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Wer bin ich wirklich - die Depressionen verstehen lernen

Nogua
Die Frage tauchte heute aus aktuellem Anlass mal wieder auf. Ich weiss einfach nicht mehr wie ich wirklich bin oder mal war.
Ich meine, was an meinem Verhalten bzw Nichtverhalten ist die Depression, was davon ist einfach nur mein Wesen...
Wenn ich still bin, lieber nur zuhöre, mich nicht immer überall einmische sondern mir meinen Teil denke, ist das dann irgendwie schlecht? Verunsichere ich damit vielleicht die Menschen um mich herum? Es ist aber auch oft so gewesen, dass ich auch wenn ich mal was sage einfach nicht wahrgenommen werde. Das wiederum ist frustrierend auf Dauer. Dann also lieber Klappe halten, es wurde ja eh schon alles gesagt oder wird sowieso von jemandem gesagt werden. wozu also dieser Aufwand? Ich habe mittlerweile massive Probleme mit meiner Stimme. Eine Stimme die nicht wahrgenommen wird, die immer übertönt wurde von anderen. Manchmal weiss ich nicht mehr weiter. Warum soll ich anders sein als ich bin? Oder ist es die depression die wie ein Tuch auf mir liegt, meine Stimme erstickt und mein leben? Eine goße, zu schwere Decke mittlerweile. Oder ist alles ok mit mir? Ist es nur mein Wesen? Etwas phlegmatisch eben?
Kann mich leider auch nicht an andere Zeiten erinnern. War immer zurückhaltend und ängstlich. Schon als kleines Kind. Ohmann ist das alles blöd. Ich sollte schlafen und nicht grübeln...Gute Nacht.

30.07.2011 00:19 • x 1 #1


JeanLucca
Guten Morgen Nogua.

Ich bin von Haus aus ein stiller zurückhaltener Mensch. Schüchtern sogar. Ein Krebs eben. Und ich habe mir auch schon die Fragen gestellt die Du Dir hier stellst. Auch schon bevor ich eine Depression hatte.

Zitat von Nogua:
Wenn ich still bin, lieber nur zuhöre, mich nicht immer überall einmische sondern mir meinen Teil denke, ist das dann irgendwie schlecht? Verunsichere ich damit vielleicht die Menschen um mich herum?
Das ist überhaupt nicht schlecht. Das bist Du. Ich zum Beispiel finde das sympathisch.

Bestimmt gibt es Menschen die dadurch verunsichert sind. Eben genausoviele wie solche, die durch laute Menschen verunsichert sind.

Zitat von Nogua:
Es ist aber auch oft so gewesen, dass ich auch wenn ich mal was sage einfach nicht wahrgenommen werde. Das wiederum ist frustrierend auf Dauer.
Joa, das kommt mir 100% bekannt vor. Besonders wenn ich in "neue" Gruppen rein wollte.

Die Menschen die mich kennen und denen ich vertraue die schätzen meine Art. Da fühle ich mich sicher und ich habe nicht das Gefühl zurückzustehen.
Hach, wie oft wurde mir schon gesagt das ich mal aus mir rauskommen soll. Ich kann es nicht mehr zählen. Wenn ich in eine Gruppe komme die ich nicht kenne dann bin ich ruhig, schau mir alles in Ruhe an und beteilige mich dann wie ich es möchte. Sicher gab es in jeder Gruppe auch die lauten, die vorpreschen. Sollen sie doch.
Wenn mir aber jemand gesagt hat das ich mich mal beteiligen soll dann hat das schon an mir genagt. Ich wollte mich dann partout verändern, mich einbringen obwohl mir nicht danach war. Und das hat dann immer genau das Gegenteil ausgelöst, ich wurde verkrampft, stand mächtig unter Druck und habe mich in Frage gestellt.
Mittlerweile weiß ich das ich so bin und habe nicht mehr das Gefühl ich müsse mich verstellen nur damit meine Umwelt nicht wieder sagt „...Du bist aber ziemlich ruhig“

"Do wat Du wullst, de Lüüd snackt doch" (Mach was Du willst, die Leute reden doch). Das bedeutet, wenn Du Dich veränderst um es jemanden Recht zu machen, wird es andere geben die Deine Veränderung nicht gut finden. Das kann soweit gehen, dass man sich dauernd verändern will.

