen.

Liebe Grüße

16.10.2021 15:51 • x 4 #1


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Krizzly

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Herzlich willkommen erstmal hier im Forum. Und schön, dass du den Mut hast, hier offen darüber zu sprechen.
Mein Gedanke beim Lesen, der auch völlig falsch sein kann, war, dass Umbrüche und große Veränderungen vielleicht auch Angst vor Kontrollverlust mit sich bringen. Vielleicht versuchst du, etwas, also das Essen, akribisch zu kontrollieren, weil du das in anderen Bereichen in diesem Moment nicht kannst. Zudem lenkt es dich vielleicht von dieser Angst ab, dich völlig aufs Essen zu fokussieren.
Vielleicht ist das auch Quatsch. Wenn es dir nicht stimmig erscheint, vergiss es gerne wieder.

Da du ja schon recht viel Therapie-Erfahrung hast und es sicher gewohnt bist, offen zu sprechen, was ist bei diesem Problem anders? Was fürchtest du, könnte passieren, wenn du mit der Therapeutin darüber sprichst?

Liebe Grüße Krizzly

16.10.2021 17:25 • x 4 #2



Hallo Akritis,

Depression oder Essstörung - oder beides?

x 3#3


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buddl1

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... es gibt sicher sehr viele Wege sich seinem inneren ich zu stellen,
du hast es in Theras, in Tagebüchern oder auch in Tageslisten ausprobiert.
sicher es funktionierte immer soweit, bis ja bis du selbst zu dem Schluss gekommen bist,
wieder am Anfang zu stehen.
und nun bist du, wie viele von uns auch hier.
willkommen,
schau dich um und ließ dich ein bei jenen die ebenso mir ihrem eigenen ich, dem eigenen Körper oder eben mit beiden
schlicht und einfach immer etwas suchen, was zu ändern sei...

deinen Lesen zeigt mir, du das du dich sehr stark kontrollierst, alles im Griff haben möchtest und doch immer wieder neues- so wie dein erster Job- dich zweifeln lässt.

dabei fängt doch alles erst bei dir selbst an,
den alles andere kann sich finden, wenn nur du mit der selbst im reinen sein kannst.
nur wer mit sich in Einklang lebt, sich selbst akzeptiert und letztlich auch so sich lieben kann,
der wird nicht suchen was immer richtig oder falsch ist,
der probiert, sucht Grenzen, öffnet sich für neues ohne sich oder das Morgen zu hinterfragen,
einfach,
er lebt.
wenn zu dem Zwang so auslebst, der zwischenzeitlich ein Teil deines Lebens geworden ist,
es wird schwer werden je davon den Abstand zu bekommen,
immer wieder auf Ängste stoßen, die für viele keine sind,
allein weil man sie sich nur selbst macht...

wir sind Menschen,
handeln auch mal spontan,
sei es beim Essen, beim Sport oder in der Liebe,
wir planen nicht alles durch,
sicher, nicht alles gelinkt und so mancher Fehler kann uns zurückwerfen.
aber das macht eben Freud und Leid aus,
nicht alles durchzuplanen oder uns selbst mit der strengen Essensliste zu bestrafen
um hinterher sich einzugestehen, dass es falsch ist, der Körper mehr brauch als nur Nahrung...

lass es hier dein Tagebuch sein,
was andere vielleicht nicht nur lesen, sondern ebenfalls kommentieren,
weil sich in der wiederfinden,
gemeinsam kann man Grenzen nicht nur erkennen, sondern besser überwinden
und dann wird dein Regelplan auch mal Ausnahmen zulassen, die im Spiegel lernst dir selber zuzulächeln
weil es dir guttat, dich keiner dafür maßregelt,
den das machst nur du.

man muss weder dick noch dünn sein,
besonders intelligent oder besonders arm an Wissen sein,
wir sollten leben wie wir sind,
frei vom Zwang,
ja weil wir Menschen menschlich sind,
buddl1,

17.10.2021 07:28 • x 1 #3


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melisa

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Hallo du lieber Mensch,

Mein Name ist Melisa, ich leide auch unter einer Essstörung, unter Bulimie um genau zu sein, ich habe starke Probleme damit, und kann mich niemanden anvertrauen kannst du mir eventuell sagen wie du einen Therapeuten gefunden hast?

