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Burnout Syndrom oder nur vorübergehende Erschöpfung?

Coolgrabber

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Hallo miteinander,

jetzt gerade in diesem Augenblick frage ich mich wieder was ich hier eigentlich mache und zugleich weiß ich gar nicht wo ich so recht anfangen soll .

Seit vorletztem Montag (15.03.) bin ich von meinem Hausarzt Arbeitsunfähig geschrieben - Erschöpfungszustand. Ich konnte mich auf der Arbeit auf nichts mehr konzentrieren, die einfachsten Dinge hab ich nicht mehr auf die Reihe bekommen. Aber ich fange am Besten mal ganz von vorne an - jedenfalls das was ich für "vorne" halte.

2012:
Zu der Zeit war ich noch Servicetechniker (in der Firma seit 1998 als Monteur beschäftigt) und Weltweit für den Aufbau von Maschinen und Anlagen zuständig. Dann im Jahre 2012 wurde ich länger krank (Schulter links kaputt) Meinen Beruf konnte ich nicht mehr ausüben. Ich war daraufhin fast zwei Jahre Arbeitsunfähigkeit.

2014:
Zum Glück habe ich von der Rentenversicherung eine Rehabilitationsmaßnahme bewilligt bekommen, sprich ich durfte eine Umschulung zum Technischen Produktdesigner machen. Das größte Glück dabei war, dass ich diese Umschulung sogar in der Firma machen konnte in der ich vorher schon beschäftigt war. Die Ausbildung dauerte zweieinhalb Jahre und ich habe diese sehr gut abgeschlossen. (Januar 2017)

2015:
Im August stirbt plötzlich mein Patenonkel an Herzversagen. Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihm, da er während meiner Kindheit sozusagen mein "Ziehvater" war - ein herzensguter Mann! Ich hatte mit dem Verlust sehr zu kämpfen und bin wegen der Trauer auch schon Arbeitsunfähigkeit geschrieben worden. Ca. eine Woche nach seinem Tod musste meine Frau einen Rettungswagen rufen, da ich selbst glaubte einen Herzinfarkt zu haben. (Hatte ich nicht, aber lt. Sanitätern hatte mein Herz im Schlaf einen "Dauerlauf" hinter sich. Sie sagten das wäre eine Art Trauerbewältigung die ich im Auge behalten müsste. Es dauerte noch einige Zeit, aber ich habe mich dann wieder gefangen.

2016:
Im März 2016 wurde bei meiner Frau ein Burnout Syndrom festgestellt. Seit der Zeit ist sie Arbeitsunfähig, bzw. bekommt Erwerbsminderungsrente. Im Juli 2016 wurde bei ihr beidseitig Brustkrebs festgestellt und ihr mussten beide Brüste amputiert werden. Es folgten Chemotherapie, Bestrahlung, Rekonstruktion der Brust usw. Ich denke ich muss nicht erwähnen was für eine Zeit wir beide durchgemacht haben und dies auch jetzt zum Teil noch müssen.
Seit dem leidet meine Frau an chronischen Rückenschmerzen (evtl. durch die immer noch andauernde Hormontherapie). Teilweise kann sie kaum laufen. Sie hat in dieser Zeit sehr viele Operationen über sich ergehen lassen müssen.

2018:
Im Nov. 2018 stirbt ein guter Freund von mir - wieder Herzversagen. Natürlich nimmt mich auch dieser Tod mit, aber nicht so schlimm wie bei meinem Onkel.

2018 - heute:
Firma: Ich bin seit nunmehr fast 23 Jahren in der Firma beschäftigt, war sogar stolz darauf dort beschäftigt zu sein. Dementsprechend habe ich mich auch sehr über die Rehabilitationsmaßnahme mit anschließender Übernahme zum Technischen Produktdesigner gefreut. Aber wie so häufig ändern sich die Zeiten .
Die Firma ist in mehrere Abteilungen aufgeteilt. In der "anderen" Abteilung wechselte die Geschäftsführung. Leitende Angestellte kamen und gingen. Das alles hat uns zu Anfang nicht besonders betroffen. Mit der Zeit schwappten aber die "Beschlüsse" mehr und mehr auch in unsere Abteilung über. Unser Geschäftsführer hat die "Gegenwehr" dann irgendwann eingestellt.
Uns Angestellte und Arbeite geht das mehr und mehr gegen den Strich. Jeder beklagt sich, dass er mit den Arbeitsumständen nicht mehr zufrieden ist, aber fast keiner traut sich etwas zu sagen. Wenn sich jemand traut, dann hat man für "solche Lapalien" keine Zeit.
Ein gegenseitiges "Hauen und Stechen" ist immer mehr zu bemerken. Dies ist zumindest mein subjektives Empfinden.
Soviel zu Beschreibung der "Umstände", wobei man Corona auch nicht ganz außer Acht lassen sollte, aber da müssen wir alle durch.