Zitat von Nogua:
Oder ist es die depression die wie ein Tuch auf mir liegt, meine Stimme erstickt und mein leben?
Ich glaube nicht das es ein entweder oder gibt. Die Depression ist ein „Und“. Also ich meine, Du bist erstmal ein zurückhaltender ruhiger Mensch (Punkt) und die Depression lässt Dich zweifeln. Sie sabotiert Dein Selbstbewusstsein.

Lieben Gruß, JeanLucca

30.07.2011 06:12 • x 1 #2


Nogua
Hallo jeannLucca, ich danke dir sehr für deine Antwort. Das hat mich jetzt doch wieder aufgebaut. ich denke ja im Grunde ganauso. Ich bin nun mal ein ruhiger Mensch, mich nerven oftmals auch diese lauten vorpreschenden Menschen, die häufig auch noch so schrille Stimmen haben, die sich selbst nie hinterfragen...naja, eben das andere Extrem. Und mich setzt das genau wie dich unter Druck, gesagt zu bekommen, dass ich mal aus mir raus kommen soll. Und es ist auch so, dass meine Freunde mich so zu schätzen wissen wie ich bin, in ihrer Gegenwart brauche ich nicht an mir zu zweifeln.
Vielen Dank, dass du mich an all diese Dinge erinnert hast.

30.07.2011 10:58 • #3


Zitat von Nogua:
Und es ist auch so, dass meine Freunde mich so zu schätzen wissen wie ich bin, in ihrer Gegenwart brauche ich nicht an mir zu zweifeln.
Nogua, das ist doch das Allerwichtigste! Für andere Leute brauchst Du erst Recht nicht an Dir zweifeln. Sie sollten Dich nehmen, wie Du bist oder sie sollen es lassen. Deshalb mußt Du Dich nicht verbiegen. Ich denke, man merkt es auch schnell, wenn jemand gewaltsam gegen sein Naturell ankämpft. Und warum sollte man das tun? Es gibt eben ruhige und lebhafte Menschen. Wo ist das Problem?

31.07.2011 11:21 • x 1 #4


Nogua
Martina schrieb:"Es gibt eben ruhige und lebhafte Menschen. Wo ist das Problem?" Genau das frage ich mich ja auch. Für den Pflegedienstleiter scheint es ein problem zu sein. Er sagte du mir, dass ich mich ändern müßte wenn ich auf Dauer dort arbeiten will. Er sei nun aber bereit es noch mal ein Jahr lang mit mir zu versuchen...
Das ist mir aber tatsächlich so ziemlich wurscht was der da von mir erwartet. Ich bin wie ich bin und wenn sie mich nach dem nächsten Jahr nicht mehr wollen, dann eben nicht.
Tja mit dem sich wohlfühlen bei Freunden hatte ich gestern Probleme. Ich wurde mir meiner Defizite sehr deutlich bewußt in Gegenwart meiner Freundin die ich so lange nicht gesehen hatte. Es war sehr schön bei ihr aber mein Selbstbewußtsein hat es nicht unbedingt aufgebaut. Und das obwohl sie mich noch mal auf meine Stärken hingewiesen hat. Ich sehe aber nur, was mir alles fehlt, was ich alles aufgegeben habe in den letzten Jahren. Dinge die mir mal viel bedeutet haben und für die ich keine motivation und kein Interesse mehr aufzubringen vermag.

01.08.2011 22:06 • #5


JeanLucca
Hallo Nogua.