Ich schaffe das einfach nicht und habe niemanden der mir helfen kann..

17.10.2021 13:02 • #4


Akritis

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Liebe Leute,
ich habe eigentlich eine lange und ausführliche Antwort an @Krizzly und @buddl1 verfasst. Leider ist sie hier nicht aufgetaucht. Ich werde mir später vielleicht noch einmal die Zeit nehmen diese Antwort erneut zu verfassen.

@melisa das tut mir sehr leid! Ich habe meine Therapeutin schon seit Jahren, jedoch habe ich sie nicht aus der Motivation der Essstörung aufgesucht.
Mein Exfreund ist ein psychologe und hat mich mehr oder weniger dazu gezwungen zur Therapie zu gehen. Es war nicht die feine Art, aber ich bereue es auch nicht. Er hat mir den nötigen Schubs gegeben, mir Hilfe zu suchen.
Und zwar gibt es die sogenannte PTA (psychotherapeutische Ambulanz) in meiner Stadt. Dort kann man zu einem Beratungsgespräch gehen und nach deren Bewertung oder Empfehlung wird man an unterschiedliche Praxen weiter geleitet. Also je nach dringlichkeit kümmern sie sich dann darum, dass du einen freien Platz bekommst. Das hat mir sehr geholfen - ich hätte mich niemals getraut den Praxen E-Mails zu schreiben oder anzurufen. Vielleicht gibt es so etwas ja auch in deiner Stadt.

17.10.2021 13:39 • x 2 #5


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buddl1

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.... hey @melisa
ich weiß, du meinst nicht mich, aber vielleicht hilft es dir ja doch etwas.

in jeder größeren Stadt gibt es hierzu Beratungstellen, anonym oder über Selbsthilfegruppen.
aber da dies immer mit Kontaktaufnahme verbunden ist, wird es wohl eine sehr große Herausforderung für dich.

auch kannst du dich über deinen Hausarzt oder dem Arzt deines Vertrauens wenden. sie sind kompetent und profesionell dir Anlaufstellen benennen zu können und werden dich nicht nur intensiv dazu befragen sondern auch beraten können.

du hast es hier geschafft, dich auch zu äußern, sie das als sehr guten Anfang.
einen guten Therapeuten muss jeder für sich finden,
dem einen ist jener gut genug dem anderen eben nicht.
man kann auch nicht angeben, welche Thera wirklich zu jedem passt,
all dass ist so induvituell, dass es denen überlassen werden muss,
die darin ihre Ausbildung und auch ihre Berufung gefunden haben.

google mal was in deiner Nähe ist und dann nimm allen Mut zusammen,
vielleicht mit einer Freundin,
wer keinen Schritt nach vorn macht
bleibt unweigerlich zurück.
du schaffst das,
buddl1,

17.10.2021 13:43 • x 1 #6


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melisa

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so schoen zu sehen das sich jemand um dich gekuemmert hat...
ich bin leider total alleine, wohne alleine, ...
ich habe keine freunde ... nur meine arbeit, ich habe niemanden wo ich meine gefuehle ausschuetten kann..
ich moechte damit kein mittleid erzeugen oder so...
aber dies macht diesen weg unfassbar schwer und ich weiss leider nicht wo ich mich an wen wenden kann,.. ich dachte ich kann auf diesen weg jemanden finden der mir weiterhelfen koennte

17.10.2021 14:27 • #7


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melisa

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@buddl1
ich habe leider keinen wirklichen Arzt, ich habe totale Panik davor und eine Freundin habe ich auch nicht wirklich die mit mir zusammen gehen koennte...
Psychologen gibt es in meinem Dorf leider auch ueberhaupt rein garnicht...
eigentlich muss ich zugeben moechte ich gerne professionelle Hilfe auch wenns mir sehr unangenehm ist, ich merke langsam wie diese Krankheit mich Koerperlich beeintraechtigt.