Wie ich mich derzeit fühle:
Ich weiß nicht wie ich das ausdrücken soll . Ohnmächtig dem gegenüber was gerade um mich herum passiert? Ausgelaugt, weil ich mich auf nichts mehr richtig konzentrieren kann. Während meiner Arbeitsunfähigkeit kann ich auch keine Tätigkeit länger vollbringen: Ne Stunde Haushalt, ne Stunde vorm PC, ne Stunde im Bastelkeller, dann mal spazieren gehen oder Rad fahren. Rad fahren, das habe ich vor einem Jahr noch sehr gerne gemacht. Jetzt mache ich es um ein wenig Frust abzubauen, aber richtig Freude habe ich zur Zeit nicht daran. So zieht sich der gesamte Tag, ich bringe nichts gesamtes mehr zustande. Achja, meine Frau kann mir gerade auch nicht "unter die Arme greifen", da sie selbst gerade eine psychosomatische Behandlung über sich ergehen lassen muss .
An jedem Samstag darf ich sie abholen und wir haben das Wochenende für uns. Der Sonntag, nachdem ich sie dann wieder zurück ins Krankenhaus gefahren habe ist fast unerträglich. Wieder in die Wohnung zu kommen die gerade noch mit Leben gefüllt war, war eben noch Stimmen zu hören waren ist es jetzt wieder Totenstill. Jetzt ist die "Vorfreude" auf den Arbeitsmontag plötzlich auch wieder greifbar: Die Laune ist auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Übrigens, das mit der Lustlosigkeit Montags ist nicht erst seitdem meine Frau die Therapie mitmacht, sondern schon um einiges länger. Mittlerweile kann ich mich schon gar nicht mehr richtig auf Urlaub freuen, weil ich immer daran denken muss, wie schnell dieser Urlaub vorbei ist und man wieder im Büro am Schreibtisch sitzt. Ich vergleich das immer mit einem "Fingerschnippen". Zu Deutsch: Es hat mich nur noch angekotzt in die Firma zu fahren - sorry für den Ausdruck.

Als ich an dem Montag erkannt habe dass ich so nicht mehr weiterarbeiten kann - bzw. mir eine Kollegin gesagt hat ich sollte vllt. doch mal einen Arzt konsultieren, vllt. wird es mir ein bisschen viel - bin ich nach Hause gefahren. Kaum dort angekommen habe ich sofort ein schlechtes Gewissen gehabt und mich ernsthaft gefragt was ich hier eigentlich mache, es geht mir doch gut .
Ich bin dann zum Arzt, hab ihm die Lage geschildert, dass ich mich nicht konzentrieren kann, ich immer müde bin und auch sehr leicht reizbar. Reizbar bei Dingen, die mich früher überhaupt nicht interessiert haben.

Mein Hausarzt hat mich dann erstmal für eine Woche aus dem "Rennen" genommen und mir eine Überweisung für einen Psychotherapeuten in die Hand gedrückt. (Ich weiß nicht ob er mich richtig ernst genommen hat, ich kam mir bei der Schilderung meiner "Probleme" auch etwas kindlich vor um es mal so auszudrücken. (Mensch, du bist ein Kerl, stell dich mal nicht so an.)
Die Empfehlung einen Psychologen aufzusuchen habe ich nicht das erste Mal bekommen: 2016 von der Schwester meiner Frau wegen ihrer Krebserkrankung und beim Tod meines Onkels vom Hausarzt. Beides habe ich nicht angenommen, bzw. ernst genommen.

Aber jetzt vom Arzt zurück zu Hause habe ich sofort zum Telefon gegriffen und verschiedene Psychotherapeuten versucht zu kontaktieren. Überall nur Bandansagen mit dem Hinweis auf die telefonischen Sprechzeiten und die langen Wartelisten auf einen regelmäßigen Therapieplatz. Bei einigen der Hinweis eine Nachricht bei dringenden Fällen zu hinterlassen. Bin ich ein dringender Fall? Ich denke nein, also keine Nachricht hinterlassen. Außer bei einem. Und dieser hat mich dann ca. eine Stunde später tatsächlich zurück gerufen und wir haben auch einen Termin vereinbart: Eine Woche später. Ich muss zugeben dass ich etwas verwundert war, dass es so schnell möglich war bei ihm einen Termin zu bekommen, trotzdem aber auch irgendwie beruhigt.