Zitat von Nogua:
Das ist mir aber tatsächlich so ziemlich wurscht was der da von mir erwartet. Ich bin wie ich bin ....
Gute Einstellung. Irgendwann wird der PDL schon auffallen was er da für einen Goldschatz hat.
Vielleicht weiß er es ja schon, kann es nur nicht zugeben ^^ und lässt den Vorgesetzten raushängen der sparsam mit Komplimenten ist. Immerhin hat er Dich ein weiteres ganzes Jahr eingeplant - das sagt doch schon einiges.

Lieben Gruß, JeanLucca

02.08.2011 06:31 • #6


Sarah
Zitat von Nogua:
Tja mit dem sich wohlfühlen bei Freunden hatte ich gestern Probleme. Ich wurde mir meiner Defizite sehr deutlich bewußt in Gegenwart meiner Freundin die ich so lange nicht gesehen hatte. Es war sehr schön bei ihr aber mein Selbstbewußtsein hat es nicht unbedingt aufgebaut. Und das obwohl sie mich noch mal auf meine Stärken hingewiesen hat. Ich sehe aber nur, was mir alles fehlt, was ich alles aufgegeben habe in den letzten Jahren. Dinge die mir mal viel bedeutet haben und für die ich keine motivation und kein Interesse mehr aufzubringen vermag.


Solche Situationen, auf die man sich vorher total freut und die dann doch total in die Hose gehen kenne ich auch zur Genüge. Frustrierend, oder? Manchmal werfen einen solche Tage mehr zurück als Ereignisse, bei denen man schon vorher ahnt, dass es problematisch werden könnte.

In manchen Situationen habe ich es geschafft, nach dem ersten Frust Motivation daraus zu ziehen. Ich konnte mir dann klar machen, wofür ich gegen mich und mit mir kämpfe und an mir arbeite. Vergangenes, was man verloren hat, wird man vielleicht nicht zurück holen können. Aber man kann dafür Sorgen, dass es sich vielleicht nicht wiederholt, dass man nicht noch mehr verliert. Und vielleicht öffnet sich irgendwann ein Türchen zurück in eine alte Leidenschaft - wenn man am wenigsten damit rechnet

Irgendwie etwas wirr was ich gerade schreibe Darum mal etwas konkreter mit meinen Erlebnissen - vielleicht wird es dann klarer. Ich hatte schon viele Hobbies in meinem Leben: reiten, Handball, Segelfliegen, tanzen, Bogenschießen, Theater spielen, Boule... Und nichts von dieses Dingen mache ich mehr, auch wenn es mir alles Spaß gemacht habe. Irgendwann kam im Rahmen meines Klinikaufenthaltes im letzten Jahr für mich die Frage auf, warum ich das alles nicht mehr mache. Und bei vielem (wenn auch nicht allem) war der Grund, dass es in den Gruppen Konflikte gab. Meistens Dinge, mit denen ich nichts zu tun hatte. Aber trotzdem konnte ich diese Spannungen nicht ertragen und bin aus der Situation geflohen. Und habe damit wieder etwas aufgegeben, was mir eigentlich Spaß gemacht hat Inzwischen habe ich diesen Mechanismus bei mir wahrgenommen und verstehe auch teilweise die Gedankengänge dahinter. Und ich habe es zumindest einmal geschafft, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Einen Konflikt einfach als das zu nehmen was er ist - nämlich etwas, das nichts mit mir und mit dem ich nichts zu tun habe. Und somit konnte ich etwas, was mir viel bedeutet, für mich "retten".

Vielleicht kannst du für dich auch herausfinden, was bei dir dazu geführt hat, schöne Dinge hinter dir zu lassen. War es die fehlende Energie? War es die Vermeidung von etwas? Manchmal ist das verstehen des eigenen Verhaltens der erste Schritt in die richtige Richtung.

16.08.2011 18:11 • #7




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