17.10.2021 14:32 • x 1 #8


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melisa

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@buddl1 und @Akritis ich danke euch auch erstmal vielmals fuer eure schnellen Antworten ihr seid super lieb, solche Leute wie euch sollte es viel oefter geben

17.10.2021 14:34 • x 2 #9


Akritis

Akritis

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@melisa ich bin mir nicht ganz sicher, aber gibt es heutzutage nicht sogar die Möglichkeit soetwas online zu machen? Also ich meine professionell, nicht in so einem Forum wie hier. Also für mich persönlich ist das hier viel einfacher als face to face mit jemanden darüber zu sprechen. Das habe ich schon mal versucht und bis zu einem gewissen Maß auch gemacht und die Reaktion des Gegenüber hat mich dann oft dazu verleitet das herunter zu spielen - "Ach, so schlimm ist das jetzt auch nicht"

Ich finde es gut, dass du sagst du möchtest professionelle Hilfe haben und wie buddl1 auch schon sagt, dich hier mitzuteilen ist schon ein großer Schritt

17.10.2021 17:35 • x 1 #10


Jandi

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Liebe Akritis!

Ich hatte auch schon einmal als Jugendliche Phasen, in denen sich das Leben sehr viel um das Essen drehte. Damals war ich auch recht untergewichtig.

Die Idee, dass du eventuell über das Essen etwas unter Kontrolle haben möchtest, wie Krizzly es meinte, war auch mein erster Gedanke.
Mir selber stellen sich beruflich auch neue Aufgaben, und ich merke, dass ich wieder anfange, mein Gewicht zu kontrollieren.
Das äußert sich bei mir nicht in akribischen Speiseplänen oder Hungern, sondern dadurch, dass ich mich freue, wenn das Gewicht sinkt.

Ich selber habe bei mir das Gefühl, dass ich irgendwie Sichterheit gewinne, wenn ich wenigstens das Gewicht unter Kontrolle habe. Ich bin jetzt nicht mehr richtig untergewichtig, aber eine Kollegin sprach mich schon darauf an, dass es bei mir weniger würde.

Vielleicht kannst du mit diesem Gedanken ja etwas anfangen.

Liebe Grüße
Jandi

17.10.2021 18:29 • x 2 #11


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melisa

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@Akritis natuerlich, ich habe versucht mich darueber auch schon zu informieren aber leider ist das meistens mit sehr hohen kosten verbunden,....
ich hoffe ich kann einen therapeuten in meiner umgebung finden..

17.10.2021 19:17 • #12


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buddl1

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ja, mittlerweile gibt fast alles online zu finden, nur...
neben den zum Teil zu horrenden Kosten,
doch so den richtigen finden der neben dem zuhören auch
professionell helfen kann oder will.
es fehlt schlicht der menschliche Kontakt, dem anderen dabei in die Augen zu schauen.

zu wissen, dass er nicht die Augen verdreht, dass er weiß wie schwer es für einen ist,
seine Einschränkung überhaupt einzugestehen, darüber zu berichten,
aber vor allem sich sagen zu lassen, was man doch so alles machen kann....
und es scheitert immer wieder am eigenen Kopf, der über Gedanken zerbricht,
die so keiner liest, hört oder im Moment des Handels einen die Hand reicht,
damit man zur Ruhe kommt, ablässt,
einfach mal sich ausweinen kann.
fallen lassen und doch in sicheren vertrauten Arm sich zu befinden,
haben wir so einen Menschen,
haben wir einen Weg und sei es ihn nur darauf zu begleiten,
weil er ablenkt, führt und letztlich versucht zu verstehen was in einem sich bewegt...

einige wenige,
die fanden sogar über solche oder ähnliche Plattformen zumindest im Geist eben jenen
der Halt geben konnte, der nicht nur liest sondern auch schrieb,
seine Gedanken, die meist doch aus dem resultieren was zuvor zu lesen war, gemischt mit der eigenen Wiedergabe des Lebens. ich habe das so hier als stiller Leser bei anderen wahrnehmen können.
es ist sicher nur eine kleine Hilfe,
aber muss man muss ja auch nicht gleich mit einer Klinik kommen,
wobei der Weg dahin, der begann durchaus hier.
im Lernen und verstehen,
vor allen über sich selbst.
buddl1,

18.10.2021 05:21 • x 1 #13


Akritis

Akritis

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Guten Morgen

@Jandi dir auch vielen Dank für deine Antwort.
Ja, was die Kontrolle angeht stimmte ich euch zu 100% zu. Ich denke auch, dass das das Kernthema ist und eben nicht die Schlankheit. Wobei ich mich an dieser ja festhalte, was die erfolgreiche Umsetzung angeht.