Dann war ich also am Montag zum ersten Mal in meinem Leben bei einem Psychotherapeuten .
Er fragte mich und ich schilderte ihm - ungefähr wie ich es hier aufgeführt habe. Er fragte mich auch was ich von ihm erwarten würde. Ich sagte ihm dass ich hoffe er könnte mir bei der Motivation helfen wieder arbeiten zu können, wieder mit Freude zur Arbeit zu fahren und diese nicht lästig zu sehen. Dann fragte er noch wie ich mir vorstelle dass er das erreichen solle. Daraufhin hab ich ihm gesagt dass ich das nicht weiß, wenn ich das wüsste, würde ich nicht dort sitzen und ihn um Hilfe bitten.
Er verglich meine Situation dann mit einem Querschnittsgelähmten und erzählte was von drei Arten wie man mit so einem "Problem" umgehen könnte. Eine wäre zu resignieren und immer rum zu jammen und fragte mich ob ich der Typ sein wolle. In dem Moment war ich ehrlich ein bisschen überfordert und wusste nicht recht wie ich mich verhalten sollte. Ich sagte natürlich nein, dass ich nicht so sein wollte. Die anderen beiden Arten bekomme ich jetzt nicht mehr zusammen. Nur das er den "WettenDas" Kandidaten noch erwähnet und wie er sein Leben jetzt meistern würde trotz der Lähmung.
Er fragte mich auch noch wie ich mir vorstelle was man an der Arbeitssituation ändern könnte. Er könnte ja schlecht zu meinem Chef gehen und sagen: "Dudu, was du hier machst ist so nicht richtig, da muss was geändert werden". Ich war total perplex und wusste nicht ob ich lachen oder weinen sollte.
Dann kam er darauf zu sprechen dass nur ich etwas an der Situation ändern könnte. In dem Moment fühlte ich mich richtig fehl am Platz. Mir geht es schlecht und der Psycho (sorry für den Ausdruck) erzählt dir gerade dass du selbst Schuld an der derzeitigen Situation bist. Ich bin dann aufgestanden und habe ihm mitgeteilt dass das Gespräch in eine Richtung läuft die ich mir so überhaupt nicht vorgestellt habe und ich mich total fehl am Platz fühlte. Er meinte dann noch ich hätte da was falsch verstanden. Aber mit ihm war der Zug abgefahren - Never ever!
Danach war für mich klar warum ich noch so schnell einen Termin bekommen hab. Wenn er alle so "behandelt" wie mich, wundert es mich nicht, dass ihm die Kundschaft wegläuft.

Nun habe ich heute wieder zu den telefonischen Sprechzeiten einen Termin erhalten für den 13.4. Bei einer Frau, einen Mann als Therapeut habe ich für mich ausgeschlossen. Trotzdem habe ich echt Bammel davor, dass ich dort wieder das gleiche Fiasko erlebe. Habe ich dem ersten Psychotherapeuten doch unrecht getan indem ich einfach aufgestanden und gegangen bin, oder bin ich da wirklich an ein "schwarzes Schaf", bzw. einen jungen unerfahrenen Therapeuten geraten?

Jetzt muss ich nächsten Dienstag erstmal wieder zum HA und mich weiter krank schreiben lassen. Arbeitsfähig fühle ich mich auf keinen Fall. Auf der anderen Seite komme ich mir dann auch wieder so blöd, so schwach vor mich wegen sowas krank schreiben zu lassen .

Oha, andere Leute die sowas schreiben nennt man Schriftsteller oder Autoren und den dazugehörigen Text Roman .

Ich möchte mich ganz ganz herzlich bei allen bedanken, die es wirklich bis hierher durchgehalten und vor allem durchgelesen haben. Ich werde weiter berichten. Dann auch wohl nicht mehr so lang. Aber heute musste ich mir mal einiges von der "Seele" schreiben.

Liebe Grüße
F.

26.03.2021 00:59 • x 1 #1


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Elliot

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Hallo Coolgrabber,
ich denke du hast allen Grund, dich so zu fühlen wie du es jetzt tust. Und nein, es ist nichts verwerfliches dabei. Und dass du der Pfeife von Psychotherapeut den Rücken gekehrt hast war auch genau richtig. Dafür sind diese ersten Treffen ja da, sich kennenzulernen und zu sehen, ob man es sich vorstellen kann, diesem/dieser Fremden gegenüber einen Seelenstriptease hinzulegen. Lass dich von dieser ersten Erfahrung nicht abschrecken. Suchst du denn nach einer bestimmten Fachrichtung? Bei deiner Geschichte hilft dir ja vielleicht eine Gesprächstherapie, so dass du nicht unbedingt nur auf Verhaltenstherapeuten setzen musst.
Deine Bedenken bzgl. "kindliches Verhalten" oder "ganzer Kerl" verstehe ich gut, ging mir genauso. Mittlerweile sehe ich es aber genau anders herum. Es ist viel leichter wegzulaufen, als sich seinen Problemen zu stellen.
Sprich mit deinem Hausarzt, lass dich weiter krankschreiben und habe deswegen kein schlechtes Gewissen.
Alles Gute,
E.

26.03.2021 11:05 • x 2 #2

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