Ich muss dazu aber auch ergänzen, dass das Essen schon immer ein Thema bei mir war. Schon als Kind habe ich dort - meines Empfindens nach - ein ungesundes Verhältnis gehabt. Meine Mama (ohne es ihr vorzuwerfen) hat das nicht-essen oft als Bestrafung genommen. "Heute geht es ohne Abendessen ins Bett" Ich war auch sehr pingelig und ganz bestimmt auch anstrengend was das anging. Ich mochte kein Fleisch und habe es ihnen tatsächlich wieder auf dem Teller gespuckt, wenn ich dazu gedrängt wurde es zu essen. Dann haben sie die Geduld verloren und mich weg geschickt. Ich war ausserdem auch sehr langsam beim essen. Und extrem hibbelig, ich konnte nie still sitzen. Meine Mama dachte damals ich hätte ADHS. Meistens hat meine Familie, sobald sie dann fertig waren mit essen, mich dann alleine da sitzen gelassen. Ich sollte erst aufstehen wenn mein Teller leer ist. Oft habe ich es dann einfach nur in den Müll geworfen damit ich zu denen (z.b. ins Wohnzimmer) gehen durfte.

Ich bin ein sehr emotionaler, sensibler Mensch. Ich weine oft und viel und habe das als Kind auch schon immer getan. Und es ist auch kein kleines tränchen-kullern-mir-wie-Wange-hinunter, nein, es sind teilweise richtige Zusammenbrüche. Ich lege mich dann gerne auf dem Boden und kuller mich zu einem Ball zusammen. Das gibt mir das Gefühl von Halt. Kaum einer weiß davon, vor den meisten Menschen verberge ich das. Ich schäme mich dafür und denke dass ich eine Belastung bin. Als Kind war ich das zumindest. Da hatte ich nicht die Kontrolle und meine Stiefväter waren absolut überfordert mit mir. Zu denen hatte ich nie ein gutes Verhältnis, weswegen ich sehr Mama-bezogen war. Ich habe mich gerne in ihre Arme verkrochen.

Und wenn ich dieses starke Gefühl von Hunger und Lust kontrolliere, denke ich, dass ich auch alles andere kontrollieren kann.
Und das gab mir auch später in der Schule irgendwie das Gefühl von Kontrolle.

In der Schule war ich ein "klassisches" Mobbing-Opfer. Es fing an, als wir in das Alter kam, wo das Aussehen und Jungs eine Rolle spielte.
Ich habe mich spät erst rasiert - oh Schande, die bösen bösen Haare
Ich hatte lockiges sehr struppiges Haar - nun, die weiß ich heute immer noch nicht richtig zu pflegen
Die klassische feste Zahnspange, eine hässliche Brille - da Mama nicht viel Geld hatte, hab es nur das Kassengestell - heute wäre diese übrigens in Mode
Aber dann kam noch das i-tüpfelchen - die Akne - die hat alles nur noch schlimmer gemacht.
Ich war das hässliche Entlein, nicht nur in der Schule, auch zu Hause. Meine Schwester war die schöne und beliebte.
Die Schulzeit war der Horror und ich bin immer noch nicht darüber hinweg. Immer noch denke ich über Momente nach, wo ich doch dieses oder jenes hätte sagen können.
Ich habe mich während der ganzen Zeit an eines festgehalten: "ich bin zwar hässlich, aber dafür nicht dick"
Denn auch "die Dicke" in der Klasse wurde gemobbt, wir waren für kurze Zeit auch Freunde, aber das hat zwischen uns einfach nicht harmoniert.
Die Brille habe ich sehr früh durch Kontaktlinsen ersetzt. Meine Haare habe ich angefangen zu glätten (das verzeihen sie mir heute immer noch nicht), die Pickel verschwanden mit der Pille (großer Fehler!).
Nun, das Aussehen ging irgendwann. Und ich hatte viele "Beziehungen" sobald das alles geregelt war (nur keine Jungs von der Schule, da war mein Ruf ja durchtrieben). Dennoch ist dieser Gedanke tief verankert. Und dieses Gefühl..

Hunger = Kontrolle - aber auch Hunger = Bestrafung

19.10.2021 05:58 • #14


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Krizzly

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Liebe Akritis,

Zitat von Akritis:
muss dazu aber auch ergänzen, dass das Essen schon immer ein Thema bei mir war. Schon als Kind habe ich dort - meines Empfindens nach - ein ungesundes Verhältnis gehabt. Meine Mama (ohne es ihr vorzuwerfen) hat das nicht-essen oft als Bestrafung genommen. "Heute geht es ohne Abendessen ins Bett" Ich war auch sehr pingelig und ganz bestimmt auch anstrengend was das anging. Ich mochte kein Fleisch und habe es ihnen tatsächlich wieder auf dem Teller gespuckt, wenn ich dazu gedrängt wurde es zu essen. Dann haben sie die Geduld verloren und mich weg geschickt. Ich war ausserdem auch sehr langsam beim essen. Und extrem hibbelig, ich konnte nie still sitzen. Meine Mama dachte damals ich hätte ADHS. Meistens hat meine Familie, sobald sie dann fertig waren mit essen, mich dann alleine da sitzen gelassen. Ich sollte erst aufstehen wenn mein Teller leer ist. Oft habe ich es dann einfach nur in den Müll geworfen damit ich zu denen (z.b. ins Wohnzimmer) gehen durfte.

Das beschreibt ganz genau auch mich als Kind. Außer dass ich mich nicht getraut hab, das Essen in den Müll zu werfen und tatsächlich manchmal stundenlang vor dem vollen Teller saß.

Genauso kenne ich die lockige, struppigen Haare, die Akne und das Gefühl, sich unattraktiv zu finden. Und diesen Gedanken, zumindest bin ich schlank.

Zitat von Akritis:
Hunger = Kontrolle - aber auch Hunger = Bestrafung

Nach allem, was du erzählst, finde ich es sehr nachvollziehbar, dass du diesen Zusammenhang so abgespeichert hast. Ziel in einer Therapie könnte sein, diese Verbindung wieder aufzulösen. Zu lernen, dass du diese Form der Kontrolle heute als Erwachsene nicht mehr brauchst. Dass du dich heute dem Leben mit ganz anderen Möglichkeiten stellen kannst.

Liebe Grüße Krizzly

19.10.2021 08:20 • x 1 #15



Hallo Akritis,

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Jandi

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Dieses Gefühl in der Jugend, hässlich zu sein, kenne ich auch.

Ich hatte eine sehr dicke Brille (bin bzw. war hochgradig kurzsichtig; nun habe ich keine dicke Brille mehr, weil ich wegen frühen Grauen Stars schon künstliche Linsen habe). Und Akne hatte ich auch, die ich ebenfalls mit der Pille weg bekam (was meiner Gesundheit aber gar nicht gut tat!).
Ab einem Alter von 16 Jahren hatte ich dann auch Kontaktlinsen getragen.

Meine Kindheit und Jugend waren nicht einfach, und so hatte ich mit sehr kontrolliertem Essverhalten (nicht mehr als 1000 Kalorien pro Tag) begonnen. So hatte ich das Gefühl, wenigstens ETWAS im Griff zu haben.
Das mache ich nun nicht mehr, aber ich habe ein bestimmtes Höchstgewicht, das ich nicht überschreiten möchte (aber bestimmt für meine Größe nicht zu viel wäre).

Ich kann nach deinen Erzählungen, Akritis, auch nachvollziehen, dass du Hunger als Kontrolle bzw. Bestrafung abgespeichert hast.

Ich wünsche dir, dass du aus dieser Spirale wieder heraus kommst und einen anderen Weg findest, dich "sicherer" zu fühlen.

Liebe Grüße
Jandi

19.10.2021 11:50 • x 2 #16